Florian Holzherr
Architectural Photographer, Studio, Starnberg, Munich
FvF × USM
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Florian Holzherr fotografiert seit vielen Jahren nicht nur die Gebäude der wichtigsten Architekten der Welt, sondern auch für die international angesehensten Künstler. Mit James Turrell verbindet ihn eine intensive Zusammenarbeit, er hat dessen Roden Crater, ein spektakuläres Himmels- und Lichtobservatorium in der Wüste Arizonas, fotografiert.

Privat hat sich der Münchner einen ganz besonderen Traum erfüllt. Der Architekt Andreas Meck hat ihm einen super modernen Arbeitsraum in den Garten gebaut.

Im Interview erzählt der 44-Jährige Architekturfotograf, weshalb sich Künstlerfreundschaften schwieriger gestalten und warum er auf keinen Fall mit einem Modefotografen tauschen möchte.

Dieses Portrait ist in Kollaboration mit USM entstanden und Teil der Serie “Personalities by USM”. Alle Details zu Florians Einrichtung gibt es hier.

Florian, du bist nicht nur häufig in New York und Los Angeles, sondern auch viel in den Wüsten der USA unterwegs. Was hat dich dorthin verschlagen?

Die Zusammenarbeit mit der Donald Judd Foundation und dem Land-Art-Künstler James Turrell. Von 2000 bis 2008 war ich häufig in Marfa, Texas für Judds Foundation. Sehr beeindruckend! In Flagstaff in Arizona bin ich immer wieder, weil Turrell dort seinen Krater hat (den Roden Crater, einen erloschenen Vulkan; Turrell nutzt ihn seit über 40 Jahren für die Errichtung eines spektakulären Himmels- und Lichtobservatoriums), für ihn fotografiere ich sehr, sehr viel. Die ganzen Künstler, die ich großartig finde, sitzen alle in der Wüste, etwa Michael Heizer und Walter de Maria, der leider 2013 gestorben ist. Jeder hat in einem anderen Bundesstaat Riesenprojekte realisiert.

Hast du mal überlegt, komplett in die USA zu gehen?

Ja, und zwar 2003, aber dann lernte ich eine Frau kennen und bin hiergeblieben. New York ist wunderbar, aber wenn du wirklich dort lebst, ist es wahnsinnig anstrengend, brutal und teuer. Du wohnst ja nicht in Manhattan oder Queens, sondern irgendwo außerhalb. Wenn du als Fotograf aus Deutschland in die USA kommst, ist das aber durchaus ein Vorteil. Die Amerikaner mögen Fotografie made in Germany.

Was verbinden die Amerikaner mit dem Label deutscher Fotograf?

Qualität. Zurückgenommenheit. Eine andere Art zu fotografieren. Die amerikanische Architekturfotografie ist teilweise wahnsinnig kitschig und bunt. In Deutschland wird trockener fotografiert.

Lass uns mal in die Vergangenheit schauen. Wie kam es, dass du Fotograf geworden bist?

Es gab immer nur drei Sachen, die mich interessiert haben: Kunst, Architektur und Fotografie. Ich bin kein Künstler, da muss die Idee aus dir herauskommen. Ich hatte Bammel, Architekt zu werden und im Nachhinein muss ich sagen: zum Glück. Womit sich Architekten herumschlagen müssen, ist schauderhaft.

Dann habe ich mich für die Fotoschule in München beworben. Beim ersten Mal wurde ich abgelehnt. Im folgenden Jahr habe ich es in Zürich, Berlin, Düsseldorf und München versucht und wurde überall genommen. Eine Fotoausbildung war damals sauteuer, weil noch nicht digital fotografiert wurde, du hast jeden Monat 500 Euro für Film und Papier ausgegeben. So habe ich eine dreijährige Ausbildung an der Staatlichen Akademie für Fotodesign absolviert, die übrigens älteste Fotoschule der Welt.

Wie hast du nach der Schule den Job-Einstieg geschafft?

Da war ganz wichtig, dass ich Turrell 1989 kennengelernt habe. Er hat damals in München gearbeitet. Meine Schwester hat Kunst studiert und war seine Assistentin.

