Til Nadler
Geschäftsführer Marketing & Vertrieb, Home & Workplace, Harvesterhude, Hamburg
FvF × Closed
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Was einen Wohnraum zu einem Zuhause macht? Für Til Nadler, 45, keine Frage: „Na, dass er bewohnt ist“, sagt er und räumt eine Kaffeetasse von der Küchenanrichte in die Spüle.

Tatsächlich gehört Til zu den Menschen, die ihre Wohnung auch wirklich als Lebensraum und nicht als reines Designobjekt verstehen: Sein Altbau im Hamburger Villenviertel Harvesterhude ist perfekt eingerichtet – ohne völlig durchkomponiert zu sein. Schon auf den ersten Blick wirken die hohen Räume heimelig und belebt. Es gibt mehr Erb- als Designerstücke, mehr private Fotos als Kunstwerke.

Neben der Tasse, direkt an der Spüle, hockt der hellgraue Familienkater auf einer dunklen Arbeitsplatte. „Nino trinkt nur aus dem Hahn“ erklärt Til, während er ganz selbstverständlich das Wasser aufdreht. So selbstverständlich, wie der Marketing-Profi und Miteigentümer des Modelabels Closed scheinbar alles tut. Lässig ist ein Adjektiv, das Tils Stil gut beschreibt. Den Stil seiner Wohnung, den seines Labels und den des Closed-Headquarters.

Die Fenster im Headquarter sind groß, der Umgangston ist freundlich. Und natürlich tragen viele der Mitarbeiter eine „Pedal Pusher“. Die hoch geschnittene Jeans wurde in den Achtzigerjahren zum Klassiker, blieb es bis heute – und erlebt gerade ihr Must-Have-Revival.

“Die Regel ist und bleibt: Denim wird besser, je länger du es trägst.”

Warst du selbst in den Achtzigern Jeans-Fan?

Klar, wie alle eigentlich! Ich kann mich sogar daran erinnern, dass ich eine Closed getragen habe.

Ach wirklich?

Na, da war ich ja nun wirklich einer von vielen! Das war ja das Ding früher. Auch bei meiner Frau übrigens. Sie ist ein paar Jahre jünger als ich und kommt aus Mailand. Auch dort wurde das Taschengeld in den Achtzigern gerne mal für Closed-Jeans verwendet (lacht).

Welches war dein absolutes Lieblingsteil damals?

Eine Jeansjacke, von der ich aber das Label nicht mehr weiß. Ich weiß nur noch: Die musste ich unbedingt haben! Ich hab’ die used gekauft. Das ist und bleibt einfach die Regel: Denim wird besser, je länger du es trägst.

Hast du noch richtig alte Teile?

Nicht so richtig, weil ich trotzdem jemand bin, der gern aussortiert. Vielleicht auch, weil ich schon sehr lange sehr nah an der Quelle für neue Teile sitze (lacht).

Du hast lange für Costume National und acht Jahre lang für Prada in Mailand gearbeitet. Wie ist danach die Idee zur Dreierspitze bei Closed entstanden?

Ich weiß gar nicht mehr, ob der allererste Gedanke daran, irgendwann mal zusammen zu arbeiten, im Spaß oder bei einem Drink entstanden ist – oder beides. Fakt ist: Gordon, Hans und ich haben wirklich fast immer schon gesagt: Wäre ja super, wenn man mal was gemeinsam machen könnte. Und zwar schon zu Zeiten, wo noch nicht mal klar war, dass es überhaupt etwas mit Klamotten sein könnte (lacht).

Irgendwann wurde das dann aber doch recht deutlich…

Genau. Irgendwann hat es einfach gepasst. Für mich – unabhängig von der Reihenfolge – vor allem aus drei Gründen: in Hamburg näher bei meinen Eltern zu sein, selbstständig zu sein und mit engen Freunden zusammen zu arbeiten.

Was ist das Gute am Arbeiten mit Freunden?

Ich glaube der Riesenvorteil, wenn man sich so gut kennt, ist, dass du dir beim Arbeiten, genau wie generell in einer guten Jungs-Freundschaft, sehr ehrlich sagen kannst, was dich gerade bewegt. Ein weiterer Vorteil ist, dass du in unvorhergesehenen Situationen auf die anderen zählen kannst. Das hat mir gerade am Anfang sehr geholfen.

Warst du am Anfang erstmal der Exot?

