Eine neue Generation richtet sich wohnlich ein – Tariq Dixon erklärt uns, worauf sie Wert legt
Zuhause und bei der Arbeit mit dem Gründer von TRNK, einem Online Concept Store, der Großstädtern dabei hilft, ihre Räume neu zu denken, New York City
NOMOS Glashütte × FvF
Interviews > Eine neue Generation richtet sich wohnlich e…

Es gibt wenige Städte, in denen Platz so kostbar ist wie in New York – ein Nebeneffekt seines bekanntermaßen furchteinflößenden Immobilienmarktes. Hier, in einer vor Chaos pulsierenden Stadt mit erdrückender Bevölkerungsdichte und 24/7-Betriebsamkeit nimmt das Bedürfnis nach einem wohnlichen Zufluchtsort fast spirituelle Dimensionen an.

„Ständig auf der Durchreise zu sein ist für junge Menschen in New York City ein nervenaufreibender Alltag, den wir auflockern wollten“, erzählt Tariq Dixon über den Prozess, der dazu führte, dass er und Nick Nemechek TRNK gründeten. TRNK ist ein digitaler Concept Store, der die aufkommenden Trends im weltweiten Onlinehandel nutzt, um eine neue, designbewusste Generation zu erreichen, die sich ein Zuhause gestalten möchte.

„Mit Ende zwanzig waren Nick und ich angesichts der täglichen Hektik auf der Suche nach Gegenständen für unsere Wohnungen, die für uns ein Gefühl der Ruhe ausstrahlen“, erklärt Tariq, der während unseres Gesprächs auf der Eingangstreppe seiner Wohnung sitzt, die in einer ruhigen Straße Brooklyns gelegen ist. Er erinnert sich lebhaft daran, dass es nicht einfach war, sich diesen Lebensraum aufzubauen. „Es gab damals keinen Händler auf dem Markt, der uns vollkommen inspirierte und unseren Geschmack, unsere Persönlichkeiten widerspiegelte. Wir mussten also viel Zeit damit verbringen, alles selbst zusammenzusuchen.“ Showrooms, Flohmärkte und Antiquitätengeschäfte abzuklappern, um die richtigen Stücke zu finden, „war harte Arbeit. Als Reaktion haben wir unseren heutigen Beruf daraus gemacht“.

Sowohl Tariq als auch Nick hatten zuvor schon als Einkäufer für bekannte Menswear-Marken gearbeitet – die Idee, ästhetische Produkte für ein schönes Zuhause an eine ihnen sehr ähnliche Zielgruppe zu verkaufen, lag also nicht fern. Bei TRNK geht es aber nicht nur um das konventionelle, bloße Anbieten von Möbeln und Accessoires – der Besucher soll im eigenen Prozess der Selbstbestimmung abgeholt und begleitet werden.

Gemeinsam mit der Uhrenmanufaktur NOMOS Glashütte widmet Freunde von Freunden sich dem Wandel der Arbeitswelt und fragt, wie sich beruflicher Erfolg heute definiert.

Freunden-von-Freuden-Tariq-Dixon-0411
Tariqs Ästhetikverständnis folgt klaren Sichtlinien und der Wirkung von Negativraum. Diese Leitprinzipien hat er auch auf sein eigenes Apartment in Brooklyn übertragen.

„Wohnungen, die zum Büro werden, gehören heute zum Leben eines Selbstständigen dazu.“

Ein wesentlicher Bestandteil der Strategie von TRNK ist es, die Kluft zwischen dem, was schon lange verfügbar ist und dem, was vielleicht erst seit eben trendet, zu überbrücken. Als ehemaligem Harvard-Studenten merkt man Tariq bei seinen Erklärungen eine wohlüberlegte Gestik und Ausdrucksweise an. Häufig fällt das Wort der “Integrität” in seinen Sätzen – also die Symbiose von eigenen Werten mit der tatsächlichen Lebensrealität. Im Kontext eines digitalen Concept Stores, der Möbel und Accessoires nicht nur nachhaltig, fair und handmade, sondern auch zertifikatlos in vielen Preisvarianten anbietet, wirkt der Begriff jedoch dehnbar.

„Standards für faire Arbeitsbedingungen sind wichtig”, erzählt Tariq, wendet aber ein, dass nicht jedes bei TRNK angebotene Produkt zeitgenössische Prädikate wie „handgemacht” oder „Made in USA” trägt – um nur zwei der unzähligen symbolisch aufgeladenen Slogans in der Sphäre bewusster Konsumenten zu nennen. Das Store-Konzept zielt auf eine sorgsame Kuration ab, die eine gesunde Mischung aus gutem Design und Qualität, aber auch erschwinglichen Preisen anbieten möchte. Wenn etwas viel kostet, sollte es sich auch am Material und an Handwerksarbeit wiederspiegeln. Ein günstigeres Stück ohne Zertifikate oder eine lange Lebenszeit kann aber ebenso einen Raum bereichern. Die Besucher der Seite sollen dem Kurations-Konzept langfristig vertrauen können.

