Nicht nur sehen, sondern auch fühlen: New Reality Co. entwerfen multisensorische Erfahrungsräume
Designers in-residence at A/D/O speak about their time in Greenpoint, New York City
MINI × FvF
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Manche Empfindungen können nicht durch Filme hervorgerufen werden: die Sonne auf der Haut, der Wind im Haar, der Geruch der freien Natur. Doch in Tree, einem Virtual-Reality-Projekt, das sich das Wort ‚Reality‘ wirklich verdient hat, kann man diese Dinge nun tatsächlich fühlen.

Dabei geht es allerdings nicht darum, sich nur einen Helm mit einem Bildschirm aufzusetzen: In der Installation verwirbeln einem Ventilatoren das Haar, speziell zusammengestellte Düfte wehen einem in die Nase, Heizkörper verströmen Wärme und der Rucksack auf dem Rücken vibriert. Um Empathie mit der Umwelt hervorzurufen, verwandelt Tree Menschen in einen Baum: „Deine Arme als Äste und dein Körper als Stamm“, beschreiben das die Macher des Projekts.

Tree wurde von Milica Zec und Winslow Porter entworfen, dem Gründungsduo von New Reality Co., einem Virtual-Reality-Studio mit Sitz in Brooklyn. New Reality Co. traten dieses Jahr eine Residency bei A/D/O, einem von MINI initiierten Designspace in Greenpoint, an und spielen einen wichtigen Part beim aktuellen Leitthema „Common Sense“ – alles dreht sich darum, wie neu entwickelte Technologien uns in einem Zeitalter der Überstimulation wieder in engeren Kontakt mit uns selbst und der Welt bringen können. Anstatt sich nur aufs Visuelle zu konzentrieren, wie das Smartphones und Computer oft tun, sprechen New Reality Co. all unsere Sinne an.

„Tree“, ein Projekt von New Reality Co.

„Über die Jahre hinweg haben wir uns immer wieder dazu angespornt, unsere Jobs zu kündigen und unser eigenes Ding zu machen, und irgendwann kam der Moment, wo wir es dann wirklich gemacht haben.“

— Milica Zec, Mitbegründerin von New Reality Co.

„Wir arbeiten nicht nur mit Augen und Ohren, wir arbeiten mit Berührungen, dem Riechvermögen, wir arbeiten mit Düften, wir arbeiten mit Wind“, sagt Zec. Für ihr neuestes Projekt Breathe, das sie bei A/D/O angefangen haben zu entwickeln, wird sogar der Atem der Benutzer für die Steuerung der virtuellen Erfahrung genutzt.

Zec und Porter sind seit über einem Jahrzehnt befreundet und kommen beide aus dem Filmbereich. Porter hat Clouds produziert, eine bekannte VR-Dokumentation über Kunst und Technologie, und Zec kollaborierte in ihrer Karriere als Regisseurin mit Größen wie der Perfomancekünstlerin Marina Abramović. „Über die Jahre hinweg haben wir uns immer wieder dazu angespornt, unsere Jobs zu kündigen und unser eigenes Ding zu machen, und irgendwann kam der Moment, wo wir es dann wirklich gemacht haben.“, erinnert sich Zec.

Zum ersten Mal zusammengearbeitet haben sie bei Giant, einem Virtual-Reality-Film aus dem Jahr 2016. In dem Film geht es um eine Familie, die eine Bombardierung in einer aktiven Kriegszone überlebt; er nimmt Bezug auf Zecs eigene Kindheit und das Bombardements Serbiens (damals Jugoslawien) 1999 durch die NATO. Kuratorin und Drehbuchautorin Lizzie Donahue schlug das Projekt vor und als Zec entschied, dass sie Giant im Virtual-Reality-Format verwirklichen wollte, war Porter der Erste, den sie anrief.

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Attrappen im Studio von New Reality Co.
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Controller für die Benutzer, um die VR-Erfahrung zu steuern
Gerüche, die von New Reality Co.freigesetzt werden, um ihre VR-Projekte noch eindringlicher zu machen.
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Anstatt sich nur aufs Visuelle zu konzentrieren, sprechen New Reality Co. alle Sinne an.
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Im Rahmen von Porters und Zecs Residency bei A/D/O bekamen die Installationen Tree und Giant in deren Räumlichkeiten einen dauerhaften Platz. Das ist unverzichtbar, denn obwohl Virtual Reality immer beliebter wird, können Menschen ohne eigenes Equipment solche Installationen sonst nur bei Ausstellungen oder Festivals erleben. A/D/O hat New Reality Co. die Möglichkeit gegeben, der Öffentlichkeit ihre Projekte in ihrem eigenen Rahmen zu präsentieren. „Wir können es den Leuten tatsächlich zeigen und nicht nur darüber reden“, erklärt Zec.

