Dokumentarfilmerin Danielle Ryan kämpft mit der Kamera für den Schutz der Meere und den Erhalt maritimer Schönheit
Der Natur eine Stimme zu geben ist die Mission ihrer Produktionsfirma Bluebottle Films, Sydney
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Danielle Ryan empfindet eine tiefe Bewunderung für das Meer. Die Dokumentarfilmerin aus Sydney steht oft schon vor sechs Uhr auf, um ihren Tag mit einem Spaziergang auf dem blassgoldenen Sand des Curl Curl Beach zu beginnen. In dem nahegelegenen Salzwasserbecken ziehen die ersten Schwimmer ihre Bahnen.

(EN) Here, on Curl Curl Beach, a century-old surf lifesaving club, stamped with the words ‘South Curly’, is the man-made counterpoint to the rolling, blue-green sea. The horizon makes you catch your breath but for Danielle, it’s more than a view. It’s the living force that informs her life and work.

“You can find that sense of music and magic in nature in so many different ways,” says Danielle, who, along with her partner James Sherwood, founded Bluebottle Films, a production company that tells stories about issues affecting the natural world. “You can listen to the sound of the waves. You can sense if the ocean is angry or placid or dark,” explains Danielle with a clear zeal for her work. Looking out from Gusto On The Beach, the cheery café attached to the lifesaving club where Danielle sometimes takes meetings with campaigners and conservation groups or, as is the case today, heads for the morning caffeine fix that announces the start of her day.

Hier am Curl Curl Beach steht ein hundert Jahre alter Surf- und Rettungsschwimmklub, der den Schriftzug „South Curly“ trägt. Ein menschengemachter Kontrapunkt zum brausend-blaugrünen Meer. Der Horizont lässt einen den Atmen anhalten, für Danielle aber geht es um mehr als einen spektakulären Anblick. Es geht um die Kraft, die ihr Leben und ihre Arbeit antreibt.

„Die Natur selbst hat ein so vielfältiges Gespür für Musik und Magie.“, sagt Danielle, die mit ihrem Partner James Sherwood die Produktionsfirma Bluebottle Films gründete, um Geschichten über aktuelle Umweltbelange zu erzählen. „Wenn du dem Klang der Wellen zuhörst, kannst du spüren, ob das Meer gerade tobt, friedlich oder düster ist“, erzählt die Filmemacherin und lässt einen spüren, wie ernst sie es mit ihrer Arbeit meint. „Gusto on the Beach“ heißt das benachbarte Café, dessen Besuch ebenfalls zu Danielles morgendlicher Routine gehört. Hier hält sie manchmal auch Gesprächsrunden und Sitzungen mit Aktivisten ab.

„Wenn James und ich bei ‚Bold and the Beautiful’ mitschwimmen – einer Gruppe, die jeden Tag die Strecke zwischen South Manly und Shelly Beach zurücklegt –, fühlt es sich manchmal wie ein Überlebenstest an“, sagt sie. „Aber wenn das Wasser kristallklar ist, kann ich eigentlich nur noch Ehrfurcht spüren. Wir sind nicht für das Leben im Wasser gemacht. Es ist eine so fremde Welt – und genau das reizt mich daran.“ Diese Kombination aus Neugierde, Wagemut und ihrer Leidenschaft für die Umwelt findet sich in der DNA von Bluebottle Films wieder, dem gemeinsamen Projekt mit ihrem Partner James, der Regisseur und Kameramann ist und Kenntnisse aus der Ozeanologie einbringt. Über die letzten sechs Jahre porträtierte das Duo Menschen, die ihre Lebensgrundlage der Australischen Ostküste verdanken, wie in dem Film My Saltwater Sanctuary. Er zeigt, wie eine emotionale Verbindung zum Meer dabei helfen kann, vom Aussterben bedrohte Meerestiere – wie den Blue Groper (Riesenlippfisch), der oft dem Fischfang zum Opfer fällt – zu schützen. Für The Sea and Me, einen Film der die Geschichte der Meeresschutzzonen Australiens erforscht, sind Danielle und James mit Mantarochen, Sandtigerhaien und Leopard-Forellenbarschen geschwommen. Und um A Journey through the Eyes of the Reef zu drehen, eine Dokumentation über die Zerstörung der Unterwasserwelt durch Praktiken wie Ölbohrungen – ein Projekt, das durch die aktuellen Bemühungen gegen die Korallenbleiche an umso mehr Bedeutung gewinnt –, waren sie auf Tauchgängen in der Coral Sea und im Great Barrier Reef.

Dieses Porträt der Filmemacherin Danielle Ryan gehört zu unserer Kollaboration mit Werde. Gemeinsam erzählen wir Geschichten von Frauen, die sich mit ihrer Arbeit für Umwelt, Communities und Empowerment einsetzen.