Und dann gab es noch ein Schlüsselerlebnis: In der Fotoschule sollten wir Prominente fotografieren. Ich hatte mir unter anderem die Architekten Herzog & de Meuron ausgesucht, an die man nicht so leicht herankam. Irgendwann klingelte mein Handy und es hieß, ich dürfte ein Porträt von ihnen machen. Mit einer Viertelstunde Zeit. Da hatte ich richtig Herzklopfen.

Ein paar Wochen nach dem Portraittermin durfte ich ein Haus für Herzog & de Meuron fotografieren. Das war ein Türöffner. Es braucht immer eine Initialzündung. Ich lernte unglaubliche Leute kennen: Michael Govan, den Direktor des Los Angeles County Museums for Art, für den arbeite ich immer noch. Den Minimalismus-Künstler Dan Flavin, die Leute von der Chinati-Foundation um den da bereits verstorbenen Donald Judd. Und eben James Turrell.

Was fasziniert dich an dem Künstler James Turell?

Turrell ist wie ein Universalgelehrter aus dem Barock. Mit ihm kannst du über Rinderzucht reden, weil er 2000 Rinder besitzt. Er hat jeden Pilotenschein, den es gibt. Er kann Autos restaurieren. Er ist ein Gesamtkunstwerk. Ich habe in Amerika viel Zeit mit ihm verbracht, nicht nur bei der Arbeit, wir gehen auch frühstücken oder fliegen zusammen.

Verbindet dich eine Freundschaft mit Turell?

Ja, wobei sich Künstlerfreundschaften schwieriger gestalten können, da sich Künstler sehr auf ihre Projekte fokussieren. Manche Künstler sind auch wahnsinnige Egomanen, viele sind auch nicht nett. Turrell aber ist wahnsinnig nett.

Welcher Künstler ist denn noch sympathisch?

Ólafur Elíasson. Er hatte eine große Ausstellung in Spanien und mich gefragt, ob ich sie fotografieren könnte. Das war sehr interessant. Der ist wahnsinnig angenehm, überhaupt nicht eitel. Sein Team ist hochprofessionell. Du hast ja oft mit chaotischen Künstlern zu tun.

Ist deine eigene Arbeitsweise auch chaotisch?

Nein. Seitdem ich mein Studio habe, bin ich plötzlich viel ordentlicher als früher. Dieser Raum zwingt mich zur Ordnung.

Könntest du überhaupt noch an einem anderen Ort arbeiten als in deinem Gartenhaus?

Wenn man mal etwas so Schönes hatte, wahrscheinlich nicht. Es ist unglaublich, wie ein so guter Raum meine Arbeit beeinflusst.

Wie kam es zu diesem besonderen Arbeitsplatz?

Ich wollte hier schon immer etwas hineinbauen. Und meine Frau und ich brauchten Platz zum Arbeiten. Sie ist Papierrestauratorin und hat auch ihren Schreibtisch hier. Die Idee entstand so: Ich hatte für den Architekten Andreas Meck in Berlin das Ehrenmal der Bundeswehr fotografiert. Dafür haben wir viel Zeit miteinander verbracht, sind morgens von München nach Berlin gefahren und abends wieder zurück. Da habe ich ihm von meiner Idee mit dem Gartenhaus erzählt. Ich hatte keine Ahnung, ob ich mir das leisten könnte.

Wie fand Andreas Meck die Idee, dir ein Gartenhaus zu bauen?

Er war Feuer und Flamme und hat gesagt, das würden wir schon hinkriegen. Ich wusste nicht mal, ob die Bank mir Geld gibt. Aber es hat funktioniert. Der erste Entwurf, den Meck gemacht hat, war genau dieses Haus, es gab nur minimale Änderungen.

Wie sah deine Idealvorstellung für deinen Arbeitsbereich aus?

Eine Hülle zum Arbeiten, bei der Boden, Wand und Decke gleich sind. Mein Gedanke war, sie quasi mit meiner Arbeit zu füllen.

Gab es eine Inspiration für das Gartenhaus?

Das Wochenendhaus Bor aus den 1950er Jahren in Schweden. Das hat auch eine klassische Kubatur. Marcel Breuer hat zur selben Zeit ebenfalls solche Häuser gebaut.

Du hast eine ziemlich beeindruckende Kamerasammlung. Benutzt du die alle?

