Jan Rösler
Architekt, Apartment, Büro & Tour, Berlin
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Wir befinden uns im Herzen Kreuzbergs. Die Zossener Straße scheint vor Autos, Menschen und Fahrrädern überzuquellen. Durch das Tor eines der wenigen unsanierten Gebäude gelangen wir in einen ersten, dann einen zweiten Hinterhof.

Mit jedem Schritt scheint sich die turbulente Seite der Stadt etwas mehr zu verflüchtigen und längst vergessene Seiten Berlins kommen zum Vorschein. Empfangen werden wir unter einer riesigen Kastanie, die sich zwischen dem Gewerbeteil eines Altbaus, unsanierten Remisen und ein paar Garagen befindet. Das ist die Welt von Jan Rösler. Der junge Berliner Architekt ist hier aufgewachsen. Er bewohnt zusammen mit seiner Freundin und der gemeinsamen Tochter heute eine der Remisen und hat hier seine Werkstatt und sein Studio.

Jan nimmt uns mit auf eine Tour zu einigen seiner Lieblingsbauten seiner Heimatstadt. Er selbst steht noch am Anfang seiner Karriere – wenn auch einer verheißungsvollen. Seine Um- und Neubauten sind genauso unaufgeregt wie er selbst. Sie zeugen von einem hohen Präzisionsgrad, einem klugen und ehrlichen Umgang mit nachhaltigen Materialien und einem Gespür für Kontexte. Die Orte, die wir auf unserer Tour besuchen werden, stehen auf ihre Art und Weise für Ähnliches. Sie dienen Jan als Inspiration und Motivation, weiter gegen die Windmühlen des Architektenalltags anzukämpfen.

Wohnung und Studio in der Zossener Straße

Du arbeitest und wohnst in dem Haus, in dem Du aufgewachsen bist und Deine Lehre gemacht hast. Das Gebäude scheint eine große Bedeutung für Dich zu haben.

Ich bin im Vorderhaus aufgewachsen und im Hof war schon während meiner Kindheit eine Tischlerei. Dort habe ich mein Schulpraktikum gemacht und dann nach meinem Abitur mit der Lehre begonnen. Mein ganzes Leben scheint sich wirklich um diesen Hof herum abzuspielen. Gleichzeitig bin ich aber auch viel auf Reisen und habe unter anderem auch ein Jahr in Norwegen gelebt. Davon habe ich viel mitgenommen.

Dennoch bist Du nie weggezogen. Was macht den Hof als Standort für Dich so attraktiv?

Die Möglichkeiten, die ich hier hatte und habe, sind einfach zu gut. Nirgendwo sonst in der Stadt könnte ich mir solche Flächen leisten. Ich habe das immer als große Qualität geschätzt: Als Jugendlicher hatte ich hier einen Werkstattraum, während meiner Studienzeit hatte ich einen Arbeitsraum für mich und einige meiner Kommilitonen und jetzt befinden sich hier meine Wohnung, meine Werkstatt und mein Büro. Irgendwie habe ich alles, was in meinem Leben eine Rolle spielte, hierher gebracht. Vielleicht um zu vermeiden, hier weggehen zu müssen. Und wenn mal wieder eine Wohnung frei wird, will ich die am liebsten sofort übernehmen und etwas daraus machen.

Welche Rolle spielt Berlin als Dein Lebensmittelpunkt?

Ich bin es seit meiner Kindheit gewohnt, dass ich am Sonntag noch irgendwo etwas einkaufen kann, dass auf der Straße nicht nur Deutsch gesprochen wird und dass es einfach etwas offener als in einer Kleinstadt zugeht. Aber von dem kulturellen Angebot Berlins konsumiere ich kaum etwas. Ganz im Gegenteil: Ich tendiere manchmal etwas mehr zum Land!

Du hast Dir hier ja auch Dein eigenes kleines Dorf geschaffen.

Das stimmt. Ich habe es mir hier ziemlich gemütlich gemacht und mag dieses Abgeschiedene inmitten des Trubels. Aber Berlin liegt direkt vor der Haustür. Mein Plan ist es, irgendwann den Seitenflügel, der im 2. Weltkrieg beschädigt wurde und nur noch aus zwei Etagen besteht, wieder aufzustocken und dann der Sonne entgegen zu ziehen.

“In meiner Familie war es üblich, dass man Dinge selber macht und autark ist.”

