Tetsuya Shono über die japanische Neuinterpretation amerikanischer Streetwear und Sneaker-Kultur
Wie das Konzept von Ametora Japans Innovationen geprägt hat, Tokyo
GORE-TEX × FvF
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Japanische Designer kultivieren die Kunst subtiler Details, die den großen Unterschied machen. Mit einem Hang zu amerikanischer Mode hat der Kreativdirektor von New Balance damit eine Kultur beeinflusst, die langfristig traditionelle Industriestandards umgekrempelt hat.

Alles fing mit einem Buch an: Six Stories of GORE-TEX® Products Vol. 2 ist das kreative Baby von Jörg Haas. Er leitet die Berliner Agentur Beinghunted und versammelt im Buch zahlreiche Kollaborationen zwischen Gore-Tex und Designern sowie Marken aus der ganzen Welt wie Norse Projects oder Acronym. Auch Tetsuya Shono von New Balance Japan wird vorgestellt. Im Gespräch mit Jörg, der mit japanischen Marken und dem Markt in Japan bestens vertraut ist, fiel das Stichwort „Ametora“. Er bezog sich auf den modischen Dialog zwischen Japan und den USA und W. David Marx’ gleichnamiges Buch Ametora—How Japan Saved American Style, das diesen Austausch kulturhistorisch beleuchtet. Tetsuya Shono, der 1971 geboren wurde, ist seit 1997 ein Teil von New Balance Japan, wo er seine Liebe zu Sneakern auslebt und seine Vision für die Zukunft des Unternehmens in die Tat umsetzt. Für dieses Interview erklärte er sich bereit, mit uns über seine persönliche Verbindung zu Ametora zu sprechen.

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„Wenn es ums Thema Mode geht, sind die Japaner in meinen Augen wahre Meister der Kombination!“

— Tetsuya Shono

Tetsuya Shono, wofür steht Ametora?

Das Wort kommt aus dem japanischen Englisch und steht für „American traditional“. In meiner Teenagerzeit war amerikanische Mode in Japan sehr populär, also Denim, Sneakers natürlich und sogar Western-Boots. Den Amerikanern war das nicht so wichtig, denn für sie war das einfach Alltagsmode. Aber wir liebten ihre Kultur und studierten sie bis ins kleinste Detail, zum Beispiel in amerikanischen Filmen oder amerikanischer Musik und brachten ihre Mode dann nach Japan. Ich denke, die Japaner haben die amerikanische Mode neu erfunden. Auch ich bin von dieser Kultur, dem Konzept von „Ametora“, beeinflusst.

Wie ging diese Neuerfindung deiner Meinung nach vonstatten?

Ich denke, Japaner legen viel Augenmerk auf Details und machen sie cooler. Wir übersetzen amerikanische Mode auf eine spezifisch japanische Weise; wir verändern sie und exportieren sie dann zurück in die USA. Zum Beispiel sind die Menschen in Japan kleiner als US-Amerikaner oder Europäer, deshalb war die Mode aus den USA zu groß für uns. Wir haben alle Details behalten, aber die Schnitte verändert, sodass sich die Kleidung der japanischen Silhouette anpasst. Wir reden hier über winzige Details, subtile Veränderungen, die für die Mode enorm wichtig sind.

Jörg Haas hat mir von japanischen Designern erzählt, die ein Nahtband aus Gore-Tex-Stoffen im Inneren einer Jacke anbrachten und es mit Farbe versahen. Ist das ein gutes Beispiel für diese Liebe zum Detail?

Definitiv. Die Farbe am Nahtband betont, dass der Designer Gore-Tex verwendet. Selbst wenn man es von außen nicht sehen kann, erfüllt es einen Zweck. Es verschließt die Nähte und macht das Produkt dank des Gore-Tex-Stoffes wasserdicht. Durch die Farbe verleiht der Designer dieser Funktion Sichtbarkeit. Das ist ganz ähnlich wie beim Bauhaus. Das Design ergibt sich aus der Funktion und gleichzeitig ist die Funktion ein Teil der Ästhetik.

1965 brachten vier japanische Style-Enthusiasten das Buch "Take Ivy" heraus, in dem sie die Mode an US-Eliteuniversitäten zeigten. In Tokio löste es einen Modetrend aus, der von diesem "Ivy Style" beeinflusst war.

Was war der Auslöser für dein Interesse an der amerikanischen Kultur?

Ungefähr mit 12 Jahren fangen Jugendliche an, sich für Mode zu interessieren. Als ich jung war, kümmerten sich meine Eltern um meine Kleidung, aber als ich dann älter wurde, wollte ich cooler sein! Ich fing an, mir selbst Klamotten zu kaufen und mich für Musik zu interessieren. Mitte bis Ende der Achtziger war Hip-Hop gerade im Kommen und als ich diese Musik zum ersten Mal im Radio hörte, war das einfach großartig. In dem Sound steckte so viel Power! Leute, die selbst keine Instrumente spielten, machten Musik, indem sie das Material anderer Künstler sampelten—es sozusagen stahlen. Ich fand die Idee dahinter, die Philosophie des Samplings, wahnsinnig spannend.

Run-DMC waren ja zum Beispiel auch berühmt dafür, dass sie Adidas Superstars trugen. Sie haben also die Sneaker-Kultur mit Musik und urbaner Kultur zusammengebracht.

