Evangelia Koutsovoulou über den Geschmack ihrer Kindheit, Zufälle und Wagemut
Mit Daphnis and Chloe ergründet die Unternehmerin die verborgene Welt griechischer Kräuter, Athens
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Die Ladenfront von Evangelia Koutsovoulous Kräuter- und Gewürzgeschäft Daphnis and Chloe lässt sich bereits erriechen, noch bevor man sie zu Gesicht bekommt. Ätherische Aromen erfüllen die Luft auf der offenen, baumgesäumten Straße zwischen Akropolis und Philopapposhügel, mitten in Athen.

Wie viele junge Griechen strahlt Evangelia ein erfrischendes Selbstbewusstsein und eine klare Direktheit aus. Sie spricht auf eine bedachte und bescheidene Art, während sie ihr Leben in Athen und die Entwicklung ihres mittlerweile bekannten Geschäfts Daphnis and Chloe schildert. Evangelias Reise in die Welt der Kräuter und Gewürze begann – zweifelsohne durch ihre Kindheit vorbestimmt – ganz organisch, beeinflusst durch Ort, Zeit und eine Zufallsbegegnung. Ihre Geschichte und der darauffolgende Erfolg ihres Unternehmens inspirieren dazu, öfter der eigenen Intuition zu folgen, Wagnisse einzugehen und dem Unbekannten offen gegenüber zu stehen.

Dieses Porträt ist eine Zusammenarbeit von Werde und FvF, die sich der kreativen Arbeit mit Natur widmet. Besucht die Website von Werde für ein persönliches Picknick-Rezept von Evangelia.

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Zu Fuß unterwegs Richtung Akropolis.
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Die Ladenfront von Daphnis and Chloe lässt sich bereits erriechen, noch bevor man sie zu Gesicht bekommt.
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In den Regalen von Daphnis and Chloe findet man alles von aromatischen Fenchelsamen, über geräucherte Chiliflocken bis hin zu Majoran.

Evangelia ist in einer kleinen Stadt in Zentralgriechenland aufgewachsen und hat viel Zeit ihres Lebens auf dem Land verbracht. „Mein Vater liebt Berge, was für mich als Kind ziemlich frustrierend war, weil meine Freunde zum Strand und wir stattdessen in die Berge fuhren“. Essen spielte in ihrer Familie schon immer eine wichtige Rolle. „Man hätte uns wahrscheinlich als ’food snobs’ bezeichnen können, aber eigentlich haben wir sehr einfach gegessen. Die griechische Küche ist per Definition eher schlicht.“ Mit 17 Jahren zog es Evangelia zum Studieren nach Italien, anschließend arbeitete sie für einige Jahre als Mode- und Stil-Journalistin in Mailand. Während ihrer Zeit in Italien entdeckte Evangelia das Kochen mit Freunden als eine natürliche Art der Weiterbildung für sich. Italienisches Essen erschien ihr viel komplexer und feinsinniger als das, was sie aus ihrer Heimat gewohnt war. „In meiner Studienzeit in Italien stellte ich fest, dass meine Unifreunde tatsächlich sehr gut kochen können: Sie machen wirklich gute Pasta und nehmen ihren Kaffee sehr ernst. So wurde meine etwas wählerische Art in solchen Dingen ganz nebenbei zu einem festen Bestandteil meines Lebens.“

Dieses soziale Umfeld, in dem hochwertige Nahrungsmittel und auserlesene Zutaten von großer Bedeutung waren, ließ Evangelia ihre Neugier für griechische Kräuter und deren kulinarisches Potenzial entdecken. „Es gab da eine ältere Dame in dem Dorf, in dem ich als Kind meine Sommer verbrachte, die in den Bergen Oregano pflückte und von dessen Verkauf lebte.“, erzählt Evangelia. „Es war eine Familientradition, Oregano bei ihr zu kaufen. Irgendwann brachte ich genau diesen Oregano mit nach Italien und eine Freundin bat mich daraufhin jedes Mal wenn ich zurückfuhr, ihr welchen mitzubringen.“ Evangelia fragte sich, warum eine Italienerin sich ausgerechnet für griechischen Oregano begeisterte. Diese Verwunderung brachte sie auf den Weg, der letztendlich zu ihrem eigenen Geschäft führen sollte: Daphnis and Chloe.

