Thomas 'Marok' Marecki
Herausgeber Lodown Magazine, Ferrari Dino 308 GT4, Lotus Esprit Elektrisch, Berlin
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Als „Marok“ schafft Thomas Marecki Bilder und Installationen, die sehr oft mit dem Thema Mobilität zu tun haben. Außerdem gibt er seit 1995 das Lodown Magazine heraus, das Themen von Musik über Kunst und Kleidung bis hin zu praktischen Gadgets porträtiert. Das wird garniert mit immer neuen avantgardistischen Layouts, die dem Magazin diverse Lead Awards und andere Auszeichnungen eingebracht haben.

Und: Thomas Marecki ist fasziniert von Mobilität. Sein Traumauto ist der Ferrari Dino 308 GT4, den er nach langer Suche vor einigen Jahren gefunden hat. Außerdem baut er gerade einen Lotus Esprit aus den Siebzigern zum Elektroauto um. Er sieht das als Kunst-Projekt und freut sich schon auf die erste Fahrt.

Wo bist du aufgewachsen? Hast du immer in Berlin gewohnt?

Ich bin in Berlin geboren worden und habe hier auch den Großteil meiner Jugend verbracht. Nur für eine Weile habe ich als Teenager in Köln gelebt, weil meine Eltern aus beruflichen Gründen dort hingezogen sind. Nach meinem Studium bin ich für eine Zeitlang nach Kalifornien gezogen.

Kannst du uns etwas über deine Arbeit unter dem Pseudonym ‘Marok’ erzählen? Bezieht sich das auf dein früheres Interesse an Graffiti?

Marok’ hat tatsächlich etwas mit meinem Graffiti Background zu tun. In den 90iger Jahren war es cool unter einem Pseudonym zu arbeiten. Ich habe es als eine Art Markenzeichen behalten für meine Kunstvorhaben. Mit den Jahren, als ich auch anfing meine Arbeit etwas ernsthafter zu nehmen, fühlte sich das Pseudonym immer mehr an wie eine Marke, als würde ich meinen Namen verkaufen und nicht meine Kunst. Wie die meisten Graffiti Namen ist es ein sehr oberflächlicher Name und hat für mich keine große Bedeutung für mich. Trotzdem ist er Teil meiner Geschichte.

Wie bist Du darauf gekommen, ein eigenes Magazin zu machen?

Die Idee habe ich aus Kalifornien importiert. Ich wollte ein Heft, in dem sich mein Interesse an Popkultur widerspiegelt. In all den Jahren ist die Intention immer die Gleiche geblieben: Sich im Zeitgeist zu bewegen, ein Heft darüber zu machen – und damit selbst Teil des Zeitgeistes zu werden.

Das Lodown Magazine ist sehr visuell – ihr zeigt moderne Kunst neben Sneakers, Lyrik steht neben Skaterock aus den Siebzigern. Euer Ansatz unterscheidet sich deutlich von dem anderer Zeitschriften .

Das war auch unser Anliegen. Wir wollten uns nie vom Mainstream beeinflussen lassen. Da ist zwar das Geld, aber das ist nicht Sinn und Zweck der Sache. Das Magazin war immer eine Herzenssache, ein Ort, wo wir dem folgen können, was uns interessiert.

Du bezeichnest Lodown als eine Plattform, die unseren Zeitgeist widerspiegelt. Was repräsentiert für dich der aktuelle Zeitgeist?

Lodown spiegelt den Zeitgeist wieder, aber nicht auf herkömmliche Art und Weise. Es ist sehr spezifisch und richtet sich an meine Generation, Leute in den 30igern und 40igern. Es dauert eine Weile um sich einen Eindruck zu verschaffen, auf welche Art wir uns mit Kultur beschäftigen und vorallem mit Welcher. Wir bieten kein “Fast Food” an, wie viele andere Blogs oder Hochglanzmagazine.

Es ist schwierig zu erklären was den heutigen Zeitgeist ausmacht. Mir gefällt es nicht, wie mit kulturellen Inhalten heutzutage umgegangen wird, insbesondere von Marketing und Medien Seite. Allen geht es nur um die Quantität, die Anzahl der Klicks und Likes. Und ich verstehe nicht warum! Es hat mit Qualität nichts zu tun, sondern geht nur darum uns Produkte unter die Nase zu reiben. Mit dieser Form von Penetration möchte ich nichts zu tun haben.

