Studio Drift simulieren die Intelligenz von Vogelschwärmen und lassen Drohnen unter freiem Himmel tanzen
In der entrückten Kunst von Lonneke Gordijn und Ralph Nauta trifft Technologie auf Naturphänomene, Miami
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Smartphones, selbstfahrende Autos, künstliche Intelligenz – die Gegenwart fühlt sich immer mehr wie die Zukunft an. Der rasante technologische Fortschritt wirft auch in der Kunst viele Fragen auf. Das niederländische Studio Drift sucht nach Antworten, in dem es Natur und Technik in Einklang bringt.

Es ist dunkel am Strand von Miami. Hunderte Gäste haben sich an diesem Dezemberabend hier zusammengefunden, denn es ist Art Basel. Wie jedes Jahr zieht die amerikanische Schwester der Schweizer Kunstmesse das Who is Who der internationalen Kunstszene nach Florida. Gebannt schaut man in den Nachthimmel, wo über dem Meer langsam Lichter aufsteigen, sich verdichten, ineinander und auseinander treiben. Wie eine große Schar Vögel, die über dem Wasser Wolken bildet oder spontan die Richtung wechselt, sind hier 300 Drohnen in der Luft, tanzend, taumelnd, mit LEDs, Sensoren, und Schwarm-Intelligenz versehen. Im Hintergrund spielt Pianist Joep Beving, es herrscht andächtiges Schweigen – Natur und Technik scheinen im Einklang.

Drei Wochen zuvor in Amsterdam. Hier befindet sich das Atelier von Lonneke Gordijn und Ralph Nauta, den beiden Köpfen hinter Studio Drift und dem Drohnen-Tanz. Lonneke und Ralph lernten sich im Studium an der Design Akademie in Eindhoven kennen. Vor zehn Jahren gründeten sie ihr Kollektiv, um die Rolle von Technologie in der Gesellschaft kritisch zu reflektieren und umzudeuten.

„Wir leben in einer unheimlich schnelllebigen Zeit und in ständiger Ablenkung“, sagt Lonneke. „Wir sind so sehr mit unseren Telefonen beschäftigt, dass wir die Welt um uns herum vergessen wahrzunehmen. Dabei geht uns vor allem Nähe verloren, Nähe zur Gesellschaft, zur Natur, und zueinander.“ Kunst kann helfen diese Nähe wiederherzustellen und kleine Momente der Aufmerksamkeit zu schaffen, finden die beiden. „Wir möchten Menschen dazu bringen, innezuhalten und Ruhe zu finden – und wenn es nur für ein paar Minuten ist.“

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In der Serie „Fragile Future” bringen Lonneke und Ralph Pusteblumen zum Leuchten. Das ist vor allem Fleißarbeit: Hunderte echter Pusteblumen-Samen werden per Hand an LED-Lichtern fixiert und dann in dreidimensionalen Bronze-Schaltkreisen installiert.

„Wir sind so sehr mit unseren Telefonen beschäftigt, dass wir die Welt um uns herum vergessen wahrzunehmen.“

— Lonneke Gordijn

Bekannt wurde Studio Drift mit „Shylight“, einer Arbeit, die sie 2014 im barocken Treppenhaus des angesehenen Amsterdamer Rijksmuseums installierten. Fünf seidene Objekte senken sich sporadisch von der Decke, entfalten blütengleich leuchtende Geometrien über den Köpfen der Besucherinnen und Besucher nur um sich unverhofft zu schließen und wieder zurückzuziehen. Ein poetisches Schauspiel, das an natürliche Prozesse – manche Blumen schließen ihre Blüten bei Nacht – aber auch an menschliche Eigenschaften erinnert: Öffnet sich ein „Shylight“ wirkt es neugierig, entzieht es sich erscheint es schüchtern. Die Sensibilität ist künstlich: Ein computergesteuertes Zugsystem hebt und senkt die Lampen, ein Federmechanismus lässt sie ,erblühen’, programmierte Abläufe simulieren Autonomie. Es ist ein Dialog der Gegensätze, den Studio Drift in ihren Arbeiten immer wieder führen: zwischen Natur und Technik, Fiktion und Wissenschaft, Intuition und Logik. Ein Dialog, der auf Interesse stößt: Die Arbeiten des Studios befinden sich mittlerweile in den Sammlungen renommierter Einrichtungen wie dem San Francisco Museum of Modern Art oder dem Victoria & Albert Museum in London.

Zurück am Strand von Miami. Hier haben Studio Drift ihr bislang aufwändigstes Projekt realisiert. Zehn Jahre lang tüftelten die beiden, bis sie das Schwarmverhalten von Vögeln technisch nachempfinden konnten. Jetzt bringen sie es mit 300 leuchtenden Drohnen in die Luft. „Franchise Freedom“, so der Name der Arbeit, reflektiert neben Natur auch zutiefst menschliche Sehnsüchte: „Der Traum vom Fliegen ist unmittelbar mit dem Wunsch nach Freiheit verbunden. Sich von der Schwerkraft und allen Konventionen zu lösen, in den Himmel aufzusteigen und entschwinden zu dürfen, das bedeutet für viele von uns totale Unabhängigkeit“, erklärt Lonneke.

