Dirk Rumpff
Anästhesist & Radio Host, Apartment, Garage & Neighborhood, Kreuzberg, Berlin
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KFZ-Mechaniker wollte Dirk Rumpff einst werden, dann wurde es doch ein Medizinstudium. Doch die Liebe zu Autos ist dem Chirurgen an der Berliner Charité geblieben.

Seine längste Beziehung, sagt er, hatte er mit einem Volvo Amazon, heute stehen drei Maseratis in seiner Garage, alles Oi know, er. Die Jagd nach Autoersatzteilen nimmt inzwischen mehr Zeit in Anspruch als das Sammeln von Platten, das bei Dirk ebenfalls Tradition hat: Bereits 1999 startete er die Radiosendung OFFtrack, seit 2011 organisiert er CDR, einen Abend für Nachwuchsmusiker im Prince Charles. Zwischendrin hat er auch immer wieder Musik produziert. Vielleicht kein Wunder also, dass nicht viel Zeit für das Sammeln von Möbelstücken übrigbleibt.

Du wolltest ursprünglich KFZ-Mechaniker werden. Warum wurde es dann doch ein Medizinstudium?

KFZ-Mechaniker und Chirurgen sind ja nicht so weit voneinander entfernt, dachte ich mir damals. Bis heute bin ich davon überzeugt, dass die Denkweise sehr ähnlich ist. Als ich mit Medizin angefangen habe, wollte ich auch noch Chirurg werden. Aber dann bin ich durch Zufall in der Anästhesie gelandet und mir hat es dort gefallen. Außerdem fahre ich ziemlich viel und gerne Notarzt. Gerade spezialisiere ich mich auf den Bereich Intensivmedizin. Das finde ich sehr spannend.

Nebenbei hast Du immer auch Musik produziert, sogar ein paar Platten rausgebracht. Warum ist daraus keine Karriere geworden?

Die Musik lief zwar immer parallel, aber sie lief nie so, dass ich die Option gehabt hätte, damit längerfristig meine Miete zu bezahlen. Ich hätte wohl mehr Kompromisse eingehen müssen, aber ich wollte immer mein eigenes Ding machen – da war es gut, dass ich die Medizin als Backup hatte. Immerhin habe ich lange die Radiosendung OFFtrack gemacht und jetzt organisieren wir CDR. Das steht für Create, Define, Release und ist ein Abend für Nachwuchsmusiker im Prince Charles in Berlin. Das ist aber ein reines Hobby.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Bei CDR haben Musiker die Chance, die Musik, an der sie gerade arbeiten, im Club zu hören. Darüber hinaus bringen wir etablierte Künstler dazu, ihre Erfahrungen mit Musikern zu teilen, die noch nicht so weit sind – bisher zum Beispiel Peaches, Modeselektor oder Jazzanova. Also Dinge wie: „Damit bin ich selber auf die Schnauze gefallen, heute würde ich es stattdessen so machen…“, oder: „Wenn ich ins Studio gehe und mir fällt nichts ein, dann mache ich…“. Wir versuchen, unterhaltsame Themen zu finden. Denn ich bin zwar auch ein großer Nerd und wir reden auch über Equipment, aber würden wir nur über Kompressor-Einstellungen sprechen, dann wären am Ende noch fünf Typen da.

Wie kamt ihr darauf?

Dieses Konzept gibt es schon seit über zehn Jahren in London und Tony, der es dort organisiert, ist ein guter Freund von mir. Für Berlin haben wir es dann ein bisschen abgewandelt und sind mehr in Richtung Workshop gegangen. Wir haben den Eindruck, dass sich darum schon eine kleine Community aufgebaut hat. Das macht Spaß.

Wird Deine Radiosendung irgendwann weitergehen?

Ja, das ist der Plan. Aber leider ist keine Zeit da, ich kann nur entweder CDR oder die Sendung machen. Und da habe ich das Gefühl, dass CDR im Zweifel mehr bringt. Inzwischen macht ja jeder einen Podcast.

Das, was Du in der Sendung gespielt hast, war ziemlich breit gefächert. Viel Elektronisches, aber auch Indie oder sogar Folk.

Hardtrance und Death Metal ist nicht so viel dabei, aber sonst versuche ich alles mit reinzunehmen. Wenn ich selber Radio höre, möchte ich ja auch nicht immer den gleichen Stil haben. Oder wenn man in Berlin weggeht, ist ja auch fast alles irgendeine Art von Techno oder House. Ich mag es, wenn man von einem Stück zum nächsten geht und Sachen verbindet, die im ersten Moment gar keinen Sinn machen. Aber man muss wie bei allen Dingen ziemlich tief buddeln, um die Perlen zu finden.

Warum gibt es nicht mehr Vielfalt?

Das ist der Teufelskreis, über den wir vorhin schon gesprochen haben: Viele DJs müssen mit ihrer Arbeit die Miete bezahlen. Und wenn man etwas ausprobiert, was dann nach hinten losgeht, wird man vielleicht beim nächsten Mal nicht mehr gebucht. Deshalb spielt man lieber auf Nummer sicher. Aber manchmal ist es auch gut, ein paar Fragezeichen zu liefern und nicht nur Antworten. Magische Momente entstehen meistens dann, wenn man ein Risiko eingeht.

