Die flüchtige Schönheit der floralen Arrangements von Ruby Barber
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Was ist schon ein Name? Nun ja, oft eine ganze Markenidentität. Während wir uns bei der Gründung von Unternehmen nicht selten eine aufregende Hintergrundgeschichte wünschen, blickt die Floristin Ruby Barber vom Berliner Label Mary Lennox auf ein ganzes Märchenbuch zurück.

Ursprünglich stammt der Name Mary Lennox aus Frances Hodgson Burnetts literarischem Werk „Der Geheime Garten“. Sie ist die verwaiste Heldin, die aus Indien geschickt wird, um mit ihren Verwandten in Yorkshire zu leben. Dort angekommen, pflegt sie einen verwilderten Garten und bringt ihre entzweite Familie wieder zusammen. Für Ruby aus Sydney wurde dieser Kinderbuchklassiker zu einem Begleiter bis ins Erwachsenenalter. „Ich habe die Geschichte geliebt, aber ich hätte nie gedacht, dass „Der Geheime Garten“ mal zu so viel mehr führen würde. Während der Buchwoche in Grundschulzeiten habe ich mich als Mary Lennox verkleidet, ich hatte die Erzählung auf Kassette und lauschte ihr abends vor dem Schlafengehen. Sie war einfach ein Teil meiner Kindheit. Dann habe ich lange nicht mehr darüber nachgedacht. Bis ich in das alte Atelier meines Vaters zog. Es befand sich im Stadtteil Newton in Sydney an der Ecke zwischen Mary Street und Lennox Street. In dieser Zeit begann ich mein Geschäft aufzubauen und nach einem passenden Namen zu suchen – und er war schon da!“ Zweifellos ein verblüffender Zufall. Aber es war mehr als das, denn die Namensbedeutung reichte noch tiefer: „Die heilende Kraft von Pflanzen und Blumen ist etwas, woran ich fest glaube. Und ich muss sagen, ich mag auch Mary sehr. Am Anfang ist sie irgendwie mürrisch und nicht jeder versteht sie, aber sie entwickelt und findet sich im Laufe der Zeit, und der Garten unterstützt sie dabei.“

Wer sich inspiriert von Rubys floralen Arbeiten fühlt, kann in einem Tutorial im Werde Magazin lernen, selbst einen Strauß im Stil von Mary Lennox zu gestalten. Die Zusammenarbeit von FvF und Werde gründet in einem gemeinsamen Interesse am kreativen Umgang mit Natur. 

„Als ich zum ersten Mal hierher kam, war ich wie besessen auf der Suche nach richtigen Gartenrosen. Ich hatte die ganze Stadt abgegrast, auf der Jagd nach etwas Interessanterem als den importierten Rosen vom Großhandel. Als eine befreundete Floristin aus Australien zu Besuch kam, entdeckte sie auf einem Wochenmarkt eine spezielle Rosenart. Der Verbindung bin ich gefolgt und schließlich bei Connie gelandet, worüber ich unendlich glücklich bin.“

„Wenn du nur richtig hinschaust, kannst du sehen, dass die ganze Welt ein Garten ist.” – Frances Hodgson Burnett

Über die Zeit hat sich das Unternehmen – ebenso wie seine Namensgeberin – gefunden und Ruby brachte Mary Lennox vor drei Jahren nach Berlin. Neben der Lust an der Herausforderung noch einmal neu anzufangen, war es ihr Interesse an europäischer Botanik, das während eines Urlaubs zu Berlins grünster Zeit entfacht wurde: „Ich besuchte Berlin im Sommer und war total angetan von seiner ländlichen Umgebung. Ich kannte nur die schön zurechtgeschnittenen Blumen und Zweige der australischen Märkte, hier war alles so üppig und wild.“ Heute führt Ruby Mary Lennox zusammen mit den Floristinnen Olivia Beattie und Paola Ravagni in einem Atelier am Lokdepot, zwischen den Berliner Stadtteilen Kreuzberg, Schöneberg und Tempelhof, unweit der grünen Schneisen Viktoria-Park und Gleisdreieck. Sie gehört zu den führenden kreativen Floristinnen in Berlin, die mit ihren internationalen Zeitgenossen das herkömmliche Verständnis von Gestecken hinterfragen und erweitern. Der Begriff der Floristik scheint für sie und ihre Mitstreiter kaum noch zeitgemäß, gehen die meisten ihrer Arbeiten doch weit über das reine Handwerk hinaus. Sie arbeiten mit der ganzen Vielfalt, die ihnen das Beet bietet, inklusive Gemüse und Kräuter. Sie spielen mit dem Umraum, beziehen diverse Medien ein oder schaffen flüchtige Installationen – fast fällt es da schwer, nicht von einer Kunstform zu sprechen. Fragt man Ruby allerdings, ob sie sich selbst mehr als Künstlerin oder als Floristin betrachtet, widerlegt sie eine solche Verflechtung von Geschäftssinn und Kreativität direkt. „Keines oder beides? In erster Linie bin ich Unternehmerin eines kleinen Geschäftes. Hier bewege ich mich irgendwo zwischen Beraterin und Stylistin im Bereich der Botanik.“

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„Manchmal ist unsere Arbeit romantisch und wild, manchmal eher minimalistisch und modern.”

