Die fantastischen Utopien von Studio N O R M A L S – und was wir aus ihnen lernen können
Designer Cedric Flazinski and Régis Lemberthes kreieren Artefakte einer möglichen Zukunft, um Fragen über das Hier und Jetzt zu stellen, Berlin
MINI × FvF presents: The Sooner Now
Interviews > Die fantastischen Utopien von Studio N O R M…

„Wir entwerfen Dinge, die es wahrscheinlich – oder hoffentlich – nie geben wird“, sagen Cedric Flazinski und Régis Lemberthe beinahe gleichzeitig. Das tun sie immer, wie sich herausstellt, wenn jemand nach ihrer Arbeit fragt.

Auch sechs Jahre nach Gründung ihres Studios N O R M A L S tun sich die beiden Franzosen schwer, ihre ungewöhnliche Philosophie in einfache Worte zu fassen. „Wir nutzen Design und Fiktion, um über Zukunft zu spekulieren“, bemüht sich Flazinski und lehnt sich in einem auffällig kleinen Stuhl zurück. Der Stuhl sei eigentlich für Schulkinder gemacht, erklärt er schnell, und Teil einer ganzen Kollektion, die der bekannte französische Metallbauer und Architekt Jean Prouvé für die Schulen Frankreichs nach dem zweiten Weltkrieg entwarf. „Prouvé war ein fantastischer Generalist, der zwischen Industrie und Gesellschaft vermittelte. Wir arbeiten zwar rein spekulativ, aber im Grunde wollen wir genau das gleiche.“

Zunächst erscheint Normals’ Welt fantastischer Artefakte fernab von Prouvés nüchternem Dienst an der Gesellschaft zu liegen. Da gibt es Do-It-Yourself-Geburtsmaschinen für eine „himmlische“ Entbindung im eigenen Heim, einen Nahrungsmitteldrucker, der Nutzer kontinuierlich und auf Basis von Echtzeit-Bedarfsanalyse versorgt, oder eine „Substitute Reality“-Brille, die einen ständigen Begleiter nach eigenem Vorbild generiert. Die gesellschaftliche Relevanz erschließt sich auf den zweiten Blick: Jedes dieser Designobjekte ist in eine Geschichte eingebettet, die von einer möglichen Zukunft erzählt – und diese spitz hinterfragt. „Unsere Utopien sind keine Vorhersagen“, betont Flazinski. „Sie sind polymorph; eine Art Frankenstein der Visionen.“

Cedric Flazinski und Régis Lemberthe werden am 13. Oktober gemeinsam mit den Besuchern von The Sooner Now Berlin eine urbane Utopie namens CCCC.city bauen. Mehr über die Veranstaltung von MINI und FvF am Ende dieses Texts.

„Wir machen keine Vorhersagen. Unsere Utopien sind polymorph; eine Art Frankenstein der Visionen.“

Ihre Lust am Fantastischen entdeckten die beiden während eines Masterstudiums in den Niederlanden. Kurz nach einem Abschluss in Industriedesign an der Pariser École des Arts Appliqués, liefen sich Flazinski und Lemberthe an der Design Academy Eindhoven wieder über den Weg. „Das war so in den späten 2000ern. Das erste iPhone war gerade auf den Markt gekommen, soziale Netzwerke wie Facebook wurden langsam populär, und neue Technologien stellten die Rolle des Designers auf den Kopf“, erinnert sich Flazinski. „Statt uns marktgerecht in einer der vielen neuen Disziplinen zu spezialisieren, haben wir uns eher als Generalisten verstanden. Wir wollten Design als freie und kritische Arbeit praktizieren, die alles berührt. Der spekulative Ansatz erlaubt uns dabei, Grenzen auszuloten und gesellschaftliche Vorgänge zu kommentieren.“

