Ist das schon Kunst? Tobias Rehberger lotet die Grenzen der subjektiven Wahrnehmung aus
Ein Gespräch über die Anforderungen an Kunst im Außenraum und die Zweckmäßigkeit des Unbehagens, Frankfurt
Vitra × FvF
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Tobias Rehbergers Arbeiten kommen plakativ, bunt, mal mit subtilem, mal schelmischen Witz daher. Auf ihre Weise aber überaus konzentriert, kreisen sie seit Jahren um Phänomene der Interpretation, der Über- und Umsetzung.

In den 90er Jahren etwa fügte er für seine Arbeit Porträtgefäße Blumenbouquets von KünstlerInnen mit von ihm gestalteten Vasen zusammen. Dabei blieb offen, ob die Blumen als Teil der Skulptur gelten oder nicht. In ihrer Leichtigkeit deuten Rehbergers Werke so auf die Frage nach den Grenzen der Kunst und ihren Möglichkeiten. In seinen Ausstellungen gestaltet Rehberger oft ganze Umgebungen und setzt sich dabei mit den visuellen Codes im Design unserer Lebenswelt auseinander.

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„Immer wenn etwas in der Kunst meinen Status quo erschüttert hat, war es für mich am besten.“

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„Oft fängt eine Arbeit damit an, dass ich für mich selbst etwas nicht verstehe, etwas für mich ein Problem darstellt”, so Rehberger, „nicht unbedingt ein Problem im Sinn eines genau benennbaren, mathematischen Problems, eher ähnlich einem Unwohlsein, einer Unsicherheit.“ Kunst begegnet man zumeist im White Cube, also in Galerien und Museen. Dort ist der Rahmen der Wahrnehmung klar: Was auf einem Sockel steht, ist Kunst und darf nicht berührt werden. Rehberger arbeitet gegen und mit der Vereinfachung der Dinge, indem er sie in einen neuen Kontext setzt: „Ich fing an, Alltagsgegenstände zu benutzen. Warum ist etwas, das wie eine Skulptur aussieht, Skulptur und etwas, was nicht wie eine Skulptur aussieht, keine Skulptur? Eine abstrakte Skulptur im weißen Raum im Museum hat ja auch eine Funktion. Bei aller guter Kunst ist die Frage präsent: Was ist wann Kunst?“.

Ursprünglich aus einem Dorf bei Stuttgart stammend, kam Rehberger in den frühen 90ern wegen einer Frau, die er beim Skifahren kennenlernte, nach Frankfurt. Er studierte bei Thomas Bayrle und Martin Kippenberger an der renommierten Städelschule, an der er heute selbst eine Klasse leitet. An den Docks im Osthafen, quasi im Schatten der Europäischen Zentralbank entstehen seine Arbeiten. Für eines seiner Projekte, eine Serie von Auto-Skulpturen, an denen Rehberger 1999 arbeitete, sendete er seine Gedächtnisskizzen von bekannten Sportautos – darunter der Porsche 911 und McLaren F1 – an Werkstätten in Thailand, um diese anhand der Zeichnungen von ortsansässigen Mechanikern nachbauen zu lassen. Das Ergebnis sind surreale Interpretationen, die unser westliches Selbstverständnis, das sich immer wieder in Beziehung zu Objekten setzen will, irritieren. „Wie das Wort Missverständnis schon sagt, handelt es sich dabei ja um ein bestimmtes Verständnis, aber eines, das die Dinge umdreht.”, erklärt Rehberger. „Das ist etwas, das in der Kunst – zumindest in derer, die mich interessiert – ein Grundstein ist. Sie muss irgendetwas bei mir umdrehen, ich muss mich selbst missverstehen, damit ich etwas anderes verstehen kann. Immer wenn etwas in der Kunst meinen Status quo erschüttert hat, war es für mich am besten.”

Rehbergers jüngere Skulpturen führen uns an die deutsch-schweizerische Grenze und damit auch an die Erwartungen, die an die Grenzziehungen zwischen Kunst und Design herangetragen werden. Mit 24 Skulpturen – an jeder Wegkreuzung eine – schuf er ein Leitsystem für einen fünf Kilometer langen Weg zwischen dem Vitra Campus in Weil am Rhein und der Fondation Beyeler in Riehen. Entstanden ist der Rehberger Weg: „Ich wollte etwas schaffen, dass die beiden Orte metaphorisch verbindet.”, beschreibt der Künstler seine Arbeit. „Die Objekte setzen sich speziell mit dem Begriff der Funktionalität und der Benutzbarkeit auseinander. In dem Weg ist die ganze Klaviatur zwischen sehr abstrakt aussehend – dabei aber funktional – bis zu figurativ aussehend – aber dysfunktional – ausgebreitet.“ Rehberger bietet mit seinen Skulpturen ästhetische Erfahrungen an: Ausblicke aus einem Fernrohr oder von einem Hochsitz, ein Brunnen in der Mitte des Weges zur Erfrischung und zum Duschen an heißen Sommertagen.

