Urban, transkulturell, vielseitig – das Design von Perret Schaad kennt keine nationale Zugehörigkeit
Die Berliner Modedesignerinnen geben Einblick in die Entstehung ihrer Travel Pouch für die MINI Fashion – Beyond Native Capsule Collection, Berlin
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Tutia Schaad und Johanna Perret haben in unterschiedlichsten Ländern gelebt und finden überall Inspiration. Ein ganz spezieller Materialmix zeichnet ihre Travel Pouch aus, die sie für die urbane Reisekollektion, die MINI Fashion anlässlich Pitti Uomo 92 herausbringt, entworfen haben.

„Die Flugzeuge fliegen hier direkt über das Haus. Wenn dann gegen Abend die Sonne untergeht, wird es schon sehr romantisch.“ Johanna Perret steht vor einem der bodentiefen Fenster ihres Ateliers im Norden von Berlin. Noch geht die Sonne nicht unter, und für Romantik bleibt erstmal keine Zeit: zwischen Kleiderstangen, Stoffen und Schnittmustern drapiert eine Assistentin an einer Schneiderpuppe einen Rock, junge Frauen eilen durch den Raum, Johanna gibt kurze Anweisungen. Das Atelier ist das Zuhause des Modelabels Perret Schaad. 2009 hat Johanna es gemeinsam mit Tutia Schaad gegründet. Bis heute führen es die Freundinnen gemeinsam – und haben damit mehr und mehr Erfolg.

Das Studio von Perret Schaad in Berlin-Wedding
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Johanna Perret (links) and Tutia Schaad (rechts)
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Farben und Materialien bilden oft die Basis beim Konzipieren neuer Kollektionen
Die Travel Pouch von Perret Schaad – ein Beitrag zur Beyond Native Capsule Collection von MINI Fashion

Kennengelernt haben sich Tutia und Johanna während des Modedesign-Studiums an der Kunsthochschule in Berlin Weißensee. Später zogen beide für kurze Zeit nach Paris, um dort für ein großes Modehaus zu arbeiten. Deckungsgleich sind die Lebensläufe der Designerinnen trotz gewisser Überschneidungen aber nicht einmal ansatzweise: Während Tutia in Vietnam geboren wurde, später in Frankreich und im französischsprachigen Teil der Schweiz lebte, ist Johanna zwischen Bayern und Frankreich groß geworden. Ihre grundverschiedenen Hintergründe stehen dem Design-Duo aber weder bei der Arbeit noch auf persönlicher Ebene im Weg, im Gegenteil: „Für uns ist das mehr Bereicherung als Problem. Wir genießen es, voneinander zu lernen“, so Johanna. „Man wird sehr flexibel und offen, wenn man mit verschiedenen Kulturen aufwächst. Davon profitieren wir sehr“, ergänzt sie.

„Am Ende können wir aber von so ziemlich allem inspiriert werden: von Essen, Alltagsbeobachtungen oder auch von hässlichen Dingen.“

Vielleicht auch wegen dieser Offenheit lebt der Designprozess bei Perret Schaad vom Diskurs zwischen Tutia und Johanna. Statt strikter Aufgabenteilung herrscht hier eine Kultur des Dialogs und der Diskussion. Selbst die Entstehung einer neuen Kollektion folgt keinem strikt festgelegten Ablauf. Meistens sind es Farben oder Materialien, auf deren Basis das Konzept für eine Kollektion entsteht. Manchmal bestehen aber auch von Beginn an recht genaue Vorstellungen von einem Kleid, und hin und wieder drapieren Tutia und Johanna gemeinsam und intuitiv den Stoff direkt auf einer Puppe. Dabei entstehen am Ende Kollektionen, die die beiden Designerinnen am liebsten mit „natürlicher Eleganz“ beschrieben wissen und die sich an aktive, selbstbewusste Kundinnen richten: „Wir denken viel an die Trägerin und ihre Wünsche und Ansprüche. Wir stellen sie uns als moderne, zeitgemäße Frau vor, egal welchen Alters. Unsere Mode soll Persönlichkeiten nicht verdecken, sondern hervorheben und unterstreichen“, sagt Tutia. Die Kollektionen von Perret Schaad sind bekannt für ihre mutigen, aber stimmigen Farbkombinationen und die komfortablen wie eleganten Schnitte, die tagsüber nicht einschränken, abends aber auch nicht nach Freizeitgarderobe aussehen.