Du hast eine Ausbildung als Tischler gemacht, eine kleine Baufirma gegründet und Architektur studiert. Nun hast Du Dein eigenes Büro. Woher kommt Dein Tatendrang?

Rückblickend könnte man sagen, dass es eine ganz logische Entwicklung ist. Obwohl ich das gar nicht so geplant habe bin ich doch sehr froh darüber. Der Tatendrang steckt mir quasi in den Genen. In meiner Familie ist es üblich, dass man Dinge selbst macht und autark ist. Das führe ich automatisch so fort.

Wie kamst Du mit Architektur in Berührung?

Nach meiner Gesellenprüfung wusste ich noch nicht, ob ich lieber Arzt oder Architekt werden wollte. Beide Berufe kamen in meiner Familie vor – und beide strahlten eine Faszination auf mich aus. Ich hatte mich dann schon für Medizin eingeschrieben mit dem Ziel, Unfallchirurg zu werden. Dann habe ich eher durch Zufall dem Vater meiner damaligen Freundin beim Ausbau eines Hauses geholfen. Dabei haben wir nicht nur „Ökowerkstoffe“ benutzt, sondern es wurden auch kleinste Details perfekt ausgeführt, was sicher damit zu Tun hatte, dass er Geigenbauer ist. Dieser ungeheure Grad an handwerklicher Präzision hat mich sehr beeindruckt, auch die Wahl der Baustoffe, die ohne Chemie hergestellt wurden. Während dieser Zeit habe ich mich für die Architektur und das Bauen entschieden und bin dabei geblieben.

Das Thema Präzision zieht sich wie ein roter Faden durch Deinen Werdegang. 

Präzision ist immer das Ziel. Ich habe als Tischler in einem unheimlich kleinen Maßstab gearbeitet: Da ging es auch mal um barocke Intarsien, die mit der Hand ausgearbeitet werden mussten. Da meine ersten Architekturprojekte eher klein waren, konnte ich sie nicht nur selbst umsetzen – ich konnte mich auch in den Details austoben.

Architektonische Tour durch Berlin

Ein Besuch bei einer von Jan’s Baustellen - Freie Evangelische Kirche Kreuzberg

Ein kleines Raumwunder finden wir auf der ersten Station unserer Tour: Tritt man durch die schmale Einfahrt des Kreuzberger Altbaus, steht man vor einer Grube, die schräg zu den Außenwänden des Seitenflügels abfällt. Durch diesen klugen Eingriff hat Jan einem ehemaligen Kellergeschoss unerwartete räumliche Qualitäten geschenkt. In Zukunft wird hier eine hölzerne Treppe den neuen Gemeinderaum mit dem Außenraum verbinden und liefert eine fast bühnenhafte Aufenthaltsqualität. Natürlich werden die Beton- und Holzarbeiten von Jan und seinem Team in Eigenarbeit ausgeführt. Aber auch der Pastor, ein alter Freund des Architekten, packt mit an.

Möchtest Du diese Art zu Arbeiten beibehalten?

Ich würde natürlich schon gerne mal etwas größere Baustellen haben, über die man mit einem Kran hinwegfahren kann, um zu sehen, was man als Architekt alles dirigiert. Man lernt auch deutlich schneller, was alles möglich ist und wie man bestimmte Grenzen ausreizen kann. Aber so ein Volumen bringt auch Nachteile mit sich: Der Einsatz mit den eigenen Händen fällt weg und es gibt auf einmal Investoren, die mehr der Rendite als einer baukünstlerischen Vision folgen. Manchmal frage ich mich schon, warum solche Leute überhaupt zu Architekten gehen. Aber genau das ist auch die große Kunst unseres Berufs: Qualität durchsetzen!

Du machst tatsächlich viel selbst auf Deinen Baustellen. Wie steht es um Deine Mitarbeiter?

Die schicke ich mindestens einmal pro Woche auf unsere Baustellen, wo sie selbst Hand anlegen müssen. Dadurch lernen sie Prozesse und Abläufe wesentlich schneller als anderswo. Wir haben gerade bei einem Bauprojekt die Betonarbeiten selbst gemacht: Das heißt, meine Leute können jetzt Bewährung und Schalung bauen. Sie wissen in Zukunft, worauf sie achten müssen und an welcher Stelle sich ein Mehraufwand lohnt.