Und sie trugen die Schuhe ohne Schnürsenkel! Wir wussten nur, dass man seine Schnürsenkel binden musste, wenn man Sneaker trug. Sie ganz wegzulassen—das sah für mich ziemlich cool aus, einfach total neu, obwohl es nur ein kleines Detail war. Übrigens höre ich heute immer noch gern Hip-Hop: A Tribe Called Quest, De La Soul oder Jungle Brothers aus dem Native Tongue Movement. Diese Art des Hip-Hops hat etwas Souliges und steckt voller jazziger Vibes.

Wenn wir über die US-amerikanische Kultur sprechen, die dich beeinflusst hat, dann bewegen wir uns da in Zeiten vor dem Internet, nehme ich mal an. Wie hast du von neuen Trends und neuer Mode aus den USA erfahren?

Ich habe versucht, Magazine wie Thrasher, also die Skateboard-Zeitschrift, in die Hände zu bekommen. Das war in Japan aber ziemlich teuer. Außerdem ging meine erste Reise ins Ausland nach New York. Ich habe mir das Geld aus meinem Nebenjob zusammengespart und bin dann dorthin gefahren. Alles war so aufregend und neu für mich. Ich habe Unmengen an Zeug gekauft, nicht nur Klamotten und Sneaker, sondern auch Spielzeug – im Grunde alles, was eine Verbindung zur amerikanischen Kultur hatte. Für mich bedeutete Ametora, diese Kultur weiter zu erforschen.

Für New Balance arbeitest du mit Produktdesignern zusammen und entwickelst für jede Saison neue Stile. Woher bekommst du heutzutage deine Inspiration und wo spürst du neue Trends auf?

Ich liebe alles in Zusammenhang mit Design und Funktion. Produktdesign bedeutet auch Autos, Architektur oder neue Smartphones. Ich halte mich gern über neue Technologien auf dem Laufenden und beschäftige mich mit innovativen Produkten. Sie inspirieren mich und ich denke immer darüber nach, wie ich diese Elemente für Sneaker oder das Sportmarkenbusiness nutzen kann. Außerdem bin ich draußen auf den Straßen unterwegs. Tokios Mode-Distrikte Harajuku und Shibuya sind für mich einfach zu erreichen. Die größte Inspiration ist für mich aber nach wie vor der direkte Austausch mit anderen Menschen. Ich spreche oft mit Freunden aus Europa oder den USA oder treffe Sneaker-Heads in Tokio.

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Welcher ist dein liebster Sneaker Store in der Stadt?

Einer meiner Favoriten ist Mita Sneakers. Viele meiner Freunde arbeiten dort und New Balance arbeitet ab und an mit dem Mita zusammen. Ich schaue regelmäßig vorbei und sehe nach, was sie gerade verkaufen.

Wir haben uns über den modischen Dialog zwischen Japan und den USA unterhalten. Inwiefern ist New Balance als amerikanische Marke ein Aushängeschild für diesen Austausch?

In den Siebzigern und Achtzigern hat New Balance Japan viel zur Entwicklung neuer Produkte der Marke für die USA beigetragen. Einige Schuhe waren mit einer Technologie ausgestattet, die hier erarbeitet wurde. Zu dieser Zeit war die Technologie für Verbundwerkstoffe in Japan sehr weit vorangeschritten. Zum Beispiel war die japanische Schuhmarke Moonstar an der Entwicklung des Polstermaterials beteiligt, das für die Zwischensohlen vieler Schuhe in den USA verwendet wurde.

New Balance kollaboriert nun schon seit einiger Zeit mit Gore-Tex, die man eigentlich mit Funktionskleidung für den Outdoor-Bereich in Verbindung bringt. Wie relevant ist es deiner Meinung nach, Outdoor-Styles oder funktionelle Kleidung mit Street Fashion zu kombinieren?

Wenn es ums Thema Mode geht, sind die Japaner in meinen Augen wahre Meister der Kombination! Die Leute hier tragen zum Beispiel einen nicht besonders hochwertigen Sweater aus den USA zu High-Fashion-Items von Louis Vuitton oder Gucci. Dasselbe gilt bei der Kombination von Outdoor-Fashion und Alltagskleidung. Modeaffine Menschen in Japan lieben High-Technology-Produkte, selbst wenn wir sie nicht jeden Tag brauchen. Sie funktionieren einfach. Eine Gore-Tex-Jacke ist zum Beispiel sehr nützlich, weil sie unglaublich funktional ist und einfach zu jeder Situation passt.

„Die größte Inspiration ist für mich, mich direkt mit Leuten zu unterhalten—ich tausche mich mit Freunden aus Europa oder den USA aus oder treffe Sneaker-Fans in Tokio.“

— Tetsuya Shono

Tetsuya Shono ist ein Kenner der japanischen Sneaker-Kultur. Über Jahrzehnte wurde er von “Ametora” beeinflusst, ein Konzept, dass unter anderem die Neuerfindung traditioneller US-amerikanischer Mode durch japanische Designer und Marken beschreibt. Mehr darüber erfahrt ihr im Buch von Jörg Haas, das mehrere Kollaborationen von Gore-Tex mit internationalen Marken vorstellt, erfahren.

Dieses Treffen mit Tetsuya als Industrieexperten ist teil einer Kooperation von Freunde von Freunden und Gore-Tex. Zusammen mit dem geschätzten Unternehmen für funktionale Kleidung sind wir ambitioniert, gezielte Einblicke in die kreative Entwicklung der Industrie zu gewinnen. Unser Porträt über Jörg Haas findet ihr hier.

Fotograf: François Cavelier
Text: Fabian Ebeling