Mit der Freiheit ist das natürlich so eine Sache. „Schaut man genauer hin, erkennt man, dass sich der einzelne Vogel im Schwarm nicht wirklich frei bewegt. Er steht in ständigem Kontakt mit seinen Nachbarn und muss gewissen Regeln folgen, um Zusammenstöße oder gar Chaos zu vermeiden. Das ist beim Menschen ganz ähnlich. Wir streben nach Freiheit – bei der Arbeit, in der Privatsphäre – können diese aber nicht wirklich ausleben, weil wir Teil einer Gesellschaft sind, die nur mit Regeln funktioniert. Absolute Freiheit ist also Illusion, in der Natur wie auch bei uns Menschen.“

„So wie die Straßen der Zukunft den selbstfahrenden Autos gehören, könnte der Himmel kleinen, eigenständigen Organismen wie unseren Drohnen gehören.“

— Lonneke Gordijn

Für die Umsetzung von „Franchise Freedom“ brauchten Studio Drift zunächst vor allem Geduld. „Wir waren mit unserer Idee schlichtweg zu früh dran, da es die notwendige Technologie einfach noch nicht gab. Dem Projekt immer wieder Zeit zu geben war eine echte Herausforderung“, sagt Ralph. Kein Wunder, dass die Vision zwischenzeitlich anderweitig Ausdruck fand: In „Flylight“, einer Installation die das Studio seit 2009 immer wieder ortsspezifisch variiert, schwärmen Lichter durch eine schwebende Glas-Skulptur, die selbst an einen Schwarm erinnert – ein fragiles Geflecht transparenter Röhren, belebt von LEDs und Software. Software, die Lonneke und Ralph seit gut zehn Jahren ständig optimieren und die, auf Drohnen angewandt, auch in “Franchise Freedom” zum Einsatz kommt. Gemeinsam mit Spezialisten der TU Delft adaptierten die beiden den Algorithmus, um jeder Drohne ein Maß an Autonomie innerhalb des Kollektivs zu erlauben. Wie die Lichter in „Flylight“ fliegen die Drohnen in „Franchise Freedom“ gemeinsam, aber nicht in Formation, folgen Regeln, aber keiner vorgegebenen Choreografie.

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Eine von 300 Drohnen vom Typ Intel Shooting Star, die mit Lichtquelle versehen in „Franchise Freedom” schwärmen. „In der Arbeit geht es uns weniger um Technologie selbst, als um unsere Beziehung zu ihr – heute und in Zukunft.”
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Studio Drifts Quartier in Amsterdam-Noord ist Büro, Werkstatt und Testlabor in einem. Mit 550 Quadratmetern Arbeitsfläche und gut 20 Mitarbeitern können selbst aufwändige Installationen wie „Flylight” komplett in-house entwickelt werden, bevor sie die Reise zu den Museen dieser Welt antreten.

Neben Geduld und Genius erfordert ein Projekt dieser Größenordnung vor allem umfassende Finanzierung. Mit BMW fand Studio Drift den geeigneten Partner. Der für seine Kulturförderung bekannte langjährige Art-Basel-Partner ermöglichte die Entwicklung von „Franchise Freedom“ und organisierte die Premiere in Miami.

„Der Support war fantastisch!“ sagt Ralph. „BMW hat uns unterstützt ohne sich einzumischen – bei vollem Risiko. Bis vor wenigen Tagen war nicht einmal klar war, ob die Performance überhaupt funktionieren würde, da wir so viele Drohnen noch nie zusammen in der Luft hatten. Dieses Vertrauen in unsere Arbeit wissen wir sehr zu schätzen.“ Die gute Zusammenarbeit, so die Einschätzung von Ralph und Lonneke, hat vielleicht auch mit grundsätzlichen Gemeinsamkeiten zu tun. „Ich denke unsere Denk- und Arbeitsweise ist gar nicht so unähnlich, da sowohl BMW als auch wir ständig nach Innovation suchen“, findet Lonneke. „So wie die Straßen der Zukunft den selbstfahrenden Autos gehören, könnte der Himmel kleinen, eigenständigen Organismen wie unseren Drohnen gehören.“

Der Tanz der Drohnen über Miami Beach dauerte kaum länger als fünf Minuten. Das Publikum zeigte sich trotzdem verzaubert. Ist sie das nun, die Kunst der Zukunft, die Wunder der Technik und Wunder der Natur in sich vereint? Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan sagte einmal, dass sich große kulturelle Veränderungen oft zuerst in der Kunst abzeichnen. Studio Drift, so scheint es, sind sich ihrer Vorreiterrolle bewusst. „Wir wollen den Menschen das Bewusstsein für die Gegenwart schärfen, die Augen für das Mögliche öffnen, und die Angst vor dem technischen Fortschritt nehmen.“ Und wenn es nur für ein paar Minuten ist.

Studio Drift sind die beiden Amsterdamer Künstler Lonneke Gordijn und Ralph Nauta. In ihren futuristischen Installationen untersucht das Duo immer wieder das komplizierte Beziehungsgeflecht von Mensch, Natur und Technologie. Repräsentiert werden Studio Drift von Future\Pace, einem neuen Zweig der renommierten amerikanischen Galerie Pace. Die Arbeiten des Studios waren bereits in führenden Einrichtungen wie dem Victoria & Albert Museum in London, The Armory Show in New York, oder der World Expo in Shanghai zu sehen. Mehr Informationen über Studio Drift findet ihr auf ihrer Webseite.

Die BMW Group kann auf über 50 Jahre Kulturförderung zurückblicken. Gemeinsame Projekte mit großen Namen wie Jeff Koons, Olafur Eliasson, and Cao Fei haben gezeigt, dass das BMW Group Kulturengagement große künstlerische Visionen realisieren kann ohne kreative Freiheiten zu beschneiden. Als langjähriger Partner der Art Basel hat BMW im letzten Jahr die Zusammenarbeit mit Studio Drift begonnen. Nach sechs Monaten enger Kooperation konnte „Franchise Freedom” in Miami Beach abheben.

Mehr über das flüchtige Kunstwerk und die Arbeit dahinter verrät dieses Video von BMW.


Text: Anneli Botz
Photography: Jordi Huisman & Studio Drift
Video: BMW Group