Hinter den Kulissen des Berliner Elektronik-Dreamteams Moderat: Das Making-of zum Album “III”
Sascha Ring, Sebastian Szary und Gernot Bronsert rücken ins rechte Licht, wie sie zusammenarbeiten und erklären, was sie an Autos schätzen, Berlin
Intersection × FvF
Interviews > Hinter den Kulissen des Berliner Elektronik-…

Bereits seit 2002 lotet das Trio Moderat die Grenzen elektronischer Musik aus. Heute stehen Gernot Bronsert, Sebastian Szary und Sascha Ring mit ihrem kreativen Output in Sachen Sound, experimentellen Videos und Multimedia-Liveshows auf ihrem Zenith.

Neben dem gemeinsamen Interesse an Musik teilen die Berliner außerdem ein Faible für Auto-Klassiker aus den Sechzigern und Siebzigern und pflegen diese Leidenschaft als Kontrastprogramm zu ihrem von Hightech bestimmten Alltag.

Im Gespräch erklären uns die Jungs, wie ihre Zusammenarbeit praktisch funktioniert und welches Konzept hinter der futuristischen Liveshow steckt, die sie zusammen mit dem Berliner Designbüro Pfadfinderei entwickelt haben. Im Anschluss an das Interview wurde Freunde von Freunden eingeladen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und exklusiv dabei zu sein, wenn die Synthese aus Visuals und Sound zum Leben erweckt wird.

Dieses Interview ist in Zusammenarbeit mit dem Automagazin Intersection entstanden und Teil unserer “Friends Of Cars”-Reihe. Mehr über die Autoleidenschaft der Jungs erfahrt ihr in der 25. Ausgabe der Intersection.

Wo alles beginnt: Zu Besuch im Moderat-Studio

„Ich war früher immer so ein vorwärtsgewandter Mensch, aber mittlerweile mag ich immer mehr alte Dinge.” (Sascha)

Erzählt mir doch vom Entstehungsprozess Eures Albums „III“.

Sascha: Nach unserem zweiten Album, dass 2013 erschien, waren wir ziemlich gut im Flow. Wir waren auf Tour, haben aber kurz darauf wieder angefangen, Musik zu machen. Das war uns wichtig. Nach der ersten gemeinsamen Platte 2009 haben wir uns erstmal um eigene Projekte gekümmert und mussten uns völlig neu orientieren.

Szary: Wir waren diesmal sozusagen im „Modus“.

Ich finde, das Album klingt kompakter, eindeutiger. Als wüsstet ihr noch besser, was ihr eigentlich wollt.

Gernot: Mir gefällt die Platte auch besser. Sie hat ein anderes Selbstbewusstsein. Wir haben uns mehr getraut. Dennoch war es wie immer ein schmerzhafter Prozess. Muss das bei uns eigentlich immer so masochistisch sein?

Szary: Ja …

Gernot: Die Beatsteaks haben ihren Proberaum direkt unter unserem Studio und erzählen immer: „Unsere Platte wird total fett und geil.“ Das klingt bei denen so einfach.

Sascha: Die Musik ist aber auch eine andere. Wenn die sagen, die nehmen ein Album auf, dann sind die Songs in der Regel schon fertig. Da ist bei uns ein anderer Leidensdruck dahinter.

Gernot: Aber wär das nicht geiler? Jede Woche proben, dann hat der Bassist einen Song ausgedacht und schon ist das so gut wie fertig.

Auf euren Sozialen Medien gab es Fotos von Streichern und Europaletten, auf denen getrommelt wurde. Inwiefern hat sich eure Arbeitsweise weiterentwickelt?

Gernot: Die sind alle wieder rausgeflogen.

Sascha: Am Ende haben wir sie nur fürs Facebook-Foto eingeladen (lacht).

Gernot: Wir haben wirklich viel probiert. Streicher, Bläser, Schlagzeuger –  haben wir am Ende alles nicht benutzt. Das war wie immer „Trial and Error“. So lange probieren, bis es gut ist. Es ist keine Platte, die wir in einer Eishöhle mit Steve Albini auf LSD aufgenommen haben.

Sascha: Wir haben aber auch weniger gejammt als beim letzten Album. Es war alles ein bisschen organisierter. Deshalb hat das Album wohl auch klassischere Strukturen.

