Karin Krapfenbauer & Markus Hausleitner
Fashion Designers, Apartment & Studio, Lepoldstadt & Floridsdorf, Vienna
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Mann ist Mann. Und Frau ist Frau. Vor allem in Kleidungsfragen. Bei den beiden Modedesignern Karin Krapfenbauer und Markus Hausleitner stossen Geschlechterklischees auf die Gegenfrage. Allerdings nicht mit trockener Theorie, sondern in Form von tragbarer Mode.

(EN) They met each other as the two Austrians studied at the University of Applied Arts. Fundamental themes during their studies: gender discourses and cross-dressing. It was out of this that a label, with a very long name, was born: “House of the Very Island’s club division middlesex klassenkampf but the question is where are you, now?”

Kennengelert haben sich die beiden Österreicher an der Universität für angewandte Kunst. Grundthema schon während des Studiums: Genderdiskurse und Crossdressing. Daraus entstand schliesslich ein Label mit einem langen Namen: “House of the very island’s club division middlesex klassenkampf but the question is where are you, now?

Begonnen hat alles als Vereinigung kreativer Wiener aus der Kunst-, Film- und Musikszene. Heute finden sich die Kreationen an den Kleiderstangen japanischer Concept Stores. Der Look? Klare Silhouetten, auf denen dekonstruierte Schnitte sitzen und Musterungen in Farben, die ein Statement setzen. Seit 2008 zeigt das Designerduo seine Arbeiten bei der Men’s Fashion Week in Paris, begleitet von Texten von Judith Butler und Videos des Regisseurs Hans Scheirl.

Wir treffen Karin und Markus in Karins Wohnung in Leopoldstadt und fahren dann über die Donau ins Studio nach Floridsdorf.

 

Ein Gespräch über Wien als Vernetzungspunkt, über Entscheidungen, die keine sein sollte – und ünber tragbare und untragbare Klischees.

Der Name eures Labels ist ziemlich aussergewöhnlich. Wie kams dazu?

Karin: Der Name entstand aus dieser Zusammenkunft von völlig unterschiedlichen Leuten. Diese Diversität wollten wir zeigen. Und wir waren uns einig, dass die Bezeichnung für unser Kollektiv nicht ein einzelner Name sein könnte. Letztlich haben wir dann alle Vorschläge in einen Topf geworfen und einfach aneinandergereiht.

Und welches Konzept steckt hinter dem Namen? Oder mehr noch: hinter eurer Mode?

Karin: Unsere Mode könnte man nennen: “for all sexes avant-garde casual wear” – also  geschlechtsunabhängige Mode, die konzeptionelle Ansätze in tragbare, aufs Wesentliche reduzierte Looks umwandelt.

Markus: Weitere Schwerpunkte liegen auf auf biologisch produzierten Stoffen Materialien und  nachhaltiger Produktion. Das ist nicht nur eine ideologische Entscheidung, sondern auch die Antwort auf die Frage: „Wie soll etwas aussehen und sich anfühlen, das ich auch selber tragen würde?”

Tragt ihr denn eure eigenen Kollektionen?

Markus: Es gibt sehr viele Stücke, die ich anziehen würde. Wir designen aber sicher nicht für uns selbst. Dann müssten wir auch die Schnitte ganz anders gradieren. (lacht)

Karin: Ich glaube wir sind irgendwo in der Mitte anzusiedeln. Also zwischen den Designern, die eine von der eigenen Person abgekoppelte Idealwelt schaffen und denen, die sich permanent selbst stilisieren.

Wieso führt ihr “House of…” nur noch zu zweit und was hat sich seitdem verändert?

Karin: Es war von Anfang an klar, dass Jakob Lena sich mehr auf die Kunst konzentrieren möchte. Ihre Arbeit ist aber immer noch eng mit unserem Label verknüpft. In den Fotos der letzten Kollektion ist sie zum Beispiel im Hintergrund zu sehen. Naja, und Martin hat irgendwann ein Angebot von Jil Sander bekommen. Das ist finanziell natürlich reizvoller als bei uns (lacht).

Markus: Karin und ich 2008 beschlossen als Modelabel weiterzumachen und uns stärker auf den Verkauf und die Strukturierung der Kollektionen zu konzentrieren.

Ist es anders, Unisex-Mode zu entwerfen als die übliche geschlechtsspezifische Mode? Und falls ja, inwiefern?