Alles muss vermarktet, gebranded und kategorisiert werden. Dein Facebookverhalten wird zum Beispiel automatisch analysiert und du erhälst zielgerichtete Benachrichtigungen. Das Alles macht es schwer einen Zeitgeist zu definieren, insbesondere einen der rein ist und zu neuen Ideen führt oder in der Geschichte der Menschheit etwas verändert. Alles wird zum Mittel, um etwas zu verkaufen!

Fühlst du dich schlecht, wenn du drei Tage hintereinander nicht shoppen gehst? Meine Antwort darauf ist: “Fuck it!” Ich folge lieber meinen eigenen Instinkten, als dem was Andere als Zeitgeist betrachten!

Gibt es bestimmte Projekte, Ausgaben auf die du besonders stolz bist? Oder Leute, mit denen du während deiner Zeit bei Lodown zusammengearbeitet hast, die dich besonders beeindruckt haben?

Wir sprechen hier über zwanzig Jahre Arbeit, da ist es schwierig Ausnahmen herauszupicken.

Es war immer inspirierend mit unterschiedlichen Art Direktoren und Künstlern zusammenzuarbeiten.

Wenn man Deinen Lebenslauf liest, stößt man auf Kunst, auf Design, aber auch auf Schriftarten, die Du designt hast…

Ich habe angefangen als Grafikdesigner. Aber zur gleichen Zeit habe ich auch Graffiti gemacht und so kam es dann 1995 zu dieser Schriftart. Das war damals der erste Graffiti-Font, den man für den Computer bekommen konnte. Ich habe mich dann immer mehr für Design, Typographie und Layout interessiert, als Medium, um mich darin auszudrücken. Und das auch ziemlich expressiv – am Anfang haben wir so ziemlich jede Regel gebrochen, die es in der Typographie gibt. Und nebenbei habe ich immer noch meine Kunstsachen gemacht.

Bei denen fällt auf, dass immer wieder der Aspekt Mobilität vorkommt. Du spielst mit Verkehrsschildern und Auto-Silhouetten, es gibt sogar die Verpackung eines ziemlich bizarren Spielzeug-Raketenwerfers auf Rädern. Was interessiert Dich an dem Thema?

Das ist das Projekt „Traphic“, zusammengesetzt aus „Traffic“ und „Graphic“, also „Verkehr“ und „Grafik“. Für mich ist das ein ganzer Kosmos, in dem man sich ausleben kann. Zum einen, weil wir alle ja schon von Kindheit an mit der Autobahn indoktriniert sind, mit Matchbox-Autos und vielem anderen, was für Geschwindigkeit und Bewegung steht. Und zum zweiten interessiert mich, was passiert, wenn der Traffic die Straße verlässt: wie Menschen vernetzt sind, wie das Bewusstsein einer großen Gruppe funktioniert – wohin wir eigentlich steuern.

Inzwischen werden vor allem Botschaften bewegt…

Das Thema „Bewegung im Auto“ ist ja auch eigentlich abgeschlossen. Es wird die Illusion freien Fahrens verkauft, aber man kommt ja nur noch bis zum nächsten Stau. Frei fährt man nur noch auf Rennstrecken, die wieder abgeschlossene Systeme sind.

Gerade hier in Berlin ist es eigentlich ziemlich sinnlos, Auto zu fahren.

Ja, ich fahre hier auch lieber Fahrrad. Aber mich fasziniert das Auto eben trotzdem. Deshalb baue ich mir auch gerade diesen Elektro-Oldtimer. Und dann gibt es ja noch den anderen, den Ferrari Dino 308, mit dem fahre ich nur aus Freude daran.

Warum eigentlich der Dino?

Ich fand immer diese Concept Cars aus den Siebzigern interessant, die man noch aus den Autoquartetts kennt, mit denen man als Kind gespielt hat. Diese Keilform, die damals in Mode war, habe ich gesucht. Und der Dino 308 kommt dem ziemlich nahe, genau wie auch der Lotus Esprit S1, unser elektrisches Projekt. Der ist auch aus dieser Zeit und die beiden sind sich ziemlich ähnlich.

Wie fühlt sich das an, mit einem Ferrari durch Berlin zu fahren?

Ich weiß nicht, ob ich das mit einem neuen tun würde. Aber einen Oldtimer nehmen die Leute anders wahr als einen Zehnzylinder von 2012 – mit dem alten bekommt man viel Sympathie. Insofern bin ich da ganz happy mit.

Wieviel PS?

255. Das reicht auf jeden Fall.

Probiert man bei so einem Wagen die Höchstgeschwindigkeit aus?

