Freunde von Freunden

Michel Würthle
Artist & Restaurateur, Apartment, Kreuzberg & Paris Bar, Charlottenburg
Interviews > Michel Würthle

Michel Würthle ist einer dieser Menschen, denen man mit großer Ehrfurcht begegnet, wenig später aber tief in seine persönliche Geschichte versinkt und sich wünscht, immer weiter zuhören zu dürfen.

Nach seinem Studium an der Kunstakademie Wien zog es den charmanten Künstler und Gastronomen 1964 nach Paris bevor er im Jahr 1971 nach Berlin kam und mit seinen langjährigen Freunden Oswald und Ingrid Wiener das „Exil“ eröffnete. Wenige Jahre später übernahm er die„Paris Bar” an der Kantstraße im Bezirk Charlottenburg. Schnell wurde diese eine Institution für Künstler, Schauspieler und Intellektuelle.

Wo heute zwischen Michels beachtlicher Sammlung zeitgenössischer Kunstwerke prominente West-Berliner jeder Art um einen Platz ringen, verließen jedoch vor dreißig Jahren die Bistrogäste empört den Raum. Zu provokant erschienen ihnen die Arbeiten von Damien Hirst oder Martin Kippenberger, der zu dieser Zeit Kunst gegen Bouillabaisse tauschte. Heute vermisst Michel den Aufstand, genießt aber auch die „Vorteile der Zeit“ – sich nicht jeden Tag neu beweisen zu müssen.

„Salut!“, „Bonsoir!“, „Wie geht es ihnen?“ – Man kennt sich in der Kantstraße. Und Michel hat einen großen Teil dazu beigetragen. Obwohl er nach seinen Reisen quer durch Europa die Stadt Berlin nur aus Bequemlichkeit nicht verlassen hat, wie er selbst sagt.

Wir haben Michel in seinem Apartment am Paul-Lincke-Ufer im Herzen von Kreuzberg getroffen und anschließend die Paris Bar von ihrer intimen Seite erkundet.
Ein Gespräch über die rebellischen Anfangsjahre, den Wandel Berlins und welchen Platz Kunst in Michels Leben einnimmt – auf wienerisch, versteht sich.

Dieses Portrait ist Teil des Magazins Companion, das FvF für das 25hours Hotelprojekt entwickelt hat.

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Michel, erzählen Sie uns von ihren Reisen und wann es Sie nach Berlin verschlagen hat.

Ich komme ursprünglich aus Wien und habe ab 1964 sechs Jahre in Paris verbracht. 1970 kam ich „auf drei Tage“ nach Berlin.

Nach Paris habe ich mich hier wie ein Fisch im Wasser gefühlt. Es war die Zeit der größtmöglichen Freiheit. Eine Kapsel der Yellow Submarine. Keine Steuern, kein Militär.

Wie haben Sie ihr Studium an der Kunstakademie in Wien wahrgenommen?

Ich habe mir meine Lehrer woanders gesucht. Auf der Kunstakademie kannte man außer Vincent van Gogh nichts.

Es gab dort vielleicht zwei oder drei Leute, die mal in New York gewesen waren und was von Pop Art verstanden. Man musste sich auf jeden Fall selber auf dem Laufenden halten.

1962 sah ich zum ersten Mal eine kleine Abbildung von einem Rauschenberg. Ich war fasziniert und habe nicht begriffen, wie es gefertigt wurde.

Hat es Sie eigentlich nie nach New York gezogen?

Doch. Eigentlich wollte ich statt Berlin nach New York. Aber wie die Wiener so schön sagen – ich bin ich hier „picken geblieben“. Ich fahre ich sehr gern für ein paar Tage nach New York und gehe dort spazieren. Was soll ich da denn sonst machen? (lacht) Es gibt nichts zu machen. Selbst wenn man irgendwo eingeladen ist, braucht man mindestens 10 Dollar für den doorman.

Man hört Legendäres über Ihre Freundschaft mit Oswald Wiener und Konrad Bayer. Erzählen Sie mir von den Anfängen der Wiener Gruppe und was Sie dort für eine Rolle gespielt haben.

Ich war nie ein Teil der Wiener Gruppe. Ich habe Konrad Bayer 1961 kennengelernt, er hat mich unter seine Fittiche genommen und mich Oswald Wiener und den anderen vorgestellt. Oswald hatte den Ruf eines großen Außenseiters und eines gefährlichen Mannes. Als 17-jähriger habe ich mich sehr geehrt gefühlt und dachte, ich wäre jetzt in eine Art anarchischen Geheimbund aufgenommen worden.

Im Erdgeschoß Ihrer Wohnung am Paul-Linke-Ufer befand sich das Exil. Was war das Exil und wie waren Sie damals involviert?