„Interessant an Kunst im öffentlichen Raum ist, dass man für beide Seiten da sein muss: Für denjenigen, der wegen der Kunst hingeht, muss man etwas abliefern – aber auch für denjenigen, der einfach nur vorbeikommt, muss man etwas schaffen, das nicht nur Ärgernis ist.“, sagt Rehberger. Welche Perspektive ein Spaziergänger auf seine Skulpturen hat, ist für Tobias ein interessantes Moment: „Mich interessiert allgemein, wie man die Dinge sieht. Nicht so stark im räumlichen Kontext, sondern im gedanklichen. Für die Frage, ob etwas Kunst ist oder etwas anderes, halte ich für nicht so sehr wichtig, was es morphologisch ist, sondern wie man es ansieht – was für einen Katalog von Parametern für etwas anwendet und in welche Verbindungen und Vergleiche man es stellt.“

Moderne Kunst definiert sich darüber, sich einer festgelegten Funktion zu verweigern. Weil Rehbergers Kunst oft mit Funktionalität arbeitet, kann man ihn vorschnell mit einem Designer verwechseln. „Mich interessieren die Dinge aber in den meisten Fällen aus der Perspektive der Kunst. Ich bin daher entschieden Künstler, weil mich Fragen oder Herangehensweisen besonders interessieren, die eher in der Kunst stattfinden und sie für meine Lebenswirklichkeit viel wichtiger sind.“ In einer anderen Galerieausstellung baute Tobias einmal eine organisch geformte gelbe Sitzecke, mit der er zum Trinken und Rauchen in den Galerieräumen einlud. Der Kurator Nicholas Bourriaud hat einen Begriff für solche Strategien in der Kunst der 90er Jahre gefunden: „Relational Aesthetics”. Im Mittelpunkt steht der Mensch und seine soziale Interaktion, nicht das auratische Objekt. „Im Prozess denke ich mich eher als einen Katalysator als einen sich typisch gebärenden Künstler.“, gibt Rehberger zu verstehen. „Es fängt nicht bei mir an und hört auch nicht bei mir auf. Ich mache etwas damit, damit es hinten anders herauskommt, als es vorne rein geht.“

„Ich muss mich selbst missverstehen, damit ich etwas anderes verstehen kann.”

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Arbeiten von Tobias Rehberger

Ausstellungsansichten aus Institutionen weltweit

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Gerade durch ihre Konzeption in simplen Strategien steckt erstaunlicherweise eine zeitlose Frische in Tobias’ visuell lauten Arbeiten. Während wir sprechen, sucht er aus mehreren bunten, auf einem Tisch liegenden Papierkugeln eine bestimmte heraus. Mit dieser neuesten Serie greift er die Vasenportraits von damals wieder auf – das Eigene und das Fremde in einem Porträt, die Neugierde und das Widerspiegeln in einem Objekt. Zu seinem 50. Geburtstag organisierte er eine Ausstellung aus den Geschenken seiner Freunde. Als Dank für ihre Präsente bekamen die Gäste jeweils ein persönliches Gastgeschenk zurück, verpackt in kunstvolles Origami. Will man erfahren, was sich unter der Verpackung befindet, muss man die Werke zerstören. „So wünsche ich mir das von meinen eigenen Arbeiten: Dass man sie auf eine Weise sieht, dass man sich dabei selbst auch missverstehen kann, dass man sich selbst dreht, bewegt.“

Die Arbeiten des deutschen Künstlers Tobias Rehberger bewegen sich zwischen Funktion und Abstraktion, während er zeitlose und alltagstaugliche Gegenstände in öffentlichen Kontexten vorstellt. Zu seinen ortsspezifischen Werken gehört das von Vitra beauftragte Projekt 24 Stops: Rehberger-Weg, ein fünf Kilometer langer Weg zwischen zwischen dem Vitra Campus in Weil am Rhein und der Fondation Beyeler in Riehen in der Schweiz.

Dieser Artikel und das dazugehörige Video wurden in Kooperation mit Vitra produziert. Zusammen haben wir weitere Persönlichkeiten mit einem besonderen Gespür für Kunst und Design porträtiert. Mehr über Rehbergers experimentelle Arbeiten gibt es im Vitra Magazin zu lesen, unsere internationalen Porträts gibt es hier. Auch in Rehbergers Heimat Frankfurt haben wir bereits einige kreative Köpfe besucht.

Text: Juliane Duft for FvF Productions 
Fotografie: Ramon Haindl for FvF Productions
Video: FvF Productions