Früher habe ich mit allen fotografiert. Ich brauchte eine wasserdichte Kamera, mit der ich meine dreieinhalbjährige Tochter am Strand fotografieren kann. Die Unterwasserkamera von Nikon macht super Fotos. Eine weitere großartige Kompaktkamera ist die Rollei 35. Das Design ist wahnsinnig schön, eine kleine, nette Kamera, die man einfach in die Tasche stecken kann. Aber auch ich mache 90 Prozent meiner Fotos momentan mit dem iPhone. Jeder macht nur noch iPhone-Fotos, egal wo du bist. Schrecklich.

Was nervt dich an digitalen Fotos?

Die Qualität eines Fotos liegt oft in der Unschärfe, was digitale Kameras nicht so gut können. Alle reden immer nur von Pixeln und Schärfe. Eigentlich müsste man mehr von Unschärfe sprechen.

Du hast vorhin gesagt, du siehst dich nicht als Künstler – als was dann?

Als Handwerker. Es geht darum, Kunst und Architektur möglichst gut ausschauen zu lassen. Meinen Studenten sage ich, ihr müsst immer drei Schritte zurückgehen. Dann kannst du überlegen, wie du etwas fotografierst. Selber überkreativ zu werden, finde ich schwierig. Es darf nicht modisch sein. Meine Fotos haben eine andere Gültigkeit als Bilder für die Vogue.

Was unterscheidet dich von Modefotografen?

Als Modefotograf kannst du die Sau rauslassen, dass es nur so kracht, weil es in drei Monaten sowieso niemanden mehr interessiert. Architektur- und Kunstdokumentation wird bedeutender, je älter sie wird, weil sie unsere gebaute Geschichte zeigt. Man hat eine Verantwortung gegenüber der Geschichte. Auch wenn das jetzt wahnsinnig hochtrabend klingt.

Interessiert dich Porträt- oder Modefotografie gar nicht?

Porträts mache ich gern, Mode hat mich nie interessiert. Ich habe Freunde, die das machen, einige auf hohem Niveau. Aber ich könnte das nicht. 30 Leute am Set, hunderttausende von Euro jeden Tag. Was passiert, wenn du das vergeigst? Oh, ne. Je mehr Ruhe und Zeit ich habe, desto besser bin ich.

Welche Art von Kunst inspiriert dich?

Minimal Art. Natürlich Donald Judd. Auch Chris Burden schätze ich. Ich mag Künstler, die eine Haltung haben und manisch sind: so jemand wie Roman Opalka, der ein Leben lang Zahlenreihen geschrieben hat. Das beeindruckt mich. Das könnte ich gar nicht, über Jahre hinweg das gleiche machen. Oder eben wie Turrell, der seit 40 Jahren an einem Ziel arbeitet.

Hast du noch ein andere Leidenschaft als das Fotografieren?

Autos. Ich fahre einen Oldtimer. Ich hätte gern einen BMW Z1. Der ist von 1988, aber schaut nicht alt aus. Aber ich habe jetzt eine Tochter, da ist Schluss mit lustig.

Nenne doch bitte drei Gebäude, die dich beeindruckt haben.

Das Sportzentrum Pfaffenholz von Herzog & de Meuron hat mir als junger Foto-Assistent den Atem verschlagen. Dann natürlich das Salk Institute in La Jolla bei San Diego. Die Sammlung Goetz, eines der ersten Gebäude von Herzog & de Meuron, in München.

Und welche Architektur spricht dich gar nicht an?

Schwierig finde ich Gebäude, bei denen die ganze Fanciness in der Fassade steckt, es innen aber nullachtfünfzehn aussieht. Da könnte ich zehn Beispiele geben – aber das sollte ich nicht in der Öffentlichkeit machen.

Wir danken Florian, dass wir einen Tag lang seine besondere Welt der Fotografie erkunden und sein außergewöhnliches Studio besuchen durften.

Gemeinsam mit USM produzieren wir Portraits für die Serie “Personalities by USM“, alle Details zur Einrichtung von Florian gibt es hier. Auf seiner Website zeigt Florian seine beeindruckenden Architekturaufnahmen. In unserem letzten Portrait der Serie haben wir uns mit Graffiti Künstler Andreas Ernst in Freiburg unterhalten.

Interview & Text: Annette Walter
Fotos: Conny Mirbach