Visionäre Architektur am Lokdepot

Der rot strahlende Wohnhausriegel, an der Grenze von Kreuzberg zu Schöneberg und Tempelhof, sticht aus dem Berliner Architekturbrei wohltuend heraus. „Das ist schon ein außergewöhnliches Projekt und man sieht, dass es mit ein bisschen mehr Liebe geplant wurde“, beschreibt Jan seinen Eindruck von den Gebäuden aus der Feder des Berliner Architekturbüros ROBERTNEUN. „Hier zeigt sich, welche Qualitäten gute Bauten ausbilden können. Wenn man hier über etwas diskutiert, dann ist das auf einem viel höheren und anspruchsvolleren Niveau.“ Das Projekt offenbart aber auch die ganze Problematik, die der Beruf des Architekten mit sich bringt: Während die ersten drei Häuser des 15-köpfigen Ensembles noch unter Regie der Architekten entstanden, wurde ihnen die Planung der weiteren Gebäude nach und nach entzogen, weil die Qualität zu hohe Kosten verursachte. Auch das ist ein Teil der Berliner Architekturrealität.

Du schickst Deine Mitarbeiter in die Lehre!

Genau. Das mache ich jedem Bewerber klar, dass man sich bei mir auch mal schmutzig macht und körperlich erschöpft sein kann.

Sichtbeton und klare Materialien: Studio Katharina Grosse

Das Gebäude in Moabit wurde von Jans ehemaliger Professorin Ute Frank entworfen und ist die Arbeitsstätte der Künstlerin Katharina Grosse. Für ihn stellt der beeindruckende Betonbau „seine Grundschule“ dar und hat ihm früh die Möglichkeiten aufgezeigt, die ihm mit Architektur zur Verfügung stehen. Gerade durch die einfache Materialität, die billige Schalungstechnik und das Unpräzise erzeugt das Haus eine radikale Geste. „Hier wurde mit dem gearbeitet, was geht. Und nicht versucht, eine Perfektion zu erreichen, die nicht im Bereich des Möglichen liegt.“

In Deinem Büro sieht man viele sehr schön gearbeitete Modelle. Ist das Dein Lieblingswerkzeug bei der Bearbeitung von Projekten?

Die erste Idee kommt mir meistens beim Autofahren. Danach ist der Modellbau auf jeden Fall eines der ersten Werkzeuge – so habe ich das auch an der Universität gelernt. Man kann damit sehr gut die Dimensionen und Abmessungen überprüfen und schnell Fehler entdecken. Wir versuchen, auch auf den Baustellen 1:1-Modelle zu platzieren, um die Proportionen und das Zusammenspiel zwischen den Elementen zu kontrollieren. Das machen wir, bis es kein Zurück mehr gibt. Denn ich will auch aus kleinen Projekten das Beste herausholen. Egal, ob es um ein Toilettenhäuschen oder einen Geräteschuppen geht.

Holz scheint ein wichtiger Bestandteil Deiner Arbeit zu sein und taucht auch in Deinen Projekten immer wieder auf. Ist es Dein Material?

Es ist das Material, welches ich am besten beherrsche. Was natürlich daran liegt, dass ich den Beruf des Tischlers erlernt habe. Es ist aber auch von der Be- und Verarbeitung her eines der schönsten Materialien: Holz ist nicht so schmutzig und kalt wie Stein, Stahl und Beton.

Eine innovative Erweiterung des Naturkundemuseums

Steht man vor dem versteckt liegenden Seitenflügel des Naturkundemuseums an der Invalidenstraße traut man seinen eigenen Augen kaum: Die alten Ziegelfassade geht nahtlos über in eine monolithische Betonoberfläche, die das historische Vorbild exakt und fugenlos nachzeichnet. „Hier wurde unheimlich präzise gebaut“, erklärt Jan die Vorgehensweise des Schweizer Architekturbüros Diener & Diener, für das er auch gearbeitet hat. Die Planer entschieden sich dazu, die Zerstörung durch eine monolithische Füllung zwar zu reparieren, aber gleichzeitig eine eindeutige Reminiszenz an den historischen Bestand lesbar zu machen. Mit Hilfe von Latexmatrizen konnte das historische Fassadenmuster auf die ergänzenden Elemente aus Beton übertragen werden. Ein surreales Bild, das gleichermaßen irritiert und berührt.