Obwohl es, gemäß der Chronologie ihres Lebenslaufs, nun äußerst naheliegend wäre, dass die Samen schon seit jeher für die Floristik gesät wurden, behauptet Ruby: „Das kam alles völlig unerwartet! Ich hatte immer Bestrebungen kreativ zu arbeiten, aber Blumen waren kein besonders bedeutsamer Teil meines Lebens – zumindest bis zu dem Moment, als ich begann, auf den Blumenmarkt zu gehen. Zusammen mit einer Freundin besuchte ich regelmäßig den Flemington Markt in Sydney, eigentlich nur aus Spaß. Wir fingen an, Blumen für Freunde und Familie zu pflücken. Und von da an ging es los. Unser Konzept war ziemlich einfach: Jeden Freitag verkauften wir unsere selbst gepflückten Sträuße, die wir zuvor in braunes Papier packten. Dabei erkannten wir sehr schnell, dass wir unser Angebot verfeinern mussten. Und ehe ich mich versah, saß ich in einem Floristikkurs, auf der Suche nach Berufserfahrung“, erzählt sie.

Rubys Arbeit mit Pflanzen bringt sie auch aus Berlin heraus. Sie reist für Aufträge nach Hamburg oder zu entfernteren Zielen wie New York. Zu ihren jüngsten Arbeiten zählen eine Installationen auf dem Berliner Techno-Festival Atonal (wo riesige Mengen Lilien einen Kontrast zum ikonischen, industriellen Kraftwerk bildeten) oder ihre Zusammenarbeit mit Fotografinnen wie Amira Fritz, mit der sie ätherische Analogaufnahmen von Stilleben entwickelt. „Jedes Projekt ist völlig anders. Noch nie kam es vor, dass wir zweimal das gleiche Briefing bekamen. Manchmal ist unsere Arbeit romantisch und wild, manchmal eher minimalistisch und modern. Wir haben Kulissen kreiert, Workshops veranstaltet und Pop-up-Blumenläden entworfen. Wir wurden mit Installationen beauftragt, recherchierten außergewöhnliche Pflanzen und Blumen oder arrangierten Obst und Gemüse. Meine Lieblingsbeschäftigung ist es herumzureisen, neue Lieferanten zu treffen und besondere Produkte, mit denen wir arbeiten können, aufzustöbern. Über die Zeit haben wir ein erstaunliches Netzwerk aus Gärtnern und Lieferanten auf der ganzen Welt aufgebaut. Die Jagd nach Pflanzen ist zu einem wahren Hobby geworden!“

„Hier geht alles so schnell. Selten verbringe ich mehr als einen Tag mit etwas, das ich gestalte.”

Was auch immer gerade ansteht, jeder Tag bei Mary Lennox beginnt auf dem Blumenmarkt. „Von da an aber verläuft jeder Tag anders. Wir sind fast ganztägig unterwegs, inszenieren unsere Projekte und suchen nach Rohstoffen. Schon eine Stunde am Computer gilt uns da als Ausfallzeit!“ Vieles spielt sich in den frühen Morgenstunden ab. Oft schon morgens um 4 Uhr auf den Beinen, scheinen Floristen in einer parallelen Zeitzone zu leben. Immer mit kurzlebigen Rohstoffen beschäftigt, kommt außerdem das schiere Arbeitstempo hinzu, das sie vorantreibt. Obwohl Ruby zugibt, dass sie ein wenig anfällig für Nostalgie ist (Trotz der prächtigen Farben tendiert sie im Herbst zu melancholischen Gefühlen: „Denn dann weiß ich, dass es wieder eine Weile dauern wird, bevor ich mit all meinen geliebten Produkten arbeiten kann.“), richtet sie beruflich den Blick nach vorn. „Hier geht alles so schnell. Selten verbringe ich mehr als einen Tag mit etwas, das ich gestalte, und nie mehr als drei Tage mit Blumen und Pflanzen, die durch meine Hände gehen. Und nachdem ich sie dann weggegeben habe, frage ich mich noch immer: Wie geht es ihnen? Haben sie ausreichend Wasser? Haben sie ihren Zweck erfüllt?“, erzählt Ruby. „Aber ebenso weiß ich, dass es in nicht allzu ferner Zukunft einen Punkt gibt, wo alles, woran ich gearbeitet habe, weggeworfen wird. Ich muss mit der Tatsache leben, dass natürliche Rohstoffe unberechenbar und kurzlebig sind, sobald sie aus ihrer ursprünglichen Umgebung genommen werden. Die Überraschungen, die die Natur mit sich bringt, sollte man nicht allzu schwer nehmen.“

