Smart Living
Ein Gespräch mit Martin Vesper über die Zukunft des Wohnens, Berlin
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“Smart House – The Cooper’s home has a mind of its own” ist der Titel eines Disney Filmes von 1999, in dem ein verwitweter Vater mit seinen zwei Kindern in ein von künstlicher Intelligenz gesteuertes Haus zieht. Was damals ein Science-Fiction-Szenario für Kinder war, ist heute handfestes Diskussionsthema in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Mittendrin Martin Vesper, CEO der digitalSTROM AG und somit Experte in Sachen Smart Home.

Obwohl Technologie bereits wie selbstverständlich in unserem Alltag integriert ist, klingen die Leistungen, die digitalSTROM anbietet, trotzdem noch nach Zukunftsmusik. Von sich an die Tageszeit anpassenden Lampen und Heizungen bis hin zu Rollläden, die morgens die Sonne von selbst hereinlassen oder bei einer Hagelwarnung automatisch dicht machen – all das steckt in den kleinen, bunten Legostein-ähnlichen Klemmen, die Martin Vesper vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hat. “Die Intelligenz sitzt in dem Chip”, erklärt Martin Vesper den Mikrokosmos der Lüsterklemmen, die unter anderem hinter jeder Lampe, Lichttaster oder in Rollladenmotoren eingebaut werden könnten. Mit einer App kann der Kunde Befehle an alle Geräte geben. Sagt er “Gehen” in sein Smartphone, gehen Sekunden später die Lampen aus. “Es gibt keinen Single Point of Failure, das Signal wird zu jeder Lampe einzeln geschickt, die entscheidet dann, was zu tun ist,” beschreibt Martin Vesper.

Bereits seit Längerem reift die Technologie für die Vernetzung heran. Aber warum sie erst jetzt zu einem greifbaren Produkt auf dem Markt wird, obwohl sie schon 1999 auf Disney Channel simuliert wurde, erklärt Richard Harper in seinem Buch “Inside the Smart Home”. Lange, so der Autor, habe die Brücke zwischen Technologie und Benutzer gefehlt. Während Programmierer an technischen Feinheiten feilten, sei offen geblieben, ob und wie das Smart Home beim Nutzer Anwendung finden würde. Familien seien keine Unternehmen, erläutert Harper, ihre Struktur sei komplexer, zum Beispiel, weil die Spanne vom Neugeborenen bis zum Senioren reiche. Auch die Analyse sei schwieriger, da kaum eine Privatperson sich 24 Stunden am Tag beobachten lassen wolle.

Einen frühen Versuch startete 2001 das britische Mobilfunkunternehmen Orange mit dem “Orange at Home”-Projekt und baute ein vollständig interaktives Beispielhaus, um testweise Familien darin wohnen zu lassen. Die Resonanz war ernüchternd: Bewohner empfanden die Technologie als viel zu kompliziert. “Dem Ganzen liegen zwei Erfindungen zugrunde,” sagt Martin Vesper, “Etwas zu entwickeln, das in Geräte sowie hinter so einen kleinen Lichtschalter passt und trotzdem noch über die Stromleitungen kommunizieren kann, ist nur die halbe Miete. Die Software so zu gestalten, dass sie für Jedermann leicht zu bedienen ist, ist mindestens genauso wichtig.”

Die Faktoren, die den Trend zum vernetzten Wohnen ankurbeln, sind dieselben, die schon lange die Automobilindustrie beherrschen. Sicherheit, Effizienz und Komfort zeichnen sich immer wieder als Messlatte der Entwicklung ab. Was beim Smart Home gerade in den Startlöchern steht, ist in der Automobilwelt längst Industriestandard. “Dass der Warnblinker angeht, sobald man auf die Bremse drückt, ist mit einer nicht auf Software basierten Technik beinahe unmöglich”, erklärt Martin Vesper. Dass auch dann noch das Licht ausgeht, sobald man den Schlüssel zieht, ist das schöne Extra. Sicherheit geht voraus, Effizienz und Komfort folgen. Im vernetzten Haus ist es ähnlich. Das Licht je nach persönlichem Bedürfnis zu dimmen, ist eine angenehme und energiesparende Funktion. Richtig interessant wird es aber, wenn es um die Sicherheit geht. “Allein in Deutschland sterben jährlich rund 800 Menschen an Rauchvergiftung bei einem Wohnungsbrand. Mit unserer Software können auch die Rauchmelder vernetzt werden. Eltern sind in der Lage, eine Sprachnachricht aufzunehmen, die im Falle eines Brandes abgespielt wird und den Kindern sagt, was sie zu tun haben. Denn bei schrillen Alarmtönen verstecken sich Kinder schlimmstenfalls unter dem Bett. Auch für ältere Menschen ist diese Technologie sinnvoll: Per Sprachnachricht können sie daran erinnert werden, den Herd auszuschalten. Wenn das System keine Reaktion registriert, wird automatisch eine Meldung an Familienmitglieder herausgeschickt.”

