Die heilende Kraft und das Zukunftspotenzial des Pilzanbaus
Abfall wird zur Chance: Eine simbabwische Farmerin ist überzeugt, dass Pilze Gemeinschaften heilen und bereichern können,
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Auf einem kleinen, aber geschäftigen Gehöft, gelegen zwischen den Msasa-Wäldern und den reichen roten Böden der Bauerngemeinschaft von Christon Bank, eine halbe Stunde Autofahrt von Simbabwes Hauptstadt Harare entfernt, hat eine außergewöhnliche Frau sich der heilenden Kraft der Pilze verschrieben.

Chido Govera, Landwirtin, Aktivistin, Autorin, Unternehmerin, Adoptivmutter von sieben Waisenkindern und enthusiastische Sonnenaufgangstänzerin, verbessert die Lebensqualität von Communities in Simbabwe mit ihrem persönlichen Engagement. Sie bringt ihnen bei, autark zu wirtschaften und Abfall in Pilze zu verwandeln.

Mit der The Future of Hope Foundation (TFoHF), einer Organisation, die Chido zur Unterstützung von Frauen und Mädchen in den umliegenden Gemeinden gegründet hat, bringt die Farmerin den Menschen bei, wie sie die im Überfluss vorhandenen Abfallprodukte (in Simbabwe sind das üblicherweise Getreidehalme und Maiskolben) dazu nutzen können, Pilze anzubauen. „Abfall ist das, was alle armen Leute in den Gemeinden haben, aber trotzdem leiden sie. Wie verändern wir die Art und Weise, wie wir auf diesen Überfluss schauen?“, fragt Chido. „Ist das nur ein fertiges Produkt, das da herumliegt? Oder ein Rohstoff, den wir nutzen und in etwas anderes verwandeln können?“

(EN) “Waste is what all poor people in communities have, and still they suffer. How do we shift the way we look at abundance?”

Sie glaubt fest daran, dass der Schlüssel darin liegt, den Communities dabei zu helfen, sich selbst zu helfen – eine Erkenntnis, die aus ihrer persönlichen Erfahrung stammt. „Die Idee hinter TFoHF ist, eine Plattform zu schaffen, wo Frauen und Mädchen sich entfalten können und die Unterstützung erhalten, die ihnen die Kraft zur Selbsthilfe gibt.“ Jungen Frauen und Mädchen Chancen zu eröffnen, ist der Aktivistin besonders wichtig. Als ihre Mutter an Aids starb, wurde Chido mit sieben Jahren selbst zur Waise und alleinigen Versorgerin ihres fünfjährigen Bruders und ihrer Großmutter.

Schon damals wusste Chido mit einer für ihr Alter beeindruckenden Klarheit, dass sie, wenn es irgendwie möglich war, anderen helfen wollte. Mit acht Jahren betete das junge Mädchen – geprägt von Missbrauchserfahrungen durch die erweiterte Familie und der ständigen Angst vor dem Hunger –, dass es ihr eines Tages möglich sein würde, Kindern einen Ausweg aus ähnlichen Situationen zu verschaffen. Obwohl es ihr fast das Herz brach, verließ sie mit neun Jahren die Schule, da sie ihre kleine Familie nur ernähren konnte, wenn sie Vollzeit arbeitete. Mit zehn Jahren entging sie knapp einer Hochzeit mit einem dreißig Jahre älteren Mann; sie lehnte ab, weil die Heirat bedeutet hätte, dass sie ihren Bruder und ihre Großmutter verlassen müsste. Dann, im Alter von elf Jahren, lernte sie etwas, das ihr Leben für immer verändern sollte: An der Africa University in Mutare wurde sie durch die Zero Emissions Research and Initiatives (ZERI) Foundation an die Kultivierung von Austernpilzen herangeführt.

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(EN) “I had this skill to share with so many people and save them going through what I went through, and here I was just going to school.”

