Nachhaltig leben in Hongkong? Architekt Kevin Chu und seine Frau Giulia Dibonaventura machen es vor
Ginge es nach ihnen, wäre Discovery Bay schon bald das grünste Viertel der Region,
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Hongkong steckt voller Gegensätze: ein Teil von China und doch wirtschaftlich unabhängig, eine Skyline zum Staunen und die erholsame Natur doch gleich um die Ecke, eine Stadt aus der Zukunft, die mit dem Kopf in der Vergangenheit steckt – so zumindest beschreiben der Designer und Architekt Kevin Chu und seine Frau Giulia Dibonaventura ihre Wahlheimat.

Mit der Fähre braucht man 25 Minuten vom Stadtzentrum Hongkongs nach Discovery Bay auf Lantau Island, wo das Paar zu Hause ist. Den Großteil der Insel nimmt der Lantau South Country Park ein und auf den Straßen in Discovery Bay herrscht ein striktes Fahrverbot für Autos – unterwegs ist man hier mit aufgemotzten Golf Carts. Kevin und Giulias Zuhause fügt sich perfekt in diese Umgebung ein. Ihr Heim versöhnt die Schönheit der Natur, die sie hier umgibt, mit der urbanen Metropole. Von den Bücherregalen aus recyceltem Styropor, die den komplexen Strukturen eines Bienenstocks nachempfunden sind, bis zu ihrem Dachgarten, wo das Paar sein eigenes Gemüses anbaut – Kevins und Giulias Zuhause ist eine grüne Oase in der Stadt.

Kevins Firma COC Design ist nicht nur ein preisgekröntes Architekturstudio, sondern setzt sich auch bewusst mit der Umwelt auseinander – sei es durch die Nutzung organischer Formen als Inspirationsquelle, den Einsatz nachhaltiger und umfunktionierter Materialien oder die Berücksichtigung des Einflusses von architektonischen Strukturen auf die Natur. Die Baukonzepte des Designers sind ein optimistischer Blick in die Zukunft: Grüne Metropolen, die aus dem Müll von gestern gebaut sind, Vertical Farming, das die Stadt mit Lebensmitteln versorgt und ein Gefühl der Gemeinschaft entstehen lässt.

Dieses Portrait ist Teil von Home Stories – einer Kollaboration von Freunde von Freunden mit Siemens. Weitere Einblicke in Kevin und Giulias Zuhause findet ihr auf der Website von Siemens Home.

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Sein berufliches und persönliches Interesse an der Umwelt hat Kevin Giulia zu verdanken: „Bevor ich Giulia traf, designte ich zwar Dinge, die von der Umwelt beeinflusst waren, und verband in meinen Entwürfen Natur und Design, aber nachhaltig war ich nicht wirklich. Ich verfolgte einfach nur originelle Ideen.“ Giulia, eine gebürtige Italienerin, hat Kevin die Werte nähergebracht, mit denen sie aufgewachsen ist. „Ich komme aus einer Familie, in der andere Menschen und die Umwelt allgemein schon immer geschätzt wurden“, erzählt Giulia, die in einer kleinen italienischen Stadt an der Adria aufgewachsen ist. „Das geht Hand in Hand – wenn du deine Umwelt respektierst, dann respektierst du auch deine Mitmenschen. Bei Kevin war es ein bisschen anders …“

„Wenn du deine Umwelt respektierst, dann respektierst du auch deine Mitmenschen.“

— Giulia Dibonaventura

„Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die sich keinen Kopf um diese Dinge macht, sagt Kevin lachend. „Einem Großteil meiner Familie ist die Umwelt egal – meine Cousins würden mich auslachen, wenn ich ihnen sagen würde, sie sollen sich ein elektrisches Auto anschaffen! Erst als ich meine Frau getroffen habe und sie mir ordentlich die Leviten gelesen hat, habe ich angefangen zu lernen.“

„Ich nerve ihn immer mit der ganzen Recycling-Geschichte“, stimmt Giulia zu.

„Wenn ich was in den falschen Mülleimer werfe, bin ich dran“, sagt Kevin.

