Verbündete in einem schwankenden System: Doulas wie Daria Utkina wollen das russische Gesundheitswesen nachhaltig verändern
Damit Frauen in Russland selbstbestimmt entbinden können, braucht es mehr emotionale Unterstützung, Moscow
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Ein Kind zur Welt zu bringen ist eine der natürlichsten Erfahrungen, die eine Frau machen kann. Allerdings ist die klinische Krankenhausgeburt heute zum Standard vieler Länder geworden.

Jede Frau hat andere Bedürfnisse, wie lässt sich die Geburt also wieder individueller gestalten? Viele Geburtsspezialisten und Psychologen sprechen sich derzeit für eine persönlichere Atmosphäre in Krankenhäusern und eine engere Unterstützung durch ausgebildete Doulas aus, damit Frauen mögliche Traumata erspart bleiben.

Wozu, mögen sich einige fragen, braucht es eigentlich Doulas, wenn es doch bereits Ärztinnen und Hebammen gibt, die Geburten durchführen? Für viele Frauen reicht die medizinische Unterstützung allein nicht aus, um sie ganzheitlich auf die bevorstehende Geburt vorzubereiten. Ein Kind zu bekommen ist oft eine Erfahrung voller Unsicherheiten, weshalb sich immer mehr Schwangere Hilfe außerhalb des starren Gesundheitssystems suchen, in dem die Zeit der Ärzte für einzelne Patientinnen stark begrenzt ist und die sterile, unpersönliche Krankenhausroutine oft ihr Übriges tut.

Doulas sind “Geburt-Coaches”, die Frauen vor und nach der Entbindung unterstützen. Daria Utkina ist eine von ihnen. Ihre Aufgabe ist es, Frauen in Moskau auf dem langen Weg zur Geburt emotional zu unterstützen und auch über die Geburt hinaus steht sie jungen Müttern mit Ratschlägen zur Seite. Nach ihrer Ausbildung zur klinischen Psychologin sah Daria in dem Wechsel zur Geburtshilfe die Möglichkeit, einen Beitrag zur Verbesserung des russischen Gesundheitswesen zu leisten, in dem Frauen immer noch einer Vielzahl von Herausforderungen ausgesetzt sind.

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Warum brauchen Frauen Geburtsbegleiterinnen, wenn es doch Ärzte und Hebammen gibt? In Russland ist die Antwort einfach: Das aktuelle System kann keine gute Entbindungserfahrung für jede Frau garantieren.

Doulas sind nicht qualifiziert medizinische Hilfestellung zu geben, Medikamente zu verordnen, oder die Entscheidung, wie eine Frau gebären möchte, zu beeinflussen. Dennoch ist das Berufsbild der Doula in Russland schon das eine oder andere Mal in Verruf geraten, aufgrund von Fällen, in denen sich unausgebildete Personen „Doula” genannt und sogar eigenständig Hausgeburten durchgeführt haben – teilweise mit fatalen Konsequenzen für Mutter und Kind. Doulas sind keine Hebammen, ihre Unterstützung bezieht sich auf den nicht-medizinischen Rahmen einer Geburt.

„Mein Berufsweg begann als klinische Psychologin in einer Psychiatrie, in der vor allem mit autistischen Kindern gearbeitet wurde.“ Damals träumte Daria noch davon, eines Tages Kunsttherapeutin zu werden und sammelte einige erste Erfahrungen in dem Bereich. Bis sich die Prioritäten in ihrem eigenen Leben neu verteilten. Nachdem Daria ihr erstes Kind zur Welt gebracht hatte, nahm sie ein weiterführendes Psychologie-Studium auf. Damals suchten einige schwangere Freundinnen Rat bei ihr und ihrer Freundin Nadezhda Pavloskaya, die ebenso wie Daria Psychologin ist. Sie wollten aus erster Hand erfahren, was es bedeutet, ein Kind zur Welt zu bringen: „Ihr habt es mitgemacht, trotz all der Umstände. Erzählt uns, wie es sich anfühlt.”, sagten einige von Darias ersten Klientinnen. „Wenn wir euch anschauen, nimmt uns das die Angst, selbst Kinder zu bekommen.”

Zusammen mit Nadezhda fing Daria an, schwangere Frauen zu Hause zu besuchen und begann bald darauf ihre offizielle Ausbildung zur Doula. Sie strebte das Zertifikat einer amerikanischen Organisation namens Birthing from Within an, das sie offiziell als Doula auszeichnen würde. Während der Schulungen lernte sie, worin die Aufgaben einer Doula bestehen. „Natürlich wollte ich bei einer Geburt dabei sein, um zu wissen, was mich nach der Ausbildung erwartet“, erzählt Daria. „Früher hätte ich nie gedacht, eine Doula werden zu können, das hatte immer etwas Heiliges für mich.“ Ihre Einstellung sollte sich binnen kurzer Zeit ändern, als eine Klientin sie bat, bei ihrer Entbindung dabei zu sein.