Wir hatten vor dem Exil ein Jahr lang ein anderes Lokal in Charlottenburg geführt. Das lief wie die Feuerwehr und wir schwammen im Geld. Das haben wir irgendwann verkauft. Eigentlich wollten wir nie mehr ein Lokal führen. Ich ging nach Griechenland und lernte dort meine spätere Frau kennen, und als ich zurückkam beschlossen Ingrid Wiener und ich dann doch, ein neues Lokal aufzumachen. Oskar weigerte sich anfangs. Auf einem Spaziergang am Paul-Linke-Ufer haben wir dieses Lokal entdeckt, das dann später das Exil wurde. Es war so ein wunderbarer Ort. Vollkommen heiß mit ein paar Rentnern als Stammkunden, die Schultheiß tranken. Wir haben es dann 1971 zu dritt gemietet: Ingrid, Oswald und ich. Es lief direkt gut, obwohl es wirklich exzentrisch gelegen war.

Was heißt „exzentrisch gelegen”?

Außerhalb des Zentrums. Aber ein Zentrum gibt es in Berlin eh nicht. Wir hatten hier allerdings einen Kleinkrieg mit ein paar Typen, die uns Faschisten genannt haben, weil wir weiße Tischdecken hatten.

Finden Sie, dass sich das Publikum in Kreuzberg sehr verändert hat?

Was heißt verändert? Früher gab es kein Publikum, jetzt gibt es rasend viele Jugendliche. Lauter junge Franzosen, Spanier, Kinderwagen, Barbourjacken. Kreuzberg bildet zusammen mit Neukölln das Folklore-Zentrum. Es ist wie Paris – es ist belebt. So habe ich mir den Bezirk immer gewünscht und seit vier, fünf Jahren ist es so.

1979 haben Sie die Paris Bar übernommen. Können Sie sich daran erinnern, wie sie damals aussah?

Der seltsame Name deutet ja schon darauf hin, dass er von einem Provinzler stammen muss. Von dem Lyoner, der die Paris Bar gründete, gibt es ein wunderbares Foto. Bevor er sie uns verkauft hat, fuhr er nach Cannes und ist mit seinen drei Königspudeln einmal rauf und einmal runter stolziert. Das werde ich ihm auf jeden Fall nachmachen. Vielleicht lass ich die dann auch blau färben, die Pudeln.

Wir haben die Paris Bar direkt nach der Übernahme restauriert. Den Stil haben wir beibehalten, aber die Dekoration geändert. Damals war das Bistro voll von Deko-Krebsen, Fischernetzen, Eiffeltürmchen. Wir haben uns dazu entschieden, zeitgenössische Kunst aufzuhängen.

Wie würden Sie die Paris Bar jemandem beschreiben, der noch nie von ihr gehört hat?

Gar nicht. Wozu soll ich jemanden etwas beschreiben?
Mein Auto, meine Geliebte, mein Flugzeug… Kommen Sie vorbei! Schauen Sie es sich an! Und beschreiben Sie es mir!

Wann entstand Ihr Interesse am Kunstsammeln?

Die Werke hier haben sich über eine sehr langen Zeitspanne hinweg angesammelt. Am Anfang wurde viel getauscht, auch gegen Essen, und in den vielen Jahren ist einiges dazu- und weggekommen. Ich sehe die Wände hier als einen immer währenden Flickenteppich.

Man hört ja viel von den prominenten Gästen in der Paris Bar. Welche zwischenmenschlichen Begegnungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Die Vielfalt der Gäste, die hier in den letzten Jahrzehnten ein und aus gegangen sind, bilden ein Kaleidoskop aus den unterschiedlichsten Menschen. Man trifft immer wieder Leute, die einen mehr beeindrucken als andere. Die Legendenbildung, die um die Künstler und Besucher der Paris Bar entstanden ist, ist aber ein reiner Selbstläufer. Wir leben nun mal in einer Anekdotenindustrie.
Da werden im nachhinein Namen von Menschen, die es geschafft haben, herausgepickt. Die anderen Fallen wie immer durch den Rost.

Auch wenn das Essen auch in hohen Tönen gelobt wird, scheint es als kämen die Gäste nicht wegen des Entrecôtes, sondern dem Flair, der versprochen wird.

Man kann schon sagen, dass das hier ein Traditionslokal geworden ist. Das will natürlich begutachtet werden. Das haben wir ja damals in unserer Jugend genauso. Wir sind in Rom ins St. Gregor Kaffee trinken gegangen, oder in die Kronenhalle in Zürich. Man fängt aber natürlich nicht mit der Absicht an, eine Institution oder Tradition zu werden. Man endet nur damit.

Das alles hier haben wir nicht kreiert, um irgendwen zu beeindrucken. Es war ein großer selbstsüchtiger Gefallen.