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„Es wäre ein Leichtes, ganz Discovery Bay auf Elektrobetrieb umzustellen.“

— Kevin Chu

Dass Kevin, der in Hongkong aufgewachsen ist, anfangs keine Gedanken an die Umwelt verschwendete, ist typisch für den Lebensstil der Stadt. Das Paar hofft, hier eine Veränderung anzustoßen. „Hongkong liegt mit seinem Bruttoinlandsprodukt international ganz weit vorn, trotzdem tut sich in puncto Nachhaltigkeit nur sehr langsam etwas“, erklärt Kevin resigniert. „Wir haben alles Geld der Welt, uns um diese Probleme zu kümmern, aber trotzdem sind uns unsere Nachbarn Taiwan, Korea, Japan und Thailand einen Schritt voraus. Es nervt mich, dass wir da noch nicht gleichauf sind. In Hongkong läuft jede Menge falsch, aber die Leute machen einfach ihren Mund nicht auf.“

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Einige Arbeiten aus Kevins Designschmiede

Kevin und Giulia haben trotzdem ihren persönlichen Lebensstil gefunden, der sie mit den verschiedenen Möglichkeiten, das Leben in der Stadt zu gestalten, experimentieren lässt. Dazu gehört, Kevins Ideen für COC Design auch selbst privat umzusetzen. In Hongkong, wo sich alles um die Arbeit dreht, bleiben viele Menschen abends lange im Büro und vernachlässigen jene Aspekte, die Kevin und Giulia in ihrem Alltag besonders wichtig sind: „Wenn du um halb neun abends im Büro Schluss machst, dann kochst du nicht mehr. Du willst einfach nur nach Hause, was essen und ins Bett.“

„Als wir in Beijing gelebt haben und ich richtig viel gearbeitet habe, habe ich mitten in der Nacht wie verrückt Plätzchen in der Küche gebacken“, erzählt Giulia. „Am nächsten Tag bin ich früh aufgestanden und zur Arbeit gegangen. Es kommt drauf an, ob man gern kocht oder nicht. Wir beide lieben es zu kochen, obwohl wir natürlich auch manchmal faul sind und ins Restaurant gehen. Aber die meisten Leute hier können gar nicht kochen.“

Gemüse ist in Hongkong außerdem überdurchschnittlich teuer, was Berufstätige zusätzlich davon abhält, selbst zu kochen. Das war einer der Gründe, warum Kevin und Giulia sich einen eigenen Garten angelegt haben. „Wir bauen verschiedene Sorten grünen Blattsalat an, weil wir viel davon essen. Salat ist sehr teuer in Hongkong!“, sagt Giulia. „Das Billigste, was du bekommst, ist ein winziger Kopfsalat aus den USA, und für den bezahlst du dann umgerechnet drei Euro.“

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„Was wir am häufigsten hören, wenn uns jemand zu Hause besucht – und das ist wirklich typisch für Hongkong –, ist: ‚Verkauft ihr euer Gemüse?‘“, erzählt Kevin, während er neben einem mit Rucola bepflanzten Container auf ihrem Dach steht. Ist man erst einmal in die Idylle von Kevins und Giulias Zuhause eingetaucht, vergisst man leicht, dass sich die heißen und lauten Straßen von Hongkong nicht weit entfernt befinden und die meisten Bewohner dieser Stadt völlig anders leben. „Wir sind sozusagen das schwarze Schaf unter den Paaren hier!“, gibt Giulia zu.

Für die Zukunft sieht das Paar jedoch viele Möglichkeiten, um Hongkong nachhaltiger zu gestalten – dafür muss sich aber die Einstellung der Menschen ändern: „In Hongkong gibt es nicht viel Landwirtschaft, also warum funktionieren wir nicht Fabrikgebäude zu diesem Zweck um und versorgen so die Stadt mit Lebensmitteln?“, fragt Kevin. „Außerdem wäre es ein Leichtes, Discovery Bay ganz auf Elektrobetrieb umzustellen. Hier wohnen nur 10.000 Leute, wir könnten es locker zum grünsten Flecken Hongkongs machen! Die Stadt möchte das Geld aber nicht in die Infrastruktur investieren.“

Beim Thema Umweltschutz, um das weltweit momentan lieber ein großer Bogen gemacht wird, befinden wir uns in einer Sackgasse und können nur auf die richtigen Entscheidungen unserer Regierungen hoffen. Handeln diese zu langsam und veranlassen nicht die notwendigen Veränderungen, um unsere Zukunft zu sichern, sind es Menschen wie Kevin und Giulia, die mit ihren Ideen und Projekten das fehlende Engagement ausgleichen müssen.

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Kevin und Giulia sind ein inspirierendes Paar, das entgegen der vorherrschenden Norm eine Lebensweise für sich entwickelt hat, die nicht nur ihnen selbst gut tut, sondern auch dem Planeten. Sie haben den Sprung gewagt und widmen sich mit der Kombination aus Kevins High-Tech-Designs und Giulias Umweltbewusstsein ganz der Aufgabe, unsere Städte lebenswerter zu gestalten.

Mehr über Kevins Arbeit erfahrt ihr auf der Website von COC Design.

Ein großer Dank gilt Siemens, an deren Seite wir immer wieder in besonders charakteristische Wohnräume eintauchen dürfen. Hier gehts zur kompletten Reihe unserer Siemens Home Stories.

Video: FvF Productions
Director: Frederik Frede
Text: Kevin Chow
Photography: Lit Ma