Florian Jöckel
Music Manager, Agency & Tour, Frankfurt
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Florian Jöckel lebt seit 2001 in Frankfurt. Im Nordend betreibt er die Agentur Guilty76 Artist Management , in der er seit 12 Jahren eine Hand voll Künstler betreut. Früher war er selbst als Musiker und auch als Tourmanager unterwegs. Heute widmet er seine ganze Energie einem Rock’n’Roll Lifestyle, wie er sagt, bei dem alles möglich ist, auch wenn es manchmal kreativer Lösungen bedarf.

2011 ging er als bekennender Sportmuffel, der gerade mit dem Rauchen aufgehört hatte, erstmals beim traditionellen Frankfurter 1. Mai Radrennen an den Start. Weil er sich nicht nur im bunten Trikot, sondern auch mit der Vereinskultur im Radsport unwohl fühlte, gründete er kurzerhand sein eigenes Radteam, das mittlerweile rund 150 Mitglieder zählt. Hauptsitz des Clubs, dessen Struktur und Aufnahmekriterien einem Motorrad-Rockerclub ähneln, ist in Frankfurt. Seine Mitglieder lassen sich jedoch auch in London, Paris, Saint-Tropez, Nancy, Stuttgart, Hamburg, Münster und Berlin finden. Wir trafen Florian in der Mainmetropole, um mit ihm seine liebsten Plätze aufzusuchen.

Florians Lieblingsorte in Frankfurt

Florians Agentur – Guilty76 Artist Management, Nordend

Du lebst nun 13 Jahre in Frankfurt. Wie kam es zu der Entscheidung, dauerhaft an den Main zu ziehen?

Das war reiner Zufall. Ich mochte Frankfurt früher gar nicht. Die Stadt ist wahnsinnig unübersichtlich. Wenn wir auf Tour nach Frankfurt mussten, hatte da keiner Lust zu. Mittlerweile ist Frankfurt für mich die beste Stadt in Deutschland, hier habe ich auch meine Freundin kennengelernt. Man kann sehr viel Spaß haben, wenn man erst mal Fuß gefasst hat und die richtigen Leute kennt. Frankfurt ist sehr klein, gleichzeitig sehr international und liegt in der Mitte Europas. Von der Innenstadt kommt man sehr schnell zum Flughafen, das ist auch ein saugeiler Ort, fast nur Direktflüge, wenn man viel reist, ist das toll. Zudem triffst du hier Leute aus aller Welt, die nach Frankfurt kommen, um zu arbeiten. Hier werden Entscheidungen getroffen und umgesetzt. Da hat auch keiner Zeit für Snobismus und Rumgeeiere und keiner fragt, wo du herkommst. Und wenn hier einer sagt, ‚Lass uns das machen!‘, dann findet das zu 99% statt. Das Image als Hauptstadt des Verbrechens ist natürlich auch super. Andernorts denken alle, wir werden hier permanent beschossen.

Wie kam es zur Gründung der Agentur?

Ich habe früher selbst in einer Band gespielt und direkt nach der Schule als Tourmanager die Welt bereist. Ich musste feststellen, dass in dem Business viele Dinge absurd laufen. Viele Agenten machen da so ihr Ding und interessieren sich gar nicht wirklich für die Musiker. Ich habe echt schräge Sachen erlebt. Nach ein paar Jahren war mir klar, dass man es im Interesse der Künstler anders anpacken muss. Als logische Konsequenz gründete ich Guilty 76 Artist Management.

Und warum im Nordend?

Das Nordend liegt strategisch gut innerhalb von Frankfurt. Vom Büro aus starten die Trainingsausfahrten unseres Radclubs Richtung Taunus. Die berühmte Berger Straße ist nicht weit weg und in der Friedberger Landstraße befindet sich mein momentanes Lieblingscafé. Der Heidelbeerespresso ist mein Favorit. Nach jeder Trainingseinheit machen wir da halt.

Hoppenworth & Ploch

Bei dir taucht überall der Slogan „It’s only Rock’n’Roll“ auf. Du beschreibst es als dein Lebensmotto. Kannst du uns ein wenig mehr dazu erzählen?