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„Beim Peace Journalism geht es darum, die positive Seite der Geschichten herauszuarbeiten. Mit diesem Ansatz kann ich mich gut identifizieren, ansonsten gibt man schnell auf.“

Entgegen der Nüchternheit vieler Dokumentationen sind die Produktionen von Bluebottle Films gleichermaßen ergreifend wie informativ, in der Art wie sie Aufnahmen einer majestätischen Unterwasserwelt mit den persönlichen Geschichten von Menschen verweben. Danielle ist es wichtig, sowohl den Überlebenskampf der Natur zu zeigen als auch ihrem Publikum Hoffnung zu geben und es zum Handeln zu bewegen. „Eine der ersten Dokumentationen, die James und ich gefilmt haben, beschäftigte sich mit der Wilderei im Nationalpark Corcovado in Costa Rica. Wir hatten das große Glück, Alvaro Ugalde persönlich zu treffen“, erinnert sie sich, während sie über ihre Begegnung mit dem verstorbenen Aktivisten aus Costa Rica nachdenkt, dessen Vermächtnis die Rettung eines großen Artenreichtums vor der Bedrohung durch den Menschen ist. „Ugalde war außergewöhnlich.“, betont Danielle. „Er war dermaßen bescheiden und hat mich gelehrt, dass die Taten eines einzelnen Menschen bereits einen Unterschied ausmachen können.“, fügt sie hinzu. Während der Arbeit an ihren Dokumentationen fragt sich Danielle immer wieder aufs Neue, welchen Einfluss ihre Filme haben können. „Beim Peace Journalism geht es darum, die positive Seite der Geschichten herauszuarbeiten. Mit diesem Ansatz kann ich mich gut identifizieren, ansonsten gibt man schnell auf.“

„Es ließ mich erkennen, dass ich – wenn ich etwas in meiner Lebenszeit bewirken will – mein Wissen geschickt einsetzen muss.“

Danielles eigene Geschichte beginnt in Riverview, einem Vorort von Sydney Harbour, der ihre Erinnerungen an einen speziellen Übergangsritus wachruft: Mit Freunden im Salzwasserbecken zu baden verbindet Danielle bis heute mit dem Erwachsenwerden. Neben einem starken Interesse an Kunst, war ihr die Beschäftigung mit der Natur schon immer wichtig. Dies schreibt sie dem Einfluss ihrer Mutter, einer der ersten Umweltanwältinnen Sydneys, und ihrem Großvater zu, der ihr zeigte, wie Menschen für den Schutz der Natur eintreten können. „Mein Großvater lebte im Norden von New South Wales und kaufte sich eine alte Molkerei aus der alleinigen Freude daran, der Natur – vor allem den Bäumen – die Möglichkeit zu geben, sich wieder zu erholen.“, erinnert sie sich. Danielle studierte zunächst Kunst an Sydneys Macquarie Universität, bevor sie einen Master in Internationalen Beziehungen aufnahm und sich eines Tages als Beraterin eines Abgeordneten in Canberra, der Australischen Hauptstadt, wiederfand. Dieser Job war wie ein Platz in der ersten Reihe vor der Weltbühne der Macht und gab ihr Einblicke, die ihr bei ihrer späteren Filmarbeit helfen würden. Zugleich erinnert sich Danielle, wie erschöpfend diese Zeit für sie war.

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„In Sydney können wir uns glücklich schätzen: Shelly Beach liegt vor unserer Haustür. Dieser Ort ist ein unangetastetes Meeresschutzgebiet und wenn du einmal verstanden hast, wie wertvoll das ist, willst du es umso mehr bewahren.“

„Als junge Frau hat man das Gefühl, sich selbst antreiben und beweisen zu müssen.“, sagt Danielle, die für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet worden ist, darunter mit dem Best Environmental Journalism Award des New York Conservation Film Festivals, den sie für ihre Dokumentation Corcovado’s Dark Secret von 2013 erhielt. „Das Ganze hat mich krank gemacht. Ich bin losgezogen, um die Welt zu verstehen und was ich gesehen habe, war wie die Regierung funktioniert, wie NGOs agieren, wie die Medien arbeiten und wie sie sich gegenseitig ausspielen. Es ließ mich allerdings auch erkennen, dass ich – wenn ich etwas in meiner Lebenszeit bewirken will – mein Wissen geschickt einsetzen muss.“

„Ich habe vielfach erlebt, welche kritische Rolle Geschlecht immer noch spielt.“, sagt sie über ihre eigenen Grenzerfahrungen, die sie an die Kämpfe ihrer Mutter erinnern. „Wer geht fischen? Männer. Wem gehört das Land? Männern. Wer verfügt über die natürlichen Ressourcen? Wieder Männer.“, sagt Danielle aufgebracht. „Wir brauchen noch viel mehr Frauen, die sich für die Meere einsetzen. Meine Mutter musste mit Männern verhandeln, die mitunter Dinge sagen wie ‚Ich möchte keinen weiblichen Anwalt‘. Trotzdem war es ihr möglich, anderen Menschen zu helfen, und zu erreichen, was sie sich zum Ziel genommen hatte.“

„Die Umwelt kann auch herausfordernd sein, nur auf andere Weise. Die Natur hat keine eigene Stimme, deshalb ist es so leicht, sie zu überhören.“

