Daniel Hug, Direktor der Art Cologne, über die Kölner Kunstszene und die Sammellust der Deutschen
Seine Sicht auf den internationalen Kunstmarkt und was bei ihm Zuhause an den Wänden hängt, Cologne
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Zuhause in Köln legt er sich am liebsten auf den Teppich im Wohnzimmer. Dann schaut er in den blauen Himmel. Und hat ein bisschen das Gefühl, an seinem einstigen Wohnort L.A. zu sein.

Daniel Hug ist rastlos. Heimatlos. Das sagt er von sich selbst. Siebzehn mal, vielleicht häufiger, er weiß es selbst kaum noch, ist der Amerikaner mit Schweizer Wurzeln in seinem Leben umgezogen. Aufgewachsen ist er in Zürich. Nach der Scheidung seiner Eltern zieht er mit seiner Mutter in die USA. Weitere Umzüge und ein Kunststudium am Art Institute of Chicago folgen. Danach steigt er in den Kunsthandel ein und lebt in Los Angeles. Seit nunmehr acht Jahren wohnt der Messechef der Art Cologne in Köln.

„Köln war nicht cool als ich herkam – alle wollten nach Berlin.”

Unschlüssige Nachkriegsarchitektur statt Palmen und Rodeo Drive. Kölner Klüngel statt kosmopolitischen Kunstflairs. Warum? „Köln war nicht cool als ich herkam – alle wollten nach Berlin“, erinnert sich Daniel. Doch die uncoole Stadt am Rhein ist gut gelegen. Nahe an den Beneluxländern und Paris. Nicht allzu weit von London entfernt. Und Kunst in Köln hat Geschichte: „Köln wurde ab den 1960er Jahren die Kunsthauptstadt Deutschlands. Die Kölner Kunstsammler Peter und Irene Ludwig haben schon Pop Art gesammelt, als die Amerikaner selbst nicht mal darüber nachdachten. Noch heute hat die Stadt eine sehr starke Kunstszene: Wichtige, etablierte Galerien sitzen hier. Köln ist eine Großstadt und gleichzeitig intim. Man kann persönliche Beziehungen und Freundschaften innerhalb der Branche pflegen und hat mehr Chancen auf Austausch als anderswo.“

„Es ist wie in der Modewelt. Als Supermodel hast du vielleicht fünf Jahre. Dann ist es vorbei. Wenige junge Galerien schaffen es, in die nächste Liga zu kommen.”

Daniel wohnt mitten in der Kölner Innenstadt. Zu seinem Arbeitsplatz in der Kölnmesse auf der anderen Rheinseite fährt er mit der Bahn. In den letzten drei Monaten vor Messebeginn verbringt er die meiste Zeit in seinem Büro im zehnten Stock. Dass hier gearbeitet wird, sieht man an den etlichen Ausstellungskatalogen und Kunstbänden, die sich übereinander stapeln.

Es klingt beinahe banal, wenn er beschreibt, wie er die Art Cologne seit mittlerweile einigen Jahren auf Erfolgskurs hält. So, als würde er erklären, wie er seinem Sohn das Fahrradfahren beibringt. Ein Kinderspiel: „Man muss die internationalen Schwergewichte unter den Ausstellern auf die Messe holen. Das ist wie auf der High School: Wenn die ‚Cool Kids’ mitmachen, wollen die anderen auch dabei sein.“

Unter seinem Vorgänger Gérard Goodrow hatte die Messe mit fast 300 Teilnehmern auf Quantität statt Qualität gesetzt. Und sukzessive an Bedeutung verloren. Namhafte internationale Aussteller und Sammler blieben fern. Als neuer Messechef reduziert Daniel die Zahl der Aussteller auf knapp 190 Galerien. Er führt klare Strukturen ein: kleine Stände zu günstigeren Mieten für die jungen Galerien, mehr Raum für die etablierten Aussteller. Neue Strukturen sind das eine. Sie allein sorgen aber noch nicht für volle Messehallen. Was der Mann mit den enthusiastischen Augen nur im Subtext verrät: Er ist vor allem ein guter Netzwerker. Er schafft es, Menschen zu begeistern und sie an einen Tisch zu bringen. Heute ist die Art Cologne als Kunstmesse von internationalem Rang aus der Messelandschaft nicht mehr wegzudenken.

