Fotografin Anna Lehmann-Brauns fängt mit ihren Aufnahmen die Geschichten verlassener Räume ein
Warum ihre Arbeit mehr Portrait- als Architekturfotografie ist, Berlin
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Mit ihren Bildern lässt Anna Räume, die sonst nur Kulissen in unserem Leben darstellen, ihre eigenen Geschichten erzählen. Ihre Arbeit gibt dem Betrachter einen flüchtigen Einblick in die Zukunft; in eine verlassene Welt, in der unser heutiges Leben nur eine Erinnerung ist.

Dass leere Räume, die wir sonst nur belebt kennen, einen besonderen Zauber ausüben, erleben wir selbst, als wir mit Anna den Zoo Palast Berlin betreten. Das in den Fünzigerjahren erbaute Kino ist einer dieser geschichtsträchtigen Orte, die für die Fotografin die Faszination Großstadt ausmachen und die sie unbedingt einmal vor ihre Linse bringen will: „Ich kenne den Zoo Palast noch aus Kindertagen, er ist Teil meiner Geschichte”, erzählt die gebürtige Berlinerin, während wir auf der Suche nach dem perfekten Motiv durch die Kinosäle streifen. Schließlich fällt die Wahl auf den kleinen Clubkino-Saal mit roten Samtsesseln und hölzernen Bücherregalen an den Wänden. Anne begeistert hier die Wohnzimmeratmosphäre, sie möchte sie unbedingt festhalten: „Ich wusste gar nicht, dass es diesen Saal hier gibt”, sagt sie, als sie ihre Kamera aufbaut. „Ich entdecke bei meiner Arbeit so viel. Solche Räume sind für mich wie Schatzkästchen!”

Dass Erinnerungen auch in Annas Zuhause eine große Rolle spielen, wird klar, als wir in ihrer Wohnung ankommen. Modern trifft hier auf Retro, klare Linien werden durch Sammlerstücke und Memorabilien ergänzt. An den Wänden hängen Bilder von befreundeten Künstlern. „Ich tausche unglaublich gern Aufnahmen mit meinen Freunden”, erklärt die Fotografin. Und auch sonst verbindet sie mit vielen der herumstehenden Gegenstände eine Geschichte. Ihr ganzer Stolz: Über dem schnörkellosen Küchentisch hängt ein imposanter Kronleuchter im Stil der Sechzigerjahre. „Das ist ein originales Stück aus dem Westin Grand Hotel Unter den Linden”, erzählt sie uns und strahlt dabei. Die riesige, silbern glänzende Lampe erfüllt die Wohnküche mit einem warmen Licht. Hier fühlt man sich sofort wohl und möchte gar nicht mehr weggehen.

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„Ich mache keine Architekturfotografie, sondern es geht mir darum, Stimmungen und Erinnerungen einzufangen.”

Wie bist du zum Fotografieren gekommen?

Ich habe eigentlich Psychologie studiert. Irgendwann hatte ich jedoch eine allgemeine Krise und habe mir gedacht, ich muss was Kreatives machen! Dass es ausgerechnet Fotografie werden würde, hat sich davor allerdings noch nie angedeutet – die Fotos, die ich als Kind gemacht habe, waren immer schrecklich. Eher durch Zufall habe ich dann an einem Fotografiekurs an der Volkshochschule teilgenommen und der hat mich an diese Kunstform herangeführt.

Wie kommt es, dass du heute vor allem Innenräume fotografierst, obwohl du ursprünglich so fasziniert von Porträts warst?

Ich glaube, ich bin einfach zu schüchtern, um richtig gute Porträts zu machen. Für mich ist ein gutes Porträt etwas, das über die Intentionen desjenigen, der fotografiert wird, hinausgeht. Man überschreitet da als Fotograf eine Grenze und das kann ich nicht. In meiner ersten Arbeit habe ich deshalb Räume, die mich an bestimmte Menschen erinnert haben, in Modellgröße nachgebaut und abgelichtet. Das waren dann auch so etwas wie Porträts. So ist mein Interesse an Räumlichkeiten entstanden. Ich mache ja keine Architekturfotografie, sondern es geht mir darum, Stimmungen und Erinnerungen einzufangen. In dieser Hinsicht besteht eine große Verbindung zur Porträtfotografie.

Was sind das für Räume, die du fotografierst?

Viele der Orte, mit denen ich arbeite, verweisen auf die Vergangenheit, es sind Erinnerungsräume. Das kann eine alte Hotellobby sein oder eine Bar, die ihre besten Tage schon hinter sich hat. Oft haben meine Motive auch etwas mit meiner eigenen Vergangenheit zu tun. Viele der Innenräume, die ich fotografiert habe, gibt es mittlerweile gar nicht mehr. Für mich ist es besonders wichtig, in diesen Räumen bestimmte Licht- und Farbsituationen einzufangen. Auch die Themen „Bühne” und „Kulisse” ziehen sich durch alle meine Arbeiten.

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Du hast in der Vergangenheit auch leere Filmsets abgelichtet. Hat dich das Thema Film auch darüber hinaus bei deiner Arbeit beeinflusst?

Das ist tatsächlich ein gutes Stichwort. Ich hole mir viel Inspiration aus Filmen. Ich liebe zum Beispiel Woody Allen und David Lynch, aber auch französische Regisseure wie Truffaut und Godard. Und dann natürlich ebenso andere Fotografen, deren Arbeiten ich bewundere und die ich teilweise auch selbst kennengelernt habe. Mir fallen da insbesondere die amerikanischen Fotografen Stephen Shore, William Eggleston und Saul Leiter ein. Die haben mich nachhaltig beeindruckt und sind nach wie vor eine Quelle der Inspiration für mich.