Rock’n’Roll ist für mich erst einmal ein entspannter und ehrlicher Lifestyle, den man einem sofort ansieht. Rock’n’Roll hat nichts mit mangelnder Ernsthaftigkeit und Regeluntreue zu tun, sondern ist vielmehr eine gewisse Art, mit dem Leben und seinen Unwägbarkeiten umzugehen. Risikobereitschaft, eine kosmopolitische Aufgeschlossenheit gehören sicher dazu. Und Spaß! Spaß ist überhaupt das wichtigste. Ich finde, man ist nur wirklich dann gut, wenn man tut, was einem Freude bringt. Aber das muss letztlich jeder für sich selbst wissen. Rock’n’Roll ist auch leben und leben lassen. Ich will niemandem sagen, was er zu tun hat, ich will nicht die Welt retten. Im Job, im Leben, ich tue einfach, was ich kann und was ich machen möchte. Ob das cool ist oder nicht, ist überhaupt nicht relevant und spielt keine Rolle. Wichtig ist das Machen.

Rock’n’Roll ist in dem Sinne wohl auch die Geschichte, wie du überhaupt zum Radsport gekommen bist…

Ich habe vor fünf Jahren von einem Tag auf den anderen aufgehört zu rauchen, obwohl es bis dahin drei Schachteln am Tag waren. Das Zigarettengeld, das ich mit dem Nichtrauchen sparen würde, wollte ich in meine Gesundheit investieren. Seitdem arbeite ich mit Steffen Laudeley, Personal Trainer und Betreiber des Frankfurter Studios S1 Athletics and Fitness zusammen. Er forderte mich auf, ein Trainingsziel zu definieren. Das überforderte mich als kompletten Sportmuffel völlig. Weil ich aber schon seitdem ich zehn bin jedes Jahr begeistert die Tour de France verfolge, schlug er eine Radtour von Frankfurt nach Südfrankreich vor. Wir begannen zu trainieren, ich kaufte mir mein erstes Rennrad und bereits drei Wochen später ließ ich mich dazu überreden, die 100-km-Strecke beim 1. Mai Rennen in Frankfurt zu fahren. Ich habe da gar nicht groß nachgedacht. Ein Freund nahm mich gleich in sein Team auf und ich bekam ein Sponsorentrikot.

Und so entstand auch das Guilty76 Racing Team?

Genau. Wir starteten damals zu dritt. Ich dachte mir, ‚Geil, erstes Rennen, erstes mal Feldberg und schon gesponsert.‘ Nur der Look, bei dem war noch Luft nach oben. Mit Unterstützung eines Onlineshops, BRUEGELMANN, konnten wir zwei Jahre später Guilty76 Racing ins Leben rufen. Im Jahr darauf starteten wir zu viert. 2013 waren schon 69 Fahrer für Guilty am Start, 2014 dann waren wir mit über 100 Fahrern das größte Jedermannteam im Rennen. Das ist jetzt die Messlatte! Die Tour Frankfurt-Südfrankreich haben wir dann übrigens später noch gemacht. Im Team mit neun Mates, das nun fester Bestandteil der Jahresplanung im Guilty Team ist. Unsere „Grand Alpes“ Ausfahrt machen wir seitdem jedes Jahr.

Hohe Straße / Feldberg

Während der Autofahrt klingelt immer wieder das Telefon. Wir machen Zwischenhalt auf der Hohen Straße. Die klare Sicht auf die Frankfurter Skyline ist heute durch dichten Nebel getrübt. Florian wickelt kurzerhand wichtige Telefonate ab. Mit Shantel, Senor CoconutAlva Noto + Ryuichi Sakamoto, Diamond Version, The Moons, The Dukes und Baba Zula managt er acht Künstler international. Während die kreativen Energien weltweit fließen, laufen bei ihm Organisation und Verwaltung zusammen.

Gibt es bestimmte Kriterien, nach denen du deine Künstler auswählst? Wie kommt es letztlich zur Zusammenarbeit?