Ein Zuhause ist ein vertrauter, privater Ort, umso vorsichtiger sind wir, wenn es darum geht, neue Mechanismen hineinzulassen. Besonders wenn sie unseren gewohnten Alltag steuern und uns manchmal besser zu kennen scheinen, als wir selbst. “Wenn wir das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren, bekommen wir Angst. Das ist ganz natürlich”, meint Martin Vesper. “Gleichzeitig möchten wir aber verstanden werden und wünschen uns mehr Personalisierung, eine Vorselektion, die unseren Bedürfnissen entspricht. Früher war es der Tante Emma Laden um die Ecke, wo man wusste, was du gerne kaufst. Heute sind es die Algorithmen. Sie helfen uns, in der heutigen Informationsfülle und Produktvielfalt den Überblick zu bewahren. Algorithmen sind eine Möglichkeit, die Komplexität zu reduzieren. Im Haus möchte ich schließlich nur aus meinen Anwendungsmöglichkeiten auswählen können und nicht aus denen, die alle anderen haben. Das ist das Trade-Off.”

In ungefähr 20 Jahren könnte das Smart Home den herkömmlichen Haushalt ersetzt haben, schätzt Martin Vesper. Noch bleibe jedoch offen, wer dann die Key-Player auf dem globalen Markt wären. In der Automobilindustrie kristallisieren sich bereits Firmen heraus, die höchstwahrscheinlich auch in der Zukunft des Smart Homes mitmischen werden. Konzerne wie Apple, Google oder Tesla lassen mit Entwürfen von autonomen Autos die Konkurrenz alt aussehen. Der beste Prototyp kam im letzten Jahr von Google.
Mit großen Augen schaut die Welt auf die ersten selbst fahrenden Autos, teilweise beeindruckt, oft auch kritisch. Wie kann es sein, dass ein Internetkonzern wie Google jetzt plötzlich Autos baut – und zwar bessere als ein Traditionsunternehmen wie Audi? “Google hat sich durch die besten Algorithmen eine Monopolstellung gesichert. Deswegen traut man dem Unternehmen das autonome Auto oder die künstliche Intelligenz auch zu”, ist sich Martin Vesper sicher. “Apple ist auch ein Key-Player, aber in der Hardwarewelt. Der Konzern besticht durch einzigartige User-Experience, Benutzerfreundlichkeit und ein ausgezeichnetes Design. Aus diesen Gründen denke ich, dass diese Firmen auch in der Steuerungslogik im Haus sehr weit vorne sein werden. Die Infrastruktur wird jedoch in anderen Händen sein. Der Autohersteller selbst stellt auch nicht die Infrastruktur im Auto zur Verfügung. Diese entwickeln Firmen wie Bosch oder Continental. Das Ziel von digitalSTROM ist es, sozusagen, das Contintental im Haus zu werden. Wir sind die Infrastruktur, bringen die Software und setzen die Prioritäten. Wir wären diejenigen, die sagen: Die Bremse ist am wichtigsten, dann erst kommt der Warnblinker.”

Martin Vesper hat das Potenzial der Technologie erkannt und schätzen gelernt. Gerade deswegen schaut er neugierig in die Zukunft. “In all dem stecken so viele Entwicklungen, von denen wir heute noch gar keine Vorstellung haben. Man hat eine Idee, dann die Technologie, aber was letztendlich damit gemacht wird, sehen wir dann. Wichtig ist, dass sich die Politik dafür öffnet, Fortschritt zulässt und fördert. Das ist bislang in Deutschland kaum der Fall. Wir scheuen die Verantwortung für das Unbekannte. Dass autonome Autos in Kalifornien bereits auf der Straße fahren dürfen, sollte uns wach rütteln. Denn ein Auto kann schon mal nicht betrunken sein”, sagt er. “Veränderung selbst überfordert eigentlich niemanden mehr, es ist die Geschwindigkeit, die den Menschen Angst macht.”

Vielleicht ist es an der Zeit, Disneys Smart Home neu zu verfilmen.

Danke Herr Vesper für den Besuch und den kleinen Ausflug in die Zukunft.

(EN)

Martin, thank you for sitting down with us at the FvF Apartment to have this great conversation. Find more information about digitalSTROM‘s innovative systems on their website.

 

Photography: Carina Adam and Janosch Geiger
Text & Interview: Leonie Haenchen