Das Konzept, Lebensmittel drinnen anzubauen, war neu für Chido. „Es kam mir vor wie Magie“, erzählt sie. Aber sie packte die Gelegenheit beim Schopf, in der Hoffnung, dass sie endlich ihre Familie ernähren können würde. Mit dem Geld, das sie durch den Verkauf der übriggebliebenen Ernte verdiente, schickte sie ihren Bruder und andere Waisenkinder der Gemeinde zur Schule. In ihrer Freizeit vertiefte sie ihr Wissen über den Pilzanbau an der Africa University und brachte sich mithilfe eines Wörterbuchs selbst Englisch bei. Mit sechzehn wurde sie, obwohl sie nur fünf Jahre auf die Grundschule gegangen war, an der Highschool angenommen und schloss erfolgreich ihre „Ordinary Levels“ ab, die simbabwische Qualifikation für die höhere Schule.

Kurz darauf brach die junge Wohltäterin die Schule allerdings ab. Jetzt, wo sie wusste, wie sie anderen helfen konnte, wollte sie nicht mehr länger warten: „Ich hatte das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden. Ich hatte dieses Wissen, das ich mit so vielen Leuten teilen wollte, um sie davor zu bewahren, das durchzumachen, was ich als Kind erleben musste – und da war ich nun und ging einfach nur zur Schule. Und das nicht mal, weil ich auf eine neue Karriere hinarbeitete – ich wusste bereits, was ich tun wollte. Ich hatte die Fähigkeiten und die Werkzeuge dafür und ich wollte rausgehen und es einfach umsetzen.“ Ihre Lehrerenden schafften es nicht, Chido davon zu überzeugen, ihre letzten zwei Schuljahre zu beenden, um anschließend an der Universität weiterzumachen. Ihr Adoptivvater Gunter Pauli, ein belgischer Umweltunternehmer und Gründer von ZERI, der von Chido erfahren hatte, als sie als junger Teenager an der Africa University Pilze studiert hatte, unterstützte sie hingegen in ihrer Entscheidung. Sie schaute nie wieder zurück.

Heute lebt Chidos Liebe zu den faszinierenden Fungi in unterschiedlichen Weisen fort. Ihre Forschungen haben sich bis nach Kolumbien, Serbien und China ausgedehnt. Letzteres bietet ihr die Möglichkeit, medizinische Pilze zu studieren, die, so hofft sie, HIV-Patienten in Simbabwe helfen könnten. Der preisgekrönte Mykologe und Autor Paul Stamets (dessen Lebenswerk darin besteht, Menschen zu zeigen, wie sie sich mit Pilzen selbst heilen und außerdem den Planeten schützen können), ist eine ihrer größten Inspirationen – der Traum, einen Kurs bei ihm zu besuchen, wird dieses Jahr endlich wahr.

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(EN) “I think there is a lot we can learn from nature, to make the quality of our food better.”

Wenn Chido nicht gerade die Welt bereist und lernt oder lehrt – sie ist mittlerweile eine international gefragte Rednerin –, hält Chido sich zu Hause in Christon Bank in der simbabwischen Provinz Mashonaland Central auf. Seit sie in jungen Jahren gelernt hat, Pilze zu kultivieren, hat die charismatische junge Simbabwerin persönlich über zweitausend Menschen aus der ganzen Welt unterrichtet – von Australien über die Mongolei bis hin zu Simbabwe, von analphabetischen Frauen in Indien bis zu Berkeley-Absolventinnen in San Francisco.

Chido liebt ihr Land und erzählt leidenschaftlich von dem Nutzen, den Pilze ihm bringen. Pilze sind nicht nur Nahrungsmittel, sie versorgen die Menschen auch mit einem Einkommen und bereichern außerdem ihren Kompost mit lebendem Myzel (eine fadenförmige Ansammlung von Zellen, die den Pilz unterstützt), das die Bodenqualität immens verbessert. Es können mehr Arten von Nutzpflanzen angebaut werden, was auch eine größere Vielfalt an Nährstoffen bedeutet. Pilze zu züchten, bedeutet weniger Arbeit als der Anbau von Getreidesorten und vielen anderen Nutzpflanzen, und der benötigte Platz und Aufwand belaufen sich auf ein Minimum.