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Das große Kunstwerk von Will Benedict & Henning Bohl an der Wand im Wohnzimmer ist in Plexiglas gerahmt. Kindersichere Kunst ist Daniel wichtig, seit Sohn Nikolai auf der Welt ist.
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Das Kunstwerk „Standardpose“ von Christopher Williams ist so überdimensional groß, dass Daniel es zuhause entrollen und dann vor Ort rahmen ließ.
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Multinational: Jedes Familienmitglied der Hugs besitzt mehrere Reisepässe. Daniels Sohn Nikolai kann sich mit 18 entscheiden, ob er die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen will. Er wurde in Bonn geboren.
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Kunst im Gästebad: Ugo Rondinones „I don’t live here anymore“.

„Man muss ein Kunstwerk nicht unbedingt verstehen. Aber es muss Fragen stellen. Das finde ich wichtig. Ich mag Kunst, die mich irritiert.”

„Critical thinking. You find creative ways to solve a problem. And don’t go by the book“, mit lausbübischem Grinsen beschreibt Daniel seinen eigenen Denkansatz . Über Kunst kann er am besten auf Englisch reden. Wenn er erzählt, was er mit der Messe noch alles vor hat, fangen seine Augen an zu leuchten. Zukünftig will Daniel mit der Art Cologne vor allem die jungen Galerien stärker fördern. Unter dem Titel „Neumarkt“ führt er dazu einen eigenen Bereich ein, auf dem sich die jüngeren Aussteller einzeln oder in Gruppenausstellungen präsentieren können. Seiner großen Verantwortung im launischen, kurzlebigen Kunstbusiness ist er sich dabei bewusst: „Es ist wie in der Modewelt. Als Supermodel hast du vielleicht fünf Jahre. Dann ist es vorbei. Wenige junge Galerien schaffen es, in die nächste Liga zu kommen. Dass Verfallsdatum einer Galerie liegt heute bei fünf Jahren, eine Messe hat etwa 10-12 Jahre, bevor sie in Schwierigkeiten kommt – aber natürlich gibt es auch Ausnahmen.” Als älteste Kunstmesse der Welt hat die Art Cologne diese Grenze jedoch bereits weit hinter sich gelassen.

Seit Daniel in Deutschland lebt, hat er einiges über die Funktionsweise des deutschen Kunstmarktes gelernt: „In Deutschland sammelt vor allem die Mittelschicht Kunst. In den USA sind es vorwiegend die Superreichen. Es gibt vielleicht drei Deutsche, die sich einen Jeff Koons für 20 Millionen leisten können. Es geht hier weniger ums Spekulieren. Die Deutschen kaufen vor allem, was ihnen gefällt.“

Wenn er nicht gerade im Büro ist oder auf Reisen, verbringt der Familienvater seine Zeit am liebsten zuhause mit seiner Frau Natalia und seinem zweieinhalbjährigen Sohn Nikolai. Natalia ist Galeristin, wuchs in Riga auf und hat danach viele Jahre in Vancouver gelebt. Dass sie nur wenig Deutsch spricht, stellt kein Problem dar – die Kölner Kunstszene ist international genug, ihr das zu verzeihen. 2013 kam Natalia nach Köln und eröffnete ihre Galerie für zeitgenössische Kunst. Ein minimalistisch anmutendes Kleinod mit einem Schaufenster eingerahmt von schwarzen Fliesen, mitten im Kölner Szenestadtteil, dem Belgischen Viertel.

„Köln wurde ab den 1960er Jahren die Kunsthauptstadt Deutschlands. Die Kölner Kunstsammler Peter und Irene Ludwig haben schon Pop Art gesammelt, als die Amerikaner selbst nicht mal darüber nachdachten."

Nur ein paar Minuten Fußweg von der Galerie entfernt liegt die Wohnung von Familie Hug. Unweit vom geschichtsträchtigen Rudolfplatz, ein schlichter Bau der Nachkriegsmoderne. Mitten in der Fußgängerzone, mit Blick auf den Kölnischen Kunstverein. In seine eigenen vier Wände holt sich Daniel nur Kunstwerke, zu denen er eine besondere Verbindung hat: Da wäre das knapp anderthalb mal zwei Meter große Werk „Standardpose“ von Christopher Williams, das ein überlebensgroßes Huhn vor hellblauem Grund zeigt. Den riesigen Druck konnte er erst Zuhause rahmen lassen – das Kunstwerk hätte sonst kaum durch die Tür gepasst. Oder ein Poster von Claudia Kugler, das sich in großen Serifenlettern mit den Antonymen „Geiz“ und „Gier“ typographisch auseinandersetzt. Daniel fährt mit den Fingern über die sauber applizierten Kanten des Kunstwerks, als er sich erinnert. Die Künstlerin selbst schaute Zuhause bei ihm vorbei und tapezierte das Werk direkt an die Wohnzimmerwand. Teuer muss gute Kunst für ihn nicht sein. Was er sich selbst Zuhause aufhängt, entscheidet sein Bauchgefühl: „Man muss ein Kunstwerk nicht unbedingt verstehen. Aber es muss Fragen stellen. Das finde ich wichtig. Ich mag Kunst, die mich irritiert.“