Absolut. Und ich war super motiviert. Natürlich wollte ich alle erfolgreich erprobten Ideen meines vorherigen Beruflebens auch bei Closed umsetzen. Wenn ein Neuer aber sofort große Veränderungen einleitet, dann kommt das bei alteingesessenen Mitarbeitern nicht immer so gut an. Trotzdem habe ich natürlich einen großen Schaffensdrang gespürt – und einen gewissen Erfolgsdruck. Die Distribution hatte ich mir im Vorhinein zum Beispiel viel einfacher vorgestellt. Ich bin nach London gefahren, um Closed vorzustellen. Alle Einkäufer, die ich schon lange kannte, haben mich auch sehr herzlich empfangen – nur kaufen wollte niemand. Das waren Zeiten, da haben mir die anderen beiden schon sehr den Rücken gestärkt!

War das ein bisschen ernüchternd?

Es war hart. Aber wahrscheinlich war es auch naiv von mir, zu unterschätzen, wie hart und vor allen Dingen, wie lange man mit einer Marke für ein gewisses Standing arbeiten muss.

Hast du auch ans Aufhören gedacht?

(hält kurz inne) Ja, das hab’ ich wohl gemacht.

Warum bist du doch geblieben?

Weil ich weiter machen wollte.

War der Druck dabei auch größer, weil mögliche berufliche Fehler in eurer Konstellation schnell auch zu freundschaftlichen Problemen führen könnte?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir so ein Gedanke noch nie gekommen ist. Aber echte Befürchtungen hatte ich dahingehend nie. Ich wusste, dass wir drei etwas wirklich Gutes auf die Beine stellen können. Nachteile an der Konstellation habe ich nie gesehen. Auch an der Dreierspitze nicht. Obwohl es immer wieder heißt, zu dritt zu arbeiten sei eine besondere Herausforderung.

Es heißt aber auch: Aller guten Dinge sind drei.

Genau! Und so sehen wir das. Wichtig ist, glaube ich, dass von vornherein klar war, dass eine Zusammenarbeit nur auf Augenhöhe funktionieren kann. Und, dass wir diese Augenhöhe auch alle wollen. In einer Firma wie Closed sind so viele verschiedene Sachen zu tun, die ganz verschiedene Herausforderungen an unsere jeweilige Ausbildung stellen – und an die jeweilige Persönlichkeit. Wenn ich mir vorstelle, dass es Leute gibt, die ihr Unternehmen und ihr Personal ganz alleine führen. Puh! Vor denen ziehe ich absolut den Hut! Mag vielleicht sein, dass jeder von uns dreien besser gefahren wäre, wenn er für Closed jeweils zwei fremde Brancheninsider hinzugezogen hätte. Aber was uns drei verbindet, ist die Art und Weise, mit Leuten zusammenzuarbeiten und die Art und Weise, uns zu geben. Uns ist es wichtig, ein nettes Team zu sein – und zu haben.

Closed in Zahlen und Fakten

  • Gegründet 1978 als Familienunternehmen in Italien

  • Der Closed-Klassiker „Pedal Pusher“ ist inspiriert von einer Postbotenuniform

  • 1990 Umzug des Closed-Headquarters nach Hamburg

  • Seit 2004 Gordon Giers, Hans Redlefsen und Til Nadler als Inhaber

  • Das Headquarter in Hamburg hat etwa 160 Mitarbeiter

  • Rund 38 Closed-Shops in Europa

Ihr duzt euch dort auch alle, oder?

Ja, machen wir. Die Letzte, der ich vor eineinhalb Jahren das “Du” angeboten habe, war die Chef-Buchhalterin. Sie ist zwar die Ältere, aber das “Sie” hat sich einfach nicht mehr richtig angefühlt.

Klingt, als wärst du ein Bauchmensch.

Absolut. Ich bin ein irrsinniger Bauch- und auch ein Herzmensch. Manchmal kommt ein bisschen Kopf dazu – aber generell verlasse ich mich eigentlich ganz auf diese Region (kreist mit der Hand über seinen Bauch).

 

Also wolltet ihr bei Closed bewusst eine familiäre Unternehmensstruktur schaffen – oder könnt ihr gar nicht anders?

Ich glaube, ich persönlich kann nicht anders. Ich bin beruflich so aufgewachsen. Bei Costume National arbeiten 15 Cousins miteinander. Bei Prada sind es Mann und Frau, plus sehr viele gute Freunde in sehr wichtigen Positionen. Daran orientiert man sich vielleicht nicht als Beispiel – aber doch als Beweis, dass es funktionieren kann.

