Gedruckte Träume: Ricarda Messner kreiert zwei abwechslungsreiche Universen
Sofa, das neue Magazin der Flaneur Gründerin, schlägt die Brücke zwischen online und offline, Berlin
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Print is not dead—muss nicht länger hochgehalten werden. Mit der fortschreitenden Digitalisierung hat sich längst gezeigt: Printmagazine sterben nicht aus, sie werden im Gegenteil vielfältiger und anspruchsvoller.

Für Ricarda Messner, deren Flaneur Magazin oft mit dem zeitgenössischen Entschleunigungsvokabular beschrieben wird, schließen sich das Analoge und Digitale ohnehin nicht aus. Ihr neues Projekt SOFA versteht sich als empathische Zone, die physische und digitale Sofas und die Gespräche, die auf ihnen stattfinden, verbindet. Die Erstausgabe im trashy Hochglanz Look widmet sich der Gen Z, der aktuellen Teenager Generation, welche sich meist vorwerfen lassen muss, immer nur am Handy zu hängen. Aber in Wahrheit haben die Teens von heute einiges zu sagen. Es liegt also nicht fern, dass Ricarda und ihre Mitstreiterin Caia Hagel, eine 16-Jährige eingeladen haben, Mitherausgeberin von SOFAs Debütausgabe zu sein. Gefunden haben sie sie auf Instagram.

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In SOFAs Gen-Z Ausgabe diskutieren vier Teenager via Textchat Identitätsfragen der LGBTQIA* Community.
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Flaneur und SOFA sind offensichtlich sehr unterschiedlich—aber das ist genau, was ich erreichen wollte.”

Währenddessen begibt sich das Team um Flaneur weiterhin halbjährlich auf die Suche nach der jeweiligen Straße, um die sich ihre nächste Ausgabe drehen wird. Wie Ricarda beide Projekte gleichzeitig meistert? „Inzwischen habe ich viel über den Produktionsprozess von Magazinen gelernt, dennoch verlasse ich mich meist auf mein Gefühl.“ Und auf Glückskekse. Aufgewachsen ist Ricarda unweit der Kantstraße, die oft als Berlins Chinatown bezeichnet wird. Möglicherweise liegt hier der Ursprung ihrer Glückskeks Obsession, ganz bestimmt aber ist es der Ort, an dem das Magazinmachen vor drei Jahren seinen Lauf nahm. „Ich versuche immer noch, diesen Moment zu rekonstruieren, warum ich eigentlich angefangen habe Magazine zu machen. Erst nach und nach decken sich die einzelnen Puzzleteile auf und ich sehe, was eigentlich alles in diese Entscheidung hineingespielt hat. Ohne Zweifel ist vieles auf dieses Gefühl der Genugtuung zurückzuführen, das ich zum ersten Mal empfunden habe, als ich meine 160-seitige Uni-Abschlussarbeit fertig gedruckt in den Händen hielt.“

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Das geschwungene, mintfarbene Treppengeländer ist eines von Hinrich Baller Markenzeichen. Ricarda hat den Architekten ihres Wohnhauses einmal Zuhause besucht.
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Etwas versteckt, relativ genau in der Mitte der Kantstraße liegt eine Tankstelle, wie es nur noch wenige in Berlin gibt. Sie ist untergebracht im 6-stöckigen denkmalgeschützten Kantgaragengebäude, das zu Beginn des motorisierten Zeitalters gebaut wurde und heute leer steht. Die Erstausgabe von Flaneur widmet sich auf einigen Seiten der Debatte um seinen Erhalt.

