Jan Friese & Kathrin Schuster
Photographer and Designer, Apartment & Country House, Berlin
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Kathrin Schusters und Jan Frieses Elan ist ansteckend – angefangen bei den Menschen, denen sie zufällig begegnen bis hin zu jenen, für die sie kreative Ideen entwickeln, sie alle sind schnell fasziniert von der Lebens- und Arbeitsphilosophie der beiden. Das Paar sitzt einträchtig in einem Café auf der Berliner Torstraße und fühlt sich dabei wie in seinem eigenen Wohnzimmer, dabei hat es bereits zwei: Es wohnt abwechselnd in seinem Apartment in Mitte und in einem Landhaus in Brandenburg.

Den Sommer verbringen sie in ihrem Dorfdomizil, weniger als eine Stunde Autofahrt von Berlin entfernt. Im Winter zieht es sie zurück in das trubelige Berlin. Zwei Wohnorte zu haben birgt auch eine wichtige praktische Komponente – es verändert den Blick auf die Welt und die Arbeit. Als Produktdesignerin lässt sich Kathrin gern von der Farbpalette der Brandenburger Natur inspirieren für die Eyewear, die sie entwirft, und auch Jan speist viele Ideen als Fotograf, unter anderem für die großen Automobilkonzerne, aus der stillen und grünen Umgebung.

 

Wie aus einem Astrid Lindgren-Roman wirkt ihr Haus auf dem Land, ein charmanter roter Backsteinbau mit weiß gestrichenen Fensterrahmen und hellblauen Fensterläden. Im Wohnzimmer stehen alte Holzmöbel, die viel Patina ausstrahlen, neben einem Barocksessel aus rotem Samt und einem schicken Sofa.

“Wir richten die Räume, in denen wir leben, nicht von heute auf morgen ein”, sagt Kathrin. “Das kann manchmal Jahre dauern.” Wenn Kathrin heim kommt, sieht es manchmal komplett anders aus – weil Jan plötzlich die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt und umgeräumt hat. Wohnen müsse erst Leben werden, selten werde deshalb nur ein einziges Mal umgestellt. “Oft sitzen wir da und denken: Das ist es noch nicht.”

Das Bedürfnis auf dem Land zu wohnen habe sich ganz langsam entwickelt. Im Sommer vor zwei Jahren reisten die beiden durch Amerika. Sie waren nur mit Wagen und Zelt in der freien Wildbahn unterwegs. Für Jan war das ein Schlüsselerlebnis, so verstehe man plötzlich die Gesetzmäßigkeiten der Natur. “Der Nachbar meinte, wenn er Schwarzbären sieht, warnt er uns und schießt zweimal in die Luft”, erzählt Jan. Der Nachbar schoss tatsächlich und Kathrin und Jan mussten ins Auto flüchten. “Da habe ich verstanden, was Natur alles sein kann.”

Zurück in der Großstadt sei die Abwesenheit der Natur für sie umso spürbarer gewesen. Aus dem Impuls heraus, diesem Moloch zumindest für kurze Zeit zu entkommen, entschieden sich Jan und Kathrin zu einem Ausflug nach Brandenburg. An dieser Stelle lacht Kathrin und sieht verschmitzt zu Jan. “Wir hatten gar nicht vor, ein Haus zu kaufen. Wir konnten uns lediglich nicht entscheiden, in welche Gegend wir fahren.” Im Internet machten sie einen Besichtigungstermin aus: “Um einen Anlass zu haben”, erklärt Kathrin. “Und natürlich haben wir uns dann in das Haus verliebt”, fügt Jan hinzu.

Kathrin machte in erster Linie ein heruntergekommenes Haus mit alten Tapeten und einem hässlichen Fußboden aus: “Aber Jan hatte bereits das Schöne vor seinem inneren Auge visualisiert.

Bei solchen Entscheidungen habe Jan oft das größere “Durchsetzungsvermögen”, wie er es nennt. Schon seine Eltern haben viel Wert auf Wohnlichkeit gelegt und es verstanden, unterschiedliche Möbel zu mixen. “Meine Eltern haben auch gerne mal Sperrmüll mit nachhause geschleppt”, erzählt er. “Die machen das noch heute.” Das Sammeln hat Jan wohl von ihnen geerbt: Die Schulwandtafeln, die in jedem Zimmer hängen, hat er allesamt auf dem Flohmarkt gekauft. “Bald wird sicher auch die große Garage voll sein”, prophezeit Kathrin. Aber statt zu intervenieren, lasse sie sich lieber von seinen Ideen mitreißen.

Genau das war auch das Thema ihrer allerersten Unterhaltung. Kathrin und Jan haben sich vor viereinhalb Jahren über einen gemeinsamen Freund in der Bar 3 am Rosa-Luxemburg-Platz kennengelernt. Sie unterhielten sich über Gestaltung und verschiedene Einrichtungsstile. Dass Jan nicht nur eine genaue Vorstellung von schöner Einrichtung hat, sondern sich sogar regelrecht unwohl fühlt, wenn ihm die Einrichtung nicht gefällt, fand Kathrin damals zunächst eigenartig. “Ihm tut das sogar körperlich richtig weh”, sagt sie und schaut ihn an, “Das fand ich erst mal absurd.” Jan grinst. “Als ich damals in die Bar kam, habe ich gedacht: Wenn ich da jetzt hineingehe, habe ich ein Problem, dann muss ich die nämlich heiraten.”