Neben dem internen Dialog ist es vor allem das städtische Umfeld mit all seinen Anforderungen und Verlockungen, das Johanna und Tutia inspiriert. Für Johanna spielt Architektur eine große Rolle, insbesondere Mies van der Rohe hat es der Halb-Französin angetan. Andere Inspirationsquellen oder Anstoßgeber sind die Arbeiten des Malers David Hockney oder die Möbel der Brüder Ronan und Erwan Bouroullec, die gemeinsam ein Designstudio betreiben. „Am Ende können wir aber von so ziemlich allem inspiriert werden: von Essen, Alltagsbeobachtungen oder auch von hässlichen Dingen. Davon gibt es hier in Berlin ja genug“, meint Tutia, wohl wissend um die stellenweise verschrobene Ästhetik der Hauptstadt.

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Perret Schaad finden Inspiration in ihrer urbanen Umgebung

Perret Schaads Kollektions-Präsentationen während der Berlin Fashion Week

Zu den zwei Kollektionen im Jahr, die Perret und Schaad während der Berliner Modewochen präsentieren, kommen immer wieder gesonderte Projekte. Bereits zweimal haben Johanna und Tutia mit den Münchner Kammerspielen zusammengearbeitet und Kostüme für die Stücke „Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech” und „No Theater” entworfen. „Man kann da sehr kreativ arbeiten und muss sich nicht überlegen, ob die Teile gut verkäuflich sind. Irgendwie hat man mehr Freiheiten. Es geht darum, seine eigene Ideen durchzusetzen und gleichzeitig die Wünsche der Schauspieler und des Regisseurs zu berücksichtigen“, so Tutia über das Intermezzo mit der Münchner Institution, die nicht die letzte Zusammenarbeit der Designerinnen auf Einladung eines Partners war: Gerade erst haben sie im Rahmen der Beyond Native Capsule Collection von MINI Fashion eine Travel Pouch entworfen. „Die Tasche ist inspiriert vom Kontrast zwischen hiesigen Accessoires und vietnamesischen Materialien und Farben. Die eine Seite besteht aus Leder, die andere aus Fallschirmseide“, sagt Johanna. Die Fallschirmseide erinnert sie an die Planen, mit denen sich Fischer und Händler auf den Märkten in Vietnam vor der Sonne schützen, so die Designerin.

Während dem Entstehungsprozess der Pouch entwickelte sich ein Dialog zwischen Perret Schaad und MINI Fashion. Details wurden besprochen, Ideen und Vorstellungen abgeglichen, Farben und Materialien ausgesucht und wieder verworfen. Am Ende steht nun ein Accessoire, das länder-und kulturübergreifend Traditionelles mit den urbanen Ansprüchen der heutigen Zeit verbindet. Neben dem Berliner Label sind vier weitere Designer an dem „Beyond Native”-Projekt beteiligt, die alle ein Produkt beisteuern. „Das schöne ist, dass jedes Label eine andere Kategorie bespielt: Es gibt einen Schuh, einen Mantel, ein Sweatshirt, einen Schal und eben unsere Pouch, sodass sich am Ende eine ganze Garderobe zusammenfügt“, so Johanna.

Locationscouting mit Johanna im Bauhaus Archiv

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„Heimat ist schon, wo man aufgewachsen ist, aber ich könnte mich nicht auf ein Land oder einen Ort festlegen.“

Die Pouch, die auf der Modewoche Pitti Uomo diesen Juni in Florenz präsentiert wird, ist ein gutes Beispiel dafür, wie Tutia und Johanna ihre Herkunft in ihre Entwürfe einfließen lassen – weniger plakativ als manch andere, derzeit sehr angesagte Designer, dafür eben subtiler, manchmal gar unbeabsichtigt. Begriffe wie Heimat und Fernweh spielen dabei natürlich eine Rolle. Dabei gibt es für Johanna nicht den einen Ort, den sie als ihre Heimat bezeichnet: „Wenn ich in Frankreich bin, fühlt sich das sehr nach Heimat an: der Geruch, die Menschen, die Landschaft. Aber wenn ich die Berge in Bayern sehe, habe ich ein ähnliches Gefühl. Heimat ist schon, wo man aufgewachsen ist, aber ich könnte mich nicht auf ein Land oder einen Ort festlegen.“ Eine nationale Identität annehmen, möchte sie ohnehin nicht: „Europäerin ist genau das, als was ich mich fühle.“

Durch die ständigen Ortswechsel und Umzüge hat Tutia landes-und ortstypische Eigenheiten zu schätzen gelernt: „In der Schweiz war es selbstverständlich, von Bergen umgeben zu sein. Hier gibt es das nicht. Dadurch gewinnen die Berge nochmal an Wert, wenn man dann dort ist.“ Vielleicht auch, weil sie es nie anders kennengelernt haben, sind die Freundinnen getrieben von der Lust am Reisen und der Suche nach neuen Situationen und Kulturen. Johanna war mittlerweile mehrmals in Vietnam, was sich jetzt in der Pouch für MINI Fashion niederschlägt.