Szary: Wir haben viel mit Taktarten experimentiert. Technosongs mit 3/4-Takt zum Beispiel.

Freunde-von-Freunden-Moderat-8911
Freunde-von-Freunden-Moderat-9025

Welche Rolle spielen Routinen nach all der Zeit?

Gernot: Ich wünschte mir manchmal, wir wären routinierter.

Sascha: Das wäre wirklich schön. Oft fummeln wir ewig wie die Stümper an einer Passage herum. Das fängt beim Schöpferischen an und hört beim Technischen auf. Das Mixing haben wir auch selbst gemacht. Es ist ja aber nicht so, dass irgendwer von uns das mal professionell gelernt hätte und weiß: Jetzt muss der Multiband-Kompressor rein.

Gernot: Da spielt unseres geringes Kurzzeitgedächtnis eine wesentliche Rolle. Oft eignen wir uns Sachen an, haben sie nach der Tour aber schon gleich wieder vergessen. Im Studio fängt man dann wieder bei Null an.

Sascha: Außerdem wurde jedes Mal in einem anderen Studio aufgenommen. Ich könnte mir für das nächste Mal aber gut vorstellen, wirklich mal eine Auszeit zu nehmen. Hier in Berlin kann man die ganzen Verpflichtungen, Business und Familienalltag schlecht ausblenden. Da kann man die Studiotür, die direkt ins Labelbüro führt, noch so oft abschließen.

Freunde-von-Freunden-Moderat-9600

Retro schlägt Hightech: Moderat und ihre Autos

„Als junge Raver haben wir viel Zeit auf dem Parkplatz vorm Club verbracht!” (Gernot)

Was haben Autos mit Techno zu tun?

Gernot: Sehr viel. Als junge Raver haben wir viel Zeit auf dem Parkplatz vorm Club verbracht! Man hat das gesamte Wochenende im Auto verbracht, wenn wir in der Großstadt gewesen sind.

Sascha: Bei Parkplatzraves waren große Mercedes immer sehr beliebt. Da wusste man gleich, da gibt es Drogen.

Szary: Eigentlich ein „Raver’s Backstage“, oder?

Gernot: Weißt du noch vorm E-Werk damals? Wir hatten so einen kleinen Nissan-Transporter. So eine umgekippte Telefonzelle. Da haben wir ein Sofa hinten reingestellt, eine Yucca-Palme und Party gefeiert.

Szary: Anfang der Neunziger wurde bei den Rennpappen viel aufgerüstet. Vorne schön Equalizer, hinten eine dicke Bassrolle drin. Das hat das Leben auf dem Land soundmäßig geprägt. Statt den Motor hat man nur ein „Umtz-Umtz-Umtz“ auf der Landstraße vorbeiziehen gehört.

Gernot: Die Scheiben haben auch immer geklappert. Die Autos sind dadurch irgendwann auseinander gefallen.

An welche Musik aus dieser Zeit erinnert ihr Euch?

Gernot: Spontan fallen mir da folgende Tracks ein: “Timeless Altitude” von Secret Cinema, “Wizdom to the Wise” von Dave Clarke und “Café Del Mar (Kid Paul Mix)” von Energy 52.

Sascha, du warst eigentlich Motorrad-Fan, hattest vor einiger Zeit aber einen schweren Unfall.

Sascha: Ja, seitdem fahre ich Auto.

Gernot: Motorradfahren haben haben wir ihm verboten.

Sascha: Nicht nur ihr, das war mein ganzes Umfeld und ich beuge mich dem. Also brauchte ich eine Ersatzbefriedigung. Ich mag Motoren. Wenn ich mit der Musik durch bin, möchte ich einmal richtig anfangen zu „schrauben” und nah an der Natur sein. Da lag es nahe, dass ich mir ein Cabrio geholt habe.

Freunde-von-Freunden-Moderat-7352
Freunde-von-Freunden-Moderat-7678

Reizen euch neue, moderne Autos gar nicht?

Sascha: Ich war früher immer so ein vorwärtsgewandter Mensch, aber mittlerweile mag ich immer mehr alte Dinge. Alte Möbel, alte Autos. Besonders die Sechziger und ihr tolles Design haben es mir angetan. Ob Stühle von Eames oder Autos von Pininfarina. Es hört sich abgedroschen an, aber diese Dinge haben eine Seele.

