Gebäude von gelassener Selbstverständlichkeit: Die Architektur von Mark Randel
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Mark Randel pendelte bis vor Kurzem noch zwischen Berlin und Shanghai. Als Designdirektor betreute er Projekte für David Chipperfield Architects in China. Das Besondere seiner Arbeiten liegt in gründlicher Recherche und dem behutsamen Umgang mit Materialien, Licht, Sichtachsen und Formen.

Aktuell plant Mark Randel zwei Wohnprojekte in München, die er in Zusammenarbeit mit David Chipperfield entworfen hat. Eines davon liegt im Herzogpark, in der Kolberger Straße 5.

Dieses Interview mit Mark Randel gehört zu unserer Kollaboration mit dem Münchener Immobilienentwickler Euroboden. Mehr Informationen zu der Partnerschaft erscheinen am Ende des Artikels.

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Das Studio von Mark Randel befindet sich in einem Altbau in Berlin-Mitte, in der Tucholskystraße.
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Projekte, die unter Mark Randels Designdirektion entstanden sind

„Wie Wissenschaftler lassen wir uns Zeit für die genaue Recherche und zum Ausprobieren.”

Wer hinter David Chipperfield, dem Meister des britischen Understatement und der handwerklichen Finesse, als Architekt quasi verschwindet, muss selbst einen Sinn für die leisen, zurückgenommenen Töne haben. Und tatsächlich: Mark Randel lässt sich Zeit für überlegte, wohl formulierte Antworten. Er agiert ebenso ruhig und freundlich wie er seine Entwürfe verstanden wissen will: „eine ruhige, unaufdringliche Architektur, die von großer Achtsamkeit im Umgang mit dem Ort und den Bedürfnissen der Bewohner geprägt ist.“

„Natürlich ist auch immer ein Stück Ego dabei“, gesteht er. „Aber für mich ist Architektur gut, wenn sie eine gewisse Selbstverständlichkeit hat. Wenn man das Gefühl hat, dass sie für diesen Ort die richtige Antwort ist. Das heißt nicht, dass man am richtigen Ort nicht auch mal etwas Skulpturales, Expressiveres bauen kann. Aber es soll nicht der Anspruch sein, jedem Ort seinen Stempel aufzudrücken. Ich finde, es gibt viel mehr Situationen, in denen es mehr um das Einfügen geht. Das gute Hinschauen, das gute Beobachten.“

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Das Wiedererkennbare an Chipperfields Architektur ist vielleicht eher die Herangehensweise: „Wir versuchen, das Entwerfen hinauszuzögern. Wie Wissenschaftler lassen wir uns Zeit für die genaue Recherche und zum Ausprobieren. Egal, in welchem kulturellen Kontext wir arbeiten, grundsätzlich wird erst einmal das zum Thema, was wir am Ort vorfinden,” beschreibt Randel den jeweiligen Kontext als entscheidende Inspirationsquelle. “Wir fragen: Was hat für die Menschen, die dort leben, eine Bedeutung? Der Entwurfsprozess ist einfacher, wenn es einen Kontext gibt, an dem man sich reiben kann. Dann haben wir einen Anknüpfungspunkt.“

In China, wo Randel seit 2005 bis Ende letzten Jahres Chipperfields Shanghaier Büro entwurflich betreut hat, sind Architekten oft mit dem Gegenteil konfrontiert: „Da wird die Stadt in Planquadrate eingeteilt und alles ist möglich. Da muss das Konzept von innen heraus generiert werden.” In europäischen Städten funktioniert dieser Prozess anders: “In den Projekten, die mit dem Bestand umgehen, steht das Büro Chipperfield dafür, einen Spagat zu schaffen zwischen einer starken, modernen Formensprache, die aber nicht im Kontrast zum Bestand steht,” sagt Randel, “sondern die gleichzeitig etwas ergänzt, das vorhandene Qualitäten auf eine gefühlvolle Art herausarbeitet.“

„Es ist schon mein Anspruch, dass ein Gebäude über die Jahre immer schöner wird, durch Wind und Wetter.”

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Mark Randels Fotografie

„Während man in der Architektur oft sehr viel nachdenken muss, funktioniert das Fotografieren ganz intuitiv.“

Beobachten, ausprobieren, sich gefühlvoll einfügen. Diese Methode zieht sich seit frühester Jugend durch Randels ästhetische und professionelle Entwicklung. Aufgewachsen in einer designverrückten Familie—die Mutter Kunstlehrerin, der Stiefvater Kunstprofessor, der Vater Geschäftsmann mit abgebrochenem Architekturstudium—wurde die Heidelberger Wohnung alle paar Jahre nach dem neuesten Geschmack der Sechziger, Siebziger und Achtziger Jahre eingerichtet. Schon mit 16 Jahren belegte Randel Architektur als Leistungsfach, mit Spezialisierung auf Frank Lloyd Wright und arbeitete nach dem Abitur ein Jahr im Architekturbüro eines Familienfreundes. „Ich habe dort praktisch alles gelernt, vom Aufmaß übers Zeichnen bis hin zu den Detailplänen. Am Ende wurde ich wie ein Architekt behandelt.“ Auch an der überfüllten Architekturfakultät am Politecnico in Mailand, wo Randel als DAAD-Stipendiat das „beste Jahr seines Lebens“, wie er sagt, verbrachte, blieb es beim learning by doing.