Karin: Ich glaube eigentlich, dass es keinen Unterschied in der Herangehensweise gibt – ob man nun Männermode oder Frauenmode macht oder irgendwas, was am Anfang nicht genau definiert ist.  Oder, Markus, hast du den Eindruck, dass sich seit dem Zeitpunkt, an dem wir umgestiegen sind, etwas geändert hat?

Markus: Ich denke seit Längerem darüber nach. Aber es gibt ja auch sehr viele Umbrüche in der Modeszene allgemein.

Karin: Stimmt schon. Der berühmte Girlfriend-Style, zum Beispiel, der aktuell Einzug hält. Aber wir haben eigentlich schon immer vor allem Herrenschnitte verwendet. Auch als unser Zielpublikum noch Frauen waren. Die Herrenschnitte waren für uns immer ein Orientierungspunkt.

Warum das?

Karin: Verarbeitung und Qualität sind bei Männerschnitten oft viel besser. Generell würde ich aber sagen, dass es keine Geschlechterfrage ist, wie man arbeitet. Prêt-à-porter Mode ist ganz grundsätzlichen mit vielen Herausforderungen verbunden: Wie entwirft man, damit es so vielen Menschen wie möglich ein gutes, individuelles Gefühl gibt?

Das ist ja auch ein wichtiges Thema, gerade da ihr so viel im Ausland verkauft.

Karin: Klar. Wenn wir zum Beispiel die gleichen Kollektionen in Japan und in Europa verkaufen, merken wir schon, dass es Unterschiede in der Physis der Menschen gibt. Das ist sehr spannend.

Wie ist das bei Präsentationen – sorgen eure genderübergreifenden Kollektionen da für Schwierigkeiten?

Karin: In Paris gibt es bei der Men’s und Women’s Fashion Week leider keine Möglichkeit die Kollektionen in beiden Kontexten zu zeigen. Wir mussten uns also irgendwann klar entscheiden.

Von 2006 bis 2008 haben wir unsere Kollektion jede Saison im Rahmen der Women’s Fashion Week gezeigt. Und dann sind wir zur Men’s Fashion Week gewechselt.

Was hat euch dazu bewegt?

Markus: Wir finden, dass es einfacher ist, den Unisex-Gedanken innerhalb der Men’s Fashion Week zu platzieren. Es ist außerdem wahrscheinlicher, dass ein Einkäufer oder eine Einkäuferin einer Damen-Boutique auch zu Herrenmodellen greift. Umgekehrt wäre es ein No-Go. Wir denken zwar, das sich das bald ändern könnte, aber damals war klar, dass es nur so läuft.

Gibt es andere Designer und Künstler, die euch stark beeinflusst haben?

Markus: Comme des Garçons. Auf jeden Fall. Schon immer.

Karin: Und Margiela. Oder auch Yohi Yamamoto. Es sind generell die großen Visionäre und Designer der 80iger Jahre.

Wann wisst ihr, dass eine Kollektion fertig ist?

Karin: Den Moment, an dem eine Kollektion komplett fertig ist, den gibt es nicht. Man setzt sich Deadlines, die natürlich von den Fashion Weeks abhängig sind. Danach kommen einem immer noch viele Gedanken und noch mehr Ideen. Früher haben wir versucht, mit jeder Kollektion ein eigenes Universum zu kreieren, das dann mit der jeweiligen Präsentation seinen Abschluss findet. Heute zählt für uns auch Kontinuität.

Markus: Es wäre auch extrem schwierig, wenn man mit jeder Kollektion etwas ganz Neues schaffen müsste. Dann wird das Label für Käufer und Kunden unüberschaubar.

Im Moment scheint es viel frischen Wind in der Wiener Kreativszene zu geben.Was sind die Reaktionen? Was bedeutet das für Wien Kreative?

Karin: Total. Wien hat eine sehr lebendige Kreativszene. Das haben wir im letzten Jahrzehnt immer wieder beobachten können. Außerdem gibt es ein sehr gutes und stabiles Netzwerk – im Musik-, Kunst-, aber auch Modebereich.

Wir können uns auch sehr glücklich schätzen, immer viel Unterstützung bekommen zu haben. Dazu gehören unter Anderem departure, die uns schon seit der Gründung zur Seite stehen. Für unsere Spring/Summer Kollektion 2009 haben wir die Start-Up-Förderung bekommen. Aktuell helfen sie uns, neue Vertriebswege auszubauen. Das ist toll, auch von “offizieller Seite” Anerkennung zu bekommen. Es gibt einem das Gefühl, als Künstler ernst genommen zu werden.

Für Wiener Marken scheint es dennoch immer noch einfacher zu sein, sich im Ausland zu etablieren, vor allem im asiatischen Raum, als ihre Kollektionen zu Hause verkaufen zu können. Woran liegt das eurer Meinung nach?

Karin: Das ist eine interessante Frage. Wien hat sicherlich genug Raum für Neues. Aber die Mentalität der Menschen ist etwas anders. Der “klassische Wiener” kauft eher etwas, das aus dem Ausland kommt. Das klingt jetzt total seltsam, aber es ist wirklich so. Das ist das absolute Gegenteil zu skandinavischen Ländern, in denen es sehr populär ist, einheimisches Design zu kaufen.

Markus: Diese Anerkennung im Ausland ist vielleicht ein Umweg, aber tatsächlich sehr wichtig. Erst wenn man international wirklich gut verkauft, läuft es auch in Wien.

Ihr arbeitet schon seit Studienzeiten zusammen. Wie hat das angefangen?

Markus: Karin und ich haben zusammen an der Universität für angewandte Kunst Mode studiert und  irgendwie hat sich das dann über die Zeit hinweg entwickelt. Nach unserem Diplom haben wir 2004 mit unserer ersten gemeinsamen Kollektion angefangen und dann 2006 das Label gegründet.

Karin: Wobei wir anfangs eigentlich zu viert waren. Martin Sulzbacher und Jakob Lena Knebel waren damals mit von der Partie. Unsere Vision war weniger ein klassisches Modelabel zu gründen, sondern den Fokus auf die Zusammenarbeit von individuellen Persönlichkeiten und Mode zu legen.

Was ist das Geheimnis eurer guten Zusammenarbeit? Wo seht ihr die Stärken des anderen?

Karin: Ich könnte es mir gar nicht vorstellen, “House of…” alleine zu machen. Für mich ist es wunderschön, jemanden gefunden zu haben, mit dem ich alle Prozesse teilen kann. Natürlich auch, weil es wahnsinnig viel Arbeit ist und es viele unsichere Momente gibt und Entscheidungen anstehen. Markus hat wahnsinnig viele Qualitäten. Er kann so viele Dinge, die ich nicht kann. Er kennt sich sehr gut mit Musik und Grafik aus und er ist wesentlich spontaner. Er kann gut improvisieren.

Und Karin?

Markus: Karin ist der Plan und die Checkliste. (lacht)

Karin: Ja, aber das ist doch gut. Ich reagiere panisch, wenn etwas sofort passieren muss. Du würdest dafür bis zum letzten Moment warten.

Markus:  Nein. Ich verstecke die Panik nur gut. (beide lachen)

Markus, du machst auch Musik. Sind für dich Mode und Musik zwei voneinander unabhängige kreative Spielwiesen oder bereichert sich das gegenseitig?

M: Mode und Musik kann ich eigentlich gar nicht trennen. Musik ist auch sehr oft ein Ausgangspunkt für eine neue Kollektion.

Ich lege seit etwa 10 Jahren auf und organisiere seit Jahren queer-feministische Mikroclubs. Im Marea Alta, zum Beispiel. Außerdem hoste ich einmal im Monat im Elektro Gönner “Mode Mode”  – ein Club, für den ich alle möglichen Leute einlade, um als Laie aufzulegen. Die Mischung der verschiedenen Individuen mit denen wir sowohl zusammenarbeiten als auch auf Partys gehen sind für beide Bereiche eine wichtige Inspiration.

Thanks!

Danke Markus und Karin für dieses spannende Gespräch. Wer mehr über ihr kreatives Schaffen erfahren möchte besucht die Website ihres Labels hier.

Dieses Portrait wurde in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsagentur Wien und ihrem Kreativzentrum departure produziert und ist das 18. Portrait dieser Kollaboration. Lerne noch mehr kreative Köpfe aus Wien kennen.

Video: Nikolaus Sauer
Fotografie: Katarina Soskic
Interview & Text: Zsuzsanna Toth