Julius Kranefuss
Architekt, Apartment & Studio, Neukölln & Kreuzberg, Berlin
FvF × USM
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Julius Kranefuss lebt seit Jahren in Berlin. Der Architekt strahlt eine Aufrichtigkeit und Gelassenheit aus, die nichts mit der Hektik oder Launenhaftigkeit vieler Großstädter zu tun hat.

Er ist offen und direkt – ob er von seinen Zukunftsplänen in der Architektur, seiner wachsenden Kunstsammlung oder seinem Engagement für benachteiligte Jugendliche spricht.

Seine Wohnung in Berlin, an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln gelegen, lebt von einem rauen Charme. Gleichzeitig hat Julius sie mit liebevollen Details versehen, wie die rote Tapete in der Küche, die er tatsächlich passend zu einem Teeservice, einem Erbstück seiner Großmutter, ausgewählt hat. Die Arbeiten junger Kunsttalente, wie die von Julius von Bismarck oder Santiago Taccetti, schmücken die Wände seiner Wohnung, genauso auffällig ist das 10-Ender Geweih eines Hirschbocks, das er von seinem Großvater hat, oder das große Wald-Gemälde in seinem Schlafzimmer.

Nach seiner Jugend in Neuss und Düsseldorf hat Julius an der renommierten Bauhaus Universität in Weimar studiert und für namhafte Architekten wie Rem Koolhaas, Massimiliano Fuksas, Max Dudler und Christoph Ingenhoven gearbeitet. In den letzten Jahren hat er sein eigenes Architekturbüro ZWEIDREI in Berlin aufgezogen. In seinem Wohnzimmer sprechen wir mit ihm über die Zukunft von Architektur und Technologie, seine frühe Begeisterung für Kunst und die Hermeneutik des Wissens. Bei einem anschließenden Besuch in seinem Büro zeigt uns Julius seine aktuellen und zukünftigen Projekte.

Dieses Portrait ist in Kollaboration mit USM entstanden und Teil der Serie “Personalities by USM”. Alle Details zu Julius’ Einrichtung gibt es hier.

Julius, deine Firma ZWEIDREI macht Medienarchitektur. Was kann ich mir darunter vorstellen?

Der Begriff Medienarchitektur sollte ursprünglich den klassischen Begriff von Architektur erweitern. Die Idee ist nicht neu: Seit Beginn des 20. Jahrhunderts, aber gerade in den 1970er Jahren, sprach man verstärkt vom Architekturbegriff im erweiterten Sinne. Man verstand Architektur nicht mehr nur als raum bildende Kunst, sondern man erkannte die Möglichkeit darin, das soziale Zusammenleben zu regeln. Es ging um die Frage: Wie kann man mithilfe der Architektur soziale Räume und urbane Identitäten schaffen?

Von Medienarchitektur war dann die Rede, wenn Architektur mit modernen Technologien verknüpft wurde. Das wurde wiederum schnell banalisiert und der Begriff tauchte nur in Kontexten von Lichtfassaden und LED-Gestaltung auf. Im Grunde soll es aber eine Architektur beschreiben, die den Einfluss der Technologie auf den Menschen miteinbezieht.

Warum passt die Beschreibung Medienarchitektur zu ZWEIDREI?

Früher dachte ich, der Begriff Medienarchitektur passt gut zu uns, denn wir haben, besonders in der Zeit kurz nachdem wir unseren Universitätsabschluss in der Tasche hatten, mit Künstlergruppen an Installationen gearbeitet und mit Raum, Klang und Visualisierung experimentiert. Aber im letzten Jahr habe ich gemerkt, dass wir durchaus Architektur im direkten Sinne machen wollen. Deswegen heißen wir auch jetzt nur noch ZWEIDREI Architekten GmbH, ohne den Zusatz Medienarchitektur.

Schaut man sich eine Übersicht eurer Projekte an, fällt die enorme Vielfalt auf. Ihr habt sogar einen Stuhl und einen Tisch entwickelt.