Flazinski gründete Normals gemeinsam mit Autor Aurélien Michon (Lemberthe trat dem Kollektiv später bei) 2012 – ohne sich etwas vorzumachen. „An Auftragsarbeiten im Bereich Design Fiction war seinerzeit gar nicht zu denken“, erinnert sich Flazinski. „Also haben wir unsere Jobs gekündigt und all unsere Ersparnisse in ein kleines Pariser Studio gesteckt, in dem wir günstig wohnen und ungestört arbeiten konnten.“ Einer strengen Kreativ-Routine folgend („Mittwoch war zum Beispiel unser ‚Denk Dir einen fiktiven Charakter aus‛-Tag“), entstanden dort eine ganze Reihe von Graphic Novels, Kartenspiele, Musikvideos, und Augmented-Reality-Applikationen. Projekte, die sich trotz medialer Vielfalt zu einer Art Gesamtkunstwerk fügen und Techno-Utopien in harten, minimalistischen Kontrasten zeichnen. Auf die konsequente, von frühen Computern inspirierte lo-fi Bildsprache schwören Normals bis heute. „Unsere Welten sind weder optimistisch noch zynisch und die grobe, modellhafte Ästhetik reflektiert das“, erklärt Flazinski. „Wir entwerfen lediglich Projektionsflächen, welche wertfrei die Moralvorstellungen ihrer Betrachter widerspiegeln.“ Der Studioname Normals lässt sich mit ähnlicher Zurückhaltung erklären. „Die Zukunft wird oft in utopischen oder dystopischen Bildern beschrieben, die wenig Raum für Zwischentöne lassen“, erklärt Lemberthe. „Wir fragen uns dagegen, wie eine ‚normale‛ Zukunft aussehen kann und malen sie uns in alltäglichen Seltsamkeiten aus.“ Ein Küchentisch, zum Beispiel, der auf eine Fingergeste hin eine heiße Tasse Kaffee materialisiert. So zumindest beginnt Normals erste 2013 veröffentlichte Graphic Novel N O R M A L S 0 0 1.

Freunde-von-Freunden-Normals-2912
Flazinksis Skizzenbuch zeigt erste Entwürfe für CCCC.city, der kollaborativen Mitmach-Stadt, die N O R M A L S für The Sooner Now entwickelt hat.

Die Tage der in Selbstausbeutung im Pariser Studio produzierten Zukunftsskizzen sind mittlerweile Vergangenheit. Heute teilen sich Flanzinski und Lemberthe ein Atelier in Berlin-Kreuzberg (Michon arbeitet weiterhin von Paris aus) und „Design Fiction“ ist en vogue. In den letzten Jahren, so die beiden, hätten sowohl private Unternehmen als auch öffentliche Institutionen erkannt, dass Innovation nicht unabhängig von Kultur und Gesellschaft gedacht werden kann. Jede Neuerung, ob Technologie oder Dienstleistung, verändert sich durch ihre Nutzer in einer Art und Weise, die weder Ingenieure, noch Marketingabteilungen oder Umfragen vorhersehen können. „Kunden beauftragen uns mit dem Entwurf spekulativer Szenarien, um die entstehenden gesellschaftlichen Fragen zu vorwegzunehmen“, erklärt Lemberthe. „Wie werden neue Dinge in Zukunft genutzt oder gar missbraucht? Wie schnell verbreiten sich neue Verhaltensmuster? Als Designer sind wir in der Lage, uns Probleme auszudenken, ihnen Namen und eine Form zu geben. In Geschichten durchgespielt, können diese dann Alternativen oder gar Lösungen aufzeigen.“

Im Dezember 2017 zum Beispiel, lud das Ideenlabor der Stadtverwaltung von Mexico Stadt, Laboratorio Para La Ciudad (LabCDMX), die beiden ein, um über den drohenden ökologischen Kollaps der Metropole nachzudenken. Auf dem trockenen Bett des Texcoco Sees errichtet, leidet die wuchernde mexikanische Hauptstadt unter akuter Trinkwasserknappheit und sinkt zusehens in den grundwasserleeren Untergrund. Experten sagen, eine Katastrophe ließe sich nur verhindern, wenn große Teile des ehemaligen Sees wieder hergestellt werden – ein nahezu unmögliches Unterfangen angesichts der dichten Bebauung und einer Bevölkerung von 21,3 Millionen. Die ernste Realität verlangte eine radikale Fiktion: Sich als Sozialökonom Rajesh Laghari und Ingenieur Otto Wavełski ausgebend (komplett mit falschen Visitenkarten und funktionierenden E-Mail-Adressen), konfrontierten Lemberthe and Flazinski ein Publikum von ortsansässigen Architekten, Stadtplanern und Politikern mit einem umfassenden Umsiedlungsprogramm, das laut Laghari und Wavełski schon in vollem Gange war. Ein unweiter Bezirk war kürzlich in die umliegenden Berge verlagert worden und Xochimilco, die unmittelbare Nachbarschaft der Anwesenden, sollte folgen. Das Szenario war exzentrisch bis ins letzte Detail: Elon Musk hatte ein paar Space-X-Millionen in das Rettungsprojekt investiert, um für die Besiedlung des Mars zu proben. Ein neuer, von Schweizer Ingenieuren speziell für das Unterfangen entwickelter Roboter war bereits im Umland unterwegs, um vollautomatisiert ganze Siedlungen aus einem Gemisch von Toxcoco-Lehm und Kies zu ‚drucken‛. Umzugswillige könnten sich auf ein bedingungsloses Grundeinkommen freuen, ausgezahlt in der neu eingeführten, betrugssicheren Kryptowährung Mexicoin. Reich bebildert mit Maschinen im Einsatz, fertigen Siedlungen in idyllischer Hanglage, Mexicoin-Marketingmaterial und Testimonials glücklicher Umsiedler hatte die Präsentation den gewünschten Effekt. „Publikumsreaktionen reichten von Protest bis hin zu sofortiger Umzugsbereitschaft“, erinnert sich Lemberthe. „Und nicht wenige Anwesende recherchierten uns nervös noch während des Vortrags.“ Erst nach einer emotionsgeladenen Fragerunde wurde die Fiktion als solche aufgelöst und mit dem Publikum im Rahmen eines Workshops erörtert.

