Reiulf Ramstad reflektiert seine architektonische Praxis als Erweiterung der norwegischen Landschaften
Der Gründer des unabhängigen Osloer Architekturbüros Reiulf Ramstad Architects erklärt uns, warum skandinavisches Design stets auf die lokale Umgebung reagiert, Oslo
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Die norwegische Landschaft ist eine wilde Mischung aus kurvenreichen Fjorden und ausufernden Bergmassiven. Die Aufgabe von talentierten, norwegischen Architekten ist es, diesem mitreißenden Panorama des Alltags von Menschenhand geschaffenes Design hinzuzufügen.

Reuilf Ramstad, der Kopf des Osloer Architektenbüros Reuilf Ramstad Arkitekter (RRA), belebt seinen Beruf mit seiner eigenen Philosophie. Seit der Gründung des Büros im Jahr 1995 ist der Ansatz jeglicher Arbeiten ein humanistischer: Statt sich nur auf sich selbst zu beziehen, „sollte Architektur die Umgebung verbessern“, fordert Ramstad. Diese Idee spiegelt sich in der Materialwahl und dem dynamischen Dialog von Design mit den nordischen Elementen Wasser, Schnee und Wind wieder.

RRA begreift den öffentlichen Raum nicht als Leinwand, auf der man zeichnen kann, sondern als ein Material, mit dem man arbeitet und auf das man eingehen muss. Eines der bisher eindrucksvollsten Projekte war das Trollstigen National Tourist Route-Projekt, welches einen offenen Dialog mit der norwegischen Landschaft eingeht. Möchte man Reuilfs Stil einen festen Charakter zuordnen, dann ist es eben diese Dialogfreude des Designs als Mittler zwischen Gebäude und dem Ort, den es einnehmen wird.

Die Projekte, die durch RRA realisiert werden, haben einen neuen skandinavischen Stil etabliert. Angesichts von rarer werdendem Raum in den Städten kann man verblüffende Lehren aus Reuilfs weitläufiger Arbeitspraxis ziehen. Definiert durch eine scharfsinnige Geometrie und langjährige Erfahrung mit Großstadt-Apartments, Kirchen, Museen und Büchereien scheut sich diese Praxis nicht, unbetretene Pfade einzuschlagen: Vielmehr entwächst sie ihrer Umgebung als offene Einladung für menschliche Interpretation.

Dieses Porträt ist Teil der Kollaboration zwischen Freunde von Freunden und der Norwegischen Botschaft. Auf dieser Reise enthüllen wir die Lebensart der nordischen Nationen: von Gesprächen mit führenden Persönlichkeiten aus verschiedenen kreativen Feldern bis hin zu Abenteuern in atemberaubenden Landschaften. Weitere Geschichten aus der Reihe hier.

Im Dialog mit Reiulf

Reiulf, erzähl uns ein wenig über deine Anfänge in der Architektur.

Eigentlich wollte ich Ballett studieren. Aber durch das Architekturbüro meiner Mutter habe ich angefangen, mich für das Bauen zu interessieren. Ich glaube, dass wir als Kinder alle Architekten sind: Wir bauen gerne Dinge. Selbst wenn es nur eine Decke ist, die wir über zwei Stühle werfen. Das Thema Architektur hat mich so neugierig gemacht, dass ich beschloss, in einem Architekturbüro zu arbeiten, bevor ich überhaupt mit meinem Studium angefangen hatte. Es gefiel mir so gut, dass ich mich dazu entschloss, selbst Architekt zu werden. Und das habe ich dann gemacht, Schritt für Schritt, con amore.

Wie wird Architektur durch Licht beeinflusst?

Bei der nordischen Architektur geht es in hohem Maß darum zu verstehen, woher Licht kommt. Wir müssen uns als Komponisten verstehen, die mithilfe von Schatten und Licht den richtigen Ton treffen, anstatt in einem abgeschlossenen Raum ohne Verbindung zur Außenwelt steckenzubleiben. Bei meinem Studium in Venedig waren Licht und Schatten sehr greifbar. Die Kontraste dort sind klarer und schärfer und leichter zu fassen als hier in Nordeuropa, wo die meisten Tage grau sind. Aber die Unberechenbarkeit des Lichts hier im Norden ist sehr interessant. Die Art, wie man es einfangen und in die Wohnräume fließen lassen kann, wenn es hervorkommt.

Architektur hat viel mit der Landschaft zu tun, aber auch mit dem Menschen, richtig?