Wie wirst du auf die Räume aufmerksam, die du fotografierst?

Das ist ganz unterschiedlich. Oft sagen mir Leute, dass sie einen Ort entdeckt haben, den ich unbedingt mal fotografieren muss. Diese Empfehlungen laufen aber häufig ins Leere, weil die vorgeschlagenen Räume letztlich zu verspielt sind. Denn obwohl meine Bilder sehr farbenfroh sind, haben sie doch eine gewisse formale Strenge. Oft passiert es auch, dass sich in einem Raum vor meinen Augen plötzlich ein Bild zusammensetzt, das ich vorher so noch nicht gesehen habe. Meine Serie „Paradise Lost“ habe ich in Polen in einer alten Fabrik fotografiert, die ich zufällig in der Show „Titel Thesen Temperamente” entdeckt habe. Ich habe die Location dann gegoogelt und bin anschließend mehrmals in diesen klitzekleinen polnischen Ort gefahren.

“Am tollsten ist es natürlich, wenn ich es wirklich schaffe, ein Bild am Ende auch so festzuhalten, wie ich es mir vorgestellt habe.”

Gehst du mit einem bestimmten Plan an einen Raum heran oder lässt du dich einfach vor Ort inspirieren?

In den meisten Fällen habe ich schon einen Plan, da hat sich im Vorhinein vor meinem inneren Auge aus dem Motiv bereits ein Bild herausgeschält. Ob das dann tatsächlich so funktioniert, das heißt, das ist die andere Frage. Am tollsten ist es natürlich, wenn ich es wirklich schaffe, ein Bild am Ende auch so festzuhalten, wie ich es mir vorgestellt habe.

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Warum hast du heute den Zoo Palast als Motiv ausgewählt?

Der Zoo Palast ist für mich auf ganz vielen verschiedenen Ebenen interessant. Zum einen ist er ein Teil meiner eigenen Vergangenheit – ich bin ja Westberlinerin. Dann hat er natürlich auch diesen kosmopolitischen Charme, dieses Runtergerockte des alten Westens und diese Grandezza, die typisch für die großen alten Kinos ist. Außerdem gibt es hier unglaubliche Farben und eine tolle Lichtstimmung! Leider hat sich daraus heute trotzdem kein optimales Bild ergeben, aber manchmal dauert das auch einfach ein bisschen.

Heißt das, dass du manchmal mehrere Anläufe brauchst, um das perfekte Bild zu schießen?

Ja, oft reicht es nicht, nur einmal an einen Ort zu gehen. Manchmal bin ich mit den Ergebnissen nicht zufrieden und dann versuche ich es nochmal. Einmal habe ich einen sehr großen, opulenten Vorhang in einem Kino fotografiert, da war ich insgesamt viermal da.

Hast du ein absolutes Traummotiv, das du unbedingt mal fotografieren möchtest?

Was mich sehr reizt, ist das Berghain. Das wurde mir schon von vielen Seiten empfohlen, aber leider sind Fotos dort nicht erlaubt. Außerdem würden mich die Kulissen von südamerikanischen Telenovelas interessieren. Ich habe schon Filmkulissen in Deutschland fotografiert, aber das wäre dann noch mal etwas anderes, denn die Telenovela kommt ja aus Südamerika und hat dort eine ganz andere Bedeutung.

(EN) The stage at play in the photography of Anna Lehmann-Brauns

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Ist es manchmal schwierig, Zugang zu bestimmten Locations zu bekommen?

Das ist sehr unterschiedlich. Meistens klappt es schon irgendwie, aber man muss den Leuten natürlich eine Idee davon vermitteln, warum man diesen Raum unbedingt fotografieren will. Ich war zum Beispiel einmal in Berlin-Neukölln und habe dort ein Rauchercafé fotografiert, das wahnsinnig tolles Licht hatte. Die Besitzer haben das überhaupt nicht verstanden und ständig gefragt, warum ich das mache und ob ich von der Polizei komme. Und ich habe nur gesagt: „Nein, ich mache Kunst!“

Deine Fotos versprühen jede Menge Nostalgie. Welchen Einfluss haben Erinnerungen auf deine Arbeit?

Erinnerungen sind sehr wichtig für meine Arbeit. Ich lebe viel in Erinnerungen und bin auch ziemlich sentimental. Ich glaube, das ist nicht immer unbedingt eine gute Eigenschaft. Aber ich habe einfach Angst davor, dass irgendwann alles vergeht. Meine Fotos sind deshalb auch immer ein Versuch, die Gegenwart festzuhalten.

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Deine Aufnahmen erlauben dem Betrachter das Innehalten, sie strahlen eine unglaubliche Ruhe aus. Denkst du, diese Ruhe fehlt uns heutzutage? Ist die Fotografie eine Möglichkeit, wie wir sie uns zurückholen können?

Ich glaube schon, dass meine Art zu fotografieren, mich zu einer gewissen Ruhe zwingt, da ich ja mit einem Stativ und sehr langen Belichtungszeiten arbeite. Dadurch entstehen auch ganz andere Bilder als die, die wir täglich schnell konsumieren. Ich bin niemand, der denkt, dass früher alles besser war und wir unbedingt zurück zu so einer Langsamkeit müssen. Aber ich finde es manchmal schade, dass so etwas droht, verloren zu gehen.

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Danke, Anna, dass wir dir beim Arbeiten über die Schulter schauen durften und du uns deine Wohnung gezeigt hast. Mehr Fotografie von Anna Lehmann-Brauns gibt es auf ihrer Website.

Wir haben noch mehr Kreative aus Berlin porträtiert. Schaut mal hier.

Photography: Philippe Gerlach
Interview & Text: Tanja Bertele
Video: Tim Doldissen