„Als Designer sind wir in der Lage, uns Probleme auszudenken, ihnen Namen und eine Form zu geben. In Geschichten durchgespielt, können diese dann Alternativen oder gar Lösungen aufzeigen.“

Freunde-von-Freunden-Normals-4363
Flughäfen, Krankenhäuser, Solar-Farmen – mit mehr als 200 eigens angefertigten Betonbausteinen wird bei The Sooner Now eine urbane Utopie entstehen.

Bei The Sooner Now wollen Normals mit einer ähnlich exzentrischen Fiktion zum Denken anregen: Ein internationales Wirtschaftskonglomerat hat die ferne Insel Socotra gekauft, um dort mit ausgewählten Bürgern – den Besuchern von The Sooner Now – eine neue Stadt zu bauen. Errichtet nach streng demokratischen Prinzipien, wird CCCC.city („Foresee City“, dt. Vorseh-Stadt) neben urbanen Fantasien auch kulturelle und politische Neigungen seiner Bewohner reflektieren, die von städtischen Zukunftsprognosen oft ignoriert werden. Das zumindest hoffen Flazinski und Lemberthe. „CCCC.city ist Rollenspiel, Brettspiel und soziales Experiment gleichermaßen und das Ergebnis nicht vorherzusehen“, gesteht Flazinksi. „Im Verlauf eines Tages werden 200 Teilnehmer Formen städtischen Zusammenlebens aushandeln – von der Lage des eigenen Habitats bis hin zu kommunalen Themen wie Energieversorgung, Nahrungsmittelproduktion, Mobilität, Erholung und Gesundheit.“ Werden wir ein grünes Paradies der Nachhaltigkeit und sozialen Fürsorge entstehen sehen? Eine vollautomatisierte Wirtschaftsoase? „Vielleicht wird CCCC.city alles andere als eine Stadt. Utopie oder Dystopie, wir werden diese Geschichte zu Ende spielen – und hoffentlich daraus lernen.“

Weitere Projekte

N O R M A L S ist ein französisches Kreativkollektiv mit Sitz in Berlin und Paris, das mit Design und Fiktion über Zukunft spekuliert. Neben Graphic Novels, Spielen und Augmented-Reality-Applikationen wie A P P A R E L, die unter anderem auf der New York Fashion Week und im National Taiwan Museum of Fine Arts gezeigt wurden, hat N O R M A L S zuletzt mit CDRMX – A Fiction for Mexico City Probleme der mexikanischen Metropole adressiert.

Bei The Sooner Now Berlin werden Cedric Flazinski and Régis Lemberthe gemeinsam mit Besuchern die eigens entwickelte urbane Utopie CCCC.city errichten und in einer Closing Keynote auswerten.

The Sooner Now ist eine Initiative von MINI und Freunde von Freunden, die sich seit 2016 als Plattform für herausragende Zukunftsideen versteht. Die diesjährige Fortsetzung des Projekts wird vom Designmagazin IDEAT unterstützt. Nach zwei Jahren inspirierender Gesprächsrunden in verschiedenen deutschen Großstädten kommt The Sooner Now am 13. Oktober zurück nach Berlin und wirft einen Blick auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft urbaner Utopien. Das ganztägige Programm bringt Expertinnen und Experten aus Architektur, Design, Technologie, Journalismus und Politik zusammen – Interessierte sind eingeladen zuzuhören, auszuprobieren und sich auszutauschen.

Text: Alexander Scholz

180911-TSN-FB-Banner-Berlin_S