Definitiv, und genau da wird es interessant. Denn wenn man ein Haus baut, erschließt man den ganzen Ort. Es geht nicht nur um das tatsächliche Baugelände und seine Umgebung, sondern auch um die Kultur und das soziale Milieu, wo es stehen wird. Architektur bedeutet Zusammenarbeit. Es gibt nicht das eine Genie, das die Arbeit macht. Ich beziehe gern alle Leute in den Prozess mit ein, die am Bau beteiligt sind. Bevor wir mit der Arbeit anfangen, lade ich gern all diese Menschen zu einer Party ein. Dabei können wir uns kennenlernen und ein bisschen betrinken. Es ist ein bisschen so wie beim Film: die Crew ist groß. Man könnte sagen, dass dieser Job das genaue Gegenteil des einsamen Künstlers oder Schriftstellers in seiner Hütte darstellt.

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Was versucht dein Architekturbüro einer Zukunft entgegenzusetzen, in der wir immer weniger Platz und immer mehr Konsummöglichkeiten zur Verfügung haben?

Besonders in unserer Heimatstadt Oslo hat sich die Balance unseres Studios in den letzten Jahren verschoben: weiter weg von Projekten mit einer vorrangig öffentlichen Funktion und hin zu privatem Wohnraum. In vielen Fällen heißt das, dass wir auf kleinen Flächen in der Innenstadt arbeiten, wo eine hohe Dichte an Wohnraum gefordert wird. Natürlich sind wir hier auf minimale Raumstandards beschränkt, aber wir glauben auch, dass es gerade unter diesen Bedingungen viel Geschick und gute Planung auf Seiten des Architekten erfordert, ein angenehmes Zuhause zu schaffen. Wir wenden für solche Hausbauten dieselben Designstrategien an wie bei der Entwicklung unserer abgelegeneren Projekte – wir analysieren das Baugrundstück und seinen Standort gründlich mit all seinen spezifischen Eigenschaften und Möglichkeiten und arbeiten dann mit ihnen.

Schafft es die Architektur, Räume zu schaffen, die eine nachhaltigere Zukunft und eine bessere Lebensqualität ermöglichen?

Ja, absolut. Das sind in der Tat große, zentrale Themen unserer Arbeit. Wir glauben, dass der Bau von Gebäuden mit hohem Standard der beste Weg ist, wie wir als Architekten wirklich nachhaltige Arbeit leisten können. Wenn wir Gebäude fertigen, die sich sensibel in ihr Umfeld einfügen, werden diese auf natürliche Weise lange erhalten bleiben, da Bewohner oder Organisationen kein Bedürfnis haben, sie zu erneuern oder abzureißen. So bleiben die Materialien und die Energie, die für die Konstruktion nötig war, über einen viel längeren Zeitraum erhalten. Wir glauben auch, dass das Leben derjenigen bereichert wird, die in den Gebäuden leben, arbeiten oder lernen, wenn wir diese hohen Standards erfüllen.

Welchen Einfluss hat die fortschreitende Urbanisierung auf Architektur und Design?

Einen Positiven. Ich glaube, dass das Zunehmen der Dichte von Städten nicht nur unvermeidbar, sondern eigentlich wünschenswert ist. Es bereichert das Spektrum und die Vielfalt menschlicher Aktivität und Interaktion in der Stadt. Es macht die Stadt sozialer und lebhafter.

„Architektur bedeutet Zusammenarbeit. Es gibt nicht das eine Genie, das die Arbeit macht.“

Wie können Designs geschaffen werden, die sich an relativ junge Probleme wie die Klimaerwärmung und eben zunehmende Urbanisierung anpassen, um mit ihnen gemeinsam zu wachsen?

Der Schlüssel mag es sein, dass man möglichst flexibel designt, wenn man nachhaltig bauen möchte. Das gilt besonders in einem urbanen Kontext. Natürlich ist es wichtig, Orte zu schaffen, die zu dem Auftrag und den Leuten passen, für die sie in erster Linie gedacht sind. Aber genauso wichtig ist es, sich daran zu erinnern, dass die Lebensdauer eines Gebäudes meist die Funktionen und Strukturen überdauern wird, für die es ursprünglich gedacht war. In diesem Sinne entwerfen wir unsere Gebäude bewusst so, dass sie ein einfaches und flexibles Raumarrangement aufweisen, sodass sie leicht angepasst, vergrößert oder sogar entgegen ihres originalen Verwendungszecks umfunktioniert werden können.