Ermutigt wurde Daria auch immer wieder von ihren Lehrerinnen und Lehrern bei Birthing from Within. Die Ausbildung der Schule basiert zu großen Teilen auf den Arbeiten des einflussreichen französischen Geburtsspezialisten Michel Odent. Bei Birthing from Within, gegründet von der amerikanischen Hebamme Pam England, die wie Daria ebenfalls ein Psychologiestudium absolvierte, wird die Geburt als ein Übergangsritus verstanden, der für jede Frau eine individuelle Form annimmt. Folglich wird keine Art der Entbindung – ob Zuhause oder im Krankenhaus – gegenüber einer anderen bevorzugt. Dieser Ansatz wird auch im gleichnamigen Buch beschrieben, dass 1998 erschien. Daria gefällt an der Methode von Birthing From Within, dass ihre Befürworter in der Geburt eine Transformation für die werdende Mutter und deren Familie verstehen. Es ist ihnen wichtig, die Patientinnen bei dieser umfassenden Veränderung zu begleiten, um mögliche Traumata zu vermeiden.

Warum brauchen gerade in Russland Frauen Geburtsbegleiterinnen, wenn es doch Ärzte und Hebammen gibt? Die Antwort ist einfach: Das aktuelle System kann keine gute Entbindungserfahrung für jede Frau garantieren. In der ehemaligen Sowjetunion versuchte die Regierung ein sehr effizientes System für moderne Frauen aufzubauen, die Männern gegenüber gleichgestellt waren und ebenso hart arbeiten mussten. Daria ist überzeugt, dass dieses System in vielen Punkten darauf ausgelegt war, das Kind frühzeitig von der Mutter zu trennen, weil Frauen sich vorrangig der Gesellschaft verpflichtet fühlen sollten. Kindererziehung war eine gemeinschaftliche Aufgabe. Es gab viele Regulierungen: Eine Mutter musste ihr Kind auf eine vorgegebene Weise füttern, die eigene Brust mit Seife waschen, einen Mundschutz tragen, wenn sie ihrem Kind nahe kam und sterile Windeln verwenden. Vor allem aber sollten Frauen den „Experten“ vertrauen und ihre Kinder bereits nach drei Monaten in die Tageskrippe geben, damit die Gesellschaft auf sie aufpassen konnte, anstatt deren Mütter. Diese Verhaltensregeln wurden ihnen durch die visuelle Propaganda vorgelebt.

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„Das aktuelle System funktioniert so: Selbst wenn ein Arzt oder eine Hebamme einfühlsam und unterstützend handeln möchte, wird es Ihnen durch den stressigen Dienstplan unmöglich gemacht.“

Ziel dieses neuen Systems war es, jeder Frau die Möglichkeit zu geben, in einem Krankenhaus zu entbinden. Aber bis in die 60er Jahre hinein gab es noch Frauen, die Hausgeburten durchführten. „Ich besitze ein Sowjetisches Buch für Schwangere von 1959, in dem es ein ganzes Kapitel über Hausgeburten gibt“, erzählt Daria. Es zeigt, dass Frauen oft von Sanitätern unterstützt wurden, weil das nächste Krankenhaus einfach zu weit weg war. „Das Kapitel empfiehlt auch, eine Freundin oder eine Nachbarin für die Entbindung um Hilfe zu bitten. Diese Person war dann also tatsächlich so etwas wie eine Geburtshelferin.“ Als die Infrastruktur wuchs, verbot der Staat allerdings Hebammen, außerhalb von Krankenhäusern zu arbeiten.

„Wenn ich nach einer Entbindung nach Hause fahre, denke ich oft darüber nach, was ich alles tun würde, wenn ich Gesundheitsministerin wäre“, sagt Daria halb scherzend. „Das aktuelle System funktioniert so: Selbst wenn ein Arzt oder eine Hebamme einfühlsam und unterstützend handeln möchte, wird es Ihnen durch den stressigen Dienstplan unmöglich gemacht.“ In Russland haben ein Arzt oder eine Ärztin durchschnittlich 12 Minuten für eine Sitzung mit einer Schwangeren. Fachkräfte, die den Patientinnen während der Geburt assistieren, sind ebenso ausgelastet. Jedes Team aus zwei bis drei Hebammen führt bis zu zwanzig Entbindungen am Tag durch, deshalb leiten sie so schnell wie möglich die Wehen ein. Sie sind zu gestresst, um hier noch achtsam zu sein und sich Zeit zu nehmen. Für Daria ist dieser enge Dienstplan der Grund, warum das Personal oft grob auftritt und Frauen einschüchtert, damit sie sich ihren Anweisungen unterordnen.