Die haptisch verstärkten Elemente, durch die der volle Effekt der Projekte von New Reality Co. erzielt wird – zum Beispiel der Wind, der bei Tree durch Ventilatoren erzeugt wird, oder der wackelnde Stuhl in Giant –, setzen außerdem physische Hilfsmittel voraus, die der Benutzer unmöglich alle zu Hause haben kann. Porter vergleicht den Stand von VR-Erfahrungen mit den Anfangstagen von Filmen oder Videospielen. „Man musste ins Kino oder die Spielhalle gehen“, sagt er. „Hier waren Erwachsene bereit, für diese Erfahrungen Geld zu bezahlen.“ Stattdessen können Besucher sich auf eine öffentliche Liste eintragen, um die Virtual-Reality-Installationen in den Räumen von A/D/O auszuprobieren.

Die haptischen Feedback-Systeme machen Virtual Reality zu einer intimen Erfahrung, ein Effekt, der schwer durch aneinander gerenderte Bilder allein erreicht werden kann. Durch die zusätzlichen Elemente wird – so Zec – „das Erzählen von Geschichten auf ein neues Level gebracht“, bei dem tiefer in die Erfahrung eintaucht werden kann. Das kann grauenerregend sein, wie im Fall von Giant, oder aber friedlich und inspirierend, wie zum Beispiel bei Tree. Jede Installation ist so konzipiert, dass es keinerlei Vorwissen bedarf, um sie zu navigieren. „Uns ist es wirklich wichtig, dass sich die Erfahrungen natürlich anfühlen“, ergänzt Porter.

Ein Einblick in die Arbeit von New Reality Co.

Die Arbeiten des Studios implizieren eine Kritik an der Künstlichkeit und Oberflächlichkeit anderer VR-Erfahrungen und bringen eine innovative Ästhetik mit sich, die diejenigen, die sie benutzen, gänzlich in ihren Bann zieht. Gleichzeitig sind sie auf einem konzeptuellen Level kritisch, indem sie den Benutzern eine Perspektive vermitteln, die sie sich so vielleicht nie vorgestellt hätten – als Teil einer Familie mitten im Kriegsgeschehen zum Beispiel oder als gefährdete Lebensform. Die Projekte haben eine politische sowie künstlerische Dimension, die für das noch im Entstehen begriffene Medium recht ungewöhnlich ist.

Kollaborationen sind für die kreativen Prozesse von New Reality Co. elementar, einer der Gründe, warum eine Arbeitsumgebung wie A/D/O so wichtig für das Duo ist. Während ihrer Residency luden sie Freunde und Kollaborationspartner in den offenen Coworking-Space ein, in dem es auch ein Herstellungslabor inklusive CNC- und Laserstrahlschneidemaschinen und industrieller 3D-Drucker gibt. „Wir haben auf diese Weise viele Ideen für zukünftige Kollaborationen erarbeitet.“, sagt Porter.

Während Zec und Porter ihre Projekte entwickeln, vergrößert sich das Team über sie selbst und ihre Angestellten hinaus. In der heißen Arbeitsphase an Tree umfasste es 55 Mitglieder. Das Studio ist zwar klein, aber es ist auch beweglich und kann sich an verschiedene Größenordnungen und Raumbedürfnisse anpassen. Das Studio hat große Ambitionen, die Zecs und Porters Flexibilität geradezu voraussetzen. Als Wegbereiter im Virtual-Reality-Business arbeiten sie daran, nach Los Angeles zu expandieren, das gerade zu einem der Knotenpunkte in Sachen VR-Produktion wird. Sie werden auch Breathe fertigstellen, das die Geschichte von Giant weitererzählt und sich letztendlich um „Hoffnung und unser gemeinsames Leben auf dem Planeten dreht“, sagt Zec.

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Milica Zec und Winslow Porter bei ihrer Arbeit in den Studioräumen von A/D/O

A/D/O arbeitet mit Designern aus diversen Bereichen zusammen. Eine Übersicht zum aktuellen Geschehen sowie dem Residency-Programm gibt es auf der Website von A/D/O. Für weitere Stories aus New York lohnt sich ein Blick in unser Archiv.

Wir danken New Reality Co. für die gemeinsame multisensorische Reise und den Einblick in die stetig wachsende Welt von Virtual Reality. Mehr über aktuelle Arbeiten des Studios auf newreality.co.

Text: Kyle Chayka
Fotografie: James Chororos