"A Walk on the Wild Side" mit Niche Berlin
Kunst-Tour durch West-Berlin, Berlin
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Gemeinsam mit Stefanie Gerke und Katharina Beckmann gründete Nele Heinevetter schon während ihrer Studienzeit eine eigene Agentur.

Mit Niche Berlin bieten die drei Freundinnen seit 2009 Touren durch die Berliner Kunst­ und Architekturszene an. Teilnehmer sollen dabei nicht nur Etabliertes mit neuen Augen sehen, sondern auch an Orte geführt werden, die sie bis dahin nicht kannten. Für COMPANION hat Niche eine Tour durch Berlin­Charlottenburg zusammengestellt und präsentiert neue Projekträume nebst eingesessenen Galerien.

Die Gegend rund um den Kurfürstendamm, der man lange Zeit „schön, aber eingestaubt“ hinterherrief, erfährt momentan eine Renaissance. Als C/O Berlin, das führende Ausstellungshaus für Fotografie der Stadt, 2013 mit dem Plakat „Bye, bye Mitte“ seinen Umzug von der Oranienburger Straße an den Bahnhof Zoo vorbereitete, deuteten viele den Standortwechsel als zukunftsweisendes Zeichen. Aber es ist nicht nur das Neue, das lockt: „Ich mag die Stimmung im Westen, weil alles so angenehm unaufgeregt ist. Man findet eine gewachsene Infrastruktur: Fachgeschäfte wie Eisenwarenhandel C. Adolph und Galerien existieren Tür an Tür“, erklärt Nele Heinevetter, bevor wir unsere Tour beginnen.

Limited Edition

Rund um die Spichernstraße trafen sich Anfang des 20. Jahrhunderts schon einmal die Intellektuellen und Künstler der Stadt. Erich Kästner schrieb hier Kinderbücher, Vladimir Nabokov frühstückte in der Prager Diele, einem Café, das längst Hotels weichen musste. 1964 wählte René Block, mit gerade mal
22 Jahren, diese Umgebung als Standort für seine erste Galerie. Er zeigte damals noch unbekannte Künstler wie Joseph Beuys, Nam June Paik und Gerhard Richter. Zwei Jahre später gründete er die Edition Block: Einen Raum für Druckgrafik und Multiples. Nach Zwischenstopps in Kassel, New York und Stuttgart kehrte er vergangenes Jahr in die Nachbarschaft zurück. Neben Neuproduktionen junger Künstler sieht man heute auch Werke alter Bekannter wie KP Brehmer, den Block schon in seiner ersten Galerieausstellung präsentierte. „Die Mischung aus etablierten Positionen und zeitgenössischen Künstlern aktualisiert auch die Bedeutung des Mediums. Die Edition gibt den Künstlern die Möglichkeit, sich an ein breites Publikum zu wenden. Hier kann man Werke teilweise schon für 75 Euro mit nach Hause nehmen,“ erzählt Nele Heinevetter mit Blick auf die Werkliste.

Crossover

Wir lassen Eckkneipen mit Namen wie Berliner Bier­Akademie hinter uns und steuern auf eine alte Ladenzeile aus den Sechzigerjahren zu, in der die Mathew Gallery 2011 ihr Quartier aufgeschlagen hat. Betrieben wird der Kunstraum von Peter Kersten und David Lieske vom Plattenlabel Dial Records, die sich hier auf junge Kunst mit dem Schwerpunkt „Media“ spezialisieren. Nach den Vernissagen trifft man sich ein paar Straßen weiter im Restaurant Manzini auf ein Glas Wein. Je später der Abend, desto wahrscheinlicher, dass er im Harlekin endet, einer herrlichen Bar mit Plüschdekor. Warum wir die Galeristen heute nicht in der Schaperstraße antreffen, weiß Nele Heinevetter: „Mathew stellt im Wechsel in New York und Berlin aus.“

Future Vintage

Hinter dem Garten des Literaturhauses, wo man Sammler in Tweedanzügen und Mädchen mit Einkaufstüten von A.P.C. beim Kaffeetrinken sieht, biegen wir auf den Ku’damm ab und lassen den Blick über die Belle­Époque­ Fassaden schweifen. Stellvertretend für die City West, wie die Gegend im Maklerjargon gerne genannt wird, ragen moderne Landmarken in den Himmel: das Zoofenster­Hochhaus und das Bikini Berlin. Verlässt man die