Zu sehen, wie das eigene Magazin aus dem Druck kommt, stellt für Ricarda immer wieder den Moment dar, in dem sich die ganze Anstrengung auszahlt. Vor allem ist es ein Gefühl, das sich nur mit Print erleben lässt. Was online veröffentlicht wird, verschwindet auch meist genauso schnell wieder in den Untiefen des Internets—es bekommt keinen Platz im Bücherregal. Andererseits braucht es immense Geduld, ein Printmagazin auf die Welt zu bringen und sein Anliegen richtig zu vermitteln. Es dauert meist einige Ausgaben, bis man Aufmerksamkeit erhält und das Konzept bei Händlern und Lesern angekommen ist. Flaneur musste sich bis zur dritten Ausgabe dagegen wehren, als Stadtführer verstanden zu werden. „Wir wollen Orte nicht im klassischen Sinne bewerben. Flaneur steht für eine komplett andere Art, einen Ort zu erfahren und ist anti-touristisch.“

Flaneur steht für eine komplett andere Art, einen Ort zu erfahren und ist anti-touristisch.“

Um tief in das einzutauchen, was einem touristischen Blick womöglich verborgen bleibt, verbringen die Chefredakteure Fabian Saul und Grashina Gabelmann, die die Idee zu Flaneur gemeinsam mit Ricarda entwickeln haben, immer 2 Monate in der jeweiligen Stadt. Für einige Tage kommen dann die Designer von Studio Yukiko hinzu, denn auch visuell lässt sich jede Ausgabe von Flaneur neu auf den jeweiligen Ort ein. Wie unterscheiden sich Städte typografisch voneinander? Was fällt ins Auge? Die beiden Art Direktoren übersetzen ihre Eindrücke in das Erscheinungsbild des nomadischen Magazins. Mittlerweile sind alle ein eingespieltes Team, auch für SOFA hat Studio Yukiko die Gestaltung übernommen. „Die beiden können gut mit wenigen Vorgaben arbeiten—was nicht immer bei Designern der Fall ist. Als ich Ihnen vorgeschlagen habe, für SOFA etwas vollkommen Neues zu machen, waren sie sofort an Bord. Es müsste schon einen guten Grund geben, mit anderen Designern zusammenzuarbeiten.“

Ruthild und Wanda Spangenberg vom Bücherbogen am Savignyplatz gehören zu den allerersten Unterstützerinnen von Flaneur und haben auch SOFA direkt ins Sortiment aufgenommen. Die Fachbuchhandlung für Architektur, Kunst, Design und Fotografie ist bereits seit 1980 in den historischen S-Bahn-Bögen am Savignyplatz zu finden.

Berlin, Leipzig, Montreal, Rom, Athen, Moskau und demnächst São Paulo—mit jeder Stadt, die das Flaneur Team besucht, bildet sich auch ein Netzwerk an Beziehungen, die größtenteils während der Zeit vor Ort entstehen. Kommt das Magazin endlich aus dem Druck, geht es für den Launch zurück in jene Stadt, in der es seinen Anfang genommen hat und in der jene Menschen sind, die ihre Geschichten mit Flaneur geteilt haben. Der Weg, den Ricarda und ihr Team beschreiten, unterscheidet sich allerdings mit jeder Ausgabe. Städte sind komplex und jede Stadt ist anders komplex. Deutlich wird dies je weiter sie sich mit Flaneur von Europa entfernen. Ist erst einmal eine Stadt benannt, gilt es ihre Straße zu finden, dabei sind die Kriterien jedes Mal andere: „Wir wissen meist gar nicht, was wir suchen.“ Loslassen und intuitives Vorgehen haben sich aber immer ausgezahlt: „Das Spannende ist, dass sich dieses anfängliche Grundgefühl immer in der weiterführenden Recherche über die Straße bestätigt. Allerdings haben wir nicht den Anspruch etwas allgemein gültiges über den Ort zu erzählen. Wir sammeln Fragmente und lassen die Straße selbst ihre subjektiven Geschichten erzählen.“

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„Als wir unserer 16-jährigen Mitherausgeberin Andy sagten, dass SOFA gedruckt erscheinen wird, ist sie völlig ausgeflippt: ‚A REAL PRINT OBJECT?!‘“

