Freunde von Freunden

Jennifer Wiebking
Fashion Journalist, Apartment, Frankfurt
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Frankfurt ist für Jennifer Wiebking eine Stadt, die einen in Ruhe lässt. Ausgesucht hat sich die Modejournalistin ihren Wohnort allerdings nicht aus persönlichen Gründen, sondern aufgrund ihres Berufs. Sie arbeitet im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeine Zeitung, wo sie an der Seite von Alfons Kaiser auch beim Magazin mitwirkt.

Aufgewachsen in Hannover, entdeckte die Modejournalistin ihre Leidenschaft zur Soziologie der Mode bereits in der Schule. Im Lehrer-Schüler-Verhältnis begann sie die Auswirkungen der Kleidung soziologisch auszutesten. Im Ausland hingegen warf sie den Blick auf die Defilees der internationalen Designer. Während eines Englandaufenthalts in der elften Klasse war sie so fasziniert vom selbstverständlichem Umgang mit Mode dort, dass sie wenige Jahre später an die University for the Creative Arts in London ging, um Modejournalismus zu studieren.

Im Anschluss arbeite sie frei und als Praktikantin für Harper’s BAZAAR, The Times und Vogue in London, für Elle.com und W in New York und Women’s Wear Daily in Berlin und schließlich ging sie nach Hessen, um für die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu arbeiten. Die eifrige Modejournalistin hat schon viel gesehen und getragen, aber am wohlsten fühlt sie sich in der Kleidung ihrer Mutter. Auch ihre Wohnung im Frankfurter Nordend ist eher bescheiden eingerichtet. Für Jennifer ist weniger das Materielle wichtig und viel mehr die Soziologie, die hinter dem steckt, was uns umgibt.

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Was interessiert dich besonders an Mode?
Mich interessiert vorrangig die Soziologie dahinter. Ich glaube, dass es für viele Leser interessanter ist zu erfahren, was zum Beispiel das Tragen von bunten Mützen auf der Straße aussagt, als dass eine Mütze aus einer bestimmten Schurwolle besteht. Materialien sind der Ausgangspunkt. Mit schlechten Materialien kann etwas kaum schön aussehen. Gute Materialien sind sehr wichtig, aber das ist nicht das, womit ich mich vorrangig auseinandersetzen würde. Auch den wirtschaftlichen Aspekt finde ich sehr interessant. Die Marktsituation, welche Unternehmen wie stehen verrät dann ja auch wieder etwas über die Gesellschaft.

Wie findest du die Modekritik in Deutschland?

Ich finde, dass sie ganz gut funktioniert. Es ist lange nicht so eine große Maschinerie wie man es aus den USA oder England kennt. Von der Quantität kann es sich also nicht mit dem Ausland messen, aber von der Qualität schon, finde ich. Die deutsche Modekritik ist sehr kritisch, so wie es sein soll.

Was macht für dich gutes Modedesign aus?

Es hängt nicht von bestimmten Designern ab, ich habe nämlich keine Lieblingsdesigner, sondern versuche von Saison zu Saison zu entscheiden, ob ich das, was ich auf dem Laufsteg sehe, gut finde oder nicht. Ob die Kollektion in sich schlüssig ist, ist der wichtigste Punkt. Inwiefern sie eine Weiterführung der letzten Kollektion ist, inwiefern der Designer damit weiter gekommen ist oder er eigentlich wieder genau das Gleiche zeigt, finde ich sehr wichtig. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, ob und wie es in unsere Zeit passt.

Du sagtest, dass du keine Lieblingsdesigner hast. Aber gibt es welche, die das, was du gerade beschrieben hast, besonders gut hinbekommen?

Ich finde Miuccia Prada bekommt es außerordentlich gut hin. Zum Beispiel bei ihrer Frühjahrskollektion von 2013, kommt das Leben wunderbar zum Vorschein. Ich habe die Kollektion zum Teil als Kommentar zur Kaufkraft im fernen Osten verstanden, wo viele Designer neue Boutiquen eröffneten und eine gewisse Goldgräber-Stimmung herrschte. Pradas Kollektion war japanisch angehaucht, obwohl sie sagte, dass dies Zufall gewesen sei. Aber selbst wenn es Zufall war, so war es vielleicht unbewusst. Japan zählt ja zur westlichen Welt. Deshalb war es ein gewisses Symbol der Solidarität.

Was hältst du von dem hochgelobten Raf Simons?

Viel! Sehr, sehr viel. Ich fand seine erste Dior-Frühjahrs-Kollektion sehr gut. Ich fand auch das, was er bei Jil Sander gemacht hat, wahnsinnig schön. Aber ich finde es gut, dass Jil Sander zurück ist, denn sie bringt wieder eine andere Tragbarkeit, eine andere Lebensnähe rein, die kommerzieller ist und von den Häusern gewünscht wird.

Wie stehst du dem Diskurs “Mode ist Kunst“ gegenüber?

