Wie Architekt Christoph Ingenhoven die Maßstäbe für nachhaltiges Bauen neu definiert
Seit den 90er Jahren prägen Ingenhoven Architects mit ihrem „supergreen”-Konzept unsere Umwelt, Düsseldorf
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Im Büro von Ingenhoven Architects in Düsseldorf herrscht eine ruhige, konzentrierte Stimmung. Obwohl hier etwa hundert Leute arbeiten, macht sich das kaum in der Lautstärke bemerkbar.

In dem großen Raum mit hohen Decken verteilen sich die Mitarbeiter entlang des langen Schreibtischs. Eine große Fensterfront gibt den Blick auf den Hafen frei. Ingenhoven Architects sind bekannt für ihr gekonntes Händchen in Sachen Bürogestaltung und nachhaltige Architekturkonzepte. Mit ihrem „supergreen”-Ansatz prägen sie unsere Umwelt.. Christoph Ingenhoven, Chef und Namensgeber des Architekturbüros, setzt auch bei seinen eigenen Räumen auf eine gekonnte Kombination aus Einteilung, Design und Beleuchtung.

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(EN) Ingenhoven Architects are well versed in office concepts. Over the last 30 years, the architectural firm has designed and built the headquarters of companies such as Lufthansa, Swarovski and Google. For that, they’ve constantly and closely examined how people work and what exactly makes for a good working atmosphere. As a result, Ingenhoven Architects’ focus has settled on a gentle combination of aesthetics and sustainability—buildings that don’t require too much energy but create a comfortable atmosphere for working and living. “The impact of what we as architects create and how we do it, is relatively big. We are working in a public sphere, we are working for it. This is something we always have to keep in mind. We cannot get away from architecture for even a second of our lives,” Ingenhoven explains.

„Die Verantwortung des Architekten und die Relevanz unserer Arbeit ist relativ groß. Man arbeitet in der Öffentlichkeit, man arbeitet für sie.“

Mit Bürokonzepten kennen sich Ingenhoven Architects aus. In den letzten 30 Jahren hat das Architekturbüro für eine Menge Firmen die Hauptverwaltungen entworfen und gebaut: für Lufthansa, für Swarovski, für Google. Dabei hat es sich immer wieder damit auseinandergesetzt, wie Menschen arbeiten und was für eine gute Arbeitsatmosphäre sorgt. Im Vordergrund stand für Ingenhoven Architects dabei immer auch eine galante Verbindung von Ästhetik und Nachhaltigkeit; Gebäude, die kaum Energie verbrauchen, aber eine umso bessere Arbeits- und Lebensumgebung schaffen: „Die Verantwortung des Architekten und die Relevanz unserer Arbeit ist relativ groß. Man arbeitet in der Öffentlichkeit, man arbeitet für sie. Das muss einem immer bewusst sein. Wir entgehen der Architektur in keiner Sekunde unserer Lebens”, gibt Ingenhoven zu bedenken.

Für Christoph Ingenhoven stand deshalb außer Frage, dass sie diese Erkenntnisse auch bei ihrem eigenen Büro anwenden würden: „Die Arbeit hat für die Menschen schon immer eine große Rolle gespielt, aber der Ort, an dem gearbeitet wurde, war lange durch die physische Arbeit bestimmt, etwa auf dem Bauernhof oder in der Schmiede. Bei der Büroarbeit ist das anders. Dort gibt es zwar auch eine Menge Dinge, die wir nicht beeinflussen können, aber ebenso eine Menge Dinge, bei denen wir es können.” Ingenhoven konnte selbst beobachten, wie sich der Schwerpunkt in den letzten zehn, zwanzig Jahren immer stärker darauf verlagert hat, wie effizient, gesund und motivierend eine Arbeitsumgebung auch sein kann – und was sie als Architekten dazu beitragen können.

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„Mit ‘supergreen‘ haben wir sagen wollen, dass es vom gesamten Denkansatz her ein grünes Projekt sein muss.”

Ihr vorheriges Büro etwa sei zu verwinkelt gewesen, meint Ingenhoven. „Wir hatten zwar große Räume, aber davon eben drei. So eine Aufteilung kann bei manchen Firmen erfolgreich, ganz kuschelig und ganz prima sein, aber sie hat leider auch enorme Nachteile. Ich habe das immer den ‘Sibirieneffekt’ genannt, weil man bestimmte Mitarbeiter einfach monatelang nicht gesehen hat.” Für das neue Büro setzte er sich deshalb mit Beratern und Mitarbeitern zusammen, plante von Beleuchtung bis Einrichtung das passende Konzept durch.