Ich würde auch gern wieder auflegen, das vermisse ich wirklich. Aber ich müsste mich halt drum kümmern, rausgehen, Sachen produzieren. Ich arbeite ziemlich oft am Wochenende in der Klinik, da ist man froh, wenn man auch mal ausschlafen kann. Ich komme mir schon vor wie so ein Rentner-Raver. Eigentlich kommt mir diese Kultur, erst Sonntag Mittag irgendwo hinzugehen, total entgegen. Dann ist man um acht Uhr abends wieder zuhause.

Genug Platten zum Auflegen wären jedenfalls da…

Ja, das mit den Einbauten in der Wand, um sie unterzubringen, war leider nicht meine Idee. Aber irgendwo mussten sie ja hin. Und das Expedit von Ikea, in dem viele DJs ihre Platten verstauen, wollten wir nicht mehr. Da das hier eine Fabriketage war und wir die Wände sowieso selber bauen mussten, boten sich die Vertiefungen einfach an. Allerdings war das nicht so einfach, wie es aussieht. Das ganze Vinyl wiegt in etwa zweieinhalb Tonnen. Da musste erst ein Statiker berechnen, ob der Boden hält, und dann mussten wir eine Stahlkonstruktion darunter bauen, um die Last abzustützen. Und es ist immer noch nicht genug Platz – ein Teil meiner Sammlung steckt noch in Kisten.

Und einen schicken Schreibtisch hast Du…

Der steht da eigentlich nur, weil wir ihn loswerden wollen und ich keine Lust hatte, ihn für heute wieder in den Keller zu räumen. Wir haben uns überlegt, dass wir für die Fotos eigentlich ein Preisschild hätten dranmachen sollen.

Du hast nie überlegt, Deine Musiksammlung auf mp3 umzustellen?

Wieviel emotionale Bindung kann man zu einem mp3-File aufbauen? Aber ich habe schon darüber nachgedacht, ob sich dieses Jagen und Sammeln nach Platten bei mir inzwischen vielleicht auf Autoersatzteile verlagert hat…

Und woher kommt Deine Vorliebe für Oldtimer?

Mit Oldtimern bin ich mehr oder weniger aufgewachsen. Mein Vater hat mich immer zum Oldtimer Grand Prix auf den Nürburgring mitgenommen oder zur Techno Classica nach Essen. Er selbst hatte allerdings nie einen alten Wagen. Er fand sie zwar schön, aber er hätte sich nie einen gekauft. Aber ich bin da als Achtjähriger herumgerannt, habe fotografiert und war total begeistert. Im Fahrerlager am Nürburgring konnte ich sogar einmal vor dem Start zwischen all den Wagen durchlaufen – das war so ein Schlüsselerlebnis.

Und wann kam Dein erster Wagen?

Ich war ein Jahr lang als Austauschschüler in den USA, da habe ich mir dann für ein paar Monate ein altes Oldsmobile gekauft. Wieder zuhause konnte ich dann den Volvo 164 meines Onkels übernehmen. Der war Baujahr 1971, dunkelgrün mit roten Ledersitzen. Leider war das in der Zeit, als die Steuer für Autos ohne Kat sehr teuer wurde und es noch kein H-Kennzeichen gab. Ich bin damals noch zur Schule gegangen, deshalb musste ich den Wagen verkaufen.

Nach dem Abitur habe ich ein halbes Jahr in einer KFZ-Werkstatt gearbeitet, bei Hartmann in Dortmund. Die restaurieren bis heute Volvos. Da stand ein Volvo Amazon aus den Sechzigern rum. Der war komplett restauriert, perfekt, aber völlig unerschwinglich. Deshalb habe ich den Besitzern der Werkstatt gesagt: „Ich will den, aber ich brauche Zeit, bis ich das Geld zusammen habe.“ Und dann bin ich zwei Jahre lang jeden Monat zu ihnen und hab ihnen gegeben, was ich in der Zwischenzeit verdient hatte. Den Wagen hatte ich dann siebzehn Jahre lang. Meine längste Beziehung.

Jetzt sind es Maseratis.

Maserati war für mich immer ein absoluter Traum. Zum einen hat mich die Geschichte der Marke beeindruckt und natürlich, dass es immer zeitlos schöne Autos waren. Aber auch von der Technik her waren sie sehr innovativ. Da steckt eine Menge Ingenieursleistung drin.

Insgesamt eine sehr filigrane Erscheinung.

Ja, das ist dieses klassische Understatement von Maserati. Sehr schöne Autos, aber nicht so laut wie ein Ferrari, der jedem auf den ersten Blick auffällt. Gunter Sachs hat angeblich mal gesagt: „Der Playboy fährt Ferrari, der Gentleman fährt Maserati.“ Die Autos sind typische Gran Turismos: weniger Sportwagen, eher schnelle Reisecoupés.

Aber auch Autos, die ihren Besitzer fordern.

Bei Maserati wurde früher fast alles von Hand gefertigt, in ganz geringen Stückzahlen. Diese Autos waren damals ja auch fast unerschwinglich. Heute merkt man das, wenn man Ersatzteile braucht. Da muss man ganz schön leidensfähig sein. Denn die Reparaturen hören nie auf, es geht immer weiter. Und wegen der Handarbeit passt kaum ein Karosserieteil von einem anderen Auto. Aber außer beim Volvo habe ich sowieso noch nie erlebt, dass an einem Auto alles funktionierte.

 

Dieses Portait ist außerdem Teil von “Friends Of Cars”, unserer gemeinsamen Serie mit Spiegel Online. Mehr über Dirk und eine Tour mit seinem Auto gibt es auf deren Seite.

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Fotografie: Anna Rose
Text: Kai Kolwitz