Drehkunst: Die in Brooklyn lebende Künstlerin Helen Levi rüttelt am Image urbaner Keramik
Wie die New Yorkerin aus einem einfachen Tontopf eine Kunstform und ein Geschäftsmodell macht, New York City
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In den letzten Jahren wurde der Ausdruck ‘Kunsthandwerk’ eher belächelt—man assoziierte damit ortsansässige Bastler, die es geschafft hatten, aus ihrem Hobby einen Trend zu machen. Und so entstand das hochgestylte, extravagante, makellose Image des geschliffenen Designers.

Der Hype dauert an und birgt neben all der berechtigten Aufwertung individueller, im kleinen Maßstab angefertigter Handarbeit auch Schattenseiten. ‘Handwerklich’ kann heute alles Mögliche sein, was uns Labels und Marketingstrategen als authentisch und handgemacht verkaufen wollen. Aber lässt ein solcher Trend die wahren Künstler und ihre Arbeiten außen vor? Und wenn wir schon die Nische suchen und sozial verantwortlich handeln wollen, sollten wir dann nicht direkt auf die weniger hochglanzpolierten Betriebe setzen? Für Hochglanz können wir schließlich auch zu Ikea gehen.

 

Handgemachte Töpferkunst kommt jedenfalls weder ohne Macken noch schlicht daher. Die Arbeit mit Ton ist von Natur aus mit jeder Menge Dreck verbunden, sie ist zäh und körperlich anstrengend. Die Ergebnisse—seien es einfache Formen oder Geschirr—wirken fast banal, setzen aber in Wahrheit ein mit jahrelanger Übung erlangtes Fingerspitzengefühl voraus. „Ich hatte wirklich keine Ahnung von dieser Kunsthandwerksbewegung, die da angeblich im Gange war,” beteuert die in Brooklyn lebende Keramikerin Helen Levi. „Eigentlich habe ich Fotografie studiert und bewegte mich zunächst in einer völlig anderen Kunstrichtung. Ich habe Bilder und Dokumentarfotografie gemacht. Die offenbar steigende Popularität des handgemachten Objektes ging da völlig an mir vorüber.“
Geboren und aufgewachsen in New Yorks East Village, hatte Helen als Grundschülerin ihren ersten Töpferunterricht. Am College studierte sie etwas ganz anderes, gab aber Studenten bis zu ihrer Selbständigkeit Töpferscheibenkurse, teilweise an den gleichen Schulen in Manhattan, in denen sie selbst als Kind gelernt hatte. Heute unterhält sie ihr eigenes, erfolgreiches Label in Brooklyn, unter dem sie hängende Pflanzentöpfe, Becher und Karaffen herstellt.

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„Die Keramik wird rund 36 Stunden bei 1200°C gebrannt. In meinem großen Ofen finden acht große Blumentöpfe oder 100 kleine Stücke Platz.“
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Gerade hat Helen ein neues Atelier im unscheinbaren und am Wasser gelegenen Industriegebiet Red Hook bezogen—einst eine bedeutende maritime Drehscheibe. „Für mich ist es echter Luxus, mein eigenes Atelier zu haben. Wenn mir etwas in den Sinn kommt, probiere ich es einfach aus. Ich muss nicht extra Zeit auf neue Ideen verwenden, ich lege los und schaue, was passiert“, sagt sie. Das zweistöckige Backsteingebäude mit seinen freiliegenden Balken und seinem abbruchreifen Charme ist typisch für die Gegend. Ruhig liegt es inmitten von Wohnhäusern und größeren Betonloftbauten. „Mein altes Atelier war nur ein Drittel so groß. Eine Etage tiefer befand sich eine Mäusefallenfabrik, wir waren also ständigem Maschinenlärm ausgesetzt,” erzählt Helen. „Hier ist alles so schön verschlafen—das Gebäude ist ruhig, die Straße ist ruhig, alles ist plötzlich so ruhig—und wenn ein Lastwagen vorbeikommt, unterstreicht das die Stille umso mehr.“

“Wenn man mit einem zerbrechlichen Material arbeitet, muss man lernen, loszulassen.“

Wie die meisten New Yorker strahlt Helen eine spürbar ansteckende, der hektischen und schlaflosen Stadt angemessene Lebensenergie aus. Das mag ihr in ihrer Funktion als Inhaberin eines kleinen Unternehmens entgegenkommen. Das Alltagstempo einer Töpferin ist jedoch ein anderes. „Ich war mir immer schon selbst zu ungeduldig. Keine Ahnung, ob das etwas damit zu tun hat, dass ich hier aufgewachsen bin, oder einfach Zufall ist, aber ich merke es die ganze Zeit, wenn ich im Atelier bin,” lacht Helen. „Nach all den Jahren müsste ich es eigentlich besser wissen, und trotzdem habe ich es immer eilig. Der Ton macht da natürlich nicht mit. Er lehrt mich auf die harte Tour. Immer wieder gehen mir Stücke kaputt, ich lasse sie fallen oder kann sie nicht auffangen. Am besten regt man sich gar nicht erst auf, es kann eben immer passieren—wenn man mit einem zerbrechlichen Material arbeitet, muss man lernen, loszulassen.“

