Was macht gute Porträtkunst aus?
Wie versucht wird, die Persönlichkeit bildlich einzufangen, Berlin
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Menschen in ihrem Umfeld zu porträtieren, zählt zum täglichen Job von Freunde von Freunden. Doch was macht eigentlich gute Porträtkunst aus? Ein Aufklärungsversuch.

Wenn es um Schnappschüsse geht, dann lautet das größte Kompliment, das wir dem Fotografen machen können: »Du hast sie wirklich gut eingefangen.« Doch was genau wurde da eingefangen? Nicht die Ähnlichkeit des Abbildes, da wir stillschweigend voraussetzen, dass der Fotoapparat das schon erledigen wird, sondern die Ähnlichkeit der Persönlichkeit. Dies erscheint uns als geradezu magischer Prozess, der zufällig oder aus Gründen geschieht, die wir nicht so ganz nachvollziehen können. Doch jeder Porträtmaler in der Geschichte, von Leonardo da Vinci bis zu Annie Leibovitz, könnte uns erzählen, dass darin rein gar nichts Magisches liegt.

Die Persönlichkeit in der Porträtkunst wird durch die Haltung und den Gesichtsausdruck des Modells ausgedrückt und enthüllt, aber auch mithilfe von Gegenständen: Die Kleidung, die es trägt, das Sofa, auf dem es sitzt, und die Umgebung, in der all dies stattfindet. Diese Dinge liegen natürlich außerhalb der Person, sie gehören jedoch auch, wie Marshall McLuhan es ausdrückte, zu den Erweiterungen des Menschen (The Extensions of Man). Auf die gleiche Art und Weise, in der ein Buch eine Erweiterung des Auges und ein Auto eine Erweiterung der Beine darstellt, könnte ein Raum auch als Erweiterung der Augenbrauen bezeichnet werden; eine andere Art, der Welt unser Gesicht zu präsentieren.

Dieser Beitrag ist auch in unserem Buch “Personalities” nachzulesen, das FvF zusammen mit USM publiziert hat. Darin findet ihr noch mehr spannende Artikel und Porträts.

“Menschliche Wesen haben jedoch weit mehr zu bieten als nur ihren Beruf und gute Porträtkünstler sind sich dessen bewusst.”

Porträtkunst, wie wir sie kennen, begann im Zuge der Renaissance, als Menschen erstmals als Motiv per se interessant wurden. Bereits damals setzten Künstler Gegenstände und Orte als Schlüssel zu Person und Persönlichkeit ein, wie sie es auch heute noch tun. Das Porträt von Nicolaus Kratzer (1528) von Hans Holbein dem Jüngeren zeigt den Astronomen, umgeben von den Instrumenten seines Berufsstandes – seine Kompasse und die geometrischen Modelle erzählen uns, wer er ist, ganz ähnlich dem DJ-Mischpult auf dem Gehsteig in Janet Beckmanns Porträt von Run-D.M.C. von 1984. 
Beide Bilder vermitteln den Eindruck von Selbstvertrauen und Können. Menschliche Wesen haben jedoch weit mehr zu bieten als nur ihren Beruf und gute Porträtkünstler sind sich dessen bewusst.

In Albrecht Dürers Stich Melencolia (1514) sehen wir eine weibliche Gestalt, umgeben von einer Ansammlung wissenschaftlicher Gerätschaften. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht lässt jedoch keinerlei Selbstvertrauen erkennen, sondern ist vielmehr von Ernüchterung gekennzeichnet. All dieser Fortschritt, scheint sie zu sagen, und wofür das alles? Hier werden – ebenso wie in heutigen Abbildungen von heldenhaften Außenseitern wie Kanye West oder Lana del Rey – Gegenstände als Kontrapunkt zur Stimmung der Dargestellten eingesetzt oder vielleicht sogar schon darin impliziert. Ein Ausdruck des christlichen Glaubens an die Nichtigkeit materieller Dinge, aber gleichzeitig auch die Vorwegnahme eines aktuelleren Problems: Die Eile, mit der wir unsere Welt aktualisieren und verbessern müssen, sowie unsere merkwürdige Unfähigkeit, uns in ihr zu Hause zu fühlen, sobald wir dies dann erledigt haben.

Im 19. Jahrhundert war die Bewegung der Romantik von weitverbreiteter Fortschrittsverweigerung gekennzeichnet und Porträtmaler der Zeit zeigten Dichter dementsprechend vor Bergen und Flüssen oder wie sie aus übernatürlicher Düsternis auftauchen. Später, zur Zeit des Expressionismus, wurde diese Flucht aus der modernen Welt noch dramatischer. In Oskar Kokoschkas Porträts werden Stühle und Räume zu Teilen der »äußeren Details« einer Welt, an die er nicht länger glaubte, und die demzufolge ins Schwanken gerieten oder vergingen. Zeitgleiche Arbeiten von Dadaisten wie Hannah Höch und Raoul Hausmann erzählten jedoch eine ganz andere Geschichte. Hier finden sich menschliche Köpfe und Körper, die aus Zahnrädern und Maschinen bestanden, der Astronom, verschmolzen mit seinen Instrumenten.

