Johanna F. Schneider
Sportswear Designer, Home/Studio, Hansaviertel & Nike Berlin Studio, Charlottenburg, Berlin
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Soll Sportmode Form oder Funktion erfüllen, Halt oder Freiraum bieten, modisches Statement oder technisches Equipment darstellen?

Während andere Sportswear Designer in ihren Entwürfen an Probleme stoßen, stellen diese für Johanna F. Schneider nicht nur eine wichtige Inspirationsquelle, sondern sogar den Ausgangspunkt ihrer Arbeit dar. Vor fünf Jahren hat die ausgebildete Mens- und Sportswear Designerin angefangen, beim Label ACRONYM, der wichtigsten Schnittstelle von Mode und Funktionsbekleidung, zu arbeiten. Darüber hinaus präsentiert sie gerade ihre erste Womens Training Kollektion für Nike, die den Namen NikeLab x JFS trägt.

Sportlich ist Johanna auch in ihrem Privatleben – ob auf dem Surfbrett, beim Laufen in ihrer Wilmersdorfer Nachbarschaft oder beim Performance Training.

Bevor wir die sympathische Halbbelgierin durch ihren powervollen und kreativen Alltag in Berlin begleiten, sprechen wir mit ihr über gesunden Lebensstil als Luxusgut, Sportswear, die wie ein Baukasten funktioniert und von der puren Schönheit, beim Sport an seine Grenzen zu stoßen.

Johanna, deine Karriere wirkt wie aus dem Märchen. Wie begann sie genau?

Eigentlich ist es eine klassische ‘Und-dann-kam-eines-zum-anderen’-Geschichte.

Bevor ich mein Modestudium an der ESMOD begann, habe ich in der PR und im Retail für verschiedene Marken gearbeitet, vor allem für Streetwear und Skatebrands. Mode wollte ich aber schon immer selbst entwerfen. Zu Beginn meines Studiums hatte ich bereits eine ziemlich genaue Idee, wo die Reise hingehen soll. Den Weg zu meinem Diplom in Mens- und Sportswear habe ich sehr genossen.

Während meines letzten Studienjahres begann ich, für Kostas Murkudis zu arbeiten. Das war ein super Einstieg. Ich habe gelernt, traditionelles Design und klassische Verarbeitung mit außergewöhnlichen Stoffen zu verbinden.

Woher kam denn dein frühes Interesse an Sportswear?

Ich habe selber schon immer viel Sport gemacht, habe mich mit den entsprechenden Textilien auseinandergesetzt. Parallel dazu habe ich mich schon als Teenager sehr für Fashion interessiert. Es waren die Endneunziger – und ich habe gespürt, dass Mode und Funktionskleidung für mich gleichwertig sind. Ich habe vermisst, dass diese Bereiche nicht öfter und besser ineinander griffen und die Frauenkollektionen im Bereich Sportswear so abgespeckt waren.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Errolson Hugh von ACRONYM?

Ich habe Errolson 2001 kennengelernt, als er seine ersten Kollektionen präsentiert hat. Seitdem blieben wir in Kontakt, bis er mich irgendwann anrief und in eines seiner Projekte geholt hat. Die Auseinandersetzung mit seiner Arbeit war für mich so etwas wie ein Befreiungsschlag, ein Schlüsselmoment. Da gab es plötzlich jemanden, der mit seiner Arbeit meine Wahrnehmung und Ästhetik verkörpert hat. Mittlerweile bin ich seit fünf Jahren als Freelance-Designerin bei ACRONYM. Unsere Zusammenarbeit ist sehr intim und familiär. Gleichzeitig habe ich aber auch den Freiraum, an anderen Projekten zu arbeiten.

 

Die meisten Designer sehen zuerst den Entwurf und den Stoff, bevor sie diese an den menschlichen Körper anpassen. Bei dir scheint der Körper jedoch Ausgangspunkt zu sein.