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„Mit dem Messinglocher steche ich die Löcher in die Böden der Blumentöpfe. Die Zahnstocher habe ich in einem 99cent-Laden gekauft, aber eigentlich stehen sie nur herum. Die Schüssel für meine hölzernen Werkzeuge ist von meiner Freundin Ariele Alasko – eines der schönsten Geschenke, das ich je bekommen habe.“

Helens Markenzeichen: marmorierte und goldfarbene Designs

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“Ich lasse mich von meiner direkten Umgebung inspirieren—sie liefert mir stets verlässliche Beispiele für schöne Formen, Strukturen und Farben.“

Die ersten Aufträge und Aufmerksamkeit erhielt Helen vom Modedesigner Steven Alan, der Inhaber eines eigenen Geschäftes ist. Den riesigen Pflanzentopf aus dieser allerersten Serie hat sie immer noch im Sortiment. „Ich habe ein bisschen mit Terrakotta-Pflanzentöpfen für Innenräume herum experimentiert. Die ideale Größe haben sie meiner Meinung nach, wenn ein kleiner Baum hinein passt“, erklärt sie. Der Miteinbezug der Natur zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten. Lieber probiert sie unterschiedliche Tonarten und -farben aus, als sich in der Glasur zu verkomplizieren: „Ich finde die Materialfarben spannender als die Glasur, daher setze ich mehr auf gefärbten Ton und Marmorierungen.“ Die einzelnen Stücke ihrer Kollektionen sind von farbigen Wellen durchzogen und unterscheiden sich stilistisch, orientieren sich jedoch alle an den Elementen. Helen Levis Serien tragen klangvolle Namen, wie etwa ‘Beach’, ‘Ocean’, ‘Desert’ und ‘Celestial’. „Ich habe ausprobiert, gefundene Materialien wie Schmutz in meine Glasuren zu integrieren und lasse mich dabei von meiner direkten Umgebung inspirieren“, schwärmt sie. „Sie liefert mir stets verlässliche Beispiele für schöne Formen, Strukturen und Farben…“ So entstand—aus der Erinnerung an den Horizont, gesehen vom Strand des schottischen Islay aus—die Idee für einen blau-grau getönten Becher. In Schottland überlegte sich Helen gemeinsam mit der Destillerie Bruichladdich eine Whiskey-Serie. „Dieser Becher hat super zum Wasser gepasst, allerdings habe ich ihn farblich nicht angeglichen. Er war gut, so wie er war. Manchmal kann man die Dinge eben nicht voraus planen. Beim Töpfern muss man sich daran gewöhnen, Dinge zuzulassen.“ Glückliche Zufälle sind selten, glaubt man Helen; die meisten sind eher frustrierend, wie sie beteuert. Doch da wäre noch die himmelblaue Glasur, die sich ursprünglich nicht zu dem erhofften Ergebnis entwickelt hatte. Heute gehört sie zu ihren Lieblingsglasuren.

 

Bei einem Spaziergang mit ihrem Hund Billy im Red Hook Park erzählt sie, wie wichtig ihr auch die Auszeiten fernab der Drehscheibe sind. „Der Park ist immens groß und liegt im Herzen von Brooklyn. Wenn man erst mal drin ist, hört man den Verkehr außenherum nicht mehr, die Häuser sind außer Reichweite, man entfernt sich gefühlt von der Stadt, und doch ist man mittendrin. Das ist mir wichtig.“ Helen gehört wohl zu den wenigen bedeutsamen jungen Keramikkünstlern in den USA. Ihre lebendigen Töpfereien zeugen einerseits von ihrer Wahrnehmung und Inspiration durch ihre Umgebung und spiegeln andererseits ihre kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Materie Ton und deren Beschaffenheit wider. „Zu wissen, dass ich auf jeden Fall immer mehr dazu lernen kann, ist für mich das Spannende an meiner Arbeit. Ich kann immer wieder Neues ausprobieren, z.B. farbigen Schlamm verwenden. Schon die pure Technik birgt unzählige Möglichkeiten.“

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„Die beiden Becher habe ich während einer Residency in Kalifornien gemacht. Daneben befindet sich ein kleiner blauer Blumentopf von einer Reise durch Colorado. Die Teekanne ist ein Straßenfund aus Brooklyn und der Würfel ein Reiseandenken, das meinem Freund gehört.“
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Danke Helen,

dass du uns in Brooklyn herumgeführt und uns deine Kunstwerke in deinem Atelier in Red Hook gezeigt hast. Besuche Helens Website für mehr Info und finde mehr Portraits aus Brooklyn hier.

Dieses Portrait ist Teil einer Kollaboration zwischen Freunde von Freunden und Werde Magazin, entstanden aus einer gemeinsamen Wertschätzung für Natur und Kreativität. Wenn du Helens Technik gerne selbst ausprobieren möchtest, findest du Do-It-Yourself Ideen auf der Website von Werde Magazin.

 

Fotografie: James Chororos
Text: Andie Cusick