Margot Deerenberg
Mitbegründerin von Paradocks, Landstraße, Vienna
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Kreativen Ideen Raum zu geben ist für Margot Deerenberg keine bloße Metapher. Mit der Zwischennutzungsagentur Paradocks sorgt die Stadtsoziologin dafür, dass leerstehende Gebäude mit Leben gefüllt werden und Talente keine Häuser besetzen, sondern auf legale Art Raum zur Entfaltung finden.

Im Packhaus arbeiten, tüfteln und kooperieren dank Margot Deerenbergs Einsatz mehr als 170 Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen – IT, Technik, Mode, Design, Wissenschaft, Handwerk, Soziales – auf insgesamt 2000m², verteilt auf sieben Etagen. Das Projekt in dem 1970er Jahre Bürogebäude direkt gegenüber der Sophiensäle läuft sehr erfolgreich. Die Vienna Design Week prämierte es und departure, das Kreativzentrum der Wirtschaftsagentur Wien, zeichnete es mit dem City Hype Award aus.

Margot ist für ihr Studium von Amsterdam nach Wien gezogen. Und sie ist gekommen, um zu bleiben – selbst wenn das Packhaus-Projekt Ende des Jahres zu Ende gehen sollte. Neue Planungen laufen auf Hochtouren. Nach ihrem morgendlichen Aufwärmprogramm im Wiener Prater empfängt uns die gebürtige Niederländerin in dem riesigen Bürogebäude. Mit ansteckendem Enthusiasmus stellt Margot uns das Packhaus und seine Nutzer vor.

Dieses Portrait wurde in Zusammenarbeit mit departure, das Kreativzentrum der Wirtschaftsagentur Wien, produziert und ist das 18. Portrait dieser Kollaboration.

Woher kommt der Name Paradocks?

Der Name weist auf einen Widerspruch hin. Einerseits gibt es Leerstand, andererseits viele Menschen, die auf der Suche nach Raum für ihre Ideen sind. Es geht darum, diese brachliegenden Räume als ungenutzte Ressourcen zu begreifen und mit Kreativität und Talent zusammenzubringen. Der Open Call für das Packhaus fand unter dem Motto ‚Raum sucht Idee’ statt. Es geht um das Andocken, daher Paradocks mit „ck“ und nicht mit „x“. Die Brücke in unserem Logo steht für „bridging potential“.

War es schwer, an so ein großes Gebäude zu kommen?

So einfach war es nicht. Ich habe zusammen mit einer Mitarbeiterin der Magistratsabteilung Stadtentwicklung das Projekt bei Conwert (Immobilienunternehmen, Anm. d. Red.) und einem Roundtable-Gespräch bei Alexander von der Bellen (der im Wiener Gemeinderat sitzt) vorgestellt. Wir haben uns für die Nutzung von zwei Stockwerken beworben. Dann erhielten wir den Anruf: „Entweder ihr nehmt das ganze Gebäude oder gar nichts.“ Um das gesamte Gebäude zu bitten, hatten wir uns gar nicht getraut. Die Verantwortung, die man damit übernimmt, ist riesengroß. Nach zehn Minuten Bedenkzeit haben wir zugesagt. Und ich kann mir im Moment keinen spannenderen Job vorstellen.

Warum habt ihr euch für Zwischennutzung und nicht für Hausbesetzung entschieden?

Weil wir glauben, dass Zwischennutzung eine nachhaltige Nutzungsart ist. Ich habe in Amsterdam Erfahrungen mit Hausbesetzungen gesammelt. Das klingt romantisch, ist aber in Wirklichkeit recht schwierig. Nicht dass Zwischennutzung so einfach wäre. Wir wollen versuchen, mit den Immobilieneigentümern auf Augenhöhe Verträge abzuschließen. Dafür ist es unerlässlich, mit dieser und nicht gegen diese Gruppe zu arbeiten. Unternehmen befinden sich genau wie wir in einer experimentellen Phase – wie geht man mit Zwischennutzung um? – und da wollen wir Mut machen und Ängste nehmen. Ich glaube, dass Besetzung für uns kein geeignetes Instrument darstellt, um das zu erreichen.

Was bietet ihr den Hausbesitzern im Gegenzug dafür an, dass sie ein Gebäude zur Verfügung stellen?