Das eigentliche Sehen, „das gute Beobachten“ wie Randel es nennt, lernte er an der ehemaligen Hochschule der Künste in Berlin bei Martin Walter, einem Eiermann-Schüler. Anstatt seinen Studenten das Strenge, Klare, Geradlinige der deutschen Bauhaus-Tradition zu vermitteln, zeigte er ihnen großformatige Dias von seinen Architekturreisen. Im Schummerlicht des Diaprojektors festigte sich Randels Begeisterung für Details und Materialien—und für das Medium der Fotografie. Das Schöne daran sei, dass hier kein intellektueller Anspruch mitspielt: „Während man in der Architektur oft sehr viel nachdenken muss, funktioniert das Fotografieren ganz intuitiv. Ich beschränke mich nicht, ich beleuchte kein bestimmtes Thema, ich sehe einfach etwas und halte es fest. Erst im Prozess des Editierens ordne ich die Sachen dann manchmal nach Themen oder Kategorien.“

Ganz wie der Architekt John Pawson, dessen Bild-Dialoge zwischen Details, Formen und Materialien in Kunst und Natur mehrere Bildbände füllen, entwickelt Randel hieraus Ideen für seine architektonische Praxis. Auch im Umgang mit Bauherren kann er aus seinem Bildarchiv schöpfen, um abstrakte Konzepte oder die besondere Qualität eines Materials zu veranschaulichen. Zum Beispiel, um zu zeigen, dass Kopfsteinpflaster nicht gleich Kopfsteinpflaster ist. „Auf Fotos kann man auch sehr gut zeigen, wie Dinge altern. Denn es ist schon mein Anspruch, dass ein Gebäude über die Jahre immer schöner wird, durch Wind und Wetter. Das ist auch ganz klar eine Prägung von David, diese Aversion gegen künstliche Materialien, die nach ein paar Jahren von der Fassade abfallen und die nicht altern, sondern nur dreckig werden.“

Chipperfield und Pawson, die strengen Briten, waren schon im Studium Vorbilder. „Und Zumthor natürlich. Der war Gott“, sagt Randel. Daher war der Start im Büro Chipperfield 1995, nach einem Jahr „blauäugiger“ Selbstständigkeit, geradezu selbstverständlich. „Die sehr reduzierte Formensprache, sehr klare, übersichtliche Räume, haptische, natürliche Materialien, einfach diese sehr ruhige, atmosphärische Architektur hat mich begeistert. Damit habe ich mich sofort identifizieren können.“ Schon beim ersten Projekt, einer Backsteinvilla in Dahlem, zeigte sich, wie sehr sich Randels Vorstellung von guter Architektur mit der von David Chipperfield überschneidet.

„Architektur, die von einem tiefen Verständnis von Menschen, Umgebung, Materialien geprägt und durchdacht ist, macht im besten Falle glücklich.“

In seinem Berliner Studio, einer hellen Altbauwohnung in der Tucholskystraße in Mitte, steht das Modell eines sehr exklusiven Wohnhauses, das Randel gerade in enger Zusammenarbeit mit David Chipperfield realisiert—„Kolberger 5“ in München Bogenhausen. Mit spitzem Finger nimmt Randel einen Teil des Schaugiebels vom Dach. In einem kleinen Atrium gibt es ein lichtreflektierendes Wasserbassin, um das herum sich die künftigen Bewohner einen kleinen Garten mitten in der Wohnung einrichten können. „Ich will das Naturerlebnis rein ins Haus holen“, erklärt Randel die Idee dahinter.

„Architektur, die von einem tiefen Verständnis von Menschen, Umgebung, Materialien geprägt und durchdacht ist, kann sehr sinnlich sein und im besten Falle den Bewohner oder Betrachter wirklich berühren. Sie macht im besten Falle glücklich.“ Dieses Glücksgefühl transportiert sich für Randel wesentlich über das Haptische, das Material: über einen Holzboden, über den man barfuß geht, oder die Morgensonne auf dem Frühstückstisch.“

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Die Materialität ist ein zentraler Dreh- und Angelpunkt für Randels Projekte. In seinem Büro begutachtet er Materialien eingehend.
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Mark Randels subtile und ruhige Formsprache wird in seinem Büro in Berlin-Mitte gestaltet. Derzeit kooperieren er und David Chipperfield mit dem Münchner Immobilienentwickler Euroboden: Kolbergerstraße 5 heißt das moderne Stadtpalais, das im Münchner Stadtteil Bogenhausen entsteht. Wer mehr über Mark Randels Arbeit erfahren möchte, besucht seine Website und weitere seiner fotografischen Arbeiten finden sich auf seinem Instagram-Account.

Text: Sarah Elsing
Fotografie: Conny Mirbach, Mark Randel, David Chipperfield Architects, Simon Menges, Christian Richters