Im 20. Jahrhundert wurden Motiv und Gegenstand – wie von Karl Marx vorausgesagt – zunehmend miteinander vermischt. Dementsprechend mischten sich auch die Persönlichkeiten der Dargestellten auf verhängnisvolle Art und Weise mit ihren Möbeln. 
Francis Bacons Gemälde von George Dyer zeigen den Mann, wie er mit den Betten und Sofas, auf denen er posierte, verschmilzt und in diese eintaucht. Salvador Dalís Bildnis von Mae West (1935) stellt die Schauspielerin als möbliertes Zimmer dar und nimmt damit sowohl Allen Jones‘ menschliche Tische als auch Andy Warhols Couch in der Factory vorweg, die selbst ein Superstar und nicht bloß ein Gegenstand war, auf dem sich die berühmten Leute niederließen. Warhol wusste besser als jeder andere, in welchem Ausmaß Gegenstände zu einem Teil unserer Persönlichkeiten geworden waren – eine Tatsache, die auch von Peter Blakes Selbstporträt mit Anstecknadeln (Self-Portrait With Badges) bestätigt wird, das die Persönlichkeit des Malers mithilfe der Sänger und Bands ausdrückt, die er in Form von Ansteckern oder Buttons an seiner Jeansjacke gesammelt hat.

“Wir fangen nicht immer das ein, was wir wollen, jedoch wesentlich mehr als ursprünglich geplant.”

Blakes Buttons wurden ebenso wie die Sextanten der Astronomen oder der Ghettoblaster von Jam Master Jay aufgrund ihrer Wirkung ausgewählt. Doch selbst wenn wir unsere Requisiten nicht so sorgfältig wählen, ergibt sich dennoch eine Wirkung, vielleicht sogar eine noch stärkere. Die Fotografin Nan Goldin meinte 1993, dass ihre Fotos vielmehr ein Produkt von »emotionalen Bedürfnissen anstatt von ästhetischer Wahl« seien, und ein Teil der Anziehungskraft ihrer Arbeiten beruht tatsächlich auf ihrer scheinbaren Spontaneität, die uns den Eindruck eines Lebens oder vieler Leben vermittelt, die in situ eingefangen wurden. Dennoch erzählen uns ihre verwahrlosten Innenräume und die zusammengewürfelten Outfits ebenso viel über ihre Modelle, wie die sorgsam zusammengestellten »türkischen Kostüme«, die Monsieur Levett und Mademoiselle Glavani in Jean-Étienne Liotards Porträt des Paares von 1740, heute im Louvre, tragen.

Die Popkünstlerin Peaches ist stets darauf bedacht, ihr Image zu kontrollieren; ihre Kulissen und Kostüme spielen als »Erweiterungen« ihrer Persönlichkeit eine äußerst wichtige Rolle bei der Erschaffung ihrer öffentlichen Person. In ihrem neuen Buch What Else is in the Teaches of Peaches? sehen wir jedoch eine ganz andere Seite der Künstlerin, auf spontan entstandenen Aufnahmen in ihrem Zuhause, bei der Arbeit, beim Spielen, in einer Reihe von Outfits und Umgebungen, die alles andere als inszeniert sind. Diese, so stellte sie mittlerweile fest, erzählen uns mehr über sie als alles, was sie hätte planen können. Wir sprechen davon ein Foto zu »schießen«, doch für die meisten von uns ähnelt der Prozess eher dem Fischen mit einem Netz: Wir fangen nicht immer das ein, was wir wollen, jedoch wesentlich mehr als ursprünglich geplant.

Danke, Craig,

für den interessanten Einblick in die Porträtkunst. Es kommt nicht allzu oft vor, dass man von Astronomen aus dem 16. Jahrhundert, Run DMC und Lana Del Rey in einem Artikel liest.

Dieser Beitrag ist auch in unserem Buch “Personalities” nachzulesen, das FvF zusammen mit USM publiziert hat.

Noch mehr Personalities by USM Stories könnt ihr hier lesen.

Text: Craig Schuftan
Fotos: Marco Annunziata, Liz Seabrook, Desmond Louw & Antonia Heil, Yves Bachmann, Daniel Müller, Robert Rieger, Shinji Minegeshi, Salva Lopez, Lukas Gansterer, Jordi Huisman