Weiter auf der Suche nach dem perfekten Präsentationsort

Ein verlassenes Parkhaus könnte Ausrichtungsort der nächsten Show werden

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Locationscouting in einem verlassenen Parkhaus

Immer auf der Suche nach Neuem und Ungewohntem sind die Designerinnen auch, wenn es um die Locations für ihre Modenschauen geht. Vor ein paar Jahren zeigten sie ihre Kollektionen noch wie viele andere Designer und Labels in einem jedes Jahr zur Berliner Modewoche errichteten Zelt. Bald schon rückten sie davon ab und suchten sich andere Orte, die die Ideen der jeweiligen Kollektion widerspiegeln und in die Stadt integriert sind. In den letzten Jahren dienten die Neue Nationalgalerie oder ein Baumarkt als Locations für die Schauen des Labels. „Insbesondere weil es immer mehr Schauen und Veranstaltungen gibt, empfinden wir es als schön, den Leuten einen Moment bieten zu können, in dem sie sich konzentrieren können und den sie nicht sofort vergessen“, so Johanna. Unterstützt wird Perret Schaad bei den Präsentationen vom Architekturbüro »Something Fantastic«, dem das Label auch ihre Grafik und Website anvertraut hat.

„Für uns war immer klar, dass Berlin gar nicht so sein möchte wie die anderen großen Modestädte.“

Der Blick aus den Fenstern des Ateliers von Perret Schaad nach oben zu den Flugzeugen und nach unten auf eine vielbefahrene Einfallstraße verbildlicht gut, was Johanna und Tutia eigentlich meinen, wenn sie in den Texten zu ihren Kollektionen von der Urbanität und dem städtischen Habitat als Inspiration sprechen. Kitschig-romantisch wird es bei den Unternehmerinnen trotzdem nicht, dafür bleibt schlicht keine Zeit: Beide haben zwei Kinder und ein stetig wachsendes Label, das es zu führen gilt.

Dass sich ihr Leben in Berlin abspielt, möchten Johanna und Tutia so schnell nicht ändern. Berlin ist, wo sie sich wohlfühlen. „Wir mochten und mögen es hier. Und die Mode in der Stadt hat sich auf jeden Fall entwickelt. Es kommen immer mehr Designer dazu, die viele verschiedene Arten von Mode machen. Die Pressestimmen sind jede Saison sehr kritisch, aber wir teilen das nur bedingt. Für uns war immer klar, dass Berlin gar nicht so sein möchte wie die anderen großen Modestädte. Berlin ist viel jünger und freier als Paris, deshalb fühlen wir da keine Frustration.“ Die großen Freiheiten und der stetige Wandel der Stadt, sie sind neben einer Menge Fleiß und Leidenschaft der Grund, warum sich Labels wie Perret Schaad in Berlin durchsetzen – fernab großer Geldgeber, kaufkräftiger Kundschaft und einer über Dekaden gewachsenen Branche. Die Erfolge von Johanna Und Tutia erscheinen in diesem Licht nur beeindruckender.

Mittagspause bei vietnamesischem Comfort Food

Quà Phê in Mitte zählt zu den Lieblingsorten von Johanna und Tutia

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Danke Johanna und Tutia, für den Einblick in eure Arbeit und euer Atelier. Wer gespannt auf die kommende Kollektion der Designerinnen ist, sollte die Augen während der nächsten Berlin Fashion Week offenhalten oder den beiden auf Instagram folgen.

Perret Schaad ist eines von fünf internationalen Labels, mit denen MINI Fashion dieses Jahr anlässlich Pitti Uomo zusammengearbeitet hat. Entstanden ist die Kollektion Beyond Native, die all jenen gewidmet ist, die sich ganz selbstverständlich zwischen Ländern, Städten und Kulturen hin und her bewegen, voller Begeisterung für das Unbekannte und Wertschätzung des Vertrauten. Weitere Informationen zu dem Kooperationsprojekt sind hier zu finden.

MINI Fashion ist seit 2015 offizieller Partner von Pitti Immagine.

Text: David Jenal
Fotografie: Daniel Müller