Das ist eine Frage, die ich gar nicht pauschal beantworten kann. Gemeinsam ist allen, dass ich sie schon sehr lange und sehr gut kenne. Über die Jahre sind sie richtige Freunde geworden, mit denen ich auch in den Familienurlaub fahren würde. Musikalisch sind sie allesamt Pioniere auf ihrem Gebiet, die Speerspitze ihres jeweiligen Genres, absolut unique, qualitativ hochwertig und damit höchst erfolgreich. Die haben alle wirklich etwas zu sagen. Die Entscheidung zur Zusammenarbeit kommt sehr aus dem Gefühl heraus. Ich spüre, dass da etwas ist und möchte dann auch selbst wissen, wie es sich über die Jahre weiterentwickelt.

Menschen, die Frankfurt nicht kennen, finden es ja meist sehr hässlich und unübersichtlich. Wer sich dann aber mal jenseits der ausgetretenen Pfade wagt, ist meist überrascht.

Absolut. Die Lebensqualität in Frankfurt ist top. Das hängt natürlich auch mit der Infrastruktur zusammen. Du hast großartige Restaurants und ein wahnsinnig tolles Kulturangebot. Rundherum ist Frankfurt auch sauschön. Der Taunus etwa, auf und um den Feldberg herum, der Odenwald und natürlich der Main. Die Hohe Straße ist einer meiner liebsten Orte. Da kann man nicht nur gut Radfahren. Was viele nicht wissen, ist, dass es sich dabei um eine uralte Handelsstraße mit langer Geschichte handelt. Da kannst du von Frankfurt aus bis nach Kiew fahren.

Wie wird man eigentlich Mitglied im Guilty76 Racing Team?

Du kannst nur von einem bereits aktiven Mitglied empfohlen werden. Bei einem persönlichen Treffen entscheiden wir dann, ob du ins Team passt. Grundvoraussetzung ist natürlich eine aktive, ambitionierte Leidenschaft für den Radsport und die Verpflichtung, jedes Jahr am 1. Mai für das Team in Frankfurt bei „Rund um den Finanzplatz“, unserem Heimrennen, zu starten. Bei sämtlichen relevanten Veranstaltungen im In- und Ausland sollen immer mindestens eine Hand voll Guilties am Start sein. Das ist Wahnsinn und sorgt ab und an für “positive” Verwirrung, da wir vor einem Jahr noch völlig unbekannt in der Radsportwelt waren. Bei uns kann man aber auch wieder rausfliegen. Besonders dann, wenn man denkt, irgendwelche Vereinsstrukturen einführen zu müssen. Bei uns gibt es keinen Vorsitzenden, keine Vereinstreffen oder einen Kassenwart. Wir haben nicht einmal eine Kasse. Es gibt einen Emailverteiler und die Möglichkeit, gemeinsam in losen Gruppen für Rennen zu trainieren, Ausfahrten zu machen oder in Trainingslager zu fahren. Wir haben alle unsere Jobs und ein ausgefülltes Leben, die wenigsten haben Zeit für regelmäßige Verpflichtungen, wie man es aus Vereinen kennt.

Desres Design Studio im Bahnhofsviertel

Aus der Natur und herunter vom Hausberg der Stadt geht es in das Herz Frankfurts, das Bahnhofsviertel. Viele hielten den Stadtteil zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt für einen Schandfleck und riefen ihn aufgrund der hohen Kriminalität und Drogenkultur zur No-Go-Area aus. Heute gelten große Teile des Bahnhofsviertels als Hotspots. Zahlreiche Cafés und Restaurants öffneten ihre Türen für ein vielseitiges Publikum.
Dieses Jahr erst kürte die New York Times die Gegend zu einem von „50 Places to Visit“ weltweit. Florians Freundin Michaela Kessler zog mit ihrer Design-Agentur desres bereits 2003 in einen der zahlreichen Prachtaltbauten des Bahnhofsviertels. Sie ist u.a. auch für das Design von Guilty76 zuständig.

Radlabor

Jeder bikeaffine Frankfurter sollte, meint Florian, das Radlabor kennen. Sitzplatzanalyse und Leistungsdiagnostik von Radsportlern zählen neben Personal Training zu seinen Dienstleistungen. „Im Winter verbringen wir hier oft Stunden auf den Geräten, quatschen und radeln unsere Trainingskilometer herunter.“ Tim Böhme und Stefan Zelle sind selbst auch Part of the Gang. Tim ist amtierender deutscher Mountainbike Marathon Meister.

