(EN) Jana Balluch & Jean-Sébastien Philippe
(EN) Street Artists, House, Salzburg
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Aus zwei Mitbewohnern wurde ein Liebespaar. Mittlerweile sind sie Eltern zweier Kindern und arbeiten zusammen: Jana Balluch und Jean-Sébastien Philippe (JS) sind unzertrennlich.

Mit Ideen im Kopf und Spraydosen in der Hand prägt das Künstler-Duo seit Jahren die urbane Landschaft in den Metropolen dieser Welt.

In Madrid haben sich Jana und Jean-Sébastien während einem Auslandsjahr kennengelernt, die Kunst kam später. Inspiriert durch die für Madrid so typische Street-Art, hat der gebürtige Pariser Jean-Sébastien – der eigentlich nicht malen kann – begonnen, sich für die Stencil-Kunst zu interessieren. Aus Fotos entstehen Schablonen, mit denen realistische Impressionen an jede Wand gezaubert werden können.

 

In Janas Heimat Österreich durchstreifen die beiden am liebsten verlassene Ruinen und Naturbrachen, stets auf der Suche nach einem neuen Platz für ihre Kunst – ob Fabrikwand oder Baumstamm. Mit ihren Bildern haucht das Paar dem Liegengelassenen so neues Leben ein.

Ein Gespräch über die Ästhetik der Trümmer, kommerzielle Street-Art und Politik auf der Straße.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

JS: Ich bin in Paris geboren und habe in Tours Wirtschaftswissenschaften studiert. Im Rahmen meines Auslandssemesters bin ich nach Madrid gegangen, wo ich dann Jana kennengelernt habe.

Jana: Ich kam als Au-pair-Mädchen nach Madrid Den Job habe ich jedoch vorzeitig beendet und musste mir daraufhin eine neue Wohnung und einen neuen Job suchen. In der Wohnung, in die ich schließlich eingezogen bin, hat auch Jean-Sébastien gewohnt – so haben wir uns getroffen.

Wie wurden aus zwei WG-Bewohnern in Madrid dann junge Eltern und  Künstler in Salzburg?

Jana: Als unsere Zeit in Madrid um war, bin ich nach Wien, und Jean-Sébastien nach Paris gegangen. Bereits nach  einem Jahr bin ich nach Paris gezogen, um mit Jean-Sébastien zusammen sein zu können. Gemeinsam sind wir dann 2008 nach Salzburg gegangen, weil ich dort noch mal studieren wollte.

Wann habt ihr angefangen, gemeinsam Kunst zu machen?

Jana: Ich habe schon immer viel gezeichnet und fotografiert, Jean-Sébastien eigentlich gar nicht. Lustigerweise war er aber derjenige, der mir die Stencil-Technik zeigte.

JS: Durch den Künstler Artiste-Ouvrier habe ich die Technik in Frankreich kennengelernt. Ich wollte schon länger kreativ arbeiten, war aber immer unglücklich mit meinen Zeichnungen. Die Stencil-Technik war für mich perfekt, da es nicht darauf ankommt, wie gut du zeichnest, sondern wie  gut deine Idee ist. In Madrid hatte ich überall Stencil-Street-Art gesehen– viele Bilder entstehen dort ganz spontan, oft haben sie eine politische Botschaft.

Jana: Wir fingen gemeinsam damit an, mit dieser Technik zu sprühen, aber erst seitdem wir in Salzburg leben, verdienen wir damit auch unseren Unterhalt.

JS: Als feststand, dass Jana nach Salzburg geht, bin ich mitgekommen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. So konnte ich nicht länger als Wirtschaftsprüfer arbeiten, aber das wollte ich ohnehin nicht mehr. Wir haben uns dann entschieden, es mit der Kunst zu versuchen.

Hat das sofort funktioniert? 

Jana: In Paris hatten wir bereits viel gesprüht, Ausstellungen in Bars veranstaltet und wurden dann sogar von einer Managerin vertreten. Auch in Österreich wurden wir für verschiedene Aufträge angefragt. Langsam wurde es dann immer ernster.

JS: Ganz am Anfang fand ich an dieser Art von Kunst nur reizvoll, über Nacht etwas zu sprühen, um es am nächsten Tag überall zu sehen. Ich hätte nie gedacht, dass ich damit einmal Geld verdienen oder Karriere machen würde.

Obwohl Street-Art aus einer Subkultur heraus entstanden ist und immer noch den Flair des Illegalen hegt, hört man zunehmend von kommerziell erfolgreichen Street-Art-Künstlern. Begrüßt ihr diese Entwicklung?

