Rainer Wendt
Restaurateur, Café Paris & Bar Le Lion, Altstadt, Hamburg
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Das Café Paris und die Bar Le Lion, davor die Bar Centrale, Le Paquebot und Atlas – Rainer Wendt ist verantwortlich für viele jener Orte in Hamburg, an denen wir gerne unsere Zeit verbringen.

Immer wieder eröffnete Rainer Lokale, die seinem Lebensgefühl entsprachen, und prägte so das Hamburger Stadtbild. Gerade hat er sein jüngstes Restaurant eingeweiht.

In die Gastronomie kam Rainer Wendt aus reinem Zufall. Er arbeitete als Handwerker auf der Veddel, einem Industriegebiet bei den Elbbrücken, als ein Freund den Kontakt zur Bar Centrale herstellte, die gerade zum Verkauf stand. Rainer wollte raus aus seinem Job, zusammen mit zwei anderen griff er zu. Das Wort „Zufall“ fällt sehr oft im Gespräch mit ihm. Aus Zufall kam er zur französischen Küche, der Zufall spielte ihm auch die Location einer alten Schlachterei für das Café Paris in die Hand. Doch genauso wichtig scheint seine stetige Lust auf Neues zu sein.

Seit er 22 ist, hat Rainer Wendt alle sieben Jahre ein neues Lokal eröffnet. Die Zahl ist, natürlich, reiner Zufall. „Mir ist es komischerweise nie schwer gefallen, mich von einem Laden zu trennen. Ich besuche diese Läden dann auch nicht mehr. Ich bin jemand, der sich stark nach vorne orientiert.“ Gerade hat er sein neuestes Projekt eingeweiht: L’Atelier, ein Raum für experimentelle Food-Konzepte. Auch hier ist der Kern der Idee, etwas zu schaffen, worauf er selbst Lust hat. Denn genau dann, das hat er gelernt, sind Ideen ansteckend.

Dieses Portrait wurde im Companion Magazine, einem Projekt für 25hours Hotels, entwickelt.

Lektion 1: Bar Centrale

Erweitere deinen Horizont.

Rainers Karriere als Gastronom begann da, wo in Hamburg fast alle guten Geschichten beginnen: auf dem Kiez. Das war in den Achtzigern, Rainer war 22 und der Kiez noch fast ausschließlich von Luden, Prostituierten und anderen Nachtgestalten bevölkert. Auf den ersten Kulturschock folgte die gute Laune: „Auf einmal stehst du hinter diesem Tresen und lernst eine Unmenge von Leuten kennen. Eigentlich haben wir alle nur noch zwei Tage die Woche gearbeitet. Ich habe seitdem nie wieder so viel Geld für so wenig Arbeit verdient. Heute arbeite ich fünfmal so viel!“ An seinen freien Tagen ging Rainer viel essen, lernte die Welt der Gastronomie kennen und bekam ein Gespür für gute Küche. Doch die wichtigste Erfahrung jener Zeit, sagt er, war der Kontakt mit anderen Menschen. „Dadurch öffnest du deinen Horizont für andere Lebenskonzepte. Einfach, weil da immer Leute am Tresen sitzen und interessante Geschichten erzählen. Du stellst dich breiter auf in der Birne.“

 

Lektion 2: Le Paquebot

Suche die Herausforderung.

