Lilli Hollein
Festival Director, Apartment, Wien Mitte, Vienna
Vienna Business Agency × FvF
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Design ist nicht nur Oberfläche und pure Ästhetisierung, Design kommt auch von innen. Mit der von ihr gegründeten Vienna Design Week schenkt Lilli Hollein gleich mehreren Aspekten besondere Aufmerksamkeit: Sie zeigt auf dem Festival nicht nur die fertigen Produkte, sondern möchte auch ihren Entstehungsprozess transparent machen.

Darüber hinaus möchte Lilli Hollein eine internationale Plattform bieten, auf der sich Hersteller und Designer treffen. Oft bricht sie im traditionsverliebten Wien mit dem althergebrachten Verständnis davon, was Gestaltung alles sein kann. Besonders am Herzen liegt Lilli dabei das Nebeneinander von Historischem und Modernem – denn das mache den liebenswerten Charme der österreichischen Hauptstadt aus.

Wer Lilli besucht, versteht sofort, warum sie seit ihrer Kindheit an der Wohnung hängt. Helle Räume, Doppeltüren und Fischgrätenparkett verleihen ihr eine anmutig historische Atmosphäre, passend zu der besonderen Lage im Zentrum der Stadt. Der Blick aus ihrem Wohnzimmerfenster bietet einen Querschnitt der Wiener Architekturgeschichte: das Barockschloss Belvedere aus dem 17. Jahrhundert, das 21er Haus aus den Sechzigern und das neu entstehende Stadtquartier rund um den Hauptbahnhof. Warum Lilli leidenschaftlich gern in Wien lebt und arbeitet, erzählt sie uns im Gespräch.

Dieses Portrait wurde in Zusammenarbeit mit departure, das Kreativzentrum der Wirtschaftsagentur Wien, produziert und ist das 17. Portrait dieser Kollaboration.

Lillis Wohnung in Wieden

Du hast Design studiert. Heute bist du Vermittlerin, anstelle selbst kreativ zu arbeiten. Wie kam es dazu?

Schon während meines Studiums habe ich begonnen, für Tageszeitungen zu schreiben und Ausstellungen zu kuratieren. Damals habe ich gemerkt, dass mir die Rolle der Vermittlerin besser gefällt. Zudem fiel mir auf, dass andere mit mehr Leidenschaft entwerfen als ich. Ich habe dafür das kuratorische Auge und den entsprechenden Antrieb.

Hat man in dieser Rolle einen Bildungsauftrag?

Absolut. Design einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen – das ist eine wichtige Intention des Festivals. Ich will den Leuten zeigen, was Design alles sein kann. Vor allem denen, die Design für überflüssig halten und auf eine reine Ästhetisierung reduzieren. Gerade in österreichischen Unternehmen denken viele Menschen noch so.

Viele Produkte verkaufen sich durch ihr Design, zum Beispiel das iPhone neben dir. Müssen österreichische Unternehmen ein stärkeres Bewusstsein für Design entwickeln?

Hinter Apple steckt eine Designideologie, die nicht nur Teil der Unternehmensphilosophie ist, sondern ein Grundpfeiler. Da gibt es nichts Vergleichbares in Österreich. Hier haben noch nicht viele erkannt, dass Design nicht nur Behübschung bedeutet, sondern ein Produkt wirklich besser macht. Ich kenne kaum Unternehmen, die durch gutes Design verloren haben.

In der Wiener Geschichte gibt es durchaus erfolgreiche Beispiele: Kolo Moser und seine Entwürfe für Thonet zum Beispiel. Versucht ihr mit dem Festival an diese große Designgeschichte anzuknüpfen?

Nicht nur das: Wir wollen die Geschichte fortschreiben. Als Tulga Beyerle, Thomas Geisler und ich das Festival gegründet haben, wussten wir, dass diese Stadt nicht nur ein reiches Erbe, sondern auch ein großes zeitgenössisches Potential hat. Es fehlte nur an guten Bedingungen und regem Austausch.

Und die Design Week soll diese Lücke schließen?

Ja, von Beginn an treffen sich Designer aus der ganzen Welt bei der Design Week. Aber auch ganz unterschiedliche Disziplinen. Genau wie departure als Förderinstitution ermöglicht hat, dass beispielsweise Hersteller und Designer kooperieren können, laden wir bei dem Programm Labor internationale Designer ein, etwas mit lokalen Handwerksbetrieben zu entwickeln.

Die Themen Stadtarbeit oder Passionswege stehen auch im Programm. Das klingt nach einem sehr weiten Designbegriff.

Unser Programm lässt Experimente zu. Wir möchten kein cleanes Produktdesign Festival sein, und auch keine Messe. Denn wir zeigen auch den Entstehungsprozess.

In diesem Jahr fand das Festival hauptsächlich im 3. Bezirk statt. Warum gerade hier?

 

Dieser Bezirk hat die Vielfalt einer großen Stadt. Es gibt das elegante Botschaftsviertel, das Stadtentwicklungsgebiet, einen Industriebereich und eine Wohngegend. Ich finde es wichtig, diese Vielfalt mit der Design Week hervorzuheben. Deshalb nehmen wir auch jedes Jahr einen anderen Bezirk der Stadt in den Fokus.

Wann hast du Design bewusst wahrgenommen?

Ich habe relativ früh verstanden: Es ist nicht egal, wie etwas aussieht oder funktioniert. Und das passiert nicht einfach so. Eine Treppe hochzugehen kann viel angenehmer sein, wenn die Stufentiefe oder Höhe entsprechend geplant ist. Das versteht schon ein Kind. Als ich klein war, habe ich Schuhkartons eingerichtet und Entwürfe für mein Kinderzimmer gezeichnet. Die wurden aber ungerechterweise nie umgesetzt.

Versuchst du diese Sensibilität für Design an deine Tochter weiterzugeben?

Ich lebe meinen Beruf sehr leidenschaftlich, sicherlich schwingt das in meiner Erziehung mit. Meine Tochter wird bald sieben und erlebt seit einigen Jahren die Arbeit am Festival. Es ist nicht schwer, ihr zu zeigen, was mir wichtig ist.

Also passiert das Weitergeben der Design-Begeisterung an deine Tochter eher nebenher?

Ich muss meine Tochter nicht darin unterrichten, aber ich unterstütze ihre Neugier. Ich glaube, sie hat schon einen ganz guten analytischen Blick. Kinder gehen den Dingen auf den Grund und Designschaffende sollten das auch: Wie funktioniert das? Kann man es zerlegen? Wie sieht es von innen aus? Warum bleibt ein Teil übrig, wenn ich es wieder zusammenbaue – geht das nicht besser?

Ist das deine Definition von gutem Design?

Nicht nur. Aber der Impuls, an den Anfang zu gehen und zu fragen: Was will ich davon? Was sagt mir das und was kann es noch? Da beginnt für mich gutes Design.

Ich habe gelesen, Ettore Sottsass ist einer deiner Lieblingsdesigner. Was begeistert dich an ihm?

Sottsass steht für die gesamte Bandbreite von Designqualität. Seine Industrial-Design-Arbeiten sind beeindruckend, weil er die Produkte deutlich verändert und verbessert hat: ästhetisch, funktional – und das ist die besondere Leistung – auch emotional. Valentine, die rote Schreibmaschine! Im Querschnitt seines umfangreichen Werkes bleibt seine Handschrift immer erkennbar, ob bei Keramik, Möbeln oder Industrieprodukten. Das ist bemerkenswert. Durch meine Familie kannte ich ihn seit meiner Kindheit. Er war genauso beeindruckend wie liebenswert und meine erste eigene Ausstellung als Kuratorin hat sich dann natürlich auch dem Thema Memphis (eine von Sottsass gegründete Design-Gruppe, Anm. d. Red.) gewidmet.

Gibt es einen Alltagsgegenstand, der für dich gutes Design repräsentiert?

Es gibt eine ganze Reihe von gut durchdachten Produkten, die mir gefallen. Aber ich will nicht das eine Musterbeispiel nennen. Einen Kunsthistoriker fragt man auch nicht nach dem besten Bild aller Zeiten. Das ist schwierig, wenn man sich Tag für Tag damit beschäftigt, man schätzt unterschiedliche Dinge für unterschiedliche Qualitäten, manches ist in jeder Hinsicht herausragend und besteht über lange Zeit. Aber mit jedem neuen Lebensabschnitt gibt es auch neue Dinge, die mir besonders am Herzen liegen.

Aber gibt es schlecht entworfene Dinge, die dir etwas bedeuten? So etwas wie eine Lavalampe, zum Beispiel.

Eine Geschmacklosigkeit muss noch lange kein schlechter Entwurf sein! Die Wahrnehmung von Design hängt von unterschiedlichen Gesichtspunkten ab: Funktionalität, Ästhetik und eben auch individuelle Emotionen spielen eine Rolle. Vielleicht geht es um ein Geschenk von jemandem, den ich schätze.

Von welchen Gegenständen aus deiner Wohnung würdest du dich niemals trennen?

Von dem Sessel der Bouroullec Brüder, auf dem du gerade sitzt. Weder versprüht er eine anbiedernde Zeitlosigkeit noch sieht er aus wie ein Alien. Das Schöne ist zudem, dass ich zu zweit mit meiner Tochter drin sitzen kann, um ihr vorzulesen.

Ein Spaziergang durch den Botanischen Garten

Obwohl du schon oft in anderen Städten gearbeitet hast und dort hättest bleiben können, hast du dich nie von Wien getrennt. Warum? Was macht für dich den besonderen Reiz Wiens aus?

Wien ist so liebenswert langsam und manche Sachen werden sich einfach nie ändern. Wien muss sich auch nicht ständig neu erfinden, lässt aber Raum dafür. Mit einer gewissen, sagen wir, Bedächtigkeit.

Das ist charmant ausgedrückt.

(lacht) Fest steht, dass in Wien Historisches bewusst geschützt wird. Daher kann es schwierig sein, etwas Neues zu etablieren. Hat man einmal den Widerstand überwunden, ist die Resonanz umso positiver.  Irgendwie finde ich das liebenswert. Ich habe die Stadt einfach wahnsinnig gern.

Was würdest du Leuten zeigen, um ihnen diesen Charme zu vermitteln?

Zum Glück kann ich mit meinem Festival Leuten diese vielfältige Seite von Wien vermitteln: die wertvolle Vergangenheit und eine moderne Gegenwart.

Lillis Büro in Leopoldstadt

Darum auch die vielen unterschiedlichen Locations im Programm?

Ja, es geht um die verschiedenen Gesichter der Stadt, Design ist nur eines davon. Ob Journalist oder gebürtiger Wiener: Jeder lernt die Stadt auf diese Art neu kennen. Wie oft steht man in einer Werkstatt im 14. Bezirk und kennt die Straßen drum herum gar nicht?

Die Design Week zieht auch Touristen an. Wie finden die das?

Spannend! So lernen sie die wahre Stadt kennen. Auf den touristischen Trampelpfaden geht das verloren. Aber das ist in jeder Stadt so.

Der 1. Bezirk ist dann wahrscheinlich nicht dein bevorzugtes Pflaster?

Doch! Ich liebe den 1. Bezirk. Wie alle gebürtigen Wiener, sage ich immer noch “in der Stadt”, wenn ich vom 1. Bezirk spreche. Das kriegt man nicht so einfach aus den Köpfen heraus, genau wie das Empfinden, alles außerhalb des Gürtels sei eine halbe Weltreise entfernt. Eine zutiefst wienerische Haltung.

Welche Gegenden in Wien liegen dir noch am Herzen?

Ich mag die Ecken, in denen man das raue Wien spürt. Es ist schade, dass immer mehr davon hochpoliert wird und gentrifiziert, der Naschmarkt und der 16. Bezirk etwa. Ich will dort endlich mal wieder jemanden sehen, der grantig im Unterleiberl aus dem Fenster schaut und einen anständigen Wiener Spruch bringt  – oder einen in welcher Sprache auch immer. (lacht)

Thanks!

Danke Lilli Hollein für die Einladung, die Führung durch ihre eigenen vier Wände und dieses spannende Gespräch. Wer mehr über die Vienna Design Week erfahren möchte, kann das hier tun.

Dieses Portrait wurde in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsagentur Wien und ihrem Kreativzentrum departure produziert und ist das 18. Portrait dieser Kollaboration. Lerne noch mehr kreative Köpfe aus Wien kennen.

Das Interview ist außerdem Teil unserer Kollaboration mit ZEIT Online, die eine eigene Kuration unserer Strecke auf Zeit Magazin zeigen.

Mehr Portraits über Wiener Kreative gibt es auf Freunde von Freunden.

Fotos: Daniel Gebhart de Koekkoek
Interview & Text: Werner Sturmberger