In der slowakischen Hauptstadt stellen crafting plastics! studio die Marktreife von Bioplastik unter Beweis
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Als Mitbegründerin von crafting plastics! studio Vlasta Kubušová das erste Mal von einem hundertprozentig natürlichen, komplett biologisch abbaubaren Material mit Plastik-ähnlichen Eigenschaften hörte, das in ihrer Heimatstadt Bratislava erfunden wurde, war sie fasziniert und gleichzeitig irritiert, warum dieser Stoff nicht schon längst Verwendung findet.

Mit ihrem Partner und Designkollegen Miroslav Král wandte sie sich an den verantwortlichen Wissenschaftler Pavel Alexy. Alexy und sein Team hatten das entsprechende Patent gerade erst angemeldet. Seine Antwort war denkbar einfach: Kommt zu uns ins Labor und wir entwickeln gemeinsam etwas daraus.

Fünf Jahre und zahlreiche Experimente mit Alexy und seinem Team an der Slovak University of Technology später brachte das interdisziplinäre Studio eine Brillenkollektion aus Bioplastik auf den Markt. „Die Leute müssen es anfassen, sonst glauben sie nicht, dass es das wirklich gibt. Das haben wir auch nicht“, sagen Kubušová und Král lachend. Anders als Plastik ist das Material der Brillen frei von Öl, CO2-neutral, biologisch abbaubar sowie stark und stabil, wenn es erforderlich ist. Die ergonomischen, haltbaren Brillen selbst lassen mit ihrem funktionalen, zeitlosen Design das Vorurteil von unansehnlichem Bioplastik vergessen.

Bei The Sooner Now Düsseldorf wird Vlasta Kubušová den Gebrauch von innovativen Materialen in der Modeindustrie diskutieren. Mehr Informationen zu der Initiative von MINI und FvF gibt es am Ende dieses Artikels.

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„Brillen sind Objekte, durch die eine Person die Welt betrachtet, aber sie beeinflussen auch das Bild eines Menschen. Sie unterscheiden sich von einer Verpackung oder einem Strohhalm – man wählt sie viel bedachter aus“, erklärt Kubušová. Wenn die hitzebeständigen Produkte (sie halten Temperaturen bis zu 100 Grad Celsius stand) nicht mehr benutzt und dem Kompost zugefügt werden, zersetzen sie sich innerhalb von 90 Tagen komplett – ohne der Umwelt zu schaden. Plastik auf Öl-Basis, von dem die Welt seit den 1950er-Jahren mehr als 9 Milliarden Tonnen hergestellt hat, hält sich dagegen bis zu 1000 Jahre und verschmutzt Wasser und Land.

Seit Kubušová einen Master in Transfect Design Systems mit Fokus auf interdisziplinärer Arbeit an der Universität der Künste in Berlin 2015 abgeschlossen hat, widmet sich das Duo seiner innovativen Forschung. Erst kürzlich haben sie ihr neuestes Projekt vorgestellt: Nuatan, ein gleichermaßen biologisch abbaubares und kompostierbares Material, das aus Mais und anderen nachhaltigen Rohstoffen hergestellt wird. Die Designer wollen daraus eine internationale Marke entwickeln. „Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem Plastik zumindest teilweise durch Bioplastik ersetzt werden muss. Wir brauchen auch eine gute öffentliche Infrastruktur, wo Bioplastik entsorgt und abgebaut werden kann, damit der Kreis sich schließt. Wir sind noch nicht ganz am Ziel – aber da hinzukommen, das ist unsere Mission“, sagt Kubušová.

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„Als Designer könnten wir erwarten, dass jemand anderes ein Material erfindet und wir dieses dann benutzen, um daraus etwas Neues zu schaffen. Bei der Arbeit an unserer eigenen Produktlinie machen wir es aber genau andersrum und sind dabei mittlerweile fast selber zu Forschern geworden”, fügt Král hinzu. “Wir entwickeln das Material selbst, weil wir es wichtig finden, und als Designer selbst nutzen wollen.“ Das Ziel ist, zu beweisen, dass Bioplastik auch in der Massenproduktion von Verpackungen verwendet werden kann. „Es kann potenziell viel mehr Plastikprodukte ersetzen, als wir anfangs dachten. Mittlerweile hat sich Bioplastik so weit entwickelt, dass es zu Platten gepresst, als Füllung für den 3D-Drucker genutzt und sogar eingespritzt werden kann, was die am häufigsten genutzte industrielle Technologie in der Verarbeitung von Plastik ist. Alles kann daraus hergestellt werden, wenn wir weiter in die Forschung investieren“, sagt Král.

Neben weiterer Forschungsarbeit wollen Kubušová und Král für die Verfügbarkeit der Technologien werben und Bewusstsein schaffen. „Große Unternehmen wissen schon lange, dass sie ökologische Alternativen benutzen könnten, haben aber keinen Grund, etwas an ihrer Produktionsweise zu ändern, solange die Nachfrage nicht weiter wächst. Darum versuchen wir, ein Bewusstsein auf verschiedenen Ebenen zu schaffen“, erklärt Kubušová in ihrem Studio, das sich in dem Kunst- und Kulturzentrum Nová Cvernovka befindet, einer ehemaligen weiterführenden Schule für Chemie.