Als Rainer das Restaurant im Thalia Theater übernahm, war dieses nicht gerade für seine Küche bekannt. „Vor der Vorstellung wurde das Essen für die Pause bestellt. Während die Gäste im Theater waren, verteilten die Kellner das Essen auf den leeren Tischen. Dann ballerte die Tür auf, 100 Leute stürmten rein, setzten sich an ihre Stammplätze und fingen an, das Essen in sich hineinzuschlingen. Nach 15 Minuten war das Spektakel vorbei und der Raum sah aus wie ein Schlachtfeld.“ Das wollte Rainer ändern. Über die Bekanntschaft zu einem belgischen Art-Deco-Händler bekam er Lust, ein Restaurant im Stil der alten Ozean- dampfer („paquebots“) einzurichten, die französische Küche folgte quasi dem Dekor, und alldem folgten die neuen Gäste. Le Paquebot war auch der Grundstein seiner immer noch andauernden Verbundenheit zur französischen Gastronomie. „In den neunziger Jahren kamen sehr viele Franzosen nach Hamburg. Die haben die Telefonbücher nach französischen Restaurants abgesucht, um als Kellner oder Koch anzuheuern. So habe ich unheimlich viele Franzosen kennengelernt. Auch mein jetziger Partner im Café Paris ist Franzose.“

Lektion 3: Atlas

Lokale brauchen immer ein bisschen Geschichte.

Nachdem Rainer das Le Paquebot verkauft hatte und sechs Monate auf Reisen war, folgte er seinem Bedürfnis nach mehr gastronomischer Freiheit und eröffnete mit dem Atlas sein zweites Restaurant. Die alte Fischräucherei in Altona fand er über eine Anzeige im Hamburger Abendblatt. „Da standen nur vier Mauern und ich fand das toll, so einen völlig unbespielten Raum zur Verfügung zu haben.“ Wie schon im Le Paquebot, baute er auch hier den Laden selbst aus. Den Namen hat er von einem seiner Lieblingsrestaurants in Los Angeles übernommen. „Man muss um seine Läden immer ein bisschen Geschichte bauen. Etwas, über das man reden kann.“

Lektion 4: Café Paris

Ruinen sind die besten Orte für Visionen.

Es war ein wenig wie Liebe auf den ersten Blick. Diese kommt ja bekanntlich gerne dann um die Ecke, wenn man sie am wenigsten erwartet–und Rainer hatte damals wirklich gar nicht die Absicht, ein neues Restaurant zu eröffnen. „Ich habe einen Typen kennengelernt, der hat in Würstchenbuden gemacht. Der hatte diesen Raum zusammen mit einer Bude gekauft, wollte aber eigentlich nur die Bude behalten.“ Wie oft im Leben bekommt man schon eine Schlachterei aus dem 19. Jahrhundert mit imposanter Jugendstildecke im Herzen Hamburgs angeboten? „Mir war sofort klar, dass ich diesen Laden machen muss. Und innerhalb von Sekunden wusste ich, wie er aussehen würde.“

Lektion 5: L’Atelier

Kenne deine Stadt – und andere.

Mit der Eröffnung des L’Atelier im Oktober 2014 wagt sich Rainer wieder ein Stück nach vorne. Ein gastronomisches Experiment soll es werden, unterschiedlichste Food-Konzepte sollen hier zusammenkommen. „Ich möchte da etwas machen, was auch für Hamburg neu ist. Ein Raum, in dem man zusammen ausprobieren kann, wie eine Werkstatt.“ Das Konzept ist beeinflusst von Berlin, wo Rainer inzwischen viel Zeit verbringt, und anderen Großstädten, die er sehr schätzt. „Das Gefühl einer Stadt hat ganz viel damit zu tun, was man gastronomisch machen kann. Man muss sich fragen, ob die Leute das Konzept verstehen werden. Ich bin seit über 50 Jahren in Hamburg, da kommt dann irgendwann nicht mehr viel hinzu.“

Danke, Rainer!

Dieses Portrait wurde im Companion Magazine, einem Projekt für 25hours Hotels, entwickelt. Mehr Informationen zur aktuellen Ausgabe gibt es im FvF Journal

Einen Besuch in Rainers Café Paris sollte man sich nicht entgehen lassen! Mehr kulinarische Inspiration gibt’s bei FvF Cooks. Alle Portraits aus Hamburg findet ihr hier.

Fotografie: Robbie Lawrence
Text: Antonia Märzhäuser