„Ich hatte das Gefühl, mit einem Mal eine ganze Welt in Griechenland offenzulegen, diese verborgene Welt aus atemberaubenden kulinarischen Kräutern!“

„Ich hatte das Gefühl, mit einem Mal eine ganze Welt in Griechenland offenzulegen, diese verborgene Welt aus atemberaubenden kulinarischen Kräutern!“ In kleinen Mengen hergestellt und aus abgelegenen Gegenden bezogen, hat Evangelia daran gearbeitet, ein Repertoire aus Kräutern und Gewürzen aufzustellen, die „zum ersten Mal ihren Ursprungsort verlassen“. Wie bei so vielen Kreativen waren es zufällige Entdeckungen und die Anziehung der “weniger ausgetretenen Pfade“, die Evangelia weitermachen ließen und ihr letztlich die Entscheidung nach Griechenland zurückzukommen, abnahmen. „Als ich meinem Vater erzählte, dass ich alles hinter mir lassen und nach Griechenland zurückkehren würde, um in den Kräuterhandel einzusteigen, sagte er zu mir, ich sei verrückt. Ich aber wusste, dass dies mein Weg war.“

Evangelias Entscheidung, gerade in Zeiten der Finanzkrise zurück nach Athen zu ziehen, um ein eigenes Unternehmen zu gründen, mag als ein Wagnis erscheinen. Gerade für jemanden, der sich bereits etwas aufgebaut hatte und sich auf dem sowieso schon schwierigen Arbeitsmarkt in Italien zu behaupten wusste. Aber sobald Evangelia angefangen hatte, gab es für sie keine Zweifel mehr an dem, was sie tat. Athen war der bestmögliche Ort, um ein Geschäft zu eröffnen, das mit griechischen Küchenkräutern handelt und Evangelias Leidenschaft, Tatendrang und Erfolg charakterisieren die Geisteshaltung vieler junger Griechen, die sich weigern von einer Krise definiert zu werden, die sie nicht verursacht haben.

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Gemeinsam mit Evangelia sind wir in die Peloponnes aufgebrochen, bereit für eine neue Kräuterernte.
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„Es gibt so vieles, dass du im Umgang mit natürlichen Erzeugnissen nicht planen kannst, weil entweder jemand anderes oder die Natur die Planung für dich übernimmt.“, erklärt Evangelia.

„Die Nacht haben wir in Leonidio, einem pittoresken Dorf am Fuße des Parnon-Gebirges verbracht. Es ist ein Segen, dass ich durch meinen Beruf Orte wie diesen entdecken kann, die zwar sehenswert, aber keine klassischen Touristenattraktionen sind.“

Während des laufenden Betriebs von Daphnis and Chloe handelt Evangelia mit verschiedenen Bauern aus den mitunter entlegensten Gegenden Griechenlands. Ein Prozess, der genaue Kenntnis über die Landschaft, das Wetter, den Anbau und die Gemeinden vor Ort voraussetzt. Evangelias unstillbarer Recherchetrieb sowie ihr enges Netzwerk aus Freunden und Familie haben ihr geholfen, Kräuter in der höchsten Qualität, angebaut von den besten Farmern, ausfindig zu machen. Sie unterhält enge Beziehungen zu ihren Lieferanten, von denen nicht wenige überrascht waren, eine junge Frau an der Spitze des Unternehmens vorzufinden. Manche von ihnen sind bereits so etwas wie Familie für sie geworden. „Wenn es um die besten Kräuter-Quellen geht, passiert nichts ohne menschliche Beziehungen“, sagt Evangelia. „Durch diesen Beruf habe ich gelernt zu verhandeln – manchmal muss man Wasser zum Wein hinzugeben, um den Dingen ihren Lauf zu lassen und einen Schritt zurücktreten. Nicht alles wird so funktionieren, wie du es dir vorgestellt hast. Damit musst du einfach deinen Frieden finden.“

Glücklicher Zufall und Timing haben nicht nur Evangelias Kräuterentdeckung ausgelöst, sie diktieren mittlerweile auch die Ernte und Qualität ihrer Produkte. Das Wetter oder das Klima lassen sich nicht kontrollieren, ebensowenig wie der Ernteprozess. Evangelia hat gelernt, jene unvorhersehbaren Momente, die ihr Arbeitsfeld mit sich bringt, hinzunehmen. „Es gibt so vieles, dass du im Umgang mit natürlichen Erzeugnissen nicht planen kannst, weil entweder jemand anderes oder die Natur die Planung für dich übernimmt.“, sagt sie. In einem Bereich tätig zu sein, der eine konstante Aufmerksamkeit gegenüber natürlichen Prozessen und organischen Materialien erfordert, wirkt sich auch auf Evangelias persönliche Einstellung aus und hält Einzug in ihr alltägliches Leben. „Wenn du mit Kräutern zu tun hast, lernst du den natürlichen Kreislauf der Jahreszeiten kennen und das wirkt unausweichlich auch auf dein Leben ein, beispielsweise beim Einkaufen. Für mich ist es selbstverständlich geworden, mit guten und naturbelassenden Zutaten zu kochen, von denen ich genau weiß, wo sie herkommen.“