Zwischennutzung schafft ein positives Feedback für die Corporate Social Responsibility eines Unternehmens und trägt zu Aufwertungsprozessen im Umfeld des Gebäudes bei, ohne dass ich hier sofort von Gentrifizierung sprechen würde. Das sind zwei große Pluspunkte. Wir sind ein sicherer Partner auf Zeit. Welchen Benefit ein Vertragspartner daraus zieht, ist unterschiedlich. Bei kleinen Privateigentümern ist es oft die Freude, etwas zu ermöglichen und entstehen zu sehen. Das ist auch bei unserem aktuellen Partner Conwert, ein börsennotiertes Unternehmen, der Fall.

Aus was setzt sich deine Arbeit hier zusammen?

Wir haben zuerst einen Open Call ausgeschrieben und so viele Anfragen bekommen, dass wir vier Häuser hätten füllen können. Am Anfang waren wir Makler und haben alle Menschen durch das Haus geführt. Aus den Bewerbern mussten wird dann die geeignetsten auswählen. Daraufhin stand Facility Management auf dem Programm: Wen platzieren wir, zum Beispiel aus Lärmgründen, wohin? Im nächsten Schritt wurden wir Hausverwaltung slash Hausmeister. Bei einem Wasserschaden im Erdgeschoß kam uns ein richtiger Wasserfall entgegen. Also hieß es Leute anzurufen und zu koordinieren. Die reparieren etwas nur halb, lassen dafür den Müll liegen, den muss man wegräumen. Das sind Dinge, die viel Zeit kosten, aber: It’s part of the job.

Welchen Aspekt deiner Arbeit magst du am meisten?

Den Abwechslungsreichtum. Das beste Gefühl ist es einfach, in der Früh positiv und voller Tatendrang hereinzukommen und bei einer guten Tasse Kaffee darüber nachzudenken, was man vorhat. Ich bin froh, dass ich mir das erhalten habe. Wenn ich am Ende des Tages darüber nachdenke, was ich alles nicht geschafft habe, ist das natürlich eine andere Geschichte. (lacht) Man muss lernen, sich zu organisieren. In einem solchen Projekt lernt man sich selbst sehr gut kennen.

Wie habt ihr dieses Projekt konzipiert?

Wir wollten die Stockwerke an 54 kleine Büros vergeben und nicht als Co-Working-Spaces verwenden. Man sollte sich selber ein kleines Büro nehmen können, das man absperren oder offen lassen kann. Wichtig war uns, dass es hybride bleibt. Neben Künstlern und Architekten, die relativ schnell an solche Projekte kommen, sollten Sozial- und Forschungsprojekte in diesem Haus heimisch werden. Um möglichst viel Diversität hereinzubringen, haben wir einzelnen Stockwerken unterschiedliche Schwerpunkte zugewiesen. Im Erdgeschoss gibt es Add-Ons zur Infrastruktur des Gebäudes: Räume für Meetings und ein Photostudio zum Beispiel. Aber auch das Café, die Fahrradwerkstatt und Räume für Pilates, Yoga und Tanz.

 

Das Erdgeschoss vom Packhaus wirkt wie eine Art Café oder belebter Treffpunkt.

Wir nutzen das Erdgeschoss als Übergang zwischen Private und Public Space, damit nicht nur die Leute im Gebäude etwas davon haben. Gleichzeitig ist es auch Experimentierfläche, die wir allein oder mit Partnern bespielen. Wir kooperieren mit Universitäten und mit Festivals wie der Vienna Design Week und Vienna Open. Langsam laufen auch die Thinktanks, die ebenfalls im Erdgeschoss angesiedelt sind, an. Diese dienen als Selbstbeobachtungsinstanz und als Feedbackschleifen im Projekt und sind dazu da, unsere Erfahrungen aus diesem Projekt weiterzugeben, mit anderen zu teilen und zu diskutieren.

Ist Gentrifizierung ein Thema, mit dem ihr euch bewusst beschäftigt?

Ja, dieser Vorwurf steht immer im Raum. Ich glaube aber weder, dass diese Prozesse so schnell ablaufen, noch dass wir so einflussreich sind oder dass in diesem Teil der Stadt noch besonders viel gentrifiziert werden könnte. Generell stört mich, dass Gentrifizierung ein Mode-Wort, genauso wie Hipster, geworden ist, mit dem viele um sich werfen, das aber extrem schwammig geworden ist. Die Stadt verändert sich beständig. So wie sich die Haut erneuert, erneuert sich auch die Stadt immer wieder. Die Frage ist daher, was ist normale Aufwertung, was ist Gentrifizierung? Was ist schädlich, was nicht? Was man eigentlich thematisieren muss, ist, ob Menschen ausgegrenzt werden und ob es Ausweichmöglichkeiten für diese gibt – ob Verdrängung stattfindet und wie man darauf reagiert.