Wer hat dich im Leben am meisten beeinflusst?

Was mein Berufsleben angeht, sicherlich diese beiden vorherigen Arbeitgeber. Sowohl die Capasas bei Costume National als auch Patrizio Bertelli bei Prada. Beide sind völlig unterschiedlich in ihrer Herangehensweise, beide aber sehr konsequent in ihrem Handeln, welches keiner Strategie, sondern einem Gefühl entspringt. Von beiden Arbeitgebern habe ich gelernt, Dinge vor allem so anzugehen, wie sie einem selbst richtig erscheinen. Ich fand es immer schon besonders faszinierend, wenn Unternehmen keine Misson-Statements haben. Wenn du reinkommst und einfach sofort weißt, wie der Laden funktioniert. Das kann auch in einem kleinen Feinkostladen sein. Das ist einfach etwas Kulturelles, eine organisch entstandene Detailversessenheit, die ich bewundere.

Closed: Damals und Heute

Auch im Privaten?

Im Privaten faszinieren mich Leute, die selbst auf eine Idee gekommen sind und die an diese Idee glauben. Das finde ich viel bewundernswerter als Leute, die gefeierte Manager eines Großkonzerns sind. Wenn du selbst etwas schaffen kannst, was dich und vielleicht auch noch ein paar andere ernährt. Das finde ich wahnsinnig mutig und toll. Es gibt Typen, die haben die Fähigkeit, wirklich zu erkennen, was die Leute wollen. Dazu gehört auch mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, Dinge wahr zu nehmen und sich ganz einfache Fragen zu stellen, um die Dinge besser zu durchdringen.

Wo findest du selbst Inspiration?

Total schwierige Frage… (überlegt). Ich denke, vor allem in anderen Menschen. Darin, sie zu beobachten, aber auch in Gesprächen oder Erzählungen.

Auch im Internet, zum Beispiel über Social Media?

Das wirklich weniger. Vor allem privat nicht. Instagram zum Beispiel macht mich kirre! Das ist bei den meisten so wahnsinnig gewollt. Ich finde, da sieht man ganz ganz schnell, ob jemand wirklich etwas zu erzählen hat oder nicht. Da denke ich dann immer zurück ans gute alte Fotoalbum. Was gab es Schöneres, als früher mit Oma alte Bilder anzugucken? Eine Zeit lang fand ich solche Alben spießig. Jetzt finde ich sie wieder toll. Natürlich beobachte ich beruflich auch die Einflüsse, die durch Social Media in Sachen Mode sicher anders und schneller geworden sind. Aber auch da habe ich das Gefühl, es überzeugt am Ende doch die Glaubwürdigkeit. Und da ist es schön, wenn dein Unternehmen schon lange besteht – und so eben eine gewisse Glaubwürdigkeit hat.

Definiert sich diese Glaubwürdigkeit bei Closed vor allem über Denim?

Gute Frage. Ja, ich denke schon, dass die Glaubwürdigkeit vor allem an der Jeans festgemacht wird. Weil die Jeans natürlich immer wieder ihre Epochen hat. Erst Highwaist, dann ein bisschen mehr Eighties. Mit diesem Revival fahren wir gerade natürlich sehr gut.

Da habt ihr aktuell natürlich Glück!

Auf jeden Fall (lacht). Ein bisschen Glück ist ja immer dabei. Umgekehrt erwarten die Leute aber natürlich auch von uns, dass wir alles im Sortiment haben.

Identifizierst du dich zu hundert Prozent mit deiner Brand?

Auf jeden Fall. Das ist aber auch eine Art Wechselwirkung. Man nimmt ja doch auch ein bisschen persönlichen Einfluss auf die Marke. Die nimmt dann eine gewisse persönliche Färbung der Menschen an, die dafür verantwortlich sind.

Vielen Dank, Til, für das schöne Gespräch und den Einblick in Deine Wohn- und Arbeitswelt.

Dieses Interview ist Teil unserer Kollaboration mit Closed im Rahmen ihrer Kampagne zur Herbst/Winter-Kollektion 2015/16 “Archive ‘85”. Mit dieser Kollektion wirft Closed einen Blick zurück auf seine Geschichte und seine legendären Designs. FvF hat für die Kampagne fünf Videos konzipiert und produziert, in welchen Mitarbeiter über Themen wie Kreativität und Werte sprechen.

Interview & Text:Anna Schunck
Photography: Jens Umbach