Bei ZWEIDREI versuchen wir immer zu verstehen, welche Bedeutung Raum hat. Wir fragen uns zum Beispiel: Wo liegen die Grenzen der Architektur? In dem Fall ging es um räumliches Design. Die Dinge, die du im täglichen Leben brauchst, sind für mich raumbildende Elemente. Also auch ein Tisch oder ein Stuhl. Der Begriff Produktdesigner existiert nur, weil irgendwer einmal meinte: Wir müssen das differenzieren. Letztendlich geht es um die Benutzung von Raum. Viele berühmte Produktdesigner sagen ebenfalls, dass die Entwicklung von Möbelstücken eine extrem architektonische Arbeit ist. Denn es geht darum herauszufinden, wie der Mensch seine Umgebung nutzt und wie man darauf reagieren kann.

Worum ging es euch bei den Installationen, die ihr gemacht habt?

Den Installationen lag derselbe Ansatz zugrunde: zu überprüfen, wie Architektur in der Umsetzung wahrgenommen wird. Mit einem Kunstwerk kannst du schneller eine Reaktion bei einem Betrachter hervorrufen, als mit einem Gebäude. Da hast du selten unmittelbares Feedback. Bei den Installationen spielten Themen wie reflexive Raumerfahrung oder expansiver Raum eine Rolle – wie empfinde ich meine eigene Bewegung in diesem Raum? Besonders wichtig ist mir zu verstehen, was es bedeutet, wenn jemand kritisch über ein Gebäude sagt, es mache ihn froh, nicht froh oder er verstehe es nicht. Architektur muss als Œu­v­re betrachtet werden, als Gesamtkunstwerk, Medienarchitektur hat dafür sozusagen als Schnelltest fungiert. Und gerade als ich noch am Anfang stand, waren temporäre Projekte für mich eine günstige Methode, um etwas auszuprobieren, ohne mich an die gesetzlichen Baunormen halten zu müssen.

In deiner Wohnung hast du in großen Teilen selbst Hand angelegt, aber ich kann mir vorstellen, dass bei euch im Büro das meiste längst am Computer passiert. Bist du eher ein analoger oder digitaler Mensch?

Handarbeit ist wie ein Teil von mir, den kann ich in meiner Wohnung ausleben. Aber auch das digitale Leben ist mir sehr wichtig und es ist meiner Meinung nach zukunftsweisend. In meiner Wohnung habe ich aber kein Internet, um den nötigen Abstand zu meiner Arbeit zu wahren, alles Wichtige kann ich notfalls über das Telefon regeln. Ich brauche meine Ruhepunkte, Entschleunigung ist mir wichtig,auch wenn ich diesen Begriff heute das erste Mal benutze. (lacht) Man muss einen ausgeglichenen Umgang mit Technologie finden.

In deiner Wohnung hängt viel Kunst. Woher kommt dieses Interesse?

Ich bin in einer sehr kunstinteressierten Familie aufgewachsen, gerade was Kunsthistorik angeht. Wir sind früher in jedes Museum gegangen, um zum Beispiel archäologische Ausgrabungen anzuschauen – damals konnte ich das nicht verstehen und wollte lieber an den Strand. Dazu sind wir immer mit dem Auto in den Urlaub gefahren, hunderte von Kilometern nach Italien, Spanien oder Frankreich. Die Fahrt dahin war schon anstrengend genug, aber dann haben wir sogar noch andauernd angehalten, um Sachen zu besichtigen. Das fand ich natürlich erstmal doof. Im Nachhinein weiß ich aber, dass ich dadurch unglaublich viel Bildung genossen habe.

Wann hast du die klassische Art der Bildung zu schätzen gelernt?

In einem Urlaub sind wir in Bilbao von der Autobahn abgefahren, um das Museum von Frank Gehry zu besichtigen, das damals gerade erst eröffnet hatte. Danach war Frank Gehry für mich die Personalunion von Held und Architekt, auf einmal hat mir das Ganze Spaß gemacht. Das hat mich auch ein bisschen näher in Richtung Architekturstudium gebracht. Zumindest habe ich angefangen, Kunst und Architektur sehr präsent wahrzunehmen.

Mittlerweile sammelst du sogar Kunst. Gehst du da impulsiv vor oder recherchierst du vorher?

