Kunst neu denken mit Okwui Enwezor

Auf den Spuren persönlicher Erinnerungen und Geschichte im Haus der Kunst, München

Okwui Enwezor gilt als einer der bedeutendsten Kuratoren der zeitgenössischen Kunst. Seit Jahrzehnten stellt er den Status quo euro-amerikanisch zentrierter Kunst infrage, indem er Perspektiven aus Diasporagemeinden und weniger beachteten Regionen der Welt in den Fokus der Betrachtung rückt. Während derzeit viele Museen mit „Blockbuster“-Schauen locken, die die Massen anziehen sollen, schafft er Ausstellungen als Raum der intellektuellen Begegnung und Mediation.

Enwezor ist einer von bislang nur zwei Kuratoren, die sowohl die Documenta als auch die Biennale in Venedig kuratierten, und bringt so internationales Renommee nach München. Als Direktor am Haus der Kunst setzt er die Stadt seit 2011 auf die Weltkarte der zeitgenössischen Kunst, momentan mit „Frank Bowling: Mappa Mundi“. Die Ausstellung betrachtet das fast ein halbes Jahrhundert um-spannende Werk von Frank Bowling, einem der wichtigsten britischen Maler, der durch die Technik der Abstraktion persönliche Erfahrungen und Geschichte erkundet. Mit COMPANION spricht Okwui Enwezor über seine Praktiken des Kuratierens, Strukturen der Macht in der Kunstwelt und seine aktuelle Heimat, München.

COMPANION: Warum zeigen Sie Frank Bowlings Arbeiten gerade jetzt?

Okwui Enwezor: Frank Bowling ist 83 und sehr erfolgreich, dennoch ist er in Kreisen außerhalb der Kunst weitgehend unbekannt. Deshalb ist es meiner Meinung nach wichtig, diesen Moment mit einer Ausstellung festzuhalten, die dem Umfang seiner Karriere gerecht wird. Genauso wie seiner künstlerischen Hingabe, die ihn aus dem guyanischen New Amsterdam in das London der späten 50er- und 60er-Jahre brachte.
Seine eigentliche Karriere hat allerdings erst in den USA der späten 1960er-Jahre Form angenommen. Der Ausgangspunkt der Überblicksausstellung sind seine „Map Paintings“ aus den 60ern, die den Scheidepunkt seines Malens vom Figurativen ins Abstrakte markieren. Als solche haben sie repräsentative wie kartografische Eigenschaften, sie sind abstrakt und gleichzeitig konkret. Seine Arbeiten tragen ein Konzept von Weltlichkeit in sich, mit dem sich auch Künstler der Nachkriegszeit und der postkolonialen Periode beschäftigten, die sich zwischen den Kulturen, Ländern und politischen Systemen bewegten.
Durch diese Malereien betrachtet Bowling die Welt auf eine nuancierte, von der Vergangenheit gebeutelte Art und Weise. In den Bildern laufen unterschiedliche Handlungsstränge der Geschichte zusammen, von der Völkerwanderung bis zum Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegungen in den Vereinigten Staaten

Die in der Kartografie üblicherweise verwendete Mercator- Projektion ist keine akkurate Abbildung der Welt. Ist diese Verzerrung, die Europa und Amerika so viel größer erscheinen lässt, auch für Bowling relevant?

Mit „Middle Passage“, einem seiner wichtigsten Gemälde, versucht Bowling, eine Verbindung herzustellen zwischen Afrika und Südamerika, der Karibik und Nordamerika genauso wie zwischen Europa und Asien – als eine Möglichkeit, die komplexe Kartografie schwarzer Identität in der neuen Welt zu untersuchen. Von der historischen Route des Sklavenhandels bis hin zur allgemeinen Idee der Völkerwanderung.
In dieser Hinsicht ist „Mappa Mundi“ sicherlich suggestiv gegenüber Fragen der Darstellung der Welt und wie diese – sichtbar auch in der Verzerrung gebräuchlicher Karten – Themen wie Macht, Hierarchien oder Dominanzen aufwarfen. Auch wenn das nicht unbedingt in Zusammenhang steht mit dem, was die Ausstellung eigentlich erkunden wollte.