Ich finde, Mode ist allenfalls angewandte Kunst. Mode hat immer einen praktischen Grund. Mode ist dazu da, dass man sie trägt. Es ist wie beim Design, es hat etwas sehr pragmatisch Praktisches. Aber natürlich, wenn etwas auf dem Laufsteg gezeigt wird, ist es immer auch eine Art Performance. Als Jil Sander im September 2010 beispielsweise die langen Röcke mit den Schößchen von Raf Simons zeigte, sah es aus wie ein Kunstlauf. Auf der anderen Seite, konnte man wenig später Frauen sehen, die diese Röcke auf der Straße getragen haben. Also ist es doch wieder ein Beispiel für angewandte Kunst.

Und wie gehen deine Eltern mit Mode um?

Meine Mutter findet es ganz toll. Für sie ist Mode ein Mittel, womit man sich gut oder sogar besser fühlt. Es ist auch so, dass ich ganz viele Sachen von ihr trage. Vieles, was sie nicht mehr mag, übernehme ich und trage es weiter. Mein Vater liest immer meine Stücke, aber er ist nicht sehr modisch.

Was für einen Stellenwert hat Mode in Deutschland?

Ich finde, leider noch keinen hohen im Vergleich zum Ausland. In England oder Amerika gehört Mode viel mehr zum Leben. In Deutschland wird es schneller als etwas Oberflächliches abgewertet. Ich glaube, es ist tief in den Deutschen verankert. Die Deutschen haben ein protestantisches Verhältnis zur Mode und schönen Dingen. Das finde ich eigentlich schade. Denn Mode ist ein Spiegelbild der Seele. Mich interessiert auch mehr die Art, wie wir uns kleiden, als die Mode, die auf dem Laufsteg zu sehen ist. Sie ist ganz toll und ich schaue sie mir auch sehr gerne an, aber was mich wirklich interessiert ist, welches Gesicht wir jeden Morgen der Welt zeigen. Das könnte noch einen höheren Stellenwert in Deutschland bekommen. Aber ich glaube, es ist auf einem ganz guten Weg. Es wächst eine andere Generation heran, die damit anders umgeht und für die das wichtiger wird.

Warum ist Mode für die heranwachsende Generation wichtiger?

Ich glaube, dass gutes Leben einen höheren Stellenwert bekommt. Die Deutschen schämen sich nicht mehr so zuzugeben, dass sie gut leben wollen. Das sieht man daran, dass Aspekte wie gutes Essen, Einrichten oder Verreisen wichtiger werden und auch, wie wir uns kleiden. Gesundheit ist ebenfalls ein Thema, was die Leute immer mehr interessiert. Sie achten mehr auf ihre Gesundheit und auf ihre Fitness.
Das geht mit dem Aussehen und somit auch mit der Mode einher. Die Leute interessieren sich mehr dafür, wie sie besser leben, besser wirken und somit besser aussehen können. Im Leben-Ressort haben wir nun auch zwei neue Gesundheitsseiten und Mode spielt auch eine immer wichtigere Rolle.

Es gibt Journalisten, die Blogs ablehnen. Wie stehst du dazu?

Ich lehne es auf keinen Fall ab. Ich finde sehr gut, dass es sie gibt, denn das hat auch die Modemedienlandschaft bunter und struppiger gemacht. Modepilot lese ich sehr gerne, sowie Fashionista, New York Magazine’s ‘The Cut’, Into the Gloss und Style.com’s ‘Style-File-Blog’ gefallen mir. Das Einzige, was ich nicht nachvollziehen kann, ist die Tatsache, dass sich viele Blogger mit Produkten leicht kaufen lassen. Denn für mich ist das große Alleinstellungsmerkmal als Blogger die Unabhängigkeit. Diese mir nichts, dir nichts für einen Mantel von C&A aufzugeben, kann ich nicht nachvollziehen. Das finde ich schade, denn dadurch verlieren viele an Glaubwürdigkeit. Die Blogs, die ich lese, machen das ja auch nicht und sind sehr vertrauensvoll. Ich würde auch mittlerweile gar keinen so großen Unterschied mehr machen zwischen dem, was Blogs oder Online-Magazine machen.

Worüber definiert sich die Mode von heute?

Alles, was wir heute haben, definiert sich über die Vergangenheit. Mir ist das mittlerweile schon sehr über. Es ist natürlich schön, dass man die Wurzeln ganz klar erkennen kann. Der Retro-Trend richtet sich auch an die Kunden in den neuen Märkten. Denn dort werden ja gerade die letzten 70 Jahre modisch rauf und runter erzählt für diejenigen, die es nicht miterleben konnten. Ich sehne mich aber sehr danach herauszufinden, was uns definiert, und nicht nachdem, was wir mal waren. Mit ist das Hier und Jetzt wichtig.

Vielen Dank Jennifer Wiebking für das Gespräch und die Einblicke in die Modewelt. Zu den von ihr veröffentlichten Artikeln bei der Frankfurter Allgemeine Zeitung geht es hier.

Fotos: Marc Krause
Interview & Text: Meltem Toprak

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