Ich habe ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Manchmal bildet ein Detail oder die Verarbeitung den Ausgangspunkt, manchmal auch eine Bewegung. Generell bestimme ich für das jeweilige Kleidungsstück eine persönliche Architektur. Denn je nachdem, wieviel Raum oder Bewegung ich dem Körper lasse, vermittelt das ein bestimmtes Körpergefühl. Zentrale Fragen sind immer: Wie fühle ich mich darin? Wieviel Raum brauche ich an welcher Stelle? Folgt das Kleidungsstück meinen Bewegungen? Benötige ich mehr Freiraum oder eher Körperkontakt und Schutz? In welchem Zustand will ich mich in dem Teil aufhalten und was möchte ich nach außen geben? Dann macht es mir natürlich auch unheimlich Spaß, auf bestimmte Styles wie die Bomberjacke oder den Trenchcoat einzugehen und diese neu zu interpretieren.

Welche Rolle spielen Zukunftstechnologien bei deinen Designs?

Ich interessiere mich grundsätzlich für Themen aus der Technologie und Wissenschaft und verfolge die Entwicklungen genau. Dazu gehören Innovationen aus dem Bereich Wearable Technologies, Textildesign und Verarbeitungstechniken.

Genauso beschäftige ich mich aber auch mit dem soziologischen Aspekt. Ich liebe es, Menschen zu beobachten. Zu sehen, wie sich die Gesellschaft entwickelt, Menschen verhalten, aber auch, wie sie ihre Kleidung zusammenstellen, wie sie sich bewegen. Dazu kommt die Auseinandersetzung mit Entwicklungen in ganz anderen Bereichen wie z.B. der Autoindustrie oder auch Architektur dazu. Diese Bereiche haben vielleicht auf den ersten Blick nichts mit Mode oder Textilien zu tun, aber die Strategien und Denkweisen laufen ähnlich oder synonym ab. Im täglichen praktischen Gebrauch von Sportswear und Fashion stoße ich immer wieder auf Grenzen und vermisse gewisse Dinge. Im Dialog mit Errolson versuche ich, Lösungen dafür zu finden.

Welche Probleme bei der Sportbekleidung siehst du denn im urbanen Leben?

Das fängt schon bei banalen Alltagssituationen an. Du machst deine Erledigungen, gehst in den Supermarkt, trägst schwer und bist ständigem Temperaturwechsel ausgesetzt. Dann musst du auch noch überlegen, wo du die Dinge unterbringst, die du mit dir trägst. So etwas macht mich wahnsinnig. Viele haben einen straffen Zeitplan, aber finden kein Outfit, das den ganzen Tag über funktioniert. Oft fehlt die Option, das Kleidungsstück an meine Bedürfnisse anzupassen. Die Industrie steckt deshalb viel Zeit und Energie darin, Sportswear zu entwickeln, die sich individuellen Bedürfnissen anpassen kann. Im Idealfall bräuchten wir Teile, die modular wie Baukästen funktionieren.

Was war dein Ansatz für eine neue Kollektion bei einer so vielseitigen Marke, wieviel Raum für Innovation hattest du?

Ich habe in erster Linie mich selbst und die Produkte, die ich bislang benutzt habe, beobachtet. Was mir auch sehr viel Input gegeben hat, waren intensive Gespräche mit Trainern und anderen sportlichen Frauen. Ich habe das Bedürfnis wahrgenommen, dass man bestimmte Teile vor, während und auch nach dem Sport tragen wollte. Frauen haben in den letzten Jahren ein neues Selbstbewusstsein gegenüber Sport gefunden und gehen viel selbstverständlicher mit verschiedenen Sportarten um. Wir probieren verschiedene Trainings aus, kombinieren sie und nutzen die Zeit beim Sport auch als Begegnungsort, um uns mit Freunden zu treffen. Dieses neue Selbstverständnis erfordert viel Spielraum und Variabilität von der Sportswear. Wir sollten im Idealfall nicht zu viel nachdenken müssen. Deswegen habe ich ein Gesamtpaket geschaffen, das man seinen jeweiligen Bedürfnissen anpassen und mit dem man gleichzeitig auch seinen eigenen Stil kommunizieren kann.