Die gerade heranwachsende Generation findet sich in einer Welt wieder, in der Design auch in Verkaufsflächen bis hin zu Coffee Shops eine maßgebliche Rolle spielt.

TRNK bietet wie einige andere große, digitale Concept Stores auch ein hauseigenes Editorial an. Dort werden Kreative und Unternehmer in ihre Wohnungen und Denkweisen begleitet und kleine Geschichten und Anleitungen erzählen, wie man beispielsweise Couchtische und Bücherregale noch besser gestalten kann. Zudem ermöglicht es TRNK, mehr über die Herstellungsweise vieler Produkte zu erfahren. „Wir können Inhalte erzeugen, die von der Hintergrundgeschichte, der Herkunft und der Herstellung des Produkts auf eine Weise erzählen, die in keiner analogen Ladenerfahrung kommuniziert werden kann”, erzählt Tariq. „Kein Mitarbeiter eines Ladengeschäfts kann seinen Kunden den Ort zeigen, wo ein Gegenstand zusammengesetzt wurde, oder?”

Die wachsenden Vorteile des Onlinehandels bringen mittlerweile selbst traditionelle Händler dazu, die Anzahl ihrer Läden zugunsten eines Hybridmodells aus gezielteren Online/Offline-Erfahrungen zu reduzieren. Das Warenhaus Nordstrom etwa hat vor kurzem Nordstrom Local lanciert – eine Reihe von Verkaufsstellen, die es Kunden ermöglichen, Kleidung anzuprobieren und sogar Stylisten zu konsultieren, um daraufhin die Produkte, die sie kaufen, von anderswo bis an die Haustür geliefert zu bekommen. Tariq erzählt, dass solche Modelle es den Einzelhändlern erlauben, auf ihr Lagerbestandsmanagement zu verzichten, was eine massive Entlastung betrieblicher Ressourcen mit sich bringt. TRNK kann mithilfe seines Onlinemodells „neue Produkte viel schneller einführen. Wenn wir etwas auf dem Markt finden, das uns wirklich gefällt, dauert es häufig nur ein paar Wochen oder Monate, bis wir es live auf der Website vorstellen können. In klassischen Geschäften müssen solche operativen Überlegungen erst viele Entscheider-Stufen durchlaufen.”

TRNK bietet einen Teil der Produkte seit einiger Zeit auch in einem analogen Store-Konzept an. Das Online-/Offline-Modell stimmt mit der Philosophie Tariqs überein, dass die Art, wie Dinge einen Raum bewohnen, messbare Auswirkungen auf unsere Lebensqualität hat. Denn hier kommt der TRNK-Showroom ins Spiel – ein einladendes, lichtdurchflutetes Loft im trendigen NoHo-Viertel Manhattans, das wie eine Wohnung eingerichtet ist und gleichzeitig als Büro des Unternehmens dient. TRNK lädt seine Kundschaft zu regelmäßigen Veranstaltungen in ihre unkonventionellen Arbeitsumgebung ein. „Wir wollen, dass die Gäste mit den Produkten interagieren und sie so benutzen, wie sie es online nicht können. Den Komfort eines Sofas zu genießen, indem man darauf sitzt und sich bei einem Drink mit Freunden austauscht, steht in starkem Kontrast zu einem Ladenerlebnis, bei dem man sich nur für wenige Sekunden auf das Sofa fallen lässt und gleich den Druck verspürt, wieder zu gehen.”

Diesem Ziel entsprechend finden sich im Ausstellungsraum viele der Gestaltungsprinzipien wieder, die Tariq auch in seinem eigenen Zuhause ansetzt. Sein Apartment ist im Erdgeschoss eines für New York klassischen Brownstone-Hauses im Brooklyner Viertel Bed Stuy gelegen. Hohe Decken und Fenster verleihen den Räumen eine weitläufige Offenheit, während Stuck-Zierleisten und Holzvertäfelungen zu einem klassischen Charakter beisteuern. Tariqs Wohnung und der TRNK-Showroom verbindet dabei aber nicht nur eine gedeckte Farbgestaltung. Große Möbel gliedern die Räume, während Bücher, Vasen und Accessoires den Raum lebhaft wirken lassen.

John Sheppard - Studio

„Für den Käufer ist die Bandbreite der Materialien und Objekte unmöglich in ihrer Gänze zu fassen. Aus diesem Grund haben wir TRNK gegründet, wo wir die Hausaufgaben für den Besucher schon gemacht haben.“

„Unser größtes Ziel ist es, dass die Kunden uns vertrauen. Dass sie wissen, dass wir viel Zeit in die Auswahl der Produkte stecken und nur die auswählen, die wir für wirklich gut halten.“

„Unsere Generation kann mit steriler Ästhetik, abgeteilten Cubicles und formellen Möbel nicht viel anfangen.“

Eine Arbeitsumgebung, die sich wie eine Wohnung anfühlt, lässt sich in die kulturellen Verschiebungen einordnen, in denen dezentrales Arbeiten die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend verschwimmen lassen. Die Zunahme von Unternehmertum, freiberuflicher Arbeit und abwechslungsreichen Berufswegen wie dem von Tariq erschweren das Trennen von Arbeit und Privatem zusätzlich. Wohnungen, die zum Büro werden, gehören heute zum Leben eines Selbstständigen dazu. Entgegengesetzt dazu steigt die Nachfrage nach Geschäftsräumen, die sich wie Orte anfühlen, in denen man runterkommen und man selbst sein kann.