Einkaufsmeile, wirken sie erstaunlich fern. In der Keithstraße, umgeben von Antiquitätenhändlern, scheint die Zeit langsamer zu verstreichen als anderswo. Natürlich trügt der Schein. „Die Straße hat sich gemacht“, bemerkt Annika Goretzki, die Direktorin der Future Gallery. „Mittlerweile kommt ein Publikum in diese Gegend, das gezielt nach dem sucht, was wir zeigen.“ Angefangen hat alles im Wohnzimmer von Eigentümer Michael Ruiz und seiner damaligen Partnerin Anne Betting in Kreuzberg: Seit der Eröffnung konzentriert sich das Programm auf junge Kunst, die das Feuilleton etwas ratlos unter dem Begriff „Post­Internet“ zusammenfasst. Mit virtuellen Wirklichkeiten beschäftigt sich auch Constant Dullaart, der niederländische Künstler, den die Galerie im Herbst auf der Kunstmesse abc – art berlin contemporary vertritt. Was gezeigt wird, verrät Annika Goretzki schon jetzt: „Wir präsentieren seine Serie ‚Jennifer in Paradise‘, die sich um das erste Bild, das je in Photoshop bearbeitet wurde, dreht.“

Raum für Projekte

Ein paar Hausnummern weiter klingeln wir bei Dominic Eichler und Michel Ziegler. 2008 haben sie Silberkuppe als Projektraum gegründet, heute betreiben sie den Ort als kommerzielle Galerie. Die kuratorische Praxis, Entdeckung und Förderung von Künstlern steht für die Betreiber im Zentrum: Konzeptionelle Arbeiten von Thomas Locher, die teilweise bereits in den Achtzigern entstanden und heute aktueller denn je wirken, hängen an den Wänden. Nach mehreren Jahren am Schlesischen Tor ist das Duo an seinem jetzigen Standort in der Keithstraße angekommen. „Wir waren auf dem Weg zum See, haben eine Abkürzung genommen und den Raum gefunden“, erinnert sich Dominic Eichler. „In dieser Gegend wird alles ohne große Aufregung erledigt, und trotzdem hat man das Gefühl, dass das Publikum mindestens so extravagant ist wie in Kreuzberg. Was dort mittlerweile zur Pose gehört, ist hier noch Teil einer anderen Welt“, ergänzt Michel Ziegler.

Curated By

Kuratieren wird auch bei Insitu großgeschrieben. Mit ihrem Projektraum wollen Gilles Neiens, Marie Graftieaux, Nora Mayr und Lauren Reid den Ausdruck, der momentan in Conceptstores und auf Buzzfeed Karriere macht, zurück zum Ursprung führen. In der Nähe der Potsdamer Straße, die wir nach zehn Minuten Fußweg erreichen, betreiben sie einen Ort, an dem Experimentieren zur Tagesordnung gehört. Direktorin Lauren Reid, die auch das Project Space Festival Berlin koordiniert, ist sich sicher, dass die unabhängige Kunstszene auch deswegen so frei bestehen kann, weil Netzwerken zur Berliner DNA gehört.

Friends in High Spaces

Befreundeten Künstlern eine Plattform zu geben, war auch das Anliegen von Claudia Rech und Verena Gillmeier, die 2013 ihre Galerie Gillmeier Rech gründeten. Unweit des Parks am Gleisdreieck bezogen sie eine ehemalige Werkstatt für Spielautomaten, in der zuvor ein Blumenladen untergebracht war. „Für die Lage haben wir uns bewusst entschieden. Die Nähe zu anderen Galerien wie Supportico Lopez, Guido W. Baudach und Tanya Leighton, deren Arbeit wir schätzen, war uns wichtig“, erklärt Claudia Rech.

Kennengelernt haben sich beide bei einem Projekt: Rech als Kuratorin, Gillmeier als Künstlerin. Das Verständnis für Kreation und Vermittlung ist einer der Gründe, weswegen ihre Vernissagen zu den bestbesuchten der Stadt gehören.

Final Destination

„Zum Abschluss müssen wir eigentlich noch ein Bier trinken“, sagt Nele Heinevetter, nachdem wir die Galerie verlassen haben. Weil das Kumpelnest, eine Westberliner Kneipeninstitution, noch geschlossen ist, biegen wir auf die Potsdamer Straße ab. Unter der Markise der Joseph Roth Diele endet unsere Tour. Der Schriftsteller, dem dieses Lokal gewidmet ist, notierte 1933: „Berlin ist eine junge, unglückliche und zukünftige Stadt.“ Recht hatte er: An erst­ und letztgenannten Punkten hat sich bis heute nicht viel geändert.

Dankeschön, Nele, Stefanie and Katharina, dass ihr uns auf diese erlebnissreiche Tour mitgenommen habt. Mehr über NicheTours Berlin könnt ihr hier erfahren.