Die Kunstbiennale als Kunstwerk: Wie Künstler Christian Jankowski sich in seiner Rolle als frischgebackener Kurator fühlt
Er ist bekannt für seine charmante, augenzwinkernde Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen. Im Gespräch erklärt uns Christian Jankowski, warum es für ihn keinen großen Unterschied zwischen Künstlern und Kuratoren gibt., Berlin
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Bei Christian Jankowski gehen Kunst und Leben, Profession und Privates Hand in Hand. Von Malerei, Video und Performances bis hin zu Bronzeskulpturen, Teppichen oder Büchern reicht die Palette des 1968 in Göttingen geborenen Künstlers, der sich mit seiner Kunst mittlerweile längst international einen Namen gemacht hat.

Warum, das liegt auf der Hand: Jankowskis Kunst will nicht elitär sein – seine Arbeiten sprechen auch zu Menschen, die keine besondere künstlerische Vorbildung besitzen. Zum Beispiel, wenn Jankowski „Jesus-Profis“ im Vatikan den perfekten Sohn Gottes casten lässt. Oder wenn er wie in seiner cleveren Videoarbeit „Telemistica“ italienische Fernseh-Wahrsagerinnen nach seinem künstlerischen Erfolg bei der Venedig-Biennale befragt.

“Ich begreife die ganze Manifesta als einen Körper, der gestaltet werden will und sollte.”

Mit medialer Inszenierung kam Jankowski schon früh in Berührung. Sein Vater, ein musikbegeisterter Versicherungsangestellter, drehte in seiner Freizeit als ambitionierter Hobbyfilmer Hunderte von Super-8-Filmen von der Familie. Seine Mutter, die in einer Bank arbeitete, trug mit ihrem Faible für Archäologie zur Geschichtsleidenschaft des Sohnes bei. An die Hamburger Kunsthochschule schaffte es Jankowski, der ursprünglich Maler werden wollte, allerdings erst beim dritten Anlauf. Dafür griff er statt Pinsel und Leinwand auf archaische Rituale sowie Pfeil und Bogen zurück, mit denen er in der Arbeit “Jagd im Supermarkt“ (1992) seine Wocheneinkäufe tätigt. Das viel zitierte Werk enthält bereits zwei zentrale Fingerabdrücke des Künstlers: Seine charmante Hartnäckigkeit und die Auseinandersetzung mit Gesellschaft, Medien und Kunstbetrieb. Diese knöpft er sich vor, um bestehende Strukturen auseinanderzunehmen oder ad absurdum zu führen.

Christian Jankowskis ist viel unterwegs, hat seinen Lebensmittelpunkt aber bereits seit einigen Jahren in Berlin. Sein Atelier liegt in der ersten Etage eines Backsteinkomplexes, wo er seit gut vier Jahren lebt. Trotz früher Morgenstunde und vollem Terminkalender treffen wir auf einen freundlichen, gut gelaunten Künstler. Der Raum selbst ist eine Mischung aus Privat- und Arbeitsraum – klare Grenzen zwischen Kunst und Leben lassen sich hier nicht ziehen. Im lichtdurchfluteten Studio-Loft unterhalten wir uns mit Jankowski über das Verhältnis von Kunst und Leben und über die Kunstbiennale Manifesta, deren elfte Ausgabe er dieses Jahr als Kurator verantwortet.

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Die meisten deiner Arbeiten sind nicht unbedingt im Studio verortet. Welche Bedeutung hat dieser Ort überhaupt für deine Kunst?

Ich bin es gewohnt, mein Leben im Studio zu leben und gleichzeitig zu arbeiten. Ganz vieles wird über Tage, Wochen, Monate hier vorbereitet. Meistens an diesem Tisch, der hier steht. Ich mag Multifunktionsräume.

Die enge Verbindung von Kunst und Leben oder auch die Zusammenarbeit mit Personen, die nicht unmittelbar mit Kunst zu tun haben – warum ist dir das so wichtig?

Das kommt ganz natürlich. Ich kann Kunst ja auch nur durch das Leben und die Wahrnehmung um mich herum lesen, denken und entwickeln. Ich finde eher, das der Ausstellungsraum, das vom Kontext Losgelöste, es dann erst deutlich zur Kunst macht. Gerade, weil bei mir auch immer Arbeiten im Kollektiv entstehen, bin ich darauf angewiesen, mit anderen Menschen zu kommunizieren und zu überlegen, in welche Richtung man zusammenarbeiten kann. Wie man sie einbinden kann, Kunst zu machen, auch wenn sie normalerweise vielleicht keine Kunst machen. Ich kann dann erst einmal nur lernen und sehen, wie andere Menschen in anderen Kontexten arbeiten.

In diesem Jahr erhalten deine künstlerischen Kollaborationen eine ganz neue Dimension: Du eröffnest die “Manifesta”, eine der etabliertesten Kunstbiennalen, nicht nur als Künstler, sondern als Kurator. Was ist der Unterschied zwischen dem Künstler und dem Kurator Christian Jankowski?