Optimistic Decay

Eine Installation für Juan Mendez während Berlins Atonal Festival

„Juan Mendez trat an uns mit der Bitte heran, ein Szenario für die Verabschiedung des Jealous God Labels als Teil von Atonal 2016 zu gestalten, unter dem Motto „Optimistic Decay”. Die unzähligen dafür verwendeten Lilien haben einen unglaublichen Duft versprüht. Definitiv ein Highlight des Jahres!”

„Mit natürlichen Produkten in so einem riesigen Industriegebäude zu arbeiten ist großartig. Der Kontrast zwischen der Umgebung und den Pflanzen kreiert eine unwirkliche Atmosphäre und das eingesetzte Licht sorgt für wirklich interessante Schatten. Das ist schon ein sehr ungewöhnlicher Arbeitsort.”

Heute arbeitet sie noch immer mit den gleichen ansässigen Lieferanten wie zu Beginn, stets auf der Suche nach den inspirierenden Eigenheiten kleinerer Produktionen, die sie schon damals antrieben. Veränderungen wie etwa der Umzug vom milden Sydney nach Berlin dienten ihr oft als Motor für ihre kreative Energien. Er forderte die Anpassung an eine gänzlich unbekannte Pflanzenkultur, angefangen von den klein gehaltenen Produktionsstätten bis hin zu den enormen Gewächshäusern in den Niederlanden, die den Großteil der Erzeugnisse liefern und den europäischen Markt während der Wintermonate buchstäblich überfluten. „Ich mag es, mit dem zu arbeiten, was in der aktuellen Jahreszeit gerade am schönsten ist”, sagt Ruby und erklärt, dass sie die großen Importe zwar gerne nutzt, wenn es die Saison vorschreibt. Dennoch bleibt sie ihren Werten aus den ersten Tagen treu. „In Australien verschwimmen die Jahreszeiten beinahe zu einer und so wird man die ganze Zeit über mit wunderschönen Blumen verwöhnt. Das meiste, was auf den Märkten angeboten wird, stammt von lokalen Bauern. Alles ist ein wenig spezieller und einzigartiger, weil man noch eher auf interessant geformte Stiele und kleine Unvollkommenheiten stößt. Hierzulande scheinen die die Wünsche im Allgemeinen etwas klassischer zu sein, Standardimporte sind nach wie vor sehr beliebt und der „gemischte Strauß“ herrscht vor. Mein persönlicher Geschmack ist näher an dem Stil, den man in Sydney vorfindet – etwas minimalistischer und cleaner mit einem Augenmerk auf einzigartige Züchtungen.“

„Der Kontrast zwischen der Umgebung und den Pflanzen kreiert eine unwirkliche Atmosphäre.”

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Nicht länger ein Geheimnis

Mary Lennox’ blumige Kunstwerke

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Während wir Ruby auf einem ihrer regelmäßigen Ausflüge durch Brandenburg begleiten, erreichen wir ein ungewöhnlich stark duftendes Rosenfeld. Sie nennt es schlicht „Connies Farm“ und erklärt: „Als ich zum ersten Mal hier ankam, war ich wie besessen auf der Suche nach richtigen Gartenrosen. Ich hatte die ganze Stadt abgegrast, auf der Jagd nach etwas Interessanterem als den importierten Rosen vom Blumenmarkt. Ich glaube, ich habe bisher keine schönere Sorte in der Nähe von Berlin gefunden.“ Während sie durch die pastellfarbenen Beete schlendert, erzählt sie eine spannende Blüten-Geschichte nach der anderen. „Ich möchte immer alles wissen über all die Pflanzen und Blumen, die mir begegnen, ihre Hintergründe und Eigenschaften kennenlernen, und erfahren, wie ich mit ihnen arbeiten kann. Die Natur ist so unendlich überraschend und ich glaube, es wird mir damit nie langweilig werden.“

Danke,

Ruby, dass wir gemeinsam mit dir den Weg von Mary Lennox nachverfolgen durften. Besucht ihre Website und Instagram, um einen Einblick in weitere Projekte zu erhalten.

Dieses Porträt ist Teil der Zusammenarbeit von Freunde von Freunden und Werde, basierend auf unserer geteilten Wertschätzung für die kreative Arbeit mit der Natur. Besucht Werde Magazin, um in Rubys DIY-Tutorial zu lernen, wie ihr einen eigenen Strauß binden könnt.

Text: Ruby Goss
Fotografie: Daniel Müller