Die Räume sind hoch gebaut und kommen ohne Stützen aus, sodass man weit durch das Büro gucken kann. Lediglich Besprechungsräume sind durch halbtransparente Abtrennungen abgegrenzt. Überall im Raum verteilt finden sich die eigenen Werke in Form von Modellen, die den Besuchern und den Mitarbeitern als Referenz dienen sollen.

Aktuell arbeiten Ingenhoven Architects etwa einem einem Gebäudeentwurf, der das Einkaufen neu denkt: „Das ist das Modell eines anti-vorstädtischen Shoppingcenter-Projekts, das ist eine innerstädtische Erweiterung der Einzelhandelsfläche mit eineinhalb Meter hohen, komplett bepflanzten Hecken. Sie sollen am Ende dafür sorgen, dass das Gebäude wie ein grüner Hügel in der Stadt steht.” Was in den Ohren von Laien bereits wie Zukunftsmusik klingt, geht Christoph Ingenhoven jedoch noch nicht weit genug. Deshalb habe er den Begriff „supergreen” erfunden – und sogar patentieren lassen: „Wir haben damit sagen wollen, dass es vom gesamten Denkansatz her ein grünes Projekt sein muss, also vom Gebäudedesign über den Materialeinsatz, den Prozess der Konstruktion und Ausführung bis zur Gebäudeausrüstung.”

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Ein Blick auf die Projekte von Ingenhoven Architects

'Supergreen' und super stylish

„Architekten umgeben sich sehr gerne mit bestimmten Möbeln, mit bestimmten Gegenständen.”

Damit schuf Christoph Ingenhoven in den 90er Jahren eines der wohl fortschrittlichsten Konzepte in Sachen nachhaltiger Architektur, ein Ansatz der über die ökologischen Mindeststandards hinausgeht. Dabei ist es egal, wo auf der Welt gebaut wird. Projekte des Architekturbüros finden sich im trockenen Wüstenklima von Saudi-Arabien, genauso wie im voralpinen Klima Südbayerns. Mit einer einfachen Rechnung zeigt Christoph Ingenhoven seine Beweggründe nachvollziehbar auf: „50 Prozent des gesamten Energieverbrauches dieses Planeten ist durch das Bauen und Betreiben von Häusern verursacht. So dass in einem industrialisierten Land wie der Bundesrepublik unsere Verantwortung darin liegt, 50 Prozent dieses Resourcen- und Energieverbrauches zu beenden.” Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern experimentiert er stetig mit neuen Ideen: „Das ist eigentlich ein permanentes Forschen, ein Ausprobieren.”

Der lange Arbeitstisch im Büro hilft dabei, Ideen auszutauschen. Er bricht jegliche Form von Isolation auf: „Wir sitzen alle an einem Tisch, wir rudern alle im gleichen Boot. Trotzdem hat jeder genügend Platz.” Alle Arbeitsplätze sind technisch identisch ausgerüstet. Das ermöglicht viel Freiheit und unkompliziertes Arbeiten, auch wenn man sich in Teams zusammenfinden möchte. Auch hier spiegelt sich das „supergreen”-Denken wieder.

Da die Architekten häufig bis spät abends arbeiten, hat sich Ingenhoven auch die Beleuchtung und Akustik des Raumes genau angeschaut: „Wir haben sehr viel akustische Absorption in die Decke integriert, sodass in diesem großen Raum nicht jeder von Reflexionen oder Schall gestört ist. Die Beleuchtung, die eher so eine Art Shopbeleutung ist, gibt auch nachts eine andere, lebendigere Atmosphäre als ein Leuchtstofflicht.”

Für Ingenhoven ist das Büro mehr als nur ein statischer Arbeitsplatz. Dass er bei der Gestaltung der Räumlichkeiten nichts dem Zufall überlassen hat, lässt sich auch auf den eigenen Beruf zurückführen: „Architekten umgeben sich sehr gerne mit bestimmten Möbeln, mit bestimmten Gegenständen. Das sind auch Signale, eine Sprache, die man spricht.” Ingenhovens Sprache ist klar und deutlich zu verstehen.

Vielen Dank, Christoph,

für den schönen Einblick in euer tolles Büro. Mehr Infos zu der Arbeit von Ingenhoven Architects findet ihr hier.

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit Vitra entstanden, mit denen wir schon viele weitere spannende Menschen porträtiert haben, die ein besonderes Gespür für Design haben. Um mehr über Ingenhovens Büro zu erfahren, schaut auf die Seite des Vitra Magazins.

Text: Milena Zwerenz
Fotografie: Max Brunnert