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Die Galerie für zeitgenössische Kunst von Daniels Frau Natalia liegt mitten im Kölner Szenestadtteil, dem Belgischen Viertel.
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Kunst hat eine lange Tradition in der Familie Hug. Als Sohn eines Architekten und als Enkel des bekannten Avantgardekünstlers und Bauhaus-Lehrers László Moholy-Nagy wächst Daniel mit Kunst auf. Hausieren geht er mit dem Namen seines Großvaters jedoch nicht. „Das habe ich immer getrennt. In der Kunsthochschule und auch, als ich noch meine eigene Galerie besaß.“ In jungen Jahren versucht sich Daniel selbst als Künstler. Den Gedanken verwirft er schnell, nachdem ein renommierter Kurator aus Chicago kein gutes Haar an seinen Werken lässt: „Diese Erfahrung hat mir geholfen. Dadurch wurde ich ein strenger und guter Galerist. Manchmal muss man der Wahrheit ins Auge sehen und sich eingestehen: Ich bin kein Künstler.“

Neben der Kunst ist Inneneinrichtung ein besonderes Hobby von Daniel. Er sammelt Designklassiker von Marcel Breuer und Egon Eiermann. Sein Stil: Funktional. Modern. „Als Kind wollte ich Möbeldesigner werden. Mein Vater war Architekt und meinte zu mir: ‚Wir haben schon einen perfekten Stuhl. Der hat vier Beine, einen Sitz und eine Rücklehne. Was willst du daran neu erfinden?’ Das hat mich beeinflusst.“ Daniels Frau Natalia hat ihm zu Weihnachten eine Lagerhalle geschenkt. Er ist Sammler, sie Minimalistin. Der Kompromiss für beide: Was nicht gebraucht wird und nicht an Wänden hängt, wird eingelagert. Umso mehr freut sich Daniel über Schnäppchen, die es dann doch in die Wohnung schaffen. Neben der Küchenzeile, gleich vor dem überdimensionalen Poster von Christopher Williams steht er: Der Stahlrohr-Klassiker B27, ein Marcel Breuer-Tisch aus dem Jahre 1929. Daniel deutet darauf und freut sich, wie ein Schneekönig: „Den hat jemand mit einem ganz schlechten Foto ins Internet gestellt. Ich hab’ ihn gekauft. Für 101,95 Euro. What a crazy bargain!“

Augenblicke auf der Art Cologne

Die Kunstmesse ist aus Köln nicht mehr wegzudenken

„Manchmal muss man der Wahrheit ins Auge sehen und sich eingestehen: Ich bin kein Künstler.”

Daniels Marcel Breuer-Sammlung ist sein ganzer Stolz. Noch mehr beginnen seine Augen allerdings zu strahlen, wenn er von seinem Sohn spricht. Der kleine Nikolai wächst mehrsprachig auf. Er besucht einen englischsprachigen Kindergarten, die Nanny spricht Deutsch mit ihm. Trotz der langen Kunsttradition innerhalb der Familie Hug – wenn es soweit ist, soll Nikolai selbst entscheiden, was er einmal werden will: „Vielleicht wird er Anwalt, vielleicht Architekt. Oder Arzt. Arzt wäre nicht schlecht. Dann könnte er sich um mich kümmern, wenn ich alt bin“, sagt Daniel lachend.
Und wer weiß. Vielleicht gelingt ihm das Altwerden ja tatsächlich in Köln. Dem ewig Reisenden. Dem Heimatlosen. Vorstellen könnte er sich das jedenfalls.

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Danke Daniel, dass du den wunderbaren Ausblick deiner Wohnung mit uns geteilt und uns Einblick in dein Familienleben gegeben hast. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg für die Art Cologne.

Sämtliche Infos zur Kunstmesse Art Cologne gibt es hier.

Dieses Portrait wurde zusammen mit USM produziert und ist Teil der Serie “Personalities by USM“. Mehr Informationen zu Daniels Einrichtung sind hier zu finden.

Fotografie: Michael Englert
Text: Sascha Abel