Heute können die beiden sich nicht nur in ihrer Beziehung ergänzen. Auch beruflich ergibt sich oft die Möglichkeit, zusammen zu arbeiten. Bei seinen Aufträgen ist er an gewisse Motivregeln gebunden, umso mehr genießt Jan seine freien Fotoprojekte, bei denen er mit Bildsprache und Stil experimentieren kann. Letzten Sommer hat er eine alte Seifenkiste auf Ebay ersteigert, um sie in der rauen Natur Schottlands zu fotografieren. Für diese Produktion kaufte er auch das G-Modell, weil auf dessen Dach der silberne Rennwagen gut aussehen würde. Kathrin hat ihn nach Schottland begleitet. Nach der Reise hingen so viele Erinnerungen an dem Wagen, dass sie ihn doch behielten.

Einen Fotografen im Haus zu haben, kommt Kathrin sehr gelegen, denn Jan fotografiert auch ihre Brillenkollektionen. “Dann bin ich wirklich Dienstleister und sie der Auftraggeber”, betont Jan, denn Kathrin hat sehr klare Vorstellungen: “Brillen sind ein sehr intensives Produkt, man trägt sie im Gesicht! Da muss jedes Detail passen.” Für Kathrin ist die Brille die perfekte Kombination aus klassischem Produkt- und Modedesign. “Das Tolle bei den Brillen ist, dass es nicht so lange dauert, bis aus deinem Entwurf ein fertiges Produkt wird. Manchmal entdecke ich jemanden auf der Straße, der meine Brille trägt!”

Im Landhaus haben Jan und Kathrin inzwischen ebenfalls einen Arbeitsraum. Jan fotografiert dort gern die Natur und benutzt die Bilder für Moodboards. Auch für Kathrin stellt die Natur in Brandenburg eine wichtige Inspirationsquelle dar, zusätzliche Farbwelten erschließen sich ihr hier, die sie in ihre Entwürfe miteinbezieht.

 

Aber erstaunlicherweise können sich Kathrin und Jan fernab der hektischen Stadt viel schlechter konzentrieren. “Man will dann nicht vor dem Rechner sitzen, sondern die ganze Zeit wie ein kleiner Junge draußen sein und spielen”, erklärt Jan. Auch Kathrin möchte am liebsten den ganzen Tag den Garten umgraben. “Das ist vielleicht jetzt sehr klischeehaft, aber dank dir sieht der toll aus.” Das Paar genießt es, die Jahreszeiten zu erleben, zu beobachten, wie alles blüht oder welcher Vogel gerade auf dem Baum nebenan sitzt.

Ob sie sich vorstellen können, immer auf dem Land zu leben? Nein, es sei gerade der Kontrast zwischen Stadtleben und Natur, der sie erfülle. Wenn sie lange auf dem Land sei, vermisse sie die Stadt und andersherum, sagt Kathrin. Für Jan ist auch der regelmäßige Kontakt zu Freunden wichtig. “Oder einfach mit einem Kaffee am Küchenfenster zu stehen und zu wissen: Du bist mittendrin”, fügt Kathrin hinzu.

Nicht nur für die Arbeit, auch für die eigene Gedankenwelt sei der stetige Szenenwechsel wichtig. “In Berlin kenne ich gerade mal meinen unmittelbaren Nachbarn, in unserem Ort in Brandenburg kennt jeder jeden”, sagt Kathrin. Bei ihrem Einzug seien die Nachbarn gekommen und hätten geholfen, wo sie konnten. Ein völlig anderes Gemeinschaftsgefühl, das gebe es so in der Stadt nie. Und Jan fügt hinzu: “Und keinen interessiert es, was du für Schuhe trägst oder wie viel Geld du verdienst. Die Menschen auf dem Land haben ganz andere Probleme als die, mit denen wir uns herum schlagen. Das erdet einen, man lernt enorm viel und vor allem schärft es den eigenen Blick für das Wesentliche.”

“Aber”, wirft Kathrin ein, “dann treibt es einen auch wieder in die Stadt, raus aus dieser geschlossenen Hemisphäre, um mal wieder anonym zu sein.”

Kathrin und Jan verabschieden sich bei der Kellnerin, welche die beiden gut kennt. Einige Gäste nicken zum Abschied, auch beim Friseur nebenan winkt ihnen jemand durch das Fenster zu. Hier zumindest wirken die beiden ganz und gar nicht anonym.

 

Dieses Portait ist außerdem Teil von “Friends Of Cars”, unserer gemeinsamen Serie mit Spiegel Online. Mehr über Jan und Kathrin und eine Tour mit ihrem Auto gibt es auf deren Seite.

Zu weiteren Interviews mit Berliner Kreativen geht es hier.

Fotos: Mirjam Wählen
Interview & Text: Kai Kolwitz & Leonie Haenchen