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Vor drei Jahrzehnten experimentierten die Schüler hier mit chemischen Verbindungen. „Wir können uns nicht mit dem zufriedengeben, was wir haben. Deshalb versuchen wir ständig, unser Bioplastik weiterzuentwickeln, prüfen seine Attribute – Widerstandsfähigkeit, Härte, Biegsamkeit – und testen verschiedene natürliche Färbemittel wie Seegras oder aus Nahrungsmitteln gewonnene Pigmente, die ebenso vollständig biologisch abbaubar sind“, sagt Král. Darüber hinaus untersucht das Team andere Zusammensetzungen mit ähnlicher Zerfallszeit; als Beispiel nennt Král eine experimentelle Kombination aus Bioplastik und Kaffeeabfällen.

Neben dem Design von Brillen hat crafting plastics! Bioplastik auch in größeren Dimensionen verarbeitet; ihr Portfolio umfasst auch Tische und Stühle. „Die Leute denken oft, dass Bioplastik leicht zerbrechlich und instabil ist und sich schnell abbaut, aber das ist ein Irrglaube“, bemerkt Král. Er und Kubušová machen dafür irreführendes Marketing verantwortlich, bei dem die Unternehmen ihre Produkte als zu 100% aus biologisch abbaubaren Materialien hergestellt bewerben. In Wirklichkeit bestehen sie oft aus 80% Erdöl. „Was wie ein ökologisches Produkt wirkt, ist häufig nur ein Trick. Erdöl ist abbaubar, besonders wenn man spezielle Zusatzstoffe hinzufügt, die den Prozess beschleunigen. Aber dann ist es kein reines Material mehr und eindeutig nicht aus erneuerbaren Rohstoffen gewonnen. Es ist eine Verbindung, die weder leicht kompostiert noch recycelt werden kann.“

Hat die Modewelt darauf eine Antwort? „Das Thema Nachhaltigkeit von Ressourcen gewinnt immer mehr Aufmerksamkeit, aber für mich geht das nicht tief genug. Mode ist weiterhin kurzlebig und undurchsichtig. Ich denke, dass dieses Gebiet viel Zeit brauchen wird, bevor eine grundlegende Veränderung stattfinden kann. Die Mode hat aber einen großen Einfluss auf die kommende Generation, die sich hier und jetzt für ihren Lebensstil und welche Produkte sie kaufen will, entscheidet“, sagt Kubušová. Sie ist überzeugt, dass eine komplexe Lösung des Plastikproblems legislative Veränderungen auf internationaler Ebene erfordert, darunter die Unterstützung von Unternehmen, die ökologische Materialien verwenden, und eine höhere Besteuerung für das Herstellen von herkömmlichem Plastik. „Verbote selbst lösen keine Veränderungen aus; es muss eine Alternative angeboten werden. Es reicht nicht, einfach nur wiederverwendbare Strohhalme herzustellen“, sagt sie.

„Auch hier ist Marketing nicht genug. Genauso wenig sind es unausgereifte Lösungen und Materialzusätze, die den Abbauprozess beschleunigen sollen. Das könnten wir auch – hätten wir unserem Bioplastik ein paar Tropfen Erdöl beigemischt, wäre es schon vor fünf Jahren das perfekte Material gewesen, aber solche Kompromisse lehnen wir ab. Unsere Wissenschaftler haben das nicht gemacht und auch wir werden es nicht tun, selbst wenn uns die Möglichkeiten, das Geld und die Energie ausgehen. Wir wollen ehrlich sein und sehen unsere Forschung als etwas Bedeutsames an. Wir haben Bioplastik, das markttauglich ist, und wir bieten es zur Weiterentwicklung an – ohne Tricks“, sagt Král.

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Das in Berlin und Bratislava ansässige interdisziplinäre Designstudio crafting plastics! studio forscht im Bereich Nachhaltigkeit und natürliche Ressourcen. In Zusammenarbeit mit örtlichen Wissenschaftlern entwickeln sie 100% natürliches und biologisch abbaubares Bioplastik, das mit erneuerbaren Rohstoffen hergestellt wird.

Vlasta Kubušová wird einen Talk zum Thema „Future Fashion“ bei The Sooner Now Düsseldorf am 25. September halten und dabei die Verwendung innovativer Materialien zur Bekämpfung von Müll in der Modeindustrie erörtern.

The Sooner Now gehört zu FvFs langfristiger Zusammenarbeit mit MINI und hat es sich zur Aufgabe gemacht, nachhaltige Ideen für ein besseres Leben in urbanen Lebensräumen zu generieren. Dieses Jahr wird die Initiative vom Designmagazin IDEAT unterstützt. Mehr Infos zu den diesjährigen Veranstaltungen gibt es hier.

Text: Jana Németh
Photography: Lousy Auber