Ich kaufe meistens moderne Kunst, selten achte ich auf den kunsthistorischen Zusammenhang. Ich kenne vielleicht den Künstler und kann mir vorstellen, worüber er nachdenkt. Aber in erster Linie geht es mir um das, was mir die Kunst gibt.

Mit fünfzehn Jahren kaufte ich zweiOriginale von Horst Janssen, weil sie mir so gut gefallen haben und ich Horst Janssen als Person sehr faszinierend fand. Gleichzeitig hätte ich auch ein Beuys-Stück kaufen können, er hat meine Haltung zur Kunst weitaus mehr beeinflusst. Als Investition wäre das vielleicht gut gewesen, aber da mir diese Arbeit dezidiert nicht gefiel, habe ich sie nicht angeschafft. Ich kaufe nach persönlicher Vorliebe, nicht nach ökonomischen Nutzen.

Mit fünfzehn Jahren fing ich auch an, fast systematisch ins Museum zu gehen – inklusive Führungen vor Ort, um die Künstler besser zu verstehen. Meine damalige Kunstlehrerin war eine Schülerin von Joseph Beuys, sie war selbst eine extravagante Künstlerin und zielstrebige Mentorin. Für sie war die psychologische Seite der Kunst immer wichtig. Sie hat meine Bilder sehr genau analysiert – besonders, weil ich ein aufmüpfiger Schüler war. (lacht) Aber was ich damals gelernt habe, war extrem prägend.

Du arbeitest seit Jahren mit der Berliner Organisation Round Table 5, einer Kunstauktionsplattform, die sich für benachteiligte Kinder und Jugendliche einsetzt, zusammen. Liegt dein soziales Engagement auch in der Familie?

Ich habe eine sehr liberale Erziehung genossen. Meine Familie ist recht groß, mit vielen Cousins, Onkel und Tanten. In so einer Gemeinschaft lernt man als allererstes, auf den anderen Rücksicht zu nehmen. Die Familie war mir immer wichtig und hat mich dazu gebracht, einen positiven Blick auf das Leben zu haben. Wir sind nicht alleine auf der Welt.

Dieses Denken ist meiner Architektur ebenfalls immanent und kann Faktoren wie Nachhaltigkeit miteinbeziehen. Ich bin mit einer grünen Politik groß geworden, mit dem Gedanken von Recycling, dem Ende von Atomenergie, der Gleichberechtigung von Frauen. Wenn man damit aufwächst, fühlt es sich völlig normal an. Und ich versuche, Dinge richtig zu machen. Es gehört dazu, den Wert anderer Menschen zu schätzen. Ich besitze auch nicht viel, aber kann trotzdem noch teilen. Es geht mir selten ums Geld. Deswegen bin ich auch ein sehr schlechter Geschäftsmann.

Zu guter Letzt: Gibt es Traumprojekte, die du noch nicht realisieren konntest?

Diese Liste ist unzählbar lang. Aber ich habe mir abgewöhnt, nur davon zu träumen, was man alles machen könnte. Was ich mache, ist bereits das, was ich liebe. Ganz einfach. Auch unsere eigenen Möglichkeiten sind unzählbar.
Zudem bin ich besonders selbstkritisch, dementsprechend bleiben alle Projekte ein fortlaufender Prozess, in dem ich mich immer wieder frage, was man noch hätte besser machen können. Keine Erfahrung kann man zweimal machen, genau wie man kein Buch ein zweites Mal lesen kann, ohne es noch nicht zu kennen. Dieses Weiterentwickeln ist die schöne Hermeneutik des Wissens. Man muss dazu auch bereit sein, Fehler zu machen, denn dadurch lernt man. Bis heute habe ich viel gelernt.

 

Danke Julius, für dieses spannende Gespräch! Lerne Julius’ facettenreiche Agentur ZWEIDREI kennen.

Berlin ist unsere Heimatstadt  hier haben wir die meisten Interviews geführt. In unserem Archiv findest du alle kreativen Köpfe, mit denen wir uns bereits unterhalten haben.

Dieses Portrait ist in Kollaboration mit USM entstanden und Teil der Serie “Personalities by USM”. Alle Details zu Julius’ Einrichtung gibt es hier.

Fotos: Carina Adam
Interview: Alicia Reuter