Gernot: Wir sind im Alltag immer mehr von modernen Technologien umgeben. Gerade in der Musik. Sei es im Studio oder auch live. Da sind wir gezwungen, immer zu wissen, was gerade neu ist. Es ist eine Erholung, mal ein bisschen Benzin zu riechen. Das ist wirklich so.

Szary: Wir haben auch unsere Alltag-Autos. Die sind neuer. Die müssen auch zur Durchsicht und wenn ich zu meinem Schrauber fahre, meint er auch nur: „Diese neuen Autos – das sind alles solche Rostlauben.“ Erstmal sieht man nichts, aber wenn man genauer unter die Abdeckungen guckt, dann merkt man: Das soll alles auch nicht mehr so lange halten. Die Autos werden so gebaut, dass sie schnell kaputt gehen. Eine Katastrophe, diese Wegwerfgesellschaft. Dabei sind neue Autos auch noch richtig teuer.

Gernot: Ein 40 Jahre alter Mercedes ist für die Ewigkeit gebaut. Da sind die Teile massiv.

Live aus den Black-Box-Hallen in Berlin: Moderat bei den Proben

„Ich wünschte mir manchmal, wir wären routinierter.“ (Gernot)

Ihr steckt momentan in den Vorbereitungen zu euer Tour. Wie kann man sich diese Phase vorstellen, im Gegensatz zu eurer Zusammenarbeit im Studio?

Gernot: Die Vorbereitungen waren intensiv und wichtig. Ein Tourstart läuft so: Album fertig, kurze Verschnaufpause, Presseagentur in verschiedenen Städten, Telefoninterviews, zurück ins Studio. Das gesamte Material der Tracks wird für die Liveshow dann noch einmal “chirurgisch” auseinandergenommen. Es gibt Parts in den Tracks, die bei der Liveshow entweder überflüssig sind oder gegebenenfalls verlängert werden müssen.

Hat sich dieser Prozess im Laufe der Zeit verändert?

Gernot: Verändert hat sich natürlich sehr viel auf der technischen Seite. Aus dem Laptop auf der Bühne kommen mittlerweile nicht nur Sound, sondern auch zahlreiche Steuersignale für Licht und Video.Technisch betrachtet ist es also viel komplizierter.

Die Pfadfinderei ist für euch schon seit längerem für die visuelle Umsetzung eurer Musik zuständig. Was ist das Besondere an eurer Zusammenarbeit?

Gernot: Das Besondere ist die gemeinsame künstlerische Sprache, die wir sprechen. Das liegt an unserer gemeinsamen Geschichte. Wir sind zur wichtigsten Zeit in unserem “Erwachsenwerden”.

Wie wichtig ist euch generell die Visualisierung eurer Musik?

Gernot: Es ist ein sehr wichtiger Punkt. Die Moderat-Liveshow kann man sich quasi als Film mit einem Soundtrack live gespielt vorstellen.

Was ist die Grundidee zum Video für eure Singleauskopplung „Reminder“ und inwieweit wart ihr bei der Entwicklung dieser Idee involviert?

Gernot: Beim Video zu “Reminder” gibt es zwei Ansätze. Zum einem die Story – der fast aussichtslose Kampf gegen das Böse – und die Technologie, mit der das Video produziert wurde. Bei der Produktion, die eine Zusammenarbeit zwischen der Pfadfinderei und der ebenfalls in Berlin beheimateten, auf Games und 3D / VR spezialisierten Agentur namens “Sehsucht” ist, wurde für die Visualisierungen eine Software und Technologie verwendet, die man aus Computergames kennt. Der Clou ist, dass es vom “Reminder”-Video auch eine Virtual-Reality-Version gibt, die man sich mit einer besagten VR-Brille ansehen und so mitten im Geschehen sein kann. Sollte man auf jeden Fall mal gemacht haben.

Freunde-von-Freunden-Moderat-2584

Danke Gernot, Sebastian und Sascha für die Einblicke in euren Arbeitsalltag und für euer charmantes Outing als Autonerds!

Dieses Interview ist in Zusammenarbeit mit dem Automagazin Intersection entstanden und Teil unserer “Friends Of Cars”-Reihe. Mehr über die Autoleidenschaft der Jungs erfahrt ihr in der 25. Ausgabe der Intersection.

Text: Ji-Hun Kim
Fotos: Mirjam Wählen