Wie würdest Du Deine Architektursprache beschreiben?

Formal ist meine Arbeit schon sehr reduziert und orientiert sich eher an der Schweizer Architektur. Da wurde ich stark durch mein Studium und die Professorin Ute Frank geprägt: Das Studium war – im positiven Sinn – sehr schweizlastig. Ich mag, dass dort ein sehr großer Wert auf Qualität gelegt wird und öffentliche Bauten nicht nach einem Standard-Quadratmeterpreis gerechnet werden, sondern auch mal etwas mehr Geld für ihre Architektur bekommen. In Deutschland und insbesondere in Berlin wird immer nur gespart. Dadurch ist die Qualität der Neubauten ziemlich schlecht.

Monohaus - Ein Gebäude tanzt aus der Reihe

Nächster Halt, nächstes Betonkunstwerk. Und wieder wie aus einem Guss. Doch diesmal handelt es sich um ein Wohnhaus vom Berliner Büro Zanderroth nördlich der Torstraße. Die 55 Zentimeter starken Wände aus Dämmbeton geben dem Projekt nicht nur die Gestalt, sondern auch die Tiefe eines monolithischen Blocks, der sich als ruhiger Gegenpol zwischen die gründerzeitlichen Altbauten der Gegend schmiegt. Kein angepasster Historismus, sondern eine eigenständige und kompromisslose Interpretation Berliner Wohnungsbaugeschichte.

Dein Studio befindet sich im Gewerbeteil eines Gründerzeitbaus. Wie bist Du an dieses Objekt gekommen?

Vor etwa zwei Jahren bot sich mir die Chance, diese Etage zu übernehmen. Der Vorgänger hatte das Loft kleinteilig unterteilt und hier eine Möbelwerkstatt betrieben. Wir haben erstmal alles auf seine Rohsubstanz zurückgebaut, um den ursprünglichen Charakter wiederherzustellen. Dann haben wir – wie wir es immer bei eigenen Projekten machen – versucht, Materialien, Techniken und Methoden auszuprobieren, wie mit der Wand aus Lehm. Wir wollten wissen, ob sich der Werkstoff leicht verarbeiten lässt, ob er unserer Ästhetik entspricht und ob er ganz einfach funktioniert. Wenn das so ist ist, haben wir ein Material mehr auf der Liste. Ich versuche eigentlich immer, Materialien zu verwenden, die in ihrem Rohzustand verbleiben können. Dinge zu beschichten oder in ihrer Oberfläche zu verändern, mag ich nicht. Mein Traum ist es aber, jedes Material mindestens einmal verbaut zu haben und genau zu wissen, wo die guten und schlechten Seiten des jeweiligen Werkstoffs liegen. Lehm gefällt mir auf jeden Fall!

Eine neue Annäherung für kreative Zwecke: Spreestudios

Letzte Station: Rummelsburger Bucht. Wo sich früher bis zu 17.000 Besucher täglich in der städtischen Flussbadeanstalt Lichtenberg vergnügten und später die Zollverwaltung der DDR angesiedelt war, entstehen zurzeit Gewerbeeinheiten unter Federführung des Berliner Büros TBBK. Dabei wird die rohe Struktur der Hallen bewahrt und durch minimalistische Ergänzungen qualitativ aufgewertet. Auch die alte Nutzung wird nur ergänzt: Zwischen den privaten und halbprivaten Spreestudios entstehen öffentliche Räume, die das Areal durchmischen sollen. Die sukzessive Aneignung der Gebäude ist ausdrücklich gewünscht!

Was bedeutet Architektur für Dich?

Architektur ist eine Mischung aus Funktionalität, Materialität und Ästhetik. Sie muss einen Sinn und ein Ziel haben. Die Gewichtung kann aber immer unterschiedlich sein: Mal überwiegt vielleicht der künstlerische Teil, mal der konstruktive. Wichtig ist, dass sich diese drei Aspekte gegenseitig in der Balance halten.

Danke, lieber Jan, dass Du uns zu ein paar wundervollen und spannenden Orten Berlins geführt und Deine Gedanken zur Architektur mit uns geteilt hast.

Dieses Porträt ist Teil unserer “Guided and Curated” Serie, die FvF gemeinsam mit MINI Deutschland produziert hat.

Interview & Text: Tim Berge
Photography: Fabian Brennecke