Die Gleisdreieck-Connection: Maike Cruse und die Kunstszene rund um die Potsdamer Straße
Die Direktorin des Berliner Gallery Weekend und der Kunstmesse abc gibt uns Einblicke in ihren Arbeitsalltag und in das Kunst-Universum nahe des Potsdamer Platzes, Berlin
Audemars Piguet × FvF
interviews > Die Gleisdreieck-Connection: Maike Cruse und…

Zeit für morgendliche Rituale, ausgedehnte Frühstücke oder langes Duschen gibt es bei Maike Cruse nicht. Hat sie ihre beiden Kinder versorgt, schwingt sich die Direktorin des Berliner Gallery Weekend und der Kunstmesse abc direkt auf ihr Fahrrad und macht sich auf den Weg zur Arbeit.

„Auf dem Fahrrad telefoniere ich meistens schon“, erklärt sie uns lachend im Gespräch. Was bemerkenswert ist und Maike Cruses leidenschaftlichen Arbeitseifer unterstreicht – denn zu ihrem Office an der Potsdamer Straße sind es durch den Berliner Park am Gleisdreieck nur knappe zehn Minuten.

Dort arbeitet Maike zusammen mit zwei Kolleginnen, mit denen sie ein eingespieltes Trio bildet. Gegenseitiges Vertrauen und langjährige Erfahrung erlauben es dem Team, die Dinge auch mal unbürokratisch anzugehen. Denn wer die Regeln beherrscht, kann sie bei Bedarf kreativ gestalten und auch noch in letzter Minute neue Ideen aus dem Ärmel zaubern. Diese Freiheit, innerhalb eines erfolgreichen Formates wie des Gallery Weekend nicht immer nur konventionell arbeiten zu müssen, ist ein Luxus, den die ehemalige Kommunikationsleiterin der Art Basel schätzt. Worum es Maike bei beiden von ihr verantworteten Veranstaltungen geht, sind dabei vor allem Inhalte: „Das, was mich an Kunst interessiert, sind Arbeiten, die den Kopf öffnen.“

Erst mal öffnet Maike aber uns den Kopf: Wir begleiten sie von ihrem Zuhause in Schöneberg durch den Park am Gleisdreieck zu ihrem Office auf der Potsdamer Straße. Auf dem Weg besuchen wir die Galerien Société und Helga Maria Klosterfelde Edition, beide Teilnehmer am Berliner Gallery Weekend. Während unserer Tour erfahren wir mehr über Maikes Leidenschaft zur Kunst, ihren beruflichen Hintergrund und den Gallery Weekend Guide, der mit Unterstützung von Audemars Piguet 2016 erstmals erscheint.

Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-9397

Berlin als heranwachsende Kunsthauptstadt

Ein Spaziergang durch den Park am Gleisdreick

Wir starten unsere Tour im südlichen Teil des Parks am Gleisdreieck und streifen auf dem Weg zur Potsdamer Straße auch die „Station Berlin“ – das Messegelände der abc-Kunstmesse. Unterwegs weiß Maike Cruse an jeder Ecke über ein neues Detail zu berichten und ist sichtlich begeistert von den vielfältigen Möglichkeiten der Nutzung des Parks.

Deine Faszination für die Hauptstadt ist offensichtlich: Was ist das Potenzial von Berlin für dich?

Maike Cruse: In Berlin entwickelt und tut sich stets wahnsinnig viel. Zum Beispiel finde ich es besonders interessant, was sich hier um den Park am Gleisdreieck bewegt und was rund um die Potsdamer Straße passiert. Insbesondere aus der Perspektive der Kunstwelt. In den letzten Jahren ist hier ein ganz neues Kunstzentrum entstanden mit etablierten Galerien wie Esther Schipper, Guido Baudach und Blain Southern und jüngeren Galerien wie Tanya Leighton, Supportico Lopez oder Micky Schubert. Es gibt  sehr viel Reibungs- und Entwicklungspotenzial, auch durch die ganzen Kreativen aus aller Welt, die in die Stadt ziehen. Das gilt auch im Hinblick auf den Verkauf von Kunst. Berlin gilt ja als eher schwacher Kunstmarkt, mittlerweile ziehen aber auch viele Sammler hierher und auch junge Leute fangen an Kunst zu sammeln.

Es gibt viele neue Galerien, aber auch viele neue unabhängige Projekträume. Wie schätzt du die Entwicklung hier ein?

