Julian Zigerli
(EN) Fashion Designer, Apartment & Studio, Zürich
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Er lässt sich im Disneyland inspirieren. Er hat keine Berührungsängste. Er steckt Männer in knallrosa Stoffhosen.

Kurzum: Der Modedesigner Julian Zigerli macht nur das, worauf er Lust hat, dazu gehören Pop-up-Pandas auf seiner Website, Smileys auf den Firmen-Postkarten, ein Herz als Logo inklusive. Nicht, dass er seinen Beruf oder die Modeindustrie nicht Ernst nimmt. Es ist einfach so, dass dieser blonde Junge aus der Agglomeration Zürichs, Sohn eines Militärpiloten, schon immer anders war.

Es begann mit einem mittlerweile berühmten rosa Lieblingspullover aus Kindergartenzeiten. Ohne Abitur in der Tasche zog er nach Berlin und studierte Modedesign. Heute ist der 31-Jährige der erste Schweizer Modedesigner, der seine Kollektion auf der Mailänder Fashion Week zeigen durfte. Giorgio Armanis Assistentin persönlich hatte ihn eingeladen. Nach der Show ein Klaps auf die Wange vom Maestroselbst. Julian Zigerli erlebt einen Höhenflug. Kein Wunder, in Zürich, abseits des Moderummels, lebt er im 22. Stockwerk – in einem der wenigen Hochhäuser der Stadt – umgeben von Erbstücken seiner Großeltern.

Du bist vor kurzem in die Hardau-Hochhäuser aus den 1970er Jahren gezogen, in deine erste eigene Wohnung. In Zürich kann man nirgends so hoch wohnen.

Ich wusste lange nicht, dass man in diesen Türmen überhaupt leben kann. Es sind Stadtwohnungen. Eine bunte Mischung aus Kreativen, Alten, Jungen und Armen lebt hier, da gibt’s von allem etwas. Wenn morgens die Sonne auf den See scheint, sehe ich das Glitzern. In Berlin habe ich auf den Fernsehturm geschaut. Diese ganze Sache war super spontan. Am 23. Dezember bin ich eingezogen und am 24. Dezember bin ich mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin und guten Freundin losgefahren, um neue Möbel zu kaufen.

“Susi Sorglos und Carrie Careless waren nicht ohne Grund meine Spitznamen.”

Du hast sechs Jahre in Berlin gelebt, bist aber nach dem Studium nach Zürich zurückgekehrt. Weshalb?

Ich hatte keine Lust mehr auf Berlin. Ich habe meine Sachen dort gelassen und mich in London, New York und Tokyo beworben. Schließlich bin ich nach Zürich gekommen und habe für das Theater Neumarkt Kostüme angefertigt. In jener Zeit habe ich mich bewusst für Zürich entschieden und beschlossen, mein eigenes Label hier aufzuziehen.

In der Kreativszene ziehen viele nach Berlin, weil es günstiger ist und dort mehr los sei.

Ja, aber in Zürich kommt man auch irgendwie über die Runden. Ich bin hier geblieben, weil es mir extrem gut gefällt. Der See, die Flüsse, der Blick auf die Alpen, es stinkt nicht, alles ist sauber und mit dem Fahrrad erreichbar. In Berlin war das Studium vorbei, die ganzen Freunde weg. In Berlin gibt es darüber hinaus unendlich viele junge Designer. In Zürich verändert sich nicht viel, was mir die nötige Ruhe gibt, konzentriert an meinen Kollektion zu arbeiten. Ich bin ja sowieso ständig unterwegs, die Modebranche ist hektisch, stressig. In Zürich kann ich mich entspannen und meine Freunde und Familie sind in der Nähe.

“Dinos werden nie langweilig.”

Deine Familie spielt in deinem Leben eine zentrale Rolle?

Ja. Meine Eltern unterstützen mich, wo sie nur können und reisen auch mit zu den Shows, kennen alle meine Freunde. In meiner Wohnung stehen, neben Krimskrams aus der ganzen Welt und drei Säcken voller Schuhe, fast nur Erbstücke meiner Großeltern. Ihr runder Esstisch, das Alpaka-Sofa, die Stehlampe. Die Kristallsammlung ist bei mir genau so arrangiert, wie sie jahrelang bei meinen Großeltern gelegen hat: auf einer Marmorplatte auf einem alten Heizkörper.

Apropos Einrichtung: Was hat es mit dem Dinosaurier neben deinem Fernseher auf sich?