Ein anderes Problem liegt für Daria in den Krankenhausstrukturen. Sie hofft, dass es werdenden Mütter eines Tages ganz selbstverständlich erlaubt sein wird, zur Geburt eine vertraute Person mitzunehmen. In Russland ist es oft verboten, jemanden mit zur Entbindung zu nehmen, selbst wenn es der eigene Ehemann ist. Viele Patientinnen müssen für diese Möglichkeit bezahlen. Da das Geld in Krankenhäusern oft knapp ist, sieht Daria sie dazu verleitet, mittels solcher Gelder neue Finanzierungsquellen zu schaffen. Der Einsatz von Doulas könnte das überforderte System allerdings entlasten. Dafür müssten sie nur mehr Aufmerksamkeit erhalten.

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„Mit Ungewissheit umgehen zu können, ist der Schlüssel, denn Mutterschaft ist nie vollkommen kontrollierbar.”

Um diesen Sinneswandel anzustoßen, nimmt Daria an vielen Programmen und Projekten teil. Sie war Teil des Gründerteams der Association of Professional Doulas, die mehr als 200 Doulas in ganz Russland miteinander verbindet. Nun will sie eine eigene Agentur für Geburtshilfe aufbauen. „Als Einzelperson kann ich nur einer begrenzten Anzahl von Frauen helfen“, erzählt sie. Ihr momentaner Wirkungskreis ist noch recht klein, aber Daria weiß, dass mehr in ihr steckt.

„Ein Teil von mir fragt ständig: ‚Warum ausgerechnet du? Klar magst du deine Arbeit, aber was ist mit den anderen Leuten?‘“ Was sich Daria vorstellt, ist ein gemeinsames Bildungsprogramm für Ärzte und Hebammen, das dabei hilft, das bestehende System von innen heraus zu verändern. Daria weiß genau, dass bereits eine einzelne Person viel bewegen kann. Sie orientiert sich dabei an der Geschichte von Yekaterina Glok. Die russische Doula hatte Carol Gautschi, eine berühmte amerikanische Hebamme, in den kleinen Ort Chernogorsk in der Republik Khakassia eingeladen, wo sie die Ärzte in einem der Krankenhäuser trainieren sollte. Nach nur kurzer Zeit änderte sich dort die gesamte Vorgehensweise: Ein neuer Kreißsaal mit einer häuslichen Atmosphäre wurde geschaffen und Doulas konnten fortan bei Geburten dabei sein. Mittlerweile kommen sogar Frauen auf den Nachbarstadt, um dort zu entbinden.

Eine Verbesserung solcher Strukturen macht einen großen Teil von Darias Mission aus, aber ihre Hauptaufgabe ist und bleibt es, Frauen auf der Suche nach innerer Ruhe und Selbstvertrauen zu unterstützen. Zusätzlich zu ihrer Praxis schreibt Daria Texte für Magazine, um Frauen, die sie nicht persönlich erreichen kann, über Doulas aufklären. In ihrem Schreiben schwingt stets die feste Überzeugung mit, dass Mütter selbst am besten wissen, was sie zu tun haben. Für Frauen ist es wichtig, sich frei und selbstbestimmt zu fühlen. Denn jede erfolgreiche Entbindung beruht auf dem Vertrauen in die eigenen Kräfte und darin, sich lediglich auf das zu konzentrieren, was lässt beeinflussen lässt. „Mit Ungewissheit umgehen zu können, ist der Schlüssel, denn Mutterschaft ist nie vollkommen kontrollierbar.” Im 21. Jahrhundert sollten wir uns auf die Fähigkeiten des Körpers und der Menschen um uns herum verlassen können. Doulas sind dabei diejenigen, die Frauen dieses Vertrauen nahebringen können.

Besucht Darias Website, um mehr über ihre Arbeit zu erfahren. Weitere Informationen gibt es außerdem bei Birthing From Within und der Association of Professional Doulas. Danke Daria, dass du uns Moskau gezeigt hast und für deinen Mut, gesellschaftliche Themen nicht nur  auszusprechen, sondern selbst zu handeln und andere zu ermutigen, es dir gleichzutun.

Dieses Portrait ist Teil der Zusammenarbeit von Freunde von Freunden und Werde Magazin, basierend auf unserer gemeinsamen Wertschätzung für die Arbeit mit der Natur.

Text: Anna Savina
Fotografie: Natalia Pokrovskaya