Arno Brandlhuber
Architekt, Apartment & Antivilla, Berlin
FvF × Siemens Home Appliances
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Sich an Sicherheitshinweise zu halten, ist nicht sein Ding. Heizungsrohre verkleiden, obwohl sie ohne Isolierung doch gleich mitwärmen – und auch noch besser aussehen? Für Arno Brandlhuber keine Option.

Eines der Lieblingsschlagworte des Architekten: kostengünstiges Bauen. Und dazu gehört eben auch eine vernünftige Energiebilanz. Weil es Sinn macht, sagt Arno. Nicht weil er der geborene Stromsparer wäre. Als Jugendlicher hat der Mann, der mit seinem Polycarbonat-Bau in der Berliner Brunnenstraße 9 eines der wichtigsten Kreativzentren Berlins schuf, das Licht hinter sich am liebsten angelassen. Strahlend helle Wohnräume gefielen ihm einfach zu gut.

Auch seine Antivilla ist opulent beleuchtet: von ehemaligen Kirchenlichtern. Sie hängen überall im ehemaligen Fabrikgebäude in Krampnitz bei Potsdam, mit dem Arno aktuell für Furore sorgt. Grund dafür sind auch das nachhaltige Energiekonzept und die innovativen Fenster, die Arno und seine Freunde mit dem Schlaghammer herausgehauen haben. Jetzt sind sie größer und jetzt ist auch die Aussicht auf den See noch besser – neben kostengünstigem Bauen ein wichtiges Kriterium für den Architekten.

Zum Gespräch treffen wir ihn in seinem Appartement über dem Büro in der Brunnenstraße. Am Gasherd in der offenen Küche zündet er sich eine Zigarette an. Überhaupt ist hier oben alles offen. Die einzige Tür führt zum Bad. Viel Privates gibt es nicht: ein Bücherregal, ein paar DVDs, ein Schachspiel. Trotzdem wirkt die Wohnung belebt. Denn obwohl auch die Räume hier oben von Arno entworfen sind und alles voller Kunstwerke steht, ist sie kein Ausstellungsraum. “Sie ist, was sie eben ist”, sagt der Architekt, raucht und streicht sich die Haare aus der Stirn. Und das kann sich je nach Stimmung und Anforderungen ändern.

Dieses Portrait ist Teil von Home Stories – einer Kollaboration von Freunde von Freunden mit Siemens Hausgeräte. Mehr über Arnos Projekte im Portrait auf Home Stories

Seit sechs Jahren lebst du jetzt schon in der Brunnenstraße 9. Hat sich das Gefühl zu deinem Apartment seit dem letzten Interview für Freunde von Freunden verändert?

In gewisser Weise schon, weil man ja vorher noch keine Vorstellung davon hatte, wie der Raum lebt – und wie man selbst den Raum belebt. Man wächst eben hinein. Die eigenen Lebensgewohnheiten ändern sich und das ist auch gut so.

Hast du ein konkretes Beispiel dafür, welche Gewohnheiten anders sind?

Am Anfang habe ich hier auf mehr Fläche gewohnt. Ich hatte unter dieser Wohnung noch etwa ein Drittelgeschoss für Klamotten und Dinge, die man so ansammelt. Aber ich habe festgestellt: Das muss alles weg! Ich habe hier oben jetzt nur noch ein paar Klamotten, die in der Fassade hängen. Sonst habe ich mich von allem entledigt, was hier keinen Platz findet. Dieses Weniger lebt sich hier ganz gut.

Brauchst du den Platz, diese Weite, die dein Apartment hier und auch deine Antivilla haben?

Ich brauche nicht mehr als einen Raum. Entweder liege ich im Bett, bin im Bad, in der Küche, am Lesen oder am Arbeiten. Da ich immer nur an einem Ort sein kann, kann dieser eine Ort durchaus alle Funktionen gleichermaßen zur Verfügung stellen. Deshalb gibt es hier zum Beispiel keine Wände, außer zur Toilette. Ich denke, dass wir viel zu sehr in dem Glauben stehen geblieben sind, dass unsere Wohnung wie die unserer Eltern aussehen soll – von denen wir uns doch in zähen Prozessen meinen, gelöst zu haben.

Diese Elterngeneration mag oft auch nicht so viel Beton.

Vielleicht muss man generell mal rekapitulieren, woher in Deutschland diese seltsame Angst, dieses Unbehagen kommt, wenn es um Beton als Baustoff geht. Wahrscheinlich hat sich durch die Wohnsiedlungen der späten 50er und vor allem der 60er Jahre irgendetwas festgesetzt. Diese soziale Härte, die mit den Großsiedlungen in Verbindung gebracht wird, wird meistens auch mit dem Baumaterial Beton in Zusammenhang gebracht. Inzwischen ist das aber längst vergangen. Ich glaube es gibt überhaupt niemanden mehr, für den Beton etwas anderes ist, als Holz oder Kunststoff oder Glas. Da wird aber so wenig geneigt sind, in die Zukunft zu denken und so vergangenheitsbehaftet sind, gerade in Berlin, reden wir immer noch über diese negative Konnotation des Betons.