Dinos werden nie langweilig. Ich meine, waren sie violett oder blau oder orange? Wir wissen so wenig über sie, das fasziniert mich. Die Kampagne zu meiner Herbst-Winter-Kollektion To Infinity and Beyond haben wir deshalb im Sauriermuseum Aathal im Zürcher Umland geschossen.Das Exemplar neben dem Fernseher habe ich mir 2012 gekauft, als ich an der Herbst-Winter-Kollektion To Infinity and Beyond gearbeitet habe.

Du bist untypisch exzentrisch für einen Schweizer. Du sagst, dass Snoop Dogg deine Mode tragen soll, dass Disneyland eine deiner Inspirationsquellen ist, überall tauchen mit deinem Namen tanzende Pandas und Smileys auf.

Das ist mein Inneres, mein Wesen. Klar arbeite ich damit. Das ging schon immer in diese Richtung, von klein auf.

Du spielst auf deinen liebsten rosa Pullover aus Kindergartenzeiten an?

Ach, der! Als ich einem Journalisten von diesem rosa Pulli erzählt habe, wusste ich, er würde mich verfolgen. Das ist jedoch nur eine vage Erinnerung aus meiner Kindheit. Was ich eigentlich damit sagen wollte, ist, dass ich schon immer gerne gegen den Strom geschwommen bin. Ich glaube, dass ich dank dieses inneren Drives schnell einen roten Faden gefunden habe. Den setze ich immer gezielter ein. Mit einem Fokus verliert man sich nicht. Das hat aber auch mit Erwachsenwerden zu tun.

Bist du erwachsener geworden?

Die letzten drei Kollektionen waren schon einen Schritt nach vorn, das habe ich gespürt. Meine Mode ist nicht mehr so verspielt, zwar immer noch lustig, aber nicht mehr “nur”.

Worin manifestiert sich das, dass deine Kollektionen nicht mehr so verspielt sind?

Das Label ist insgesamt angewachsen, die Kollektionen sind größer geworden. Ich habe viel mehr Spannweite, mehr Spielraum. Ich muss die ganze Geschichte, die ich dahinter gedacht habe, nicht mehr in nur 15 Looks erzählen, sondern in 27. Das heißt, ich habe allein aufgrund der größeren Anzahl an Kollektionsteilen die Möglichkeit, mehr Schlichtes einzubringen, was das Ganze abrundet.

Was bedeutet dir deine Bekleidung?

Sobald es um den Verkauf geht, ist es nur eine Hose oder ein Oberteil. Beim Entwerfen aber baue ich eine ganze Welt darum herum auf. Es ist mir extrem wichtig, dass man diese zwei Dinge voneinander trennt. Gerade weil ich so starke Looks mache und diese auch als monochrome Prints präsentiere. Das verstehen nicht alle Menschen. Es kommt oft vor, dass Leute überrascht sind, wenn sie ein Hemd von mir anziehen und feststellen: ‘Ah, die Sachen von Julian Zigerli sind ja gar nicht alle so wild.’

Die Welt um deine Kollektion herum ist wild, wie du selbst sagst. Wie entsteht sie?

Das ist schwierig zu beschreiben. Es ist eine Art von Architektur. Sie entsteht immer anders. Ich habe meist einen Titel oder ein Gefühl oder einen imaginären Ort im Kopf. Bei mir entsteht immer alles parallel. So arbeite ich am liebsten. Die ganzen Printgeschichten passieren zeitgleich mit den Schnittgeschichten, so verlinkt sich alles. Ein Hemd bedeutet nicht nur Arbeit in Sachen Schnitt und Stoff, sondern auch beim Print.

Wie gestaltet sich der Verkauf deiner Kollektionen?

In der Schweiz ist es schwierig. Die Einkäufer der wichtigen oder tollen Shops haben sich von Anfang an für meine Kollektionen interessiert, mir immer super Feedback gegeben, trauen sich dann aber doch nicht zu bestellen. So etwas dauert, bis es sich entwickelt. In Japan verkaufe ich schon recht gut. Meine Mode funktioniert aber nicht nur in einem Land, dafür ist sie viel zu individuell.

“Meine Mode funktioniert nicht nur in einem Land, dafür ist sie viel zu individuell.”

Hat dein Erfolg in Asien mit Social Media zu tun?