Können Sie sich an die ersten Jahre erinnern, als das Lokal noch nicht etabliert war? Wie waren die ersten Reaktionen?

In den ersten zehn Jahren war die Abneigung und Verachtung gegenüber Kunst eine große Motivation für mich.

Einer der Ochsenköpfe von Damien Hirst hat zum Beispiel für Proteste gesorgt: „Was soll der Scheiss? Wie soll man daneben bitte essen?“ hieß es dann.

Ein weiteres Beispiel war das erste große Bild von Martin Kippenberger, das mit einem Messer aufgeschlitzt wurde. Es gab richtig dramatische Szenen. Als die Zahlen im Restaurant stimmten, hat sich jeder Protest gelegt und sich der Mainstream eines Tages dazu entschieden, alles zu bejahen. Auf einmal herrschte ein allgemeiner Konsens. Das war immer schon der Verlauf der Dinge, das wird auch immer so bleiben.

Fehlt Ihnen der Wiederstand heute?

Aber natürlich. Sehr sogar.

An welchem Kunstwerk hängen Sie persönlich am meisten?

Ich habe hier nichts hängen, das nicht persönlich ist. Das ganze Bistro ist ein persönliches Statement. Ein Flickenteppich. Nachts, wenn es dunkel ist und wir auch die meisten Gäste haben, sieht das hier auch wirklich wie ein Gewebe aus.

Auch rund um den Zoologischen Garten hat sich in den letzten 2-3 Jahren sehr viel verändert und es scheint unaufhaltsam weiterzugehen. Die Potsdamer Straße wird zu einer regelrechten Galeriemeile, das Bikini und das 25hours Hotel eröffnen gerade. Wie sehen sie diese Entwicklungen?

Her damit, mit dem ganzen Plunder! Give me more of these ! (lacht) Ich habe es ausgehalten in der Wüste, ich halte es auch mit dem Gegenteil aus.

Von hier bis Beate Uhse war früher ein brach liegendes Land. Und deswegen sage ich heute: je mehr, desto besser. Hat ja keine Einwohner die Stadt. Diese schlampigen 3,5 Millionen! Nein, ganz im Ernst, ist schon ganz lustig alles.

Lieben Sie Berlin?

Nein. Und ich bin wirklich geschockt, dass ich schon so lange da bin. Aber wenn man es öfter verlässt, dann ist es eine der bequemsten Städte, die man sich vorstellen kann.

Was hat Sie bewogen, in Berlin wohnen zu bleiben?

Reine Bequemlichkeit! Umziehen ist ja Krebs! Mir hat es hier immer sehr gut gefallen. Das Ufer, dass da ein Markt ist. Außerdem lebe ich eh in den Lokalen.

Ich finde es sehr sympathisch, dass Sie Ihren Wiener Akzent kein bisschen abgelegt haben.

Hören Sie mal! Ich bin ja kein Fernsehsprecher, ich muss ihn nicht ablegen. Und will ich auch nicht. Bei dem Wort lecker, oder superlecker bekomme ich heute noch regelmäßig Mordgelüste.

Was soll ich bestellen, wenn ich das nächste Mal zum Dinner vorbei komme?

Wissen Sie was? Erwarten Sie sich nicht zu viel. Das ist kein Grand Restaurant, das ist Bistroküche. Und die ist anständig. Manchmal geht auch was schief aber dann schmeissen wir es halt einfach durch die Küchentür wieder zurück.

Woran arbeiten Sie gerade als Künstler?

Zusammen mit meiner langjährigen Freundin Ingrid Wiener arbeite ich an einem gemeinsamen Projekt.

Unser Projekt ist ein Künstlerbuch, in dem sie von einer femininen Seite die Erinnerungen transferiert. Und ich schreibe und zeichne meine Perspektiven.
Ausschlaggebend für dieses Kunstprojekt waren unsere unzähligen Gespräche, in denen wir feststellten, dass die Ansammlung zweier Perspektiven ein verblüffend unterschiedliches Gesamtbild prägen. Von prikären Situationen zu unseren Begegnungen. Und das seit den Sechziger Jahren. Es ist nicht uninteressant.

Wann soll das Werk erscheinen?

Wie soll ich sagen? Sie ist Wienerin, ich bin Wiener, wir sind nicht die Schnellsten. Oder sagen wir – nicht die Allerschnellsten.

Michel, es war spannend und erfrischend in Ihre Welt eintauchen zu dürfen. Mehr Infos zur Paris Bar gibt es hier. Außerdem gibt es auf der Website der 25hours Hotels weitere Einblicke in Michels Leben.

Fotografie: Debora Mittelstaedt
Interview: Pia Dehne & Zsuzsanna Toth

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