Siehst du das so, dass Berlin vergangenheitsbehaftet ist?

Wenn wir hier durch die Stadt fahren und uns anschauen, was heute gebaut wird – Ja. Klar, wir bauen Stadtschlösser auf, wir haben auch die ganze Friedrichsstraße wieder aufgebaut. Das heißt: Es gibt hier, was die gebaute Umwelt angeht, ganz klar eine Vorstellung, die weit nach hinten weist – obwohl sich auf der anderen Seite die ganzen jungen Kreativen hier einfinden.

Wenn du diesen Kreativen eine Umgebung bauen könntest, wie würde diese Umgebung ausehen?

Auf gar keinen Fall repräsentativ! Wenn ich bauen dürfte, was ich will, wären das mindestens 1 000 Wohnungen mit sozialer Bindung. Möglichst günstig – und so, dass sie auch andere Anforderungen erfüllen, als die der Kernfamilie. 50 Prozent der Familien hier in Berlin funktionieren nicht mehr nach diesen klassischen Strukturen. Viele sind alleinerziehend und müssen arbeiten, oft von zu Hause aus. Also müssen sie natürlich darüber nachdenken, Wohnen und Arbeiten zu kombinieren. Das geben die Wohnungen aber gar nicht her. Wenn man im dritten Stock so einen langen Gang entlang gehen muss, an den Schuhen der Nachbarn vorbei – dann kann man da doch keine kleine Firma behaupten! Also braucht es ganz andere, neue Bautypologien.

Auch in der Antivilla kombinierst du Arbeiten und Leben. Wie oft bist du draußen in Krampnitz?

Ich bin total viel unterwegs, wahrscheinlich die Hälfte des Jahres. Insofern bin ich heilfroh, wenn ich hier in der Brunnenstraße bin. Krampnitz ist ein Experiment. Ich muss sagen: Mit Seezugang den Sommer zu verbringen, ist hervorragend. An beiden Orten ist eine Mehrfachnutzung möglich und gewünscht. Die Antivilla ist mein Atelier. Hier finden Veranstaltungen und Symposien statt – und es wird auch im Atelier übernachtet.

Hättest du das Projekt auch umgesetzt, wenn es nicht an einem See gelegen hätte?

Nein. Was sollte man dann da? Es ist wundervoll, den Tag mit Baden zu beginnen. Da sind andere Rituale wie doppelter Espresso oder kalte Dusche nichts dagegen. Ich gehe morgens schwimmen, arbeite zwei Stunden – und in den zwei Stunden schaffe ich die Arbeit eines halben Tages. Trotzdem glaube ich, dass Städte überhaupt der beste Lebensraum sind – weil sie ganz verschiedene Lebensmodelle integrieren können. Insofern denke ich, dass sich alles auf Städte konzentrieren sollte – oder auf deren Umkreis. Dort ist oft bereits Bausubstanz vorhanden.

Wie zum Beispiel die Antivilla. Wie kamst du ursprünglich zu diesem Projekt?

Ähnlich wie zum Haus in der Brunnenstraße: Es gab ein Grundstück, auf dem schon etwas vorhanden war, in dem Fall eine alte Textilfabrik. Das Grundstück war zum Bau für ein Einfamilienhaus mit 100 Quadratmetern vorgesehen. Es stand dort aber schon ein Gebäude mit 500 Quadratmetern. Da muss man sich vorstellen: So wären der Grundstückspreis für ein Einfamilienhaus plus die Abrisskosten angefallen – statt einfach den Bestand zu nutzen. Dabei hat man so einen doppelten Gewinn: keine Abrisskosten und einen wesentlich größeren Rohbau, den man umnutzen kann. Auch für Wärmedämmung kann man so weniger ausgeben. Die Weiternutzung des Bestandes erhält außerdem die damals investierte Energie, was allgemein zu einer besseren Energiebilanz führt. Insofern ist das durchaus ein Modell, das zu generalisieren ist.

Apropos Energiebilanz: Die Antivilla hat ein sehr spezielles Heizkonzept.

Wenn es draußen kälter wird, erzeugen wir Wärme im Kern der Villa. Dann zieht man einen leichten Vorhang um den mittleren Teil des Raumes herum, wodurch sich warme und kalte Luft nicht mehr so schnell austauschen können. So wird es da drinnen mollig warm – man sieht aber noch alles durch. Natürlich kann man sich auch außerhalb des Vorhangs bewegen. Aber man lebt eben zurückgezogener. Und das ist ja nichts Ungewöhnliches, wenn man mal in der Geschichte zurück schaut. Jeder, der noch Großeltern oder Eltern hat, die aus dem Ländlichen kommen, weiß: Im Winter lebt man kleiner und im Sommer einfach größer. Wir haben das nur vergessen!

Du hast eigentlich immer Kollegen, Künstler, Kreative um dich herum. Wie inspiriert dich dieser Austausch mit anderen Kreativschaffenden?