Insgesamt denke ich schon, dass das Internet hilft, mein Label bekannt zu machen. Eben weil ich weltweit verkaufen möchte. Aber ob der asiatische Markt über Social Media tickt, weiß ich nicht. Ich war gerade drei Wochen in Japan, dort ist Instagram verbreitet, aber die Japaner habe ich nicht als sehr aktiv erlebt. In China sind Facebook und Instagram gesperrt, so viel ich weiß. Auf diesem Weg erreiche ich sie also nicht. Aber die Asiaten funktionieren einfach anders, die verstehen meine Ästhetik.

Über das Internet sind schon einige deiner Kollaborationen entstanden.

Ja, mit diesem Medium erreichst du viele Leute. Und auf diese Weise entstehen Kollaborationen wie mit dem Pariser Design-Trio The Golgotha für die Herbst-Winter-Kollektion 2014, The One And Only. Die Jungs haben meine Sachen irgendwo gesehen und mich dann über Twitter kontaktiert und schlussendlich haben sie alle Prints von The One And Only kreiert. Auch diese Saison hat sich für die Sommerkollektion, die demnächst in die Läden kommt, etwas über Soziale Netzwerke ergeben.

Du meinst mit Daniel Pitout, Sänger der kanadischen Band Eating Out, habt ihr ebenfalls wegen Sozialer Netzwerke kollaboriert?

Genau. Ich habe irgendwann etwas über Daniel Pitout gelesen und fand ihn spannend. Er ist Punk Rocker, Skater und lebt offen schwul. Eine eher seltene Mischung. Ich habe mir seine Musik angehört, die Videos angeschaut. Die sind sehr schön: Sommer-Vibes, Skaten, Los Angeles. Das hat mir gut gefallen. Via Facebook haben wir uns dann geschrieben. Das war vor einem Jahr. Nun hat er für die aktuelle Sommer-Kollektion 2015, Life Is One Of The Hardest, das Lied geschrieben. Und weil er ein sehr attraktiver Mann ist, haben wir ihn für die Kampagne und das Fashion Video eingeflogen.

Worum geht es im Video deiner aktuellen Kollektion namens Life Is One Of The Hardest?

Es handelt von einem überarbeiteten Büroangestellten kurz vor dem Durchdrehen. Er hat 72 Stunden gearbeitet und ist total fertig. Dann fällt dieser Salaryman in eine Welt, die vollkommen frei ist.

Bist du dieser Mann in deiner Kollektion?

Nein. Das war eine Geschichte, auf die ich einfach Lust hatte.

So weit weg von deiner Realität ist der Plot nicht. Das Modegeschäft ist brutal, die Investitionen sind hoch, der Druck enorm.

Stimmt. Nach den Fashion Weeks habe ich immer so einen Blues. Nach Mailand und Berlin gehe ich nach Paris, wo ich nur einen Showroom habe. Das heißt, du hockst den ganzen Tag mit deinen Kleidern herum und die Leute kommen und schauen sich deine Sachen an, geben Feedback oder nicht. Das ist für mich immer die schwierigste Zeit, weil ich dann sehr erschöpft bin. Ich habe die ersten drei Jahre einfach gemacht, gemacht, gemacht und dann geschaut, was dabei herumkommt. Aber seit einem Jahr zehrt es an mir. Wenn wir zusammen sitzen und uns die Unternehmenszahlen anschauen, dann fragt man sich schon, ‘Why the fuck are we doing this?’. Das ist nicht immer einfach.

Wie gehst du damit um?

Susi Sorglos und Carrie Careless waren nicht ohne Grund meine Spitznamen. Diese Haltung ist stark in mir verankert, ohne sie wäre ich wohl schon lange untergegangen. Man arbeitet als Designer hart und der Erlös ist eher gering. Ich habe ein tolles Umfeld, das an mich glaubt – wie auch viele Modeschaffende in der Schweiz. Die sind begeistert, dass ich Vollgas gebe. Das pusht mich extrem.

Das Gespräch mit Julian Zigerli endete in seinem Lieblingslokal – in der Sport Bar in Zürichs multikulturellem Kreis 4, bei Schinkengipfeli, dem in der Schweiz sehr beliebten Apéro-Gebäck, und einer Tasse Kaffee. Unser Spaziergang führte über die Hardbrücke, wo der Prime Tower in den Himmel ragt und die Gleise des Bahnhofs ein Mosaik zeichnen. Es dunkelte langsam. Im Café tippte Julian Zigerli auf seinem Handy herum. Er sagte: “Wir gehen heute Abend wieder einmal aus. Kommt ihr mit?”

 

Danke, Julian, für deine Zeit und den Einblick in dein Leben und deine Arbeit!

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