Gibt es Stadtquartiere, die du als marginalisiert bezeichnen würdest?

Ich wohne im Moment im elften Bezirk, Richtung Zentralfriedhof. Das ist teilweise schon eine krasse Gegend. Diese Ballung von marginalisierten Bevölkerungsgruppen, die keinen wirklichen Bezug mehr zu Wien haben und geographisch an den Rändern leben, scheint mir nicht ungefährlich. Natürlich sind auch diese Areale ein Teil von Wien, das ja nach wie vor wächst.

Welche Viertel findest du in Wien am spannendsten?

Ich mag die Ränder der Stadt. Noch weit nach der letzten U-Bahn Station gibt es sehr spannende Gegenden. Die Krieau mag ich besonders, vor allem wenn man weitergeht und zu diesen alten Holzhäusern gelangt. Eben jene Orte, die man normalerweise kaum zu Gesicht bekommt. Auch wenn es vielleicht cheesy klingt: Es ist das Unerwartete und Unbekannte, das in diesen Gegenden auf einen wartet.

Wie steht du zu dem ersten Bezirk?

Mittlerweile mag ich auch den ersten Bezirk, über den ich früher dachte, dass man ihn nicht nützt, in den selbst die meisten Wiener nur selten hingehen. Seitdem meine Familie und Freunde öfter zu Besuch kommen, gefällt es mir dort. Es ist für mich nach wie vor das Ausland, ein Ort, an dem ich selbst Tourist bin, mich mit den Einbahnen nicht auskenne und ständig verlaufe. Ich habe dann immer kurz das Gefühl, als würde ich gerade einen Städtetrip machen. Das fühlt sich eigentlich recht gut an.

Woran arbeitet ihr gerade?

Wir wollen weitere Räume realisieren, um den Potentialen und Talenten in dieser Stadt einen Raum zu geben. Es ist natürlich alles schön und gut, was wir hier tun, aber so wie die Dinge im Moment stehen, ist das Ende dieses Jahres vorbei. Daher ist es wichtig, sich beständig nach neuen Möglichkeiten umzusehen. Ein paar Ideen haben wir bereits in Planung.

Wie finanziert ihr euch?

Bis jetzt haben wir vor allem ehrenamtlich gearbeitet, aber das ist auf Dauer keine Lösung. Klar macht man das gerne – das Projekt ist unser Baby und wir stehen alle voll dahinter – aber um zukunftsfähig zu bleiben, müssen wir das weiterentwickeln. Da wir eine Verwaltungsgebühr, aber keine Miete verlangen dürfen, suchen wir im Moment nach alternativen Finanzierungmöglichkeiten wie Subventionen und Crowdfunding.

Wie werden die zukünftigen Projekte aussehen?

Wir wollen Projekte entwickeln, die finanziell tragfähig sind. Wir wollen ein Geschäftsmodell etablieren. Wie die zukünftigen Projekte konkret aussehen, hängt von der Beschaffenheit der betreffenden Gebäude ab. Das Packhaus konzentriert sich sehr stark auf kleine Unternehmen. Das muss bei anderen Projekten nicht der Fall sein. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man ein neues Gebäude betritt und sofort beginnt darüber nachzudenken, was man dort entwickeln könnte. Das ist einer der schönsten Momente, wenn alles noch offen ist, man Unmengen von Entwicklungspotential sieht und sich auf das, was kommt, freut.

Danke Margot und Paradocks für die Gastfreundschaft und das spannende Gespräch.

Wer mehr über die Aktivitäten von Paradocks erfahren möchte, kann das hier tun.

Dieses Portrait wurde in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsagentur Wien und ihrem Kreativzentrum departure produziert und ist das 18. Portrait dieser Kollaboration. Lerne noch mehr kreative Köpfe aus Wien kennen.

Video: Nikolaus Sauer
Fotografie: Maximilian Pramatarov
Interview & Text: Werner Sturmberger