Es gibt keinen großen Unterschied. Die Manifesta ist für mich auch einfach nur ein künstlerisches Format. Viel größer natürlich und langfristiger in der Vorbereitung, und es sind viel mehr Leute, die mithelfen. Aber von meiner Einstellung und meiner Haltung her sind es dieselben Themen, die mich inspiriert haben, das Konzept zu entwickeln. Es geht außerdem genauso wie in der Arbeit als Künstler um ein gemeinsames Netzwerken mit vielen Menschen zusammen, mit denen man kommunizieren muss, die man irgendwie überzeugen muss. Ich begreife die ganze Manifesta als einen Körper, der gestaltet werden will und sollte.

“Dass etwas vielfältig gelesen werden kann, ist für mich immer eine Qualität von Kunst.”

Auf was freust du dich besonders im Hinblick auf die Manifesta?

Es macht großen Spaß, zu sehen, wie Kunst entsteht, von der Idee bis dahin, wo sie als Werk fertig wird. Und bis zum nächsten großen Abenteuer, dieses Kunstwerk zum ersten Mal zu zeigen. Es sind ja viele Künstler, die ich schätze und zum Teil jetzt erst kennengelernt habe. Das ist ein neues Verhältnis für mich, eine neue Erfahrung, weil ich das bis jetzt nur mit meinen eigenen Arbeiten kenne. Ich fühle mich wie eine Art Guide, der versucht, das alles zu beschützen, zu unterstützen und auf den Weg zu bringen. Geburtshilfe quasi.

Siehst Du es allgemein als Aufgabe des Künstlers, sich spielerisch oder kritisch mit den Institutionen auseinanderzusetzen? Anders gefragt: Was ist dein Begriff von Kunst? Was soll sie leisten?

Sie sollte einen auf jeden Fall berühren. Ich arbeite ja mit den Lebenden und nicht den Toten. Wenn andere Leute auf mich zugehen, oder ich auf sie – mit Erwartungshaltungen oder mit einer Frage – dann ist das der Anfang eines Dialogs. Ich bin auch dankbar, wenn ich von Kuratoren Konzepte bekomme, die ich nicht so gut finde – prima, dann haben wir einen Anfang. Das kann in die Kunst einfließen. Es muss nicht überall so sein, aber in meiner Kunst ist das oft der Fall.

Deine Kunst gilt sowohl als kritisch als auch humorvoll. Es besteht dabei ja immer die Gefahr, dass etwas zum Klamauk wird. Wie gehst du damit um?

Ich kann das nicht vermeiden. Den Klamauk macht der Rezipient daraus. Ich verstehe die Arbeiten nicht als Klamauk. Dass etwas vielfältig gelesen werden kann, ist für mich immer eine Qualität von Kunst. Ob etwas eine Predigt ist oder eine Performance, das liegt im Auge des Betrachters.

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“Es macht großen Spaß, Kunst zu sehen, von der Idee bis dahin, wo sie als Werk fertig wird und bis zum nächsten großen Abenteuer, dieses Kunstwerk zu zeigen.”

Du bist bereits seit einigen Jahren Professor an der Stuttgarter Kunsthochschule. Was bedeutet diese Rolle für dich?

Ich fühle mich in so einem Umfeld wohl. Es fühlt sich nicht an wie Arbeit wenn ich eine Arbeitsbesprechung über Kunst mit den Studenten habe. Es ist toll, wenn man neben der Arbeit an seiner eigenen Kunst auch noch die Lehre hat. Nicht nur ökonomisch. Es gibt viele Sachen, die zusammenhängen und die einem dann auf einmal etwas anderes ermöglichen. Ich merke das jetzt auch in Ansätzen mit der Manifesta. Diese Einladung zur Manifesta, genau auch wie die Einladung zur Professur in Stuttgart, kam zu mir wie: „Oh, da schenkt mir das Leben eine neue Möglichkeit, mal was anderes zu machen“.

Gibt es außer Künstlern auch andere Persönlichkeiten, die beeinflusst haben?

Es gibt viele Wegbegleiter. Ich habe ja auch lange Zeit Musik gemacht, wie man an diesen E-Gitarren sehen kann – mittlerweile Reliquien aus einer anderen Zeit. Das Musikmachen zeigt vieles vom kollektiven Arbeiten, was auch bei Filmproduktionen und am Schreibtisch im Studio Jankowski passiert. Wenn man sich überlegt, wie ich als Teenager Frank Zappa hoch- und runtergehört habe und versucht habe, mit meinem schlechten Englisch die Texte zu übersetzen – was mir da für Fantasien kamen (lacht)!

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Christian, herzlichen Dank für die „kommunikative Kollaboration“ beim Interview und das schöne Gespräch beim morgendlichen Kaffee.

Interview & Text: Chrischa Oswald
Fotos: Franziska Sinn