240 Stundenkilometer bin ich schon gefahren. Aber dann wird er auch ziemlich laut. Und: Bremsen und Fahrwerk sind zwar ziemlich gut bei dem Dino, aber es gibt halt keine wirkliche Knautschzone. Ich weiß ja, wie der Wagen zusammengebaut ist – einen Unfall möchte ich mit dem nicht haben.

Was ist das perfekte Setting zum Fahren? Küstenstraße? Die Autobahn nachts?

Hier in Berlin ist es der Stadtring bei Nacht. Aber eigentlich fahre ich vor allem Landstraße. Italien ist schön. Brandenburg ist auch okay, aber da gibt es keinen so guten Espresso.

Und welche Musik?

Die ist mir nicht so wichtig. Wenn es ein Radio gibt, dann ist das schön, aber wenn der Motor laut ist, hört man eh keine Musik. Ich arbeite gerade mit einem befreundeten DJ am Sound für den Lotus, weil der Elektromotor ja fast lautlos arbeitet.

Und zwar?

Was Witziges. Oder vielleicht auch was Bedrohliches

Schraubst Du an dem Ferrari?

Ja, auf jeden Fall. Also, ich nehme jetzt keinen Motor auseinander. Aber wenn ich an die Teile rankomme und wenn ich das passende Werkzeug habe, dann mache ich Reparaturen selbst.

Was hat es denn mit Deinem Elektro-Projekt auf sich?

Den Lotus wollte ich immer schon haben, weil mir die Form gefällt, neue Autos finde ich unfassbar hässlich. Aber ich habe ja schon so einen „Gas Guzzler“, deshalb wollte ich mir nicht noch einen Verbrenner hinstellen. Ein Elektroantrieb passt sehr gut zu der futuristischen Form des Wagens. Und ich wollte zeigen, dass der Umbau einfach ist, dass das jeder machen kann.

Wie geht man so ein Projekt an?

Naja, erst einmal muss man viel Recherche betreiben und mit Leuten Kontakt aufnehmen, die sich mit dem Thema schon beschäftigt haben, in den USA kann man regelrechte Baukastensysteme für solche Umbauten bekommen. Und dann muss man halt irgendwo anfangen. Ich habe erst einmal über Ebay in Texas den Lotus gekauft, komplett mit Wespennest und Rattenloch.

Und dann? Einfach Benzinmotor raus, E-Motor rein?

Ja, der Lotus Esprit hat ja einen Mittelmotor hinter dem Fahrersitz, den wirft man dann raus. Wir haben uns dafür entschieden, das Getriebe drin zu lassen. Ohne wäre es zwar auch gegangen, aber der Wagen hat an der Hinterachse innenliegende Bremsen, die direkt am Getriebe hängen. Deshalb haben wir uns für diese Variante entschieden. Der Elektromotor liefert so viel Kraft, dass man im Prinzip die ganze Zeit im dritten Gang fahren kann. Aber man kann auch im Ersten anfahren, wenn man Burnouts machen will.

Das war’s schon?

Man braucht noch die Elektronik, um den Motor zu steuern und die Akkus. Der Batteriepack, den ich mir leisten kann, müsste für etwa 100 Kilometer Reichweite reichen. Aber Wagen ist ein Prototyp, da geht es mir erst einmal nicht um Wirtschaftlichkeit oder darum, wie weit er kommt. Ich bin froh, wenn er fährt. 120 bis 130 kW soll er dann liefern, das ist ein bisschen mehr, als er original hatte.

Was war eigentlich Dein erstes Auto?

Das war ein VW, so ein Polo Fox von Anfang der Neunziger, der mit dem Kastenheck. Dann gab’s noch Golf, BMW Dreier, Audi A3, also nichts Besonderes. Und dann habe ich noch einen Ford Mustang, einen 65er, der fährt sich wie ein Boot. Aber den muss ich jetzt verkaufen, weil ich das Geld für die Batterien brauche.

Hast du tolle Tipps, wo man in Berlin essen gehen kann?

Ja klar, mir gefällt: Lamuri, Markthalle 9, Sasaya, Entrecote, Cafe Einstein Stammhaus, Austria, Casolare Kreuzberg, Txokoa und Salumeria da Pino.

Thanks!

Vielen Dank Thomas für das tolle Gespräch über Autos und die interessanten Einblicke in deine Verlegerkarriere bei Lodown!

(EN) Photography: Luke Abiol & Hendrik Thul
Video: Hendrik Thul
Interview & Text: Kai Kolwitz