Kuratiert von Okwui Enzwor

Arbeiten von Frank Bowling

„Die gegenwärtige politische Situation erinnert uns daran, warum Kunst nicht von der täglichen Erfahrung isoliert werden kann“

Kuratoren moderner und zeitgenössischer Kunst zeigen vermehrt Ausstellungen, die gegenwärtige politische und soziale Verhältnisse thematisieren. Welche Rolle spielt das Kunstwerk selbst noch in einer solchen politischen Agenda?

Ich interessiere mich sehr für Politik, aber auf eine sehr viel komplexere Weise. Neben globalen Themen gibt es eine Vielzahl politischer Prozesse, die in Beziehung zu Institutionen, Formen oder auch Gedanken über Macht und Repräsentation stehen. Die gegenwärtige politische Situation erinnert uns daran, warum Kunst nicht von der täglichen Erfahrung isoliert werden kann: Künstler sehen Dinge, reflektieren sie und versuchen dabei auszuloten, inwiefern ihre Ideen und Kunst als ein zeitloses Rätsel des menschlichen Befindens ergründet werden können. Politik hat einen Einfluss darauf, wie wir die Welt betrachten, und ich interessiere mich für die Komplexität und die Korrelation zwischen Kunst und Weltgeschehen. Meine Arbeit betrifft wirklich nicht nur das Politische. Sondern vielmehr die konstante Vermittlung zwischen verschiedenen Ansichten und den Belangen des Künstlers. Man kann ja nicht einfach eine politische Dimension in die Arbeit eines Künstlers hineindichten.

Bowling sagte einmal: „Es scheint, als erwartete man von mir aufgrund des postkolonialen Diskurses, Protest-kunst zu malen“ – er wollte nicht als karibischer Künstler kategorisiert werden.

Er ist im südamerikanischen Guyana geboren. Ich selbst bin afrikanischer Herkunft und habe ganz persönliche Erfahrungen damit, wie andere ihre Gedanken und Vorstellungen auf meine Arbeit projizieren. Bowling ist zu einer Zeit herangewachsen, in der es für farbige Künstler sehr schwer war, Fuß zu fassen. Was sie zu sagen hatten, wurde nicht wertgeschätzt; nicht als relevant oder Teil eines großen Ganzen gesehen. Wer es geschafft hatte, wollte eben manchmal einer Kategorisierung entfliehen.

Konnte Bowling dem entfliehen?

Nein. Er hat es sich vielleicht gewünscht, wie sich das alle Menschen wünschen. Jeder will, dass die gesamte Komplexität seines Daseins gesehen wird. Aber was andere in uns sehen, liegt außerhalb unseres Einflusses. Trotzdem hat er seine Art von Kunst weiter-gemacht. In erster Linie wollte er ergründen, was abstrakte Malerei sein kann. Und das ist ihm auf fantastische Weise gelungen. Weißen Künstlern wird eine solche Frage auch gar nicht gestellt. Für mich wird es zunehmend anstrengend und nahezu beleidigend, darüber zu reden.

Glauben Sie wirklich, dass wir diesen Diskurs überwunden haben, oder ist es nicht immer noch ein relevantes Thema?

Es ist kein Thema für mich, sondern für all jene, die diese Frage stellen – und es ist nicht mein Ziel, irgendwen zu bekehren. Ich persönlich habe nicht die Absicht, solcherlei Darstellungen und Empfindungen zu unterfüttern.
Ich stelle Bowling neben eine Generation ostindischer und karibischer Denker; Figuren wie Nobelpreisträger Derek Walcott oder Édouard Glissant. Das sind Denker und Künstler, die ein historisches und diskursives Feld mit großer Reichweite besetzen und deren Ideen innerhalb intellektueller und kultureller Traditionen existieren. Ich wünsche mir, dass diese Ideen im Zentrum der Betrachtung stehen. Und nicht die reduzierende Fragestellung, ob Bowling weiß oder schwarz ist.