Pilze eignen sich ebenfalls hervorragend zur Reinigung der Böden. Aufgeregt erklärt Chido ein Experiment, das von Pilzguru Paul Stamets durchgeführt wurde: „Er baute Pilze auf einem Landstück an, das ölverseucht war. Die Pilze pflanzte er auf Stroh und später, als sie den Boden und den Pilz untersuchten – da waren sie beide sauber!“, ruft sie und ihre Augen funkeln richtig, als sie von der Entdeckung erzählt. „Für mich heißt das, wenn wir uns den Boden in vielen landwirtschaftlichen Regionen anschauen, der durch den Einsatz von chemischem Dünger ausgezehrt wurde, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir diesen Boden wieder aufbauen und zwar schnell und so effektiv wie möglich – Myzel gibt uns diese Möglichkeit. Es zersetzt das organische Material im Boden, hilft bei der Wasserspeicherung – insbesondere durch Belüftung und Reinigung des Wassers – und es dient darüber hinaus als Dünger, denn indem es Materialien zersetzt, produziert es Nährstoffe, die Pflanzen zum Wachsen brauchen.“

(EN) Chido works with the Planetary Community Chicken of Koen, bringing healthier chickens to small-scale farmers
(EN) Chido in front of the Cosmogolem; a sculpture from the social artistic project by Koen Vanmechelen

(EN) “Growing mushrooms in waste taught me that if I convert corn stalks into something valuable and profitable like mushrooms, I can convert my life from what it is today into something much better.”

Ein Spaziergang über die 1,5 Hektar große Farm der Stiftung bezeugt den Reichtum und die Vielfalt, die durch die Nebenprodukte der Pilze entstehen können. Simbabwische Grundnahrungsmittel wie Kürbis, Wassermelone, Gurken, Mais, drei verschiedene Bohnensorten und Sonnenblumen leuchten auf den sachte abfallenden Feldern. Chido zeigt auf verschiedene in Simbabwe heimische Früchte und Gemüsesorten, die sie behutsam in den Wäldern sammelt und dann züchtet. Sie ist sehr besorgt darüber, wie schnell diese wertvollen Ressourcen verschwinden, weil die Einheimischen sie für das „Essen des armen Mannes“ halten und nicht schnell genug von der Speisekarte streichen können. Auf Chidos Farm gibt es Kräuter in allen Duftnuancen und Größen, die Bienenschwärme und andere nützliche Pflanzenbestäuber anziehen – und auch Neuheiten (für Simbabwer) wie Quinoa und Chia haben hier ihren Platz.

Chido schmunzelt und zeigt auf ihre Gemüsebeete. „Wenn du diesen Ort gut kennst und dir anschaust, wie die Pflanzen wachsen, dann merkst du, dass das Wachstum da am besten ist, wo wir viele der Pilzabfälle platziert haben.“ Die Abfallprodukte haben den Boden weich und locker gemacht, sodass man mit dem normalerweise trockenen und unnachgiebigen Grund viel leichter arbeiten kann. „Alles, was wir heute hier anbauen, bietet uns eine größere Nährstoffvielfalt. Wir haben ein Modell, das wir das Pilz-und-Geflügel-basierte, ganzheitliche Nahrungsmittelproduktionssystem nennen. Es zielt darauf ab, den Leuten eine vielfältige Ernährung zu ermöglichen.“ Der Pilzabfall wird an die Hühner verfüttert und benutzt, um den Garten zu düngen. Die Ausscheidungen der Hühner wiederum werden im Gemüsegarten ausgestreut und der Abfall des Gartens ernährt die Hühner, die dann die Community mit Eiern und Fleisch versorgen.

