Nach der Gin-Flut: Wie Alexander Stein Monkey 47 zu einem Dauerbrenner gemacht hat
Eine Reise in den Schwarzwald verrät, dass es für guten Gin vor allem Durchhaltevermögen braucht,
Monkey 47 × FvF
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Anfangs war die Verwunderung über den Affen aus dem Schwarzwald groß, mittlerweile hat er hier seine Heimat gefunden. Der Monkey 47 Schwarzwald Dry Gin ist bereits seit mehr als sechs Jahren auf dem Markt und hat eine einmalige Erfolgsgeschichte hingelegt.

Alexander Stein, der in den letzten Jahren viele neue Gins aus Kleinbrennereien kommen und gehen sehen hat, weiß nur zu gut, dