(EN) Camille Boyer
(EN) Co-Founder of AFA, Workplace, Café Mantone & Kobenzl, Neubau & Grinzing, Vienna
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Paris, Wien, Shanghai, Wien und immer wieder mal Paris. Camille Boyer ist in Mission Mode schon um den halben Globus gereist. Sie hat Mode studiert, entworfen, gelehrt und verkauft.

Seit mittlerweile 15 Jahren lebt sie in Wien und sorgt dafür, dass die lokale Szene einen Tick internationaler wird. Gemeinsam mit Marlene Agreiter hat sie dafür die AFA, die Austrian Fashion Association, gegründet, welche als wichtige Schnittstelle zwischen Kreativ- und klassischer Wirtschaft fungiert. Die AFA entscheidet über die Vergabe von Modeförderungen des Österreichischen Bundes und der Stadt Wien, mit der Designer strukturelle und finanzielle Unterstützung erhalten.

Ein kleines Schmuckstück ist das in der Lindengasse gelegene Büro der Austrian Fashion Association (AFA). Das variable Raumkonzept der Künstler Benjamin Hirte und Nick Oberthaler dient auch als Offspace für Roundtables, Ausstellungen und Präsentationen lokaler Designerinnen und Designer. Und manchmal, so wie heute, hält es auch als Lager für exquisite Bekleidungsstücke her. Denn während im hinteren Teil des Büros an der Vorbereitung der Fashion Awards gearbeitet wird, sammeln sich im Frontbereich die Kreationen der AFA-Protegés auf zwei Kleiderstangen, die im Rahmen der Preisverleihung versteigert werden. Camille und ihre Partnerin Marlene Agreiter sprechen mit uns über ihre Heimatstädte Wien und Paris und ihre Arbeit mit den hiesigen Designern.

Du kommst aus Frankreich und bist jetzt in Wien Entwicklungshelferin in Sachen Mode. Kann man das so zusammenfassen?

Camille: (lacht) Ja, eigentlich bin ich im österreichischen Modebusiness mehr Mädchen für alles.

Marlene: Ich glaube, das ist unsere inoffizielle Job-Description.

Was hat dich denn ursprünglich nach Wien geführt?

Camille: (lacht) Die Liebe.

Dabei heißt es doch, Paris sei die Stadt der Liebe.

Camille: Als ich Paris verlassen habe, war ich schon etwas übersaturiert und froh, nach Wien zu kommen. Ich mag neue Herausforderungen und in Wien habe ich sie gefunden. Hier haben wir die phantastische Möglichkeit, Designer zu fördern.

Den Habitus der Weltmodemetropole Paris vermisst du in Wien gar nicht?

Camille: In Paris sind die Leute gut gekleidet. Das ist schon ein Genuss. Und natürlich gibt es in Paris die großen Häuser. Aber ich komme aus der innovativen und konzeptuellen Jung-Designer-Szene, und die ist eher klein. Und in Wien interessanter.

Wo gehst du in Wien hin, um gut gekleidete Menschen zu sehen, außer ins Büro natürlich?

Camille: (lacht) Wir bekommen genau solche Presseanfragen und antworten: im Flugzeug zwischen Paris und Wien auf dem Weg zur Modewoche. Das ist schon fast unser Running Gag. Aber mal ehrlich: In Wien sind das eher Begegnungen, man biegt um eine Straßenecke und plötzlich findet man jemanden mit einem tollen Look.

Das AFA Büro in Neubau

Die Austrian Fashion Association wurde also gegründet, um Wien schöner zu machen. Wie kam es dazu?

Marlene: Camille und ich haben uns 2010 über die „Kooperationsbörse MODE“ kennen gelernt. Die Modeförderung des BMUKK wurde gerade neu ausgeschrieben.

Camille: Wir hatten viele Ideen, um die Designer zu unterstützen. Gemeinsam entwickelten wir die Idee zum Austrian Fashion Showcase, bei dem wir Designer in Paris präsentierten. departure hat uns dabei geholfen und ohne diese Unterstützung hätten wir das Projekt kaum umsetzen können. So intensivierte sich auch unsere Zusammenarbeit.

Auf wen fokussiert ihr euch ?

Marlene: Es bewerben sich Leute, die direkt von der Universität kommen und ein Label gründen. Wir unterstützen jedoch auch Designer, die vielleicht schon Erfahrung im Ausland haben und ihre Modekarriere vorantreiben wollen. Das ist wichtig, denn im Modebusiness kommt man nicht in zwei Jahren zum Erfolg. Dieses Jahr hatten wir unseren ersten Durchlauf mit einem sehr gemischten Portfolio. Fünf der von uns geförderten Projekte sind recht jung.

Wie arbeitet ihr mit den Leuten, die sich an euch wenden oder die ihr fördert?

Marlene: Die Modeindustrie produziert viele tausende Kollektionen jährlich, aber im Gegensatz dazu ist zeitgenössisches Modedesign ein Nischenmarkt, in dem man sich als junger Designer positionieren muss. Wir beraten und schärfen den Blick, um diesen Prozess zu meistern.

Camille: Was sind meine Stärken? Was ist meine Zielgruppe? Wie komme ich an diese Zielgruppe heran? In Österreich gibt es nur sehr wenige Multiplikatoren mit internationalen Schwerpunkten, das ist ein Problem. Wir bieten daher Hilfestellung, zum Beispiel über Workshops mit Experten aus aller Welt, bei denen wir die verschiedene Themen des Produktionsprozesses beleuchten: von Herstellung über Vermarktung, Branding bin hin zu PR-Arbeit.

 

Passiert es auch mal, dass ihr eure Ratschläge dann in einer fertigen Kollektion wiederentdeckt?

Marlene: Unsere Rolle ist es, den Designern zur Seite zu stehen und wenn der Weg steil wird, die Hand zu reichen. Ich würde niemals in den kreativen Schaffensprozess eingreifen. Aber natürlich sieht man, und Camille noch besser als ich, die Stärken.

Camille: Klar nehmen wir mit unserer Beratung Einfluss. Aber unsere Arbeit beginnt bei jemandem, der schon mit seiner oder ihrer Kreativität umzugehen gelernt hat. Wir sind nicht dazu da, diese Kreativität zu entwickeln. Wir kommen erst danach.

 

Ist eure Zusammenarbeit immer so reibungslos oder diskutiert ihr auch mal intensiver?

Marlene: Komischerweise ist es sehr oft so, dass wir ähnliche Gedanken haben, ohne uns abzusprechen. Auch darüber, in welche Richtung man einen Designer berät.

Camille: Wir haben verschiedene Stärken, aber wir arbeiten sehr eng zusammen.

 

Geht es dabei auch um Geschmacksfragen oder ist das gar kein Thema?

Camille: Nein, denn Geschmäcker sind verschieden. Es geht um das Potential, das jemand hat.

Marlene: Spannend ist, wie jemand an die ästhetische Definition einer Kollektion herangeht, was nicht so viel mit Geschmack zu tun. Ich finde zum Beispiel Kollektionen unglaublich interessant, die ich persönlich nicht tragen würde, weil sie nicht mein Stil sind.

Ein Stück Paris in Wien - Das Café Mentone in Neubau

Woran macht ihr das Potential einer Designerin, eines Designers fest?

Marlene: Ich glaube, es ist sehr schwierig, Qualitätskriterien für Kunst und Kultur zu definieren. Aber eine Frage ist immer: Schöpft jemand aus dem vollen Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten? Was begeistert, ist immer das Eigene und das Spezielle, das Persönliche. Es gibt aber auch andere Herangehensweisen wie Materialinnovationen, die unglaublich vielfältig sein können.

Camille: Mode und Bekleidung sind ja zwei unterschiedliche Sachen. Mode beinhaltet eine persönliche Haltung und Reflexion und Kleidung ist das reine Werkprodukt, das sich dadurch auszeichnet, dass es funktional und wiederholbar ist.

 

Marlene meint, du hast einen besseren Blick für die Stärken von Designern und Designerinnen. Woran liegt das?

Camille: Ich habe Mode studiert, kenne aber auch die Einkäufer-Seite, da ich ein eigenes Geschäft hatte. Viele junge Designer habe ich nach Paris gebracht und sie bei Messen, Sales und PR unterstützt. Weil ich in so vielen Bereichen der Modeindustrie gearbeitet habe, kann ich das Business gut überblicken.

Ich nehme an, einen eigenen Laden zu führen, wirkt sich auch ganz gut auf den eigenen Kleiderschrank aus?

Camille: Das hat mir gut dabei geholfen, meinen Kleiderschrank zu füllen. (lacht) Ich kaufe so oft wie möglich junge österreichische Designer. Aber eigentlich gehe ich nicht gerne shoppen.

Was gefällt dir an Wien noch außer der Modeszene?

Camille: Ich bin sehr froh hier, die Stadt ist sehr angenehm. Paris ist wunderschön, ich bin oft dort, aber es ist immer stressig. In Wien kann man sich besser auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist.

Was vermisst du in Wien?

Camille: In Paris gefällt mir die Offenheit der Menschen sehr gut, dieser kleine, nette Smalltalk beim Bäcker etwa. Das fehlt mir in Wien ein bisschen.

Was sind deine Lieblingsorte in Wien?

Camille: Das Café Mentone ist wie unser zweites Wohnzimmer. Dieses Kaffeehaus mit Retroflair hat einen französisch-wienerischen Charme. Es liegt in der Kirchengasse, die ohnehin ziemlich frankophil ist. Der ganze siebte Bezirk ist sehr nett. Ich wohne und arbeite dort. Meine Kinder gehen hier auch in den Kindergarten.

Ein Blick über die Stadt Wien - "Am Himmel"

Das heißt, du bist eigentlich schon seit Jahren nicht mehr aus dem siebten Bezirk herausgekommen?

Camille: Manchmal muss ich dann leider doch. (lacht) Nein, aber was ich sehr genial an Wien finde, das ist, dass man sehr schnell aus der Stadt herauskommt. Das ist etwas Besonderes.

Das könnte man jetzt auch falsch verstehen.

Camille: Nein. Als Pariserin war ich kein naturverbundener Typ. Das ist etwas, dass ich erst in Wien an mir entdeckt habe. Wenn ich nicht arbeite, gehe ich gern zum Spazieren in den Wald, das ist eine wunderschöne Möglichkeit abzuschalten, in einem anderen Universum zu sein.

Wo gehst du am liebsten hin?

Camille: Eigentlich ist Wien als Ganzes sehr schön. Im Sommer ist es toll, zum Heurigen zu gehen. Ich fahre auch gern zum Klettern in die Wachau oder zum Schwimmen an die Donau. Meine zwei Kinder sind kleine Fische. In Paris hatten wir nicht so ein Programm.

Was hast du in Paris stattdessen gemacht?

Camille: In Paris geht man am Wochenende ins Café und nicht in den Wald.

Thanks!

Danke Camille Boyer und Marlene Agreiter für die Gastfreundschaft und das spannende Gespräch! Wer mehr über die Aktivitäten der Austrian Fashion Associaton erfahren möchte, kann das hier tun.

Dieses Portrait wurde in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsagentur Wien und ihrem Kreativzentrum departure produziert und ist das 18. Portrait dieser Kollaboration. Lerne noch mehr kreative Köpfe aus Wien kennen.

Fotografie: Katarina Šoškić
Interview & Text: Werner Sturmberger