Die schiere Masse an Projekträumen ist unglaublich. Ich glaube, es gibt mittlerweile etwa 130 von ihnen. Das ist natürlich toll, weil es Orte sind, wo sich Kuratoren, Künstler und Kritiker ausprobieren können. Das passt sehr zu Berlin und bildet die Stadt wunderbar ab. Es entwickelt sich natürlich so schnell, dass niemand mehr wirklich den Überblick hat. Aber ich glaube auch, dass das genau das ist, was passieren muss: dass sich diese Projekträume nicht institutionalisieren, dass Energie drin bleibt.

Über welche Stationen bist du in Berlin als Direktorin des Gallery Weekend und der Kunstmesse abc gelandet?

Mein Lieblingsort in Berlin waren immer die Kunst-Werke. Seit Anfang der Neunzigerjahre habe ich dort eigentlich jede Ausstellung gesehen und wollte da unbedingt hin. Also bin ich nach dem Studium nach Berlin gezogen und in die KW reingegangen, um zu fragen, ob ich dort arbeiten kann. Sie haben gesagt: Du kannst morgen anfangen – mit einem Praktikum. Das war 2001. Es war damals dort noch ziemlich chaotisch. Dann kam eins zum anderen, die ganze Institution hat sich nach und nach professionalisiert, ich wurde Pressesprecherin der KW und der Berlin Biennale. Parallel hatte ich in Kreuzberg mein eigenes Ausstellungsprojekt „The Forgotten Bar Project“, wo wir einen Sommer lang jeden Abend eine andere Ausstellung gemacht haben. Es folgten noch mehr internationale Projekte mit einer Gruppe von Künstlerfreunden.

Danach bist du zur Art Basel gewechselt – hattest du dich dort beworben?

Ich hatte Glück: Ich wurde von Marc Spiegler [seit 2007 Direktor der Art Basel, Anm. d. Red.] gefragt, ob ich für ihn die Stelle der Kommunikationsleiterin übernehmen möchte. Nach drei Jahren bin ich nach Berlin zurückgegangen und wurde von den Galeristen, die die abc und das Gallery Weekend gegründet haben und bis dahin allein durchführten, gefragt, ob ich die Kunstmesse abc für sie leiten möchte. Später habe ich dann noch das Gallery Weekend dazu übernommen.

Angesichts einer solchen Karriere würde mich interessieren: Was bedeutet Erfolg für dich?

Ich bin dann erfolgreich, wenn alle anderen erfolgreich sind. Wenn die Ausstellung gut aussieht auf der abc, die Architektur funktioniert und besonders hochkarätige Ausstellungen beim Gallery Weekend laufen. Und wenn schließlich Sammler, Kuratoren und Museumsleute aus aller Welt nach Berlin kommen und dann auch verkauft wird. Von meiner Warte aus habe ich natürlich immer eher einen Blick auf das, was nicht so gut läuft. Deswegen arbeite ich vor allem immer daran, dass es noch besser wird!

Wie hast du die Galerien ausgewählt, die wir auf unserer Tour besuchen?

Die Galerien, die wir besuchen, liegen in der Nähe von meinem Büro. Alfons Klosterfelde von Klosterfelde Edition hat die Galerie seiner Mutter vor einigen Jahren übernommen. Er leitet das sehr souverän und hat viel damit vor. Société ist eine jüngere Galerie, die als Projektraum gestartet ist und dann zu einer Galerie wurde. Sie machen ein sehr eigenständiges, sehr spezielles Programm mit einem ganz eigenen Künstlerstamm, der nachhaltig aufgebaut wird und Künstler wie Bunny Rogers, Timur Si-Qin und Trisha Baga umfasst.

Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-9559
Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-9705
Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-9737

Jenseits des Establishments: Société

Unweit von Maikes Büro in der Potsdamer Straße machen wir zuerst einen kleinen Schlenker in die Genthiner Straße. Société, die Galerie, die wir dort besuchen, versteckt sich im ersten Stock. Bei Société wird gerade eine Ausstellung der Künstlerin Bunny Rogers vorbereitet, die noch vor dem Gallery Weekend stattfinden soll und daher nur zwei Wochen laufen kann. Ein ungewöhnliches Zeitmanagement, welches das inoffizielle Motto des Galeristen unterstreicht: Erlaubt ist, was und wie es ihm gefällt. Es betont außerdem seine kompromisslose Unterstützung für die Künstler, an die er glaubt.

Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-9986
Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-0030
Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-9881

„Das Gallery Weekend ist das interessanteste Wochenende Berlins.“

Was bedeuten das Gallery Weekend und Berlin für euch als Galerie?