Viele der täglichen Aktivitäten auf Chidos Permakultur-Hof sind eine Hommage an die Natur, immer das große Ganze im Blick. Die Pilze werden so angebaut, dass sie ihren natürlichen Kreislauf so unbeeinflusst wie möglich durchlaufen können. „Ich denke, dass wir viel von der Natur lernen können, um die Qualität unserer Lebensmittel zu verbessern. Die qualitativ hochwertigsten Pilze bekommt man aus der Natur. Die Faktoren, die zu einer hohen Qualität beitragen, sind die Dinge, die wir unseren Pilzen kontinuierlich versuchen zur Verfügung zu stellen“, erklärt Chido. „Wir wissen, dass natürliches Licht Pilze widerstandsfähiger und länger haltbar macht, also versorgen wir unsere Pilze mit genügend natürlichem Licht. Es macht einen großen Unterschied aus.“

Eins der Hauptprobleme, das sich ihrer Stiftung angesichts der instabilen Wirtschaftslage in Simbabwe momentan stellt, ist der Zugang zu Saatgut und Kulturen. „Aufgrund der Devisenknappheit ist es schwierig, die reinen Kulturen aus Südafrika und Australien zu importieren – wir kaufen die niedrigste Qualität.“ Chidos nächste Mission wird es sein, die Stiftung mit einem eigenen Labor auszustatten. Damit wäre eine dauerhafte und zuverlässige Quelle für reine Pilzkulturen in hoher Qualität gewährleistet, was die Qualität des Anbaus verbessern und dabei helfen würde, die Stiftung und die durch sie geförderten Gemeinden zu unterstützen.

Für Chido ist die Kraft der Pilze, Abfall in etwas Positives zu verwandeln, eine Analogie dafür, wie sie ihr Leben lebt. „Ich bin in einer Gemeinschaft aufgewachsen, in der es nahe lag zu denken, dass aus mir nichts werden würde – fast so wie Abfall. Pilze mithilfe von Kompost zu kultivieren, hat mir beigebracht, dass ich, indem ich Getreidehalme in etwas Wertvolles und Profitables wie Pilze verwandle, auch mein eigenes Leben von dem, was es heute ist, in etwas Besseres verwandeln kann. Das hat mir wirklich dabei geholfen, meine Sichtweise darauf, wie weit ich es schaffen kann und was ich alles erreichen kann, zu verändern.“ Chidos Aktivismus wird von der Vision geleitet, Veränderungen anzustoßen. Sie löst bei den Menschen, mit denen sie zusammenarbeitet, einen Prozess aus, der sie zum Umdenken bewegt. „Dabei mache ich einfach nur die Arbeit, an die ich glaube und die ich machen will“, sagt sie. „Ich weiß tief in mir drin, dass wir, wenn wir Frauen und junge Mädchen unterstützen, die Gemeinden in Simbabwe heilen können.“

tk tk

(EN) Chido Govera is the founder of The Future of Hope Foundation, an NGO based in Zimbabwe. With her dedicated commitment to uplifting communities through self-sufficiency, especially by converting waste into mushrooms, she changes lives and perspectives. Further aiding sustainable farming, Chido works with the Planetary Community Chicken of Koen promoting the importance of diversity in breeding chickens.

Learn more about mycology, the power of mushrooms, and Chido’s impact on her local community along with her exclusive recipe over on the Werde website. Highlighting the stories of women whose creative work deals with natural themes, Chido and her cultivation of mushrooms is an inspiring example. Werde can also be found in print form with a biannual magazine published in German and English

Over the course of our partnership, we’ve encountered numerous other women environmentalists. For instance, we have learned about herbs and spices with Evangelia Koutsovoulou or about turning science into fantasy with Katie Scott.

Text und Fotografie: Mana Meadows