Wie ist deine Sicht auf die zeitgenössische Wahrnehmung von nordischem Design?

Viele unserer Arbeiten erforschen die moderne nordische Kultur. Insbesondere verfolgen sie den zeitgenössischen Ansatz, mit den schroffen und weiten Landschaften Nordeuropas und des äußeren Atlantiks leben und koexistieren zu können. Darüber hinaus interessieren wir uns für das soziale Klima zwischen den nordischen Nationen. Trotz großer Unterschiede in Fläche, Sprache und Kultur können wir gemeinsame Nenner finden, wenn es um Zwischenmenschlichkeit oder die hohe Lebensqualität kommt. In den letzten Jahrzehnten haben es die nordischen Länder wiederholt an die Spitze des UN World Happiness Report geschafft – ein Maßstab der Lebensqualität, der die Gesellschaft nicht nur unter einem ökonomischen Blickpunkt betrachtet, sondern auch in Bezug zu Gesundheit, Fairness und Freiheit setzt. Diese Prinzipien spiegeln sich in unserer Architektur und der engen Verbindung mit der Landschaft wieder. Ein Beharren auf der Überzeugung, dass unser körperliches und seelisches Wohlbefinden durch Qualität bereichert werden kann.

Durch die Vielzahl an Völkern und Landschaften in diesem Land herrscht ein realer Bezug zum Regionalen, was es wirklich spannend macht, hier zu arbeiten. Ich liebe diese Heterogenität, denn sie zeigt so deutlich, dass Norwegen nicht so einfach zu erfassen ist. Die Leute denken, dass alles Neue und Radikale in den Großstädten passiert, aber Fakt ist, dass stilistische Konformität viel eher dort stattfindet als in den ländlichen Gegenden weit weg von der Masse.

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Global gesehen: Wodurch unterscheidet sich Norwegen von anderen Orten auf der Welt?

Die Tatsache, dass es hier sowohl für Menschen als auch individuelle Landschaften immer noch genug Raum gibt, macht den Norden zu einer guten Plattform für die Arbeit mit nachhaltiger Architektur. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, langlebig zu bauen, sich Zeit zu nehmen und keine Strukturen zu entwerfen, die unnötigen Platz verschwenden. Wenn mir Menschen erzählen, wofür sie ihr Haus benutzen wollen, sagen ich ihnen, dass sie keine 300 Quadratmeter brauchen, sondern nur 100. Qualität und Zeit in den Mittelpunkt zu stellen ist wichtig in einer Welt, in der sowohl der Klimawandel als auch die Bevölkerungszahlen ein Umdenken erfordern.

Ist die Moral also genauso wichtig wie die Ästhetik?

Daran besteht kein Zweifel. Es ist wichtig, sich an die Standards zu halten, an die man glaubt, und nicht der Versuchung zu erliegen, schnelles Geld zu machen.

Denkst du, dass man dieses Denkmodell auch weltweit anwenden sollte?

Das ist der einzige richtige Weg. Es gibt so viele Häuser, die nicht nur schlecht gebaut, sondern auch hässlich sind und es nicht verdienen, stehen zu bleiben. Es ist immens wichtig, dass Architektur Spaß macht und die Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt, statt wie eine üble Strafe zu wirken. Nachhaltige Architektur sollte die Neugier fördern, unsere Welt anders zu denken.

Einige Arbeiten

von Reiulf Ramstad Architects

Reiulf Ramstad Architects (RRA) ist eine unabhängiges Architekturbüro mit Sitz in Oslo, die dafür bekannt ist, klare und bahnbrechende Designs mit einer starken Verbindung zur norwegischen Landschaft zu kreieren. Weitere Informationen finden sich auf der Website. Ein Überblick über die aktuellen Projekte kann man sich hier verschaffen.

Danke an Reiulf, dass er einen tiefen Einblick in die abwechslungsreiche Arbeit von Reiulf Ramstad Architects gegeben hat.

Dieses Porträt ist Teil der Kollaboration zwischen Freunde von Freunden und der Norwegischen Botschaft. Auf dieser Reise enthüllen wir die Lebensart der nordischen Nationen: von Gesprächen mit führenden Persönlichkeiten aus verschiedenen kreativen Feldern bis hin zu Abenteuern in atemberaubenden Landschaften. Weitere Geschichten aus der Reihe hier.

Text: Kjetil Røed
Fotografie: RRA, Ivar Kvaal