‘Frauen haben in den letzten Jahren ein neues Selbstbewusstsein gegenüber Sport gefunden und gehen viel selbstverständlicher mit verschiedenen Sportarten um.’

Die Idee eines Baukastensystems findet sich in deiner aktuellen Kollektion wieder.

Genau. Gerade wird meine erste Kollektion für Nike namens NikeLab x JFS vorgestellt.

Und wie geht es weiter mit dir und Nike?

Wir machen eine weitere NikeLab x JFS Womens Training Kollektion. Die neuen Pieces werden auf die erste Kollektion aufbauen. Mir ist es wichtig, dass neue Designs an bestehende Kollektionen anknüpfen können und man sich auch in der folgenden Saison wiederfinden kann.

Die Musterungen im Gegensatz zur gedeckten Farbpalette springen gleich ins Auge. Wie kam das zustande?

Die Farbpalette war bewusst so gewählt, dass man sich wohlfühlt und sie zu unterschiedlichen Hauttypen passt. Der Print ist aus eigenen Illustrationen in Kombination mit Stoffstrukturen entstanden, die an die Muskelstruktur des Körpers angelegt ist.

Zeichnest du auch in deiner Freizeit?

Früher habe ich pausenlos gezeichnet und gemalt. Leider habe ich dazu kaum mehr Zeit, aber ich fand es super, innerhalb dieser Kollektion ein Element einzubauen, mit dem ich stark verwurzelt bin und das auch etwas Traditionelles widerspiegelt.

Apropos verwurzelt sein. Du bist halb Belgierin und halb Deutsche und deine Entwürfe bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Funktion und Avantgarde. Verspürst du die Einflüsse dieser beiden unterschiedlichen Nationalitäten auch in deiner Arbeit?

Auf jeden Fall. Ich bin zwar in Berlin zuhause, habe aber auch sehr viel Zeit bei meiner Familie in Belgien verbracht. Die belgische Kultur hat mich schon in jungen Jahren sehr beeindruckt. Das Land strahlt eine Wärme aus, die für mich im klaren Kontrast zum technischen und eher statischen Deutschen steht. Diese zwei so unterschiedlichen Welten finden sich in meiner Arbeit und meinem Denken wieder. Obwohl für mich Kleidung in erster Linie unkompliziert und funktional sein muss, soll sie auch ein Gefühl vermitteln.

Es scheint, je mehr dem Körper durch die fortschreitende Digitalisierung abgenommen wird, desto eher wollen wir uns auf das Physische zurückbesinnen. Sind Sport und bewusste Ernährung deshalb zu einem Statussymbol geworden?

Ich habe sogar das Gefühl, dass der sogenannte gesunde Lifestyle ein Luxusgut geworden ist. Es ist heute nicht mehr einfach, bei unserem Tempo genug Zeit und Raum dafür zu finden.

Was die Rückbesinnung auf das Körperliche betrifft: Ich finde es faszinierend, dass Sport wieder „in“ geworden ist. Ich muss regelmäßig an meine physischen Grenzen stoßen, um meinen Kopf frei zu bekommen. Das ist der Moment, in dem ich mich selber spüre. Ich glaube, so geht es vielen. Wir sind ständig von unterschiedlichen Medien umgeben und haben nur sehr wenig physische Kontakte. Das merkt man in der U-Bahn mit vielen Menschen auf engem Raum – diese gezwungene Körperlichkeit fühlt sich ganz seltsam an.

Kannst du in Berlin konzentriert arbeiten, aber auch die Inspiration finden, die du für dein kreatives Schaffen brauchst?

Ich finde die Stadt ganz hervorragend zum Arbeiten. Man kann super abtauchen, gleichzeitig hat man aber jederzeit Zugang zum aktuellen Kulturgeschehen, kann hervorragend ausgehen. Trotzdem brauche ich das Reisen. Sollte ich jemals diese Stadt verlassen, werde ich nicht in eine Metropole ziehen, sondern irgendwo in die Berge oder ans Meer. Ich fühle mich eigentlich gar nicht als Stadtkind.

Du wirkst sehr naturverbunden. Wo holst du dir dein Stück Natur am liebsten ab?

Ich mag Wilmersdorf und Charlottenburg ohne Zweifel auch wegen der Nähe zum Grunewald. Mit meinem Freund fahre ich sooft wie möglich aus der Stadt, um verlassene Orte zu entdecken, um zu fotografieren.

Wenn wir im Urlaub sind, gehe ich auch unheimlich gern snowboarden oder surfen. Draußen Sport zu machen, gibt mir unheimlich viel Kraft.

‘Ich muss regelmäßig an meine physischen Grenzen stoßen, um meinen Kopf frei zu bekommen. Das ist der Moment, in dem ich mich selber spüre.’

Hast du ein bestimmtes Workout im Kopf gehabt, als du die Kollektion entworfen hast?

Ich habe tatsächlich mit Alex Hipwell, mit der ich im Nike Berlin Studio trainiere, ein choreografiertes Workout entwickelt. Das 45-minütige Workout beinhaltet meine persönlichen NTC Workout Favoriten, welchen wir eine persönliche Note gegeben und choreografiert haben.

Mir waren die Haltung, Ästhetik und Anmut sehr wichtig. Daher haben wir die einzelnen Moves ineinander fließen lassen, dem Workout einen weicheren Flow vermittelt.

Als Kontrast zum Flow haben wir den Tabata Blast (NTC work out of the month) mit eingebaut, welcher dich definitiv an deine Grenzen bringt! Es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, neben der Kollektion ein individuelles Workout mit Alex zu kreieren. Es war ein ganz natürlicher und überraschend schneller Prozess.

 

Sport Couture hat sich bei Fashion Editorials eingenistet. Seit einigen Saisons entdeckt man dazu ganze Strecken in Hochglanzmagazinen – auch wenn diese Looks im Endeffekt nichts mit Sport oder Sportlichsein zu tun haben.

Ja, absolut. Sportlichkeit und Funktionalität als Stil haben immer einen sehr progressiven Beigeschmack – man wird ‘sichtbar’, strahlt Kraft aus, suggeriert Disziplin. Und in dem Moment, in dem man Aktivität kommuniziert, signalisiert man dem anderen ‘Ich bin stärker als du’, auch wenn es mehr ein Spiel ist. Mich hat Kraft als Kommunikationskanal auch immer sehr fasziniert.

Spielst du auch damit, Stärke und Sportlichkeit in deinen Entwürfen zu kommunizieren?

Mir geht es mir primär darum, dass der Mensch, der die Kleidung trägt, zum Vorschein kommt. Sobald ich selbst Sport mache, merke ich: Wenn man an seine körperlichen Grenzen stößt, perlen alle Erwartungshaltungen wie von alleine ab und du bist es, der am Ende übrig bleibt. Die Frauen, mit denen ich das zusammen erlebt habe, sehe ich jetzt in einem ganz anderen Licht. Das ist eine pure Schönheit, die ich kaum beschreiben kann.

Die NikeLab x JFS Kollektion wird ab dem 26. Februar 2015 erhältlich sein. Mehr Informationen über Johannas Arbeit gibt es auf ihrer Website

Wer mehr über die Kreativszene Berlins lernen möchte, kann weitere Portraits aus der deutschen Hauptstadt auf Freunde von Freunden besuchen. Weitere City-Guides und Lieblingsorte unseres Netzwerks kann man in unserer Serie FvF Explores entdecken.

Fotografie: Robbie Lawrence
Interview: Zsuzsanna Toth