Martin Rein-Cano
(EN) Landscape Architect, Apartment & Workplace, Berlin
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Gar nicht so einfach, Martin Rein-Cano zu finden: An der Eingangstür des Eckhauses im Prenzlauer Berg ist sein Name auf gleich mehreren Klingelschildern zu lesen.

1995 gründete Rein-Cano in dem Altbau im Bötzowviertel eine WG. Seitdem wohnt der Landschaftsarchitekt, mittlerweile mit seiner Familie, in den gleichen vier Wänden – einen Durchbruch zur Nachbarwohnung inklusive. Auch Rein-Canos Frau, die aus London stammende Komponistin Rebecca Saunders, hat ihr Atelier im Haus.
Rein-Cano, Mitbegründer und Partner des Landschaftsarchitekturbüros TOPOTEK1, zählt zu einem der wichtigsten Vertreter seiner Zunft. Nach ersten Projekten im Berlin der Nachwendezeit arbeiten die selbsternannten „Topotekten“, die ihr Büro in der Sophienstraße in Mitte haben, heute überall auf der Welt.

Ich spreche gerne über die Ästhetik von Konflikten. Freiräume sind oft Orte von Konflikten.

Landschaftsarchitekten sollen nach Rein-Cano nicht nur betuliche Friedensstifter sein. Vielmehr hat er, seiner ruhigen Art und seinem freundlichen Auftreten zum Trotz, einen Hang zur Provokation und zum Subversiven. Ins Schwärmen gerät der Landschaftsarchitekt, als er über das Tempelhofer Freifeld nachdenkt und erläutert, warum es ihn an Versailles erinnert. Städte seien Orte des kultivierten Konflikts, da verortet er auch die Aufgabe seiner Zunft: die Probleme nicht verschleiern, sondern erlebbar machen.

Martin, du kommst ursprünglich aus Argentinien – wie bist du nach Berlin gelangt?

Ich bin in Buenos Aires geboren und habe dort gelebt, bis ich dreizehn Jahre alt war. Meine Eltern entstammen väterlicherseits einer jüdisch-litauischen Familie, meine Mutter ist in Spanien geboren. In Argentinien waren sie beide Immigranten. Als junge Menschen haben sie sich in der Kommunistischen Partei kennengelernt. Diese quasi multireligiöse, sogenannte multiethnische Ehe hielt nur ein Jahr. Meine Mutter lernte in Uruguay einen deutschen Entwicklungshelfer kennen und verliebte sich in ihn, so dass wir nach Frankfurt zogen.

Warum hast du Landschaftsarchitektur studiert?

Ich habe zunächst Kunstgeschichte studiert. Das war mir zu dröge und zu akademisch. Dann habe ich aber an einem Kurs zur Gartendenkmalpflege teilgenommen, das war damals etwas ziemlich Neues in der Wissenschaft. In diesem Rahmen bin ich nach Italien in die Renaissancegärten gefahren und fand das sehr cool!
Die Mutter meiner damaligen Freundin war Landschaftsarchitektin, so erfuhr ich mehr über diesen Beruf und wechselte zu diesem Studium nach Hannover. 1994 bin ich nach Berlin, um hier zu arbeiten. Zwei Jahre später habe ich dann ein eigenes Büro gegründet.

Wie lange wohnst du schon in dieser Wohnung?

Seit 1995. Zuerst in einer WG. Das war die Zeit, als man sich die Wohnungen noch aussuchen konnte – vor fast zwanzig Jahren! Dann mit meiner Frau und bald kam die Nachbarwohnung hinzu: Die stand leer, also haben wir einen Durchbruch gemacht. Die früheren Bewohner waren alle ausgezogen, die mochten es hier nicht. Es war damals ein verarmtes Quartier, anders als am Kollwitzplatz. Schließlichhat meine Frau, die Komponistin Rebecca Saunders, noch eine Wohnung hier im Haus, in der sich ihr Atelier befindet.

Gibt es bei dir eine strikte Trennung zwischen Wohnung und Büro?

Zu Hause bin ich hauptsächlich mit meiner Familie zusammen, da arbeite ich nicht. Aber ich bin nicht der autistische Künstlerarchitekt oder -planer, sondern eher ein kommunikativer, assoziativ arbeitender Designer: Ich setze mich nicht hin und skizziere etwas und gebe es dann den anderen zum Ausarbeiten. Durch Handy, E-Mails und Laptop hat man jedoch sein Büro ständig dabei. Insofern gibt es keine richtige, klare Trennung. Aber die intensive Entwurfsarbeit findet hier zuhause nicht statt.

Wo kaufst du deine Möbel?

Ich gehe gerne auf den Flohmarkt. Ich liebe das. Es ist allerdings nicht mehr ganz so spannend wie nach der Wende. Der Schreibtisch ist auch vom Trödel. Und die Tischgarnitur habe ich auf der Straße gefunden, die hatte jemand einfach rausgestellt!

Erzähle doch bitte noch etwas über die Kunst in deiner Wohnung.

Das sind alles Arbeiten meiner Freunde! Zum Beispiel von Anna Lehmann-Brauns, die eine Schulfreundin aus Frankfurt ist oder von Martin Liebscher, dessen Werk auch in der Berliner Philharmonie hängt. Er ist ebenfalls Frankfurter und lehrt an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Und den ‘Hasen’ von Dürer habe ich auch! (lacht)

Und dann habe ich ein Objekt, das ich gemeinsam mit meiner Frau Rebecca Saunders, die Komponistin Neuer Musik ist, für die Architekturbiennale in Venedig gemacht habe. Als Armand Grüntuch und Almut Ernst 2006 den Deutschen Pavillon gestaltet haben, hatten wir, genau wie die anderen ausgewählten Büros, nur so eine kleine Kiste, um unsere Arbeit zu präsentieren. Das reichte uns nicht, das war uns zu popelig.

Wir dachten uns, die einzige Möglichkeit, den Raum auf der Biennale auszufüllen, ist Klang. Wieder geht es dabei um Überlagerung und auch darum, dass du dich als Besucher beteiligst, dass du das Kunstwerk ein bisschen zum Leben erweckst. Diese Polytonalität – wie cool das sein kann, wenn verschiedene Sachen zusammenkommen! Eigentlich viel schöner als eine einzelne dumme Melodie.

Ich bekomme auch ganz oft Sachen von meinen Kunstfreunden geschenkt, zum Beispiel zum Geburtstag. Aber die glauben immer, ich interessiere mich für Landschaft – auch so ein Missverständnis.

Wie hat sich das Bötzowviertel seit deinem Einzug verändert?

Erst vor zehn Jahren fing die Gegend an, sich deutlich zu verändern – und dann ging es ganz schnell. Unser Haus war das letzte, das noch saniert wurde. Die Ecke ist jetzt ein bisschen spießig geworden: Alle sind wie du und ich und haben auch zwei Kinder. In dreißig, vierzig Jahren laufen dann alle mit dem Rollator durchs Quartier! (lacht)

Warum ist die Architektur im hippen Berlin so konservativ?

Wenn ich Ausländern erkläre, warum die deutsche Architektur, besonders die Berliner Architektur, so konservativ ist, sage ich: Berlin hat alle Experimente des 20. Jahrhunderts, sowohl politisch als auch architektonisch, durchprobiert – und eigentlich sind sie alle gescheitert! Daher hat man keinen Bock auf Experimente, also wollen die Berliner irgendetwas, das einfach funktioniert. Was natürlich auch ein Trugschluss ist. Die Brüche – das ist sicherlich ein Berliner Thema. Aber ob das eine Qualität an sich ist? Sie verschwindet peu à peu.

Ein wesentliches Stück der Ost-Berliner Innenstadt soll verschwinden und das Areal zwischen Fernsehturm und Spree bebaut werden.

Da bin ich auf der Seite derjenigen, die das zubauen wollen – entgegen meiner berufsständischen Interessen! Von diesem großen Freiraum mitten in der Stadt halte ich nichts. Und schön ist er an dieser Stelle auch nicht wirklich. Und schließlich halte ich Nachverdichtung sowieso für die erste Bürgerpflicht, eben weil es die einfachste Nachhaltigkeitsmaßnahme darstellt. Wenn ich nachverdichte, habe ich kürzere Wege und nutze das Land, das bereits erschlossen ist.
Vielleicht haben wir sogar zu viele Freiräume in Berlin als zu wenige: Wenn man über Freiräume nachdenkt, muss man immer auch an die notwendige ‘Kultur der Kultivierung’ denken. Bei einem Garten oder Park ist die Pflege, die Kultivierung, die Entwicklung wesentlich für die Qualität des Ortes. Die Stadt aber kann sich das kaum leisten. Und es ist immer traurig, wenn neue Anlagen entstehen, die nicht entsprechend gepflegt werden – oder von vornherein schrottig aussehen.

Hast du ein Beispiel für schlechte Berliner Landschaftsachitektur?

Der Park am Nordbahnhof – der ist superscheußlich. Der nervt, der Park! Das ist der Versuch, durch arte povera einen Park zu gestalten. Aber dann haben wir unsere Parks nur noch für Hunde! Das kann nicht sein. Parks sollten noch immer etwas Besonderes, die Preziosen einer Stadt sein. Wenn man sich das nicht leisten kann, dann sollte man lieber auf Parks verzichten.

In der Niebuhrstraße in Charlottenburg habt Ihr eine Sportanlage gestaltet, die ihre Nutzerinnen und Nutzer zur Aneignung auffordert. Ist diese Idee der Aneignung ein wiederkehrendes Motiv eurer Arbeit?

Auf jeden Fall. Mich interessiert in Bezug auf Freiräume vor allem ein Thema: Ich spreche gerne über die Ästhetik von Konflikten. Oft sind Freiräume Orte von Konflikten: Die Leute kommen zusammen, haben unterschiedliche kulturelle oder soziale Hintergründe; unterschiedliche Anforderungen an die Nutzung; verschiedene Generationen, Geschlechter und so weiter. Und wie bringt man eben diese Konflikte zu einer produktiven Reibung? Wie kann das Energie produzieren und zugleich interessant sein? Die Stadt ist eigentlich ein kultivierter Konflikt. Deshalb sind Parks oder Gärten gute Orte, um diese Kultivierung zu pflegen.

Hast du einen öffentlichen Lieblingsort in Berlin?

Ich finde das Freifeld in Tempelhof ziemlich toll – im Moment, also ohne städtische Umplanung, gibt es dort ein gemeinschaftliches Da-Sein, die Leute entwerfen es durch ihre Nutzung. Und es kann nicht besser werden – wenn der Landschaftsarchitekt sich daran macht, wird es auf jeden Fall schlechter. Aber wenn man von Neukölln aus auf die Landebahn zuläuft, durch diese kleine Schneise an dem Friedhof vorbei: Das ist einfach toll, das ist kaum zu toppen! Das ist für mich wie Versailles: Das ist ein ähnliches Raumgefühl, der Himmel ist auf einmal unglaublich präsent!

Was unterscheidet TOPOTEK1 von anderen Landschaftsarchitekturbüros?

Dass wir keine Angst vor Konflikten haben. Lange galt der Gärtner oder der Landschaftsarchitekt als so eine Art Friedensstifter. Die Stadt ist aber dermaßen kontrolliert, dass es kaum noch Orte gibt, an denen es zu einer kultivierten ‘Deskontrolle’ kommen kann. Und für mich sind es solche Freiräume, an denen ich Konflikte sehen kann. In Parks – gerade dann, wenn es nicht so viele gibt – begegnet sich die Stadtgesellschaft: Das ist wie eine Art Veröffentlichung, wie die Publikation eines Buches. Die Amerikaner sprechen von self-editing; und für mich sind Parks Orte, an denen ich mein self-editing als Beitrag zur Stadtgesellschaft leisten kann.

Habt ihr deshalb einen Boxring im öffentlichen Kopenhagener Park Superkilen integriert?

Wir haben uns gefragt: Wie gehe ich mit den Konflikten in dem Quartier um, die zum Teil sogar gewalttätig sind? Versuche ich, trotzdem einen Schinkel-artigen, klassischen Park zu gestalten oder mache ich diese Konflikte zur tragenden Säule und Qualität dieses Ortes? Gute Städte sind auch immer ein Stück weit kultiviert-konfliktiv. Berlin auch. Noch.

Das Tempelhofer Freifeld ist wie Versailles. Der Himmel ist auf einmal unglaublich präsent.

Was wünscht du dir für deine Zunft?

So sehr ich die Arbeit von BIG – das Kopenhagener Architekturbüro, das gemeinsam mit TOPOTEK 1 am Superkilen-Park-Projekt gearbeitet hat – schätze, gab es da auch Formen von naivem Positivismus. Alles ist lustig, alles ist nett, alles ist easy-peasy. Das nervt mich, weil die Themen Gewalt, Leid, Benachteiligung, Sehnsucht große Kräfte sind, die uns als Menschen und damit dann auch die Städte bewegen.

Auf der anderen Seite bin ich natürlich ein Kind der 1980er Jahre und der Postmoderne und fühle mich in Individualismus wohl. Ich glaube, das sind im Moment die zwei wesentlichen Strömungen. Aber eine stärkere Politisierung, ein Rückgriff auf einen Humanismus, der antireligiös und antinational ist, die alten linken Haltungen – das alles könnte schon mal wieder kommen.

Ich habe keine Universallösung, ich entscheide eher intuitiv, mit einem gewissen Pragmatismus, immer mit einer Lust am Subversiven. So oft es eine Möglichkeit gibt, das zu machen, was nicht erwartet wird, versuche ich, die Chance zu nutzen. Manchmal lasse ich mich auch auf das Spiel ein. Und das ist ja schon eine postmoderne Haltung.

Wie schätzt du die weitere Entwicklung Berlins ein?

Die große Frage wird sein, ob Berlin sich zu einem Klassiker unter den Metropolen entwickelt. Berlin war bis zur Kaiserzeit eigentlich eine langweilige Stadt. In den 1920er Jahren kam dann eine gewisse Dynamik ins Kulturleben – aber letztlich konnte Berlin niemals den Vergleich mit Paris oder London oder Rom Stand halten.

Berlin ist vielleicht augenblicklich so interessant, weil hier das 20. Jahrhundert unglaublich lebendig ist, weil man hier, wie ein Mediziner, die noch offenen Wunden sehen kann. Irgendwann ist auch das sicher vorbei. Und ob es noch immer so sexy sein wird wie jetzt, wenn der Körper erst zugenäht ist, das weiß ich nicht.

Ihr habt Projekte überall auf der Welt – aber keines in Südamerika.

Man muss wissen, dass Landschaftsarchitektur vor allem in den protestantischen Ländern vertreten ist. Und da befinden wir uns, wenn auch abgeschwächt, noch immer in der Romantik. Wenn wir heute an einen Park denken, denken wir eigentlich an einen romantischen, einen englischen Park: ein paar Bäume, eine Wiese, ein See. Vielleicht noch eine Ruine oder so … (lacht)
Dagegen nutzen in den mediterranen Ländern und in Lateinamerika die Menschen öffentlichen Raum als eine Fortsetzung des privaten. Die Leute leben draußen, auch die Omis gehen abends kurz auf die Straße, um zu gucken. Außerdem gibt es in Spanien und Lateinamerika ganz andere Arten von Parks. Eine wahnsinnig tolle Typologie ist der Paseo, eine langgezogene Spazierstraße, oft sehr grün, aber zugleich auch gepflastert. Diese Zwischentypologie von Park und Platz schafft herrliche Orte, weil die Leute dort abends im Schatten der Bäume auf- und abwandern und sich hinsetzen.

 

Mehr zu den Landschaftsarchitektur Projekten von TOPOTEK 1  hier.

Dies ist ein Portrait, gemeinsam mit USM für die Serie  “Personalities by USM” produziert. Eine anderen Schwerpunkt auf diese Geschichte in Bezug auf Martins Einrichtung finden man hier.

Fotographie: Matthias Weingärtner
Interview: Achim Reese