JS: Dieser Schritt ist wichtig, denn viele Street-Art-Künstler sind ernstzunehmende Künstler. Es gibt weitaus spannendere Dinge in der Szene, als nur die hingekritzelten Namen. Diese Wahrnehmung hat sich wirklich verändert und ist heute definitiv anders als vor 20 Jahren.

Jana: Für uns ist es am Wichtigsten, dass etwas Schönes entsteht. Wir selbst können auch nicht mehr so arbeiten wie früher, wo es schnell gehen musste und man nur gesprüht hat, um in den Straßen präsent zu sein. Ich finde diese auch deshalb Entwicklung gut.

JS: Für mich bleibt der spontane Charakter der Kunst trotzdem wichtig. Ich will beim Sprühen frei bleiben.

Frei bleiben von…?

JS: Den Vorgaben, die zum Beispiel manche Aufträge mit sich bringen. Selbst bei einem Auftrag möchten wir gerne den Ort aussuchen, an dem wir sprühen.

Jana: Wir kriegen oft Anfragen für Werbeprojekte. Zweimal hatten wir bei einem Werbeauftrag trotzdem alle kreativen Freiheiten, dann ist das okay – aber sonst interessiert uns Werbung nicht.

JS: Ich halte auch nichts davon, wenn Sprayer überall das gleiche Motiv hinsetzen, um für sich selbst zu werben.

Die Flächen, die ihr besprüht, sind sehr unterschiedlich: Hier eine Ruine, dort eine U-Bahn.

Jana: Uns gefallen Orte, an denen man keine Kunst erwartet.

JS: In Paris ist jede Wand voll mit Street-Art oder Postern. Da gibt es keine Überraschungen mehr. Für uns war das eine spannende Herausforderung. Zur Abwechslung haben wir auf Baumstämme gemalt und waren selbst ganz überrascht, wie gut es funktionierte. Street-Art bedeutet, herauszufinden, wie ich auf einen öffentlichen Raum reagiere, mich zu fragen: was macht hier Sinn, was sieht schön aus?

Wie ist eure Reaktion auf den öffentlichen Raum in Salzburg?

Jana: Noch haben wir nicht so einen starken Bezug zu Salzburg. Hier ist unser Haus, unser Atelier, unsere Familie, aber wir reisen viel. Erst seitdem wir Kinder haben, versuchen wir, auch mehr in Salzburg zu machen.

Leerstehende Gebäude und verfallende Ruinen ziehen euch magisch an. Damit zeigt ihr eine ganz untypische Seite der Stadt.

JS: Das sind zwar keine typischen, aber trotzdem sehr schöne Seiten. Für mich hat diese Leidenschaft schon in Paris angefangen. Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit bin ich an einem Haus vorbeigelaufen, dass immer weiter abgerissen wurde. Dieser Prozess hat mich unglaublich fasziniert – der kaputte Beton, die entstehende Leere –  und ich habe viele Fotos davon gemacht.

Versteht ihr eure Arbeit also als Aufwertung der Ruinen? 

JS: Das kann man so nicht sagen – ob es damit schöner wird, empfindet jeder anders. Wir geben einem Gebäude, das für andere nur kaputt ist, eine neue Funktion. Wir glauben, dass in all diesen Ecken neues Leben wartet. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass die Gebäude nicht hässlich sind, sondern schön.

 

Liegt darin auch eine politische Botschaft, wie beispielsweise bei Banksy?

JS: Unsere politische Meinung steht bei unserer Kunst nicht an erster Stelle. Banksy und viele andere Künstler machen das so – und die machen das gut.

Jana: Ich persönlich habe nicht das Verlangen, meine politische Meinung überall auf der Straße kundzutun.

JS: Aber trotzdem glaube ich, dass jeder Street-Art ohnehin etwas Soziales und Politisches innewohnt. Beispielsweise finden wir nicht alle Aspekte dieser verlassenen Ruinen schön. Wir finden es auch blöd, dass in Städten so viele Sachen leer stehen und keine neue Funktion bekommen. So viele Menschen sind ohne Wohnung, so viele Künstler ohne Atelier. Vielleicht wäre hier Platz für Kultur, dort Platz für ein Theater. Auch in unsere Bilder bauen wir oft Elemente von Plattenbauten und ähnliche Fassaden mit hinein. Viele Menschen müssen in solchen Gebäuden wohnen und das ist nicht immer schön. Ich denke zum Beispiel oft an die Banlieues (Vororte) in Frankreich. Unsere Kunst ist also nicht so politisch wie die von Banksy, aber soll durchaus zum Nachdenken anregen.

Stimmt, das Element der Häuserfassaden findet man oft in euren Arbeiten. Welche Gedanken verbindet ihr noch damit?