Das ist ganz einfach: Wenn man einen Obstbauern nach etwas fragt, antwortet er mit dem Beispiel einer Frucht. Wenn man einen Architekten fragt, antwortet er mit dem Beispiel eines Hauses – und so ist es mit vielen bildenden Künstlern. Wenn ich mit anderen Kreativen zusammen bin, antworten sie immer aus einer anderen Perspektive. Nur so bin ich überhaupt in der Lage, etwas für mich Neues in den aktuellen Bestand oder in eine Umgebung einzubetten.

Wenn du diese Entwicklung und die Antivilla jetzt fertig siehst, bist du dann stolz?

Das ist eine zweischneidige Sache. Einerseits hat die Antivilla für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt. Andererseits können wir mit der günstigen Miete unseres Hauses allein nicht die Mieten in der Umgebung nach unten beeinflussen – dafür müsste man noch mehr bauen. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist da eher kontraproduktiv. Auf jeden Fall glaube ich, dass man als Architekt in der Lage sein muss, irgendwo anzukommen.

Hast du das Gefühl, angekommen zu sein?

Berlin hat mich extrem gut aufgenommen. Berlin hat eine ganz spezifische, dialogische Qualität. Denn hier ist zum Glück nichts ganz eindeutig. Das ergibt viele Gegenüberstellungen, die die Stadt besonders produktiv – und besonders kreativ machen.

Nicht nur in Berlin bekommst du mit deiner Arbeit viel Aufmerksamkeit. Bedeutet dir das was, oder denkst du: Da muss noch mehr möglich sein?

Nein, Aufmerksamkeit ist immer toll. Wichtig sind mir die Arbeitsbedingungen. Ich denke mit besseren Arbeitsbedingungen erzielt man auch bessere Ergebnisse. Das ist sicher etwas, das für jeden gilt. Und für uns genauso. Ich sage deswegen uns, weil wir immer im Kollektiv arbeiten. Jeder bringt was anderes mit. Jede Kooperation hält einen am Laufen.

Stimmt es, dass dich zu deinem Beruf die Kirchen deiner Kindheit in Karlstein am Main bewegt haben?

Das stimmt absolut. Ich war Messdiener in einer katholischen Kirche. Das war die erste moderne Kirche in Deutschland, von Dominikus Böhm aus lokalem Sandstein gebaut. Die Decke war aus gegeneinander verdrehten, ungehobelten Holzbrettern, der Innenraum sehr einfach. Ich habe mich da immer so umgeschaut, aber den Einfluss damals gar nicht so bewusst bemerkt. Später ist mir dann aufgefallen, dass diese Kirche immer wieder bei mir auftaucht. Ich glaube, deshalb bin ich Architekt geworden.

Hast du diese Entscheidung ideell getroffen, oder wolltest du auch etwas erreichen, vielleicht eine gewisse Berühmtheit erlangen?

Ich glaube, wer nur für Berühmtheit arbeitet, wird Entertainer. Da kann man kein Architekt werden. Architektur ist viel zu mühsam.

Ist Architektur für dich auch eine Kunstform?

Es gibt ja diese alte Märe, dass die Architektur die Mutter aller Kunstformen ist. Dabei sind die Produktionsbedingungen völlig unterschiedlich. Architektur hat ja im Gegensatz zu vielen Künsten meistens einen Auftraggeber und ist stark von der Vermarktung abhängig. Wir müssen Gebäude oft erst vermarkten, bevor wir überhaupt den Auftrag bekommen – was ein Problem ist, weil ich zum Beispiel relativ lange brauche, bis ich weiß, wie ein Gebäude aussieht. Dieses Übereinanderlegen von Außenbedingungen in der Architektur hat vielleicht eher mit Schachspielen zu tun.

Warum hast du gern Kunst um dich herum?

Die Kunstwerke hier sind hauptsächlich Tauschobjekte aus Arbeitssituationen für und mit Künstlern. Und da eben alles aus einem Tauschgeschäft kommt, muss mich irgendwann mal die Frage interessiert haben, die ein Künstler an mich gerichtet hat. Das reicht dann meistens auch auf lange Sicht aus.

Lieber Arno, vielen Dank für Deine Offenheit und für das schöne Gespräch.

Dieses Portrait ist Teil von Home Stories – einer Kollaboration von Freunde von Freunden mit Siemens Hausgeräte. Home Stories stellt außergewöhnliche Wohnkonzepte in internationalen Großstädten vor. Ausgewählte Persönlichkeiten geben uns Einblick in die Ästhetik und Funktionalität der faszinierenden Orte, an denen sie leben und präsentieren ihre individuelle Vision von Urban Living.

Mehr über Arnos inspirierende Arbeitsweise und seine Projekte Antivilla und Brunnenstrasse im Portrait auf Home Stories. Hier spricht der Architekt über die Gegenüberstellung von Alt und Neu und seine Auffassung von ergonomischer Architektur.  

Text & Interview: Anna Schunck

Fotografie: Ailine Liefeld