Mit SOFA schlägt Ricarda nun eine ganz andere Richtung ein: „Flaneur und SOFA sind offensichtlich sehr unterschiedlich—aber das ist genau, was ich erreichen wollte, was vielleicht sogar meine Signatur sein soll. Ich möchte meine Arbeit nicht zu sehr einordnen. Meine Spielwiese soll schön groß bleiben.“ Was beide Magazine verbindet, ist Ricardas persönliches Credo „Publishing Dreams“: In beiden Projekten stehen persönliche Erzählungen im Vordergrund, es gibt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder gar darauf, etwas Komplexes zu komprimieren. Auch SOFA muss sich mit der Erstausgabe einigen Missverständnissen stellen: „Wir sind kein Teen Magazin.“ Auch wenn sich dies aufgrund des Looks der ersten Ausgabe vermuten lässt. Dahinter steckt jedoch auch eine Absicht: „Mit SOFA wollen wir eine empathische Zone kreieren, in der niemand abgewertet wird, für das was er oder sie fühlt oder sagt. Weil wir verstehen wollen, wie Dinge entstehen, woher unterschiedliche Ansichten kommen. SOFA spielt darüber hinaus mit dem Vorurteil, dass sich hinter einem trashy, glossy Erscheinungsbild kein Tiefgang verbergen kann.“

Die Idee für das neue Magazin entstand gemeinsam mit der Autorin Caia Hagel, die Ricarda während der Arbeit an der Montreal Ausgabe von Flaneur kennenlernte. Natürlich auf dem Sofa—dort wo man einander erzählt, was man wirklich fühlt. Ob physisches oder digitales Sofa, Face-to-Face oder Chatroom, ergibt für die beiden keinen großen Unterschied. Ricarda und Caia führen selbst eine mittlerweile mehrjährige Online-Freundschaft, die trotz 6000 Kilometern Entfernung weitreichender als manch eine Beziehung im sogenannten echten Leben ist. „Caia hat während der letzten Jahre viel zu meinen Interessen beigetragen. Wir tauschen uns auf sämtlichen Kanälen aus, halten stundenlange Skypesitzungen ab. SOFA reflektiert diese Art der Freundschaft zwischen Caia und mir.” Wer heute noch glaubt, Online Freundschaften wären per se oberflächlich, glaubt vermutlich auch, dass die heutigen Teens nichts mehr außerhalb des Internets kennen. Auch darum geht es in SOFA: um das Auflösen scheinbar unvereinbarer Gegensätzlichkeiten und hartnäckiger Vorurteile. „Als wir unserer 16-jährigen Mitherausgeberin Andy sagten, dass SOFA gedruckt erscheinen wird, ist sie völlig ausgeflippt: ‚A REAL PRINT OBJECT?!‘“ Wie viele ihren Alters, ist auch Andy Conrado online sehr präsent, doch daraus ist nicht zwangsläufig der Schluss zu ziehen, dass die heutigen Teens nichts mehr mit Druckerzeugnissen anfangen können. „An die Gen Z wird immer mit dem Gedanken herangetreten, sie würden nur am Smartphone kleben und gar nicht mehr verstehen, was die Dinge jenseits davon bedeuten. Ich glaube eher, dass die Digitalisierung ihre Sehnsucht nach dem Haptischem verstärkt.“

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Der türkisfarbene Kopf, der aus Ricardas Tasche herausschaut, gehört einer Meerjungfrau aus Stoff namens Oceane. Sie ist ein Geschenk von Caia Hagel und Ricardas tägliche Begleiterin.
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Das allererste Exemplar von Flaneur liegt bis heute bei Lon-Men's Noodle House in der Kantstraße und hat schon unzählige Hände und Nudelsuppenspritzer gesehen.