Mediterrane Kräuter von Daphnis and Chloe

Mehr Nähe zur Natur und zum Land sind die wohl schönsten Nebeneffekte von Evangelias Karrierewechsel. Sie genießt es, früh aufzustehen um den Sonnenaufgang zu sehen – etwas, das sie in ihrem vorherigen Job nie gemacht hat. Und wenn sie es schafft, geht sie schwimmen oder in die Berge. Auch wenn sie nicht immer auf dem Land sein kann, bleibt Athen eine Stadt mit angenehmen Klima. Am liebsten macht Evangelia Feierabend solange es noch hell ist, um auf den Philopapposhügel zu steigen und dort die abendliche Brise zu spüren.

„Wir stehen irgendwie immer noch am Anfang und es gibt noch so viel zu verbessern, in dem was wir tun und wie wir es tun“, sagt sie über ihr Unternehmen. „Ich würde mich selbst nicht als Kräuterexpertin bezeichnen, ich sehe mich eher als jemanden, der einfach Kräuter liebt und neugierig bleibt, mehr über sie zu erfahren.“, fügt sie bescheiden hinzu. Aber jeder, der schon mal mit ihrem „Oregano aus Amorgos“ gekocht hat, wird hier gerne widersprechen. Für Evangelia repräsentiert ihr Unternehmen einen Prozess kontinuierlichen Lernens und Verbesserns. Mit Daphnis und Chloe zu wachsen, wird niemals heißen, bodenlos zu expandieren, sondern vielmehr das Gespür für gute Kräuter immer weiter zu verfeinern. „Es ist ja nicht so, als würden wir etwas tun, das noch niemand vor uns getan hätte, wir betreiben keine Nanotechnologie oder Pionierarbeit in irgendeiner anderen Hinsicht. Es geht hier einfach um eine sehr spezielle Sache. Und gerade heute, mehr denn je, gibt es wieder den Raum für spezifische Dinge. Genau das liebe ich daran, denn für mich macht das eine sehr starke Verbindung zu einem Griechenland auf, wie es in seinen besten Jahren war.“

In Monastiraki, dem alten Handelszentrum Athens, kann man sich immer noch ganze Straßenzüge entlang treiben lassen, die sich auf ein bestimmtes Produkt spezialisiert haben. Es gibt eine Straße für Türklinken, eine Straße für Brillen, eine Straße für Seile und so weiter. Evangelia ließ sich von der Hingabe, Expertise und Spezialisierung dieser Händler inspirieren. In einer Zeit, in der große Firmen kontinuierlich alles vereinheitlichen, wo einzelne Produktteile auf entgegengesetzten Seiten der Welt produziert werden, in der Jahreszeiten nicht länger den Füllstand von Supermarktregalen vorgeben, liegt umso mehr Schönheit und Sinnstiftung im Natürlichen, im Organischen und im Spezifischen. Mit Daphnis and Chloe lädt Evangelia uns dazu ein, die verfeinerten Geschmäcker zu zelebrieren, die uns unsere globale Existenz so oft vermissen lässt.

Wer in den Genuss von Evangelias Kräutern kommen möchte,

wird in Berlin bei Goldhahn und Sampson, auf der Speisekarte von Lok6 oder natürlich im Onlineshop von Daphnis and Chloe fündig. Auf Evangelias Website findet ihr darüber hinaus verschiedene Rezepte und einen persönlichen Athen-Guide.

Entstanden ist dieses Porträt in Zusammenarbeit von FvF und Werde, basierend auf einem gemeinsamen Interesse an kreativer Arbeit, die sich Naturthemen widmet. Hier geht es zu Evangelias persönlichem Picknick-Rezept auf Werde. Die Printausgabe mit ihrem Porträt bekommt ihr online und am Kiosk. Wer mehr zu unserer Zusammenarbeit mit Werde wissen möchte, findet hier alle bisherigen Geschichten.

Text: Grace Herbert
Fotografie: Adrianna Glaviano
Übersetzung: Pia Gralki