JS: Die Fassaden und architektonischen Strukturen sind symbolisch für die Stadt. Anfangs ging es uns immer um den Menschen und seinen Platz in der Stadt, sprich: wir haben immer ein Porträt mit einer Fassade dahinter gemalt–sozusagen die Repräsentation der Stadt in der Stadt. Den Kontrast eines menschlichen Gesichts und geometrischer Architektur fanden wir spannend.

Jana: Jetzt konzentrieren wir uns mehr auf die Emotionen in der Stadt. Meist sind es triste oder melancholische Gefühle.

JS: Die Gesichtsausdrücke der Menschen sind stark inspiriert von den Orten, an denen wir sprühen. Deswegen sieht man bei uns auch keine lachende Person an den Wänden einer verlassenen Fabrik, in der noch so viele Geschichten stecken.

Das Bild, das ihr grade gemalt habt, ist anders: Die zwei Menschen haben beide ein Tuch über dem Kopf. Was bedeutet das?

Jana: Es ist schwierig, ein reines Gefühl auszudrücken, wenn das Gesicht so präsent ist. Unser Publikum hat ständig gefragt: Wer ist das? Wir möchten zeigen, dass das keine Rolle spielt. Man soll sich nicht auf die Person fixieren, es geht um das Ganze.

JS: Wir haben vor zwei Jahren mit der Ausstellung “It doesn’t matter who we are” damit angefangen. Auch der Surrealismus hat uns inspiriert, wir lieben Magrittes “Les Amoureux.” Für mich bedeuten die Tücher aber auch eine Art Schutz: Wir haben jetzt eine kleine Familie mit zwei Kindern, wir sind jetzt unter uns.

Das heißt, was in eurem Privatleben passiert, findet sich auch in den Gesten der Menschen in euren Werken wieder?

Jana: Unsere Kunst hat sehr viel damit zu tun, was uns privat wichtig ist. Als ich das erste Mal schwanger war, haben wir uns viel mit dem Thema Kind beschäftigt. So sind viele Bilder mit Kindern entstanden.

JS: Wir sind ein Paar und auch Arbeitskollegen. Das macht es schwer, eine Grenze zu ziehen. Unsere Kunst ist unser Leben und unser Leben ist unsere Kunst. Besonders in letzter Zeit sind wir oft zu viert unterwegs, selbst wenn wir in verlassenen Gebäuden arbeiten, nehmen wir unsere Kinder mit.

Gefallen die Bilder euren Kindern, obwohl sie meist traurig sind?

Jana: Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die Kinder das als trist empfinden. Mir ist häufig aufgefallen, dass besonders Kinder stehen bleiben und unsere Arbeit schön finden – vielleicht nehmen sie sie anders wahr.

Wurde eure Arbeit schon einmal kritisiert?

Jana: Nicht, dass ich wüsste. Obwohl – ab und zu wünschen sich die Leute lachende Gesichter, aber das machen wir nicht. (lacht)

JS: Ja, viele wollen auch keine Gesichter sehen, die sie nicht kennen. Mit den Tüchern kritisieren wir auch das ein bisschen.

Wurde eure Kunst jemals entfernt?

Jana: Die Werke in Frankreich bröckeln schon langsam. Oder Leute malen drüber, wenn es nicht mehr schön aussieht. Einmal haben wir sogar am nächsten Tag unser eigenes Bild übersprüht, weil wir dort nicht hätten sprühen dürfen. Das kommt jedoch sehr selten vor, da wir schließlich nie Neubauten besprühen. In Paris fühlen wir uns am Sichersten, da eigentlich nichts passieren kann. Den Franzosen ist das relativ egal.

JS: Die größten Probleme hatte ich in Berlin. Da ist alles vollgesprüht und ich dachte, dass ich dort machen kann, was ich will. Aber das stimmt nicht – da kann man nicht mal mehr verhandeln. (lacht)

Jana: Wir reisen viel und können kaum noch einen Ort besuchen, ohne gleich nach einem Platz zum Sprühen zu suchen. Umso schöner ist es auch, nach Jahren eigene Bilder wiederzuentdecken und zu sehen, wie sie sich entwickelt haben. Aber es ist gut, wenn sie übermalt werden. Andere Künstler sollen auch Platz haben. Die Stadt ist immer in Bewegung. Es ist schön, wenn sich die Bilder auch bewegen.

Danke euch beiden für den Einblick in eure Arbeit, sowie in euer Familienleben. Wir wünschen euch alles Gute!

Photography: Jacob Pritchard
Interview: Leonie Haenchen
Englisch Text: Aggi Cantrill