„Ich glaube, dass die Digitalisierung die Sehnsucht der Gen Z nach dem Haptischem verstärkt.“

Für SOFA kann Ricarda auf die Erfahrungen zurückgreifen, die sie mit Flaneur gemacht hat. In den letzten drei Jahren gab es einiges in Sachen Herstellung und Vertrieb hinzuzulernen. „Mittlerweile erstellen wir für Flaneur sogar einen Produktionsplan“, scherzt sie und fügt hinzu, „ich hasse Excel.“ SOFA ist produktionstechnisch einfacher zu finanzieren und kostet nur 6€. „Viele Magazine ähneln sich mittlerweile, die meisten kosten zwischen 15 und 20€. Ich wollte ein Magazin machen, dass keine so schwierige Kaufentscheidung darstellt.“ Als ein Magazin, das man einfach mal mitnimmt, ist SOFA an die Supplements der großen Zeitungen angelehnt, obwohl es ein wenig dicker geraten ist. Offenkundig ist auch der Einfluss von Magazinen aus Ricardas eigener Jugend, wie zum Beispiel Bravo. Ansonsten rangieren die Bloomberg Businessweek und New York Times Review of Books unter Ricardas Lieblingsmagazinen; auch Indie Klassiker wie Pin-Up, das britische Magazin Mushpit oder der kürzlich redesignte Playboy finden sich in ihrem Bücherregal.

Wie geht eine junge Frau, die einfach aus dem Bauch heraus angefangen hat Magazine zu machen, damit um, von Forbes auf die Liste der 30 einflussreichsten unter 30-Jährigen der internationalen Medienbranche gesetzt zu werden? Vermutlich hätte es Ricarda besser gefallen, diese Prophezeiung in einem Glückskeks zu lesen. „Mir fällt es immer noch sehr schwer, mich selbst zu vermarkten und stolz auf meine Arbeit zu sein.“ Als sie Flaneur gründete, war Ricarda 23 und entlang des Entstehungsprozesses meist mit einem männlichen Gegenüber konfrontiert. „Damals war mir nicht bewusst, was es bedeutet, all diese Dinge als Frau zu machen. Dann aber fallen diese sich ständig wiederholenden Muster auf und es steht die Frage im Raum, wie man eigentlich professionelle Beziehungen mit Männern führt. Es kann sehr ermüdend sein, wenn nur der Junge-Frau-Bonus und nicht die Qualität der Arbeit gesehen wird.“

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„Es kann sehr ermüdend sein, wenn nur der Junge-Frau-Bonus und nicht die Qualität der Arbeit gesehen wird.“

Ricardas persönliche Definition von Erfolg misst sich an dem Feedback, das ihre Magazine Flaneur und SOFA erhalten. Ihre eigenen Fähigkeiten zu sehen, fällt ihr bei der Vielzahl von Dingen, die sie tut, manchmal schwer. In vieles ist sie irgendwie hineingeraten, ohne selbst den Weg zu bestimmen. Bei so einer abwechslungsreichen Karriere und dem vielen Unterwegssein, überrascht es kaum, dass Ricarda schon immer im gleichen Berliner Kiez wohnt: „Ich mag diese Beständigkeit. Meine Wohnung und ihre Umgebung sind eine Konstante, anhand derer ich die Veränderungen in meinem Leben ablesen kann.“ Abgesehen von einer kurzen Liaison mit New York, hat Ricarda ihr komplettes bisheriges Leben im Berliner Westen verbracht. Sie lebt heute in der exakt gleichen Wohnung, in der sie ihren einjährigen Geburtstag gefeiert hat, in genau jener Straße, in der sie bereits im Kinderwagen von ihren Eltern und Großeltern auf- und abgeschoben wurde: „In dem Licht erscheint es schon fast wie Ironie, dass ich ein Magazin über verschiedene Straßen mache.“

Ricarda Messners „Publishing Dreams“

Vielen Dank Ricarda, dass wir auf deinem Sofa Platz nehmen durften und du uns deinen Kiez gezeigt hast. Wir sind jetzt schon auf die kommende Flaneur Ausgabe gespannt. Die Erstausgabe von SOFA gibt es im Fachhandel und online. Wer Ricardas Arbeit verfolgen möchte, besucht editionmessner und Hungry for Fortune.

Dieses Portrait wurde zusammen mit USM produziert und ist Teil der Serie “Personalities by USM“. Mehr Informationen zu Ricardas Einrichtung sind hier zu finden.

Fotografie: Robert Rieger
Text: Vanessa Oberin