Freunde von Freunden

A Global Circle of Friends
Journal > A Global Circle of Friends

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem man als Online-Magazin ein erstes Resümee zieht? Sich einer Reflektion über die eigenen Inhalte, Entwicklungen und Arbeitsweisen erlaubt?
Diesen Zeitpunkt gibt es höchstwahrscheinlich nicht. Es handelt sich vielmehr um einen ständigen Zustand der Reflektion – hervorgerufen durch ein Feedback loop an dem Leser, Freunde, Gäste wie selbstverständlich teilhaben und dessen diskursives Rauschen uns ständig zu umgeben scheint.
Nun geht es bei Freunde von Freunden um keine politischen Positionen, die eine Verortung und Erläuterung des eigenen Werteprogramms erforderlich machen – dennoch wird diskutiert, gelobt, kritisiert und eingeordnet. Und das gar nicht mal zu wenig .

Damit bewegen wir uns in einem thematischen Umfeld, das Fragen nach Wohnstil und individualisierter Einrichtungsästhetik bei weitem übersteigt. Wir finden uns heute eingebettet in einen kulturellen Diskurs über die Möglichkeiten und Unsicherheiten der Kreativbranche, digitale Identitätsstiftung, die strukturelle Veränderungen unserer Städte, Sehnsüchte nach urbaner Selbstverwirklichung und und und.
Die Stadt ist dabei nie einfach nur Szenerie, sie ist vielmehr Initiator, Ausgangspunkt und Ziel, sie thront über uns, ist in uns und in unseren Arbeiten. Und damit wären wir auch schon bei einer der wichtigsten und meist diskutierten Fragen angekommen, nämlich der Frage nach der Gewichtung von lokaler Verankerung und globalem Charakter bei Freunde von Freunden.

Als 2009 alles begann, war FvF so etwas wie ein Nachbarschaftsprojekt, was sich ausgehend von Mitte langsam an die Anrainerbezirke Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Schöneberg und Wedding ausgebreitet hatte. Nicht nur die Macher des Magazins kannten ihre Gäste persönlich, auch die Gäste tranken untereinander Kaffee und haben die eine oder andere Party zusammen gefeiert. Und so spann sich das Netz aus Freunden immer weiter, so dass man auch 50 Interviews später bei Conrad Fritzsch die Installation von Raul Walch findet, der übrigens mit Felix Kiessling, der im Haw-lin Portrait gefeatured wird, in einer Klasse bei Olafur Eliasson war; Haw-lin wiederum arbeitet bei Eike König, wo ehemals auch Frank Höhne seinen Stift geschwungen hat, Eike König ist wiederum ein sehr guter Freund von Antje Taiga, die damals von Tim Drobovolny vorgeschlagen und fotografiert wurde.

Und so könnte man jeden unserer Gäste in eine Reihe von Beziehungen stellen. Mit dem Relaunch und der damit einhergehenden Internationalisierung ist dieses Netz an manchen Stellen zwar grobmaschiger geworden, das Prinzip ist dennoch dasselbe geblieben. Auch wenn sich die Freunde vielleicht nicht jedes Wochenende auf dem Maybachufer-Markt über den Weg laufen, so sind es doch Verbindungen, die immer wieder zurückzuführen sind auf eine gemeinsame Begegnung, ein gemeinsames Projekt in Paris, London, manchmal sogar in Istanbul oder Reykjavik.

Freunde von Freunden, das war am Anfang vor allem Berlin mit seinen Kiezen, seinen kreativen Zwischenräumen, den großen Altbauwohnungen und dieser Gruppe junger, kreativer Menschen, die ihr Leben nach alternativen, wenn auch nicht weniger hedonistischen Werten gestalteten.
Aber war das, sieht man von den Altbauwohnungen mit den unendlich hohen Decken mal ab, wirklich etwas Berlinspezifisches? Auch wenn anfangs Zweifel laut wurden, dass mit der Ausweitung auf andere Städte der familiäre Charakter, also der Kern des Projektes, verschwinden könnte, war es vielmehr eine Entscheidung für das, was FvF ausmacht – Menschen und ihre Geschichten. Diese Geschichten werden mittlerweile in über 25 Städten erzählt, wobei nicht nur die Orte vielfältiger geworden sind, auch die Berufe der Gäste gehen über die Klassiker der Branche (Künstler, Designer, Galerist) hinaus.

Es wird oft die Frage gestellt, nach welchen Kriterien wir unsere Leute auswählen? Es gibt keine Kriterien; FvF zeigt Designer, Galeristen, Künstler, Autoren, Erfinder, Lachs-Räucherer, Komponisten und auch das Alter betreffend werden bald im wahrsten Sinne des Wortes die 100 geknackt.
Die Frage nach der Auswahl von Menschen ist gleichbedeutend mit der Frage, wofür FvF eigentlich steht.
Selbstverständlich geht es um Ästhetik und um Wohnkultur und, keine Frage, auch immer um den Blick von Außen ins Private. Das Oszillieren zwischen Privatem und Öffentlichkeit, zwischen Identität und Selbstvermarktung ist längst Teil der Realität eines jeden Freiberuflers und Selbstständigen und somit ist die Frage danach, wo Authentizität endet und Inszenierung beginnt längst obsolet geworden.

Hinter dieser visuellen Oberfläche stehen zuallererst die Portraits von Menschen, die sich in einer höchst schnelllebigen und mobilen Welt Räume der Unabhängigkeit und Freiheit geschaffen haben. Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren gemeinsamen Nenner – die Abwesenheit eines geraden Lebenslaufs. Vielleicht liegt gerade hier die mit schönste Erkenntnis, nämlich das die uns schon in jungen Jahren eingebläute Kausalität aus Zielstrebigkeit und Erfolg der Komplexität unserer Welt längst nicht mehr gerecht wird.
Während die Digitalisierung also für den Bedeutungsverlust architektonischer Grenzen verantwortlich gemacht wird, macht sich ein Onlinemagazin auf die Suche nach dem Genius Loci und findet ein ganzes Spektrum an kleinen unberührten Inseln, die ihren ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchen.

Die ersten Spuren von Wohnkultur reichen über 10.000 Jahre zurück und erstrecken sich über den ganzen Globus – heute werden die Begriffe „leben“ und „wohnen“ längst synonym verwendet und vielleicht schwingt beim Betrachten der Portraits auch immer etwas von diesem universellen Geist mit.
Andy & Elsa Beach haben das in einer der letzten Apartamento Ausgaben sehr schön zusammengefasst und ich denke, dass diese Auffassung die Meisten der 170 Gäste unterschreiben würden:

A real living space is made from living, not decorating.
A bored materialist can’t understand that a house has to become a home.
It happens, not through perfection but by participation.”

Text: Antonia Märzhäuser