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„Wenn wir aufgeschlossen sind, muss westliche Kunst nicht als Widerspruch zu Kunst aus anderen Teilen der Welt gesehen werden.“

Denken Sie, dass Ihre Arbeit, die oft den Blickwinkel auf Kunst aus weniger bekannten Regionen und intellektuellen Schulen wirft, zu einer Art Bildung mithilfe der Institution Museum beiträgt?

Gerade wächst eine neue Generation von Kuratoren und Museums-experten aus diversen Wissensfeldern heran. Maria Balshaw, die neue Direktorin der Tate Britain, hat Ausstellungen über zeit-genössische afrikanische Kunst gemacht. Ich hoffe, solche Leute geben Institutionen die Möglichkeit, darüber nachzudenken, wie man die Erzählung von Gesellschaften mit kolonialen Verflechtungen, die notwendigerweise kulturell durchmischt sind, komplexer gestaltet.
Wenn wir aufgeschlossen sind, muss westliche Kunst nicht als Widerspruch zu Kunst aus anderen Teilen der Welt gesehen werden. Sie kann innerhalb eines Dialogs betrachtet werden, der hilft, jene Unterschiede und Entscheidungen zu wahren, unter denen Künstler ihre Auffassung von Aufklärung formen. Dazu zählen auch die jeweils kulturell spezifischen Ressourcen, Umstände und Bedingungen der künstlerischen Produktion, unter denen Künstler arbeiten.

Wie schätzen Sie den Einfluss einer Ausstellung wie „Mappa Mundi“ auf eine Stadt wie München, der nachgesagt wird, kulturell eher konservativ zu sein?

Im Grunde sind wir eine globale Institution für zeitgenössische Kunst. Wir versuchen, unterschiedliche Genealogien zeitgenössischer Praktiken zu erkunden und unseren Besuchern neue Themen, Künstler und Ideen zu vermitteln – weil wir wissen, dass unser Publikum sehr offen ist und lernen will. Dabei ist zeitgenössische Kunst in Deutschland generell eine Herausforderung, weil Kunst sehr ernst genommen wird; vor allem das, was ich Vermächtnis-Kunst nenne, wie etwa die Oper oder das Theater. Eine unserer Heraus-forderungen ist es, unsere Programme so zu gestalten, dass wir unserem Publikum ein tiefes Eintauchen in unsere Praktiken ermöglichen.

Wie lebt es sich in München?

Ich lebe hier seit sechs Jahren und es ist in vielerlei Hinsicht eine wundervolle Stadt. Es ist sehr geordnet; manchmal fehlt das Chaos, das eine zeitgenössische Stadt ausmacht. München hat nicht die multikulturelle Dichte, die Teil des derzeitigen Flows ist, den wir als globalen Strom erleben. Deshalb kann es sich hier manchmal doch recht isoliert anfühlen. Um einen Gegenstrom von Menschen und ihren Bewegungen zu spüren, laufe ich oft durch den Hauptbahnhof, der mir mit dem Gewusel an Menschen von überall her zumindest das Gefühl von Chaos vermittelt. Dort gehe ich oft am Wochenende hin, um meine Zeitungen zu holen, meist die Financial Times Weekend, die New York Times oder den Guardian, weil mein Deutsch recht schlecht ist.

Okwui Enwezor ist ein international renommierter Kurator aus Nigeria und Leiter des Münchener Haus der Kunst seit 2011. Er leitete ebenfalls die Documenta 11 sowie Venedig Biennale 2015 und zählt zu den einflussreichsten Personen in der zeitgenössischen Kunst.

Dieses Interview wurde zuvor in der aktuellen Ausgabe von Companion veröffentlicht, einem Magazin das FvF in Zusammenarbeit mit 25Hours Hotels herausgibt. Weitere Geschichten aus dem Magazin hier.

Pressefotos: Maximilian Geuter
Text: Quynh Tran