Bei ihm Zuhause schätzt Tariq trotz allem Ineinanderfließens eine klare Abgrenzung beider Bereiche. Die Zeit, die er braucht, um die Strecke von Brooklyn bis zu seinem Büro in Manhattan zurückzulegen, ist für ihn ein notwendiges Ritual – so nötig, dass er, wenn er von Zuhause aus arbeitet, meist draußen einen Spaziergang macht, bevor er seine Arbeit beginnt. Mehr noch ist sein Homeoffice „regulierter” als die „frei fließenden” Räume, die er als ideal für sein Privatleben betrachtet.

„Letztendlich hängen die Anforderungen an den Raum tatsächlich von der eigenen Persönlichkeit ab”, verdeutlicht Tariq und betont noch einmal, dass ein Raum in erster Linie ein Ausdruck der Person sein sollte, die ihn bewohnt. „Für mich persönlich ist die Trennung von Beruf und Freizeit wichtig, ich denke aber nicht, dass dieser Wunsch in unserer Kundschaft ebenso stark verankert ist. Was man aber sagen kann: Unsere Generation kann mit steriler Ästhetik, abgeteilten Cubicles und formellen Möbel nicht viel anfangen.” Wir wollen unsere Umgebung wärmer, ansprechender und wohnlicher. Dieses Bedürfnis erleben wir auch bei den Kunden, die mithilfe unserer Website ihre Arbeitsbereiche entwerfen.”

„Unser Studio funktioniert anders als ein gewöhnlicher Showroom – es fühlt sich viel eher nach einem Zuhause an. Es geht bei dieser Erfahrung darum, dass man selber das Gefühl bekommt, in einem Apartment zu stehen und sich so viel besser inspirieren lassen kann.“

Tariq trennt seinen Homeoffice-Platz vom Rest seiner Wohnung – auch in dem Wissen, dass viele seiner Kunde ein offenes Arrangement bevorzugen.

„Es hat sich eine neue Form der Wertschätzung für Design in unserer Konsumgeneration herausgebildet.“

Das Grundverständnis von Tariqs Marke fußt auf der Idee, dass Design emotionalen Einfluss auf uns nehmen kann – was seinen Anfang wohl mit der Arbeit von Apple in den Nullerjahren nahm. Heute hat sich der Gedanke lawinenartig ausgebreitet: „Ab diesem Moment hat sich eine neue Form der Wertschätzung für Design in unserer Konsumgeneration herausgebildet, die die Ansprüche an ihren Kaffee, das Fitnessstudio, in das sie gehen, und die Kleidung, die sie tragen, stark nach oben getrieben hat”, sagt er und verweist auf amerikanische Unternehmen wie Blue Bottle Coffee oder Equinox als Beispiele für Marken, die beliebter wurden, indem sie etablierte Gestaltungsprinzipien auf bislang unbeachtete Bereiche übertrugen. „Solche Details können sich immens auf unsere Zufriedenheit auswirken. Und weil Umgebungen heute häufig für uns kuratiert werden, denken wir vielleicht nicht einmal wirklich darüber nach.”

In dieser neuen Generation, die gerade erst damit beginnt, sich wohnlich einzurichten, sieht Tariq „die Möglichkeit, dass viel mehr Leben in eigenen Räumen entstehen kann.” Unser Zuhause und der Ort, an dem wir arbeiten, besitzt einen enormen Stellenwert in unserer Selbstwahrnehmung – ob sie nun klar voneinander getrennt oder fluide existieren. „Leider sind es oft diese Orte, die wir am meisten vernachlässigen”, fügt Tariq hinzu. „Es sollte genau andersherum sein. Eben das ist es, was wir wollen: Menschen darin bestärken, sich Zeit für sich zu nehmen, auf ihre Bedürfnisse zu achten und in die Gestaltung der Umgebungen zu investieren, die sie wirklich glücklich machen.”

Im Sturm der Meinungen um richtiges Arbeiten können wir auf Menschen wie Tariq bauen, die eine feste Position vertreten. Danke, Tariq! Mehr von TRNK findet sich auf der Website des Concept Stores und auf Instagram. Wer gerade in New York verweilt, kann den Showroom in der 49 Bleecker St. #302 finden. Herzlicher Dank gilt zudem auch dem Keramiker und TRNK-Händler John Sheppard, der uns Einblicke in sein Atelier gewährt hat.

Wie sieht Arbeit heute aus, wie soll sie in Zukunft aussehen? Die Uhrenmanufaktur NOMOS Glashütte und Freunde von Freunde haben mit Unternehmern aus unterschiedlichen Bereichen gesprochen: über Erfolg, Visionen, Status. Weitere Geschichten aus der Reihe hier.

Text: Tania Strauss
Fotografie: Winona Barton-Ballentine