Durch einen glücklichen Zufall kam es zu einem Treffen mit der Leitung von Dateline, einem australischen Fernsehformat für Angelegenheiten von aktuellem globalen Interesse, produziert vom öffentlichen Sender SBS. Danielle schlug ein Konzept für eine Dokumentation über Kinderarbeit in Nicaragua vor, welche realisiert und im Juli 2011 unter dem Titel Hard Labour ausgestrahlt wurde. „James war zunächst weniger begeistert, weil er für die Natur lebt und das Thema so konfrontierend fand.“, erklärt sie. „Die Umwelt konfrontiert uns auch, nur auf andere Weise. Die Natur hat eben keine Stimme, deshalb ist es so leicht, sie zu überhören.“

Dieses Anliegen, der Natur eine Stimme zu verleihen, wird zentral in The Map to Paradise, einem über Kickstarter geförderten Dokumentarfilm, der eine neue Messlatte für Meeresschutz anlegt. Dieser Film führte Danielle und James von den Salomonischen Inseln über ehemalige griechische Fischerdörfer zum Pelagos Sanctuary, einem Schutzgebiet für Meeressäuger im Mittelmeer, welches Prinz Rainier III. von Monaco in den späten 90er Jahren unterstützte. Die Hilfe seines Sohnes Prinz Albert II., der den beiden Filmemachern Zugang zum Ozeankongress der UNO gewährleistete, empfand Danielle als Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein. „Es ist großartig, wenn jemand in seiner Position die Bedeutsamkeit unserer Graswurzelbewegung erkennt. Das gibt mir die Hoffnung, dass noch weitere Führungspersonen folgen.“

Dennoch: „In den letzten Jahren gab es massive Rückschritte im Seerecht.“, erklärt Danielle. „Erst vor einigen Jahren hat die Regierung von New South Wales einen Straferlass für Seeschutzzonen eingeräumt, der es Menschen wieder erlaubt, in Schutzgebieten zu fischen. Historisch gesehen gibt es so viele Streitigkeiten um diese wunderschönen, unberührten Orte – am Ende sind es die Fischer, die sich fürchten müssen, ihre Fischfanggebiete zu verlieren. All das gibt uns zu erkennen, dass wir an die Wurzel des Problems müssen. Die Liebe für das Meer und die Wertschätzung der Wasserschutzgebiete beginnen beim einzelnen Menschen.”

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Danielle könnte sich vorstellen im Topanga Canyon in Los Angeles oder in Costa Rica zu leben – wilde Orte, an denen das Zusammenleben mit der Natur die täglichen Rituale prägt. Durch Sydney allerdings, das den Shelly Beach beheimatet – ein nahegelegenes Wasserreservat und Rückzugsort für Schwarzhaie, Seedrachen und Tintenfische – bleibt sie fest mit dem Meer verbunden, und damit auch der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit. „In Sydney können wir uns glücklich schätzen: Shelly Beach liegt vor unserer Haustür. Dieser Ort ist ein unangetastetes Meeresschutzgebiet und wenn du einmal verstanden hast, wie wertvoll das ist, willst du es umso mehr bewahren.“

Dokumentationen über den Ozean zu verwirklichen ist arbeitsaufwendig und kostspielig, besonders in Australien, wo junge Filmemacher nur begrenzte Förderungsmöglichkeiten erhalten. Was Danielles Leidenschaft über Wasser hält? „Dokumentationen brauchen manchmal Jahre, aber ich glaube wirklich daran, dass man die Welt verändern kann, wenn man Menschen dazu bewegen kann, für eineinhalb Stunden in eine tiefgründige Geschichte einzutauchen.“ Sie hält kurz inne und richtet ihren Blick wieder in Richtung Meer. „Eines Morgens bin ich um fünf Uhr aufgewacht und habe einen Wal da draußen gesehen, der seine Schwanzflosse auf und ab schlagen ließ. Das Wasser hat pink geleuchtet – es war einfach überragend. Ich fühle mich so viel glücklicher, wenn ich auf das Meer blicke. Es motiviert mich, das zu tun, was ich tue.“

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Bluebottle Films wurde 2011 von der australischen Filmemacherin Danielle Ryan und ihrem Partner James Sherwood gegründet. Ihre jüngste Dokumentation The Map to Paradise verkörpert die gemeinsame Mission, der Natur eine Stimme zu geben und Geschichten zum Positiven zu wenden. The Friendly Whale ist ein Blick hinter die Kulissen der Produktion.

Unser Porträt mit Danielle Ryan ist Teil einer langfristigen Zusammenarbeit mit Werde, die sich den persönlichen Geschichten starker Umweltschützerinnen widmet. Wer mehr über Danielles Einsatz für den Schutz der Meere lesen und das Werde-Magazin kennenlernen möchte, kann die aktuelle Sommerausgabe gratis probelesen.

Weitere Geschichten aus dieser Reihe in unserem Archiv.

Text: Neha Kale für FvF Productions
Fotografie: Rachel Kara für FvF Productions (Porträts) & Bluebottle Films (Unterwasser-Aufnahmen)