Daniel Wichelhaus (Société): Das Gallery Weekend ist meiner Meinung nach das Wochenende, das am meisten internationale Besucher anzieht. Deshalb würde ich sagen, es ist auch das interessanteste Wochenende Berlins. Die Stadt ist generell ein guter Standort: Man kann hier relativ ungezwungen seine Projekte machen.

Was zeigt ihr dieses Jahr zum Gallery Weekend?

Wir zeigen Arbeiten der Künstlerin Petra Cortright, vornehmlich Videoarbeiten.

Seit wann existiert „Société“ und was ist euer Fokus?

Wir hatten erst gar keine Räume und haben dann einfach angefangen, Projekte zu machen. Als Galerie gibt es uns seit etwa vier Jahren. Mich interessieren Künstler meiner Generation – starke Charaktere, die unabhängig von Styles und Trends operieren. Mir macht es Spaß, Dinge direkt mit den Künstlern umsetzen zu können, unabhängig mein Programm zu gestalten und diese Schritte mit den Künstlern zu gehen.

Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-9967
Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-0039

Kochkunst und Editionen: Helga Maria Klosterfelde Edition

Nach unserem Besuch bei Société geht es zurück in die Potsdamer Straße. Alfons Klosterfelde erwartet uns bereits und winkt uns durch die große Fensterfront seiner Galerie Helga Maria Klosterfelde Edition zu. Nach seinem Jurastudium folgte Klosterfelde der Leidenschaft für die Kunst und trat in die Fußstapfen seiner Mutter, deren Galerie er seit einigen Jahren führt. Dass man Kunst durchaus auch anfassen darf, beweist er uns tatkräftig mit der Arbeit des Künstlers Dan Peterman, auf der er und Maike es sich gemütlich machen.

Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-0059
Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-0189
Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-0081

„Man freut sich gemeinsam, wenn man am Ende die Kunst und die Liebe zur Kunst feiert.“

Seit wann gibt es Helga Maria Klosterfelde Edition und was ist euer Fokus als Editionsgalerie?

Alfons Klosterfelde: Die Galerie gibt es seit 1990, gegründet in Hamburg, wo ich auch herkomme. In Berlin ist sie seit 2006, in diesen Räumen sind wir seit 2010. Viele unserer Künstler lassen sich von den Räumlichkeiten inspirieren und das macht total Spaß. Im Gegensatz zur klassischen Galerie ist man bei der Editionsgalerie stärker in die Idee und Produktion involviert und der Galerist begleitet den Herstellungsprozess. Das Tolle an der Edition ist, dass man eine größere Verbreitung hat und je nach Auflage mehr Leute an dem Werk teilhaben können. Da gibt es auch den demokratischen Aspekt, weil Arbeiten oft günstiger sind als bei Unikaten. Wir sind sehr an klassischen Drucktechniken interessiert und speziell am Siebdruck, weil dieser tolle Möglichkeiten bietet.

Was zeigt ihr zum Gallery Weekend dieses Jahr und was bedeutet dieses Format für dich?

Wir zeigen dieses Jahr neue Arbeiten von Rirkrit Tiravanija – ein thailändischer Künstler, der der Galerie und der Familie auch freundschaftlich verbunden ist. Er ist für seine „Social Sculptures“ bekannt, für das Kochen für die Ausstellungsbesucher. Da ist es natürliche eine Herausforderung, eine Auflagenarbeit zu entwickeln, aber dieser Herausforderung stellen wir uns immer wieder. Das Format des Gallery Weekend ist toll, weil alle ihre Türen aufmachen und es nicht nur um die Ausstellungen geht, sondern auch um die Orte und die Leute. Das macht total Spaß – dadurch entsteht so eine kollektive Energie, weil alle sich herausputzen. Und man freut sich gemeinsam, wenn man am Ende die Kunst und die Liebe zur Kunst feiert.

Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-0084
Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-0183

Vom Reiz, spontan zu bleiben: Ein Besuch in Maikes Office

Von Klosterfelde ist es ein Katzensprung zum Office des Gallery Weekend und der abc. Maike Cruse und ihre zwei Kolleginnen teilen sich die Altbauwohnung an der Potsdamer Straße mit weiteren kunst- und kulturaffinen Parteien als Coworking-Space – oft samt Hunden. Das passt gut zu ihrer aufgeschlossenen Haltung und ihrem Interesse daran, Synergien zu schaffen.

Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-0359

„Für eine große Organisation ist meine Arbeit fast spielerisch.“

Was reizt dich besonders an deinen Aufgaben?

Maike Cruse: Wir haben kurze Dienstwege, arbeiten eng mit den Galeristen zusammen und können deshalb sehr flexibel und schnell auf neue Ideen oder Veränderungen auf dem Kunstmarkt reagieren. Man kann jederzeit alles ganz anders und ganz neu machen. Berlin ist eine der aufregendsten Kunstmetropolen und wir sind mittendrin. Wir vernetzen die internationale Kunstszene mit der Stadt und entwickeln mit dem Gallery Weekend und der abc wichtige Formate für Galerien und Künstler.

Wie wählt ihr die teilnehmenden Galerien aus?

Nach ihrem Programm und auch der Nachhaltigkeit des Programms. Es sind rund 50 Galerien, zum größten Teil bleibt die Gruppe gleich, aber wir nehmen auch neue jüngere Galerien mit auf, wie zum Beispiel dieses Jahr die Galerie Mathew, die Arbeiten von Richard Phillips präsentiert. Bei der abc kann man sich bewerben – es kommen internationale Galerien dazu sowie noch mehr junge Berliner Galerien. Sowohl die abc als auch das Gallery Weekend sind Formate, die Galerien unterstützen und stärken wollen, damit sie optimal für ihre Künstler arbeiten können.

Vermisst du manchmal das Ad-hoc-Arbeiten? Also eine Idee zu haben und sie direkt umzusetzen, wie beispielsweise beim „Forgotten Bar Project“?

Für eine große Organisation ist meine Arbeit fast so spielerisch wie beim „Forgotten Bar Project“. Gut, bei diesem Projekt passierte alles quasi von einem Tag auf den anderen – wir haben alle angerufen, alle haben was gemacht und dann selbst etwas mitgebracht. Der Spirit hinter den sehr viel etablierteren Formaten, die ich heute betreue, ist aber ähnlich, es geht ja vor allem um die Begeisterung für Kunst.

Freunde-von-Freunden-Maike-Cruse-0403

Was bedeuten die Partnerschaften mit Sponsoren für euch?

Die Partnerschaften sind für uns sehr wichtig. Beim Gallery Weekend haben wir zwei Hauptpartnerschaften: BMW, die einen exklusiven Limousinenservice bereitstellen, und den Schweizer Uhrenhersteller Audemars Piguet. Das Unternehmen wählt sehr genau aus, wen es unterstützt – und wir sehr genau, wer als Partner zu uns passt. Wir haben uns Anfang 2014 getroffen und schnell gemerkt, dass es viele Überschneidungspunkte gibt. Audemars Piguet hat in seiner Arbeit nicht nur sehr hohe Qualitätsansprüche, sondern auch ein künstlerisches Verständnis – das verbindet. Dieser erste gute Eindruck hat sich auch in der Zusammenarbeit bestätigt und so hat sich diese Partnerschaft Jahr für Jahr stark weiterentwickelt. Was wichtig ist, denn ohne diese Partner wäre unsere Veranstaltung auf diesem Niveau überhaupt nicht möglich. Dasselbe gilt für die Specials, die wir dieses Jahr ins Leben gerufen haben. Wie den Guide, den wir ebenfalls zusammen mit Audemars Piguet machen – er liegt in den Galerien und bei unseren Veranstaltungen aus und wird für alle Besucher eine große Hilfe sein.

Zu guter Letzt: Wie organisierst du deine Energie und Zeit, um Familie und alle deine Projekte unter einen Hut zu bekommen?

Oma, Oma, Oma (lacht). Die kommt viel zu uns nach Berlin. Ohne sie würde gar nichts gehen. Mein Mann ist Kameramann, der dreht Filme und ist auch viel unterwegs. Insofern ist das wirklich so, dass die Großeltern uns den Rücken freihalten, damit wir das alles machen können.

Herzlichen Dank für den Einblick in deine Arbeit und deine ansteckend positive Energie, liebe Maike.

In Kollaboration mit Audemars Piguet wirft Freunde von Freunden einen Blick hinter die Kulissen des Schweizer Familienunternehmens und beleuchtet sein kulturelles Engagement. Dieses reicht von der Partnerschaft mit Kunstinstitutionen wie der Art Basel bis hin zur Förderung von Künstlern und Kunstprojekten. Seit 2013 unterstützt Audemars Piguet das Berliner Gallery Weekend nachhaltig als Sponsor.

Fotografie: Daniel Müller
Interview: Chrischa Oswald