Auf dem Weg zurück zur Innenstadt treffen wir John Degenkolb, der wenige Tage zuvor als bester deutscher Teilnehmer den 9. Platz bei der Weltmeisterschaft im Straßenrennen belegt hatte. Wenn Tim, Dege und Florian zeitgleich in der Stadt sind, trainieren sie gemeinsam. Gegenseitiger Support und Zusammenhalt ist allen wichtig. Die Radmütze mit dem Schriftzug „Dege“ ist als Fanartikel Bestandteil der Guilty 76 Racing Ausrüstung.

B74 Selected Goods

Du hast extra Biketrikots entwerfen lassen, weil das bestehende Angebot nicht deinen Anforderungen entsprach? Welche Rolle spielt Kleidung in deinem Alltag?

Ich bin immer auf der Suche nach dem Speziellen. Heutzutage sehen leider weltweit alle Fußgängerzonen gleich aus. Und somit gibt’s auch überall den gleichen Kram. Abseits dieses Mainstreams bestehen aber zum Glück internationale Nischen, kleine Fachbetriebe, die teilweise jahrhundertalte Techniken und Herstellungsverfahren aufrecht erhalten und auch in Zeiten von Drei-Euro-T-Shirts qualitativ Hochwertigstes produzieren. Ich liebes es, diese Spots zu finden.

Wie z.B. das B74?

Absolut. Wann man hier einmal war, versteht man den Rest von selbst. Mit den Jungs von B74 und Golden Bear aus San Francisco entwickeln wir auch gerade eine Guilty76 Racing College Jacke. Jedes Teil ein Einzelstück, handmade in the USA, höchste Qualität. Die haben z.b den Kragen extra und exklusiv für uns gewebt, ebenfalls alle Stickereien. So eine Produktion dauert dann halt fast ein Jahr aber dafür hast du ein Item for Lifetime, das so auch nicht einfach jeder kaufen kann. On Top weißt du, wer das wo und wie produziert hat.

Lobster im Brunnenviertel

Von Sachsenhausen kennen viele Nicht-Frankfurter nur die Altstadt, genannt Alt-Sachsenhausen, mit ihren Bars, Restaurants und Kneipen. Anders als die meisten anderen Frankfurter Stadteile war das südlich des Mains gelegene Sachsenhausen nie eigenständig, sondern gehörte schon im Mittelalter zu Frankfurt. Neben dem berühmten Apfelwein und der Henninger bzw. Binding Brauerei ist aber vor allem am Museumsufer die Kunst zu Hause. Mittendrin liegt das Brunnenviertel. Hier lebt Florian zusammen mit seiner Freundin Michaela. Die Abende verbringen sie regelmäßig im Lobster

Was ist für dich das Besondere am Brückenviertel?

Die Lage! Der Main ist in unmittelbarer Nähe und zusätzlich ergab sich, dass alle relevanten Frankfurter Plattenläden hier sind. Hinzu kommt eine der besten Bäckereien der Stadt, der Portugiese mit dem besten Kaffee, eine Vielzahl guter Restaurants. Man kann hier sehr entspannt wohnen, wenn man mit den Horden randalierender Fussballfans, Junggesellenabschieden und anderen Alkoholmissbrauchsopfern – auf ihrem Weg nach Alt-Sachsenhausen und wieder zurück – klar kommt. Richtig Ruhe ist nur montagabends. Außer, die Eintracht ist mal wieder in die zweite Liga abgestiegen und hat dadurch ein Montagsspiel, dann ist wieder Ausnahmezustand…

Und das Lobster?

Das ist eine Oase, quasi ein Kurzurlaub. So überhaupt nicht Frankfurt. Ein typisches Pariser Bistro. Durch die offenherzige Bewirtung dann aber doch auch wieder typisch Frankfurt.

Freunde von Freunden & Mini
Florian Joeckel

Thanks!

Dieses Porträt ist die zweite Episode einer monatlich erscheinenden City Guide Serie, die Freunde von Freunden zusammen mit MINI produziert hat. Das Konzept stellt Städte und Locations aus der persönlichen Sicht von Kreativen vor.

Hier  geht es zur Übersicht aller City Guides auf Freunde von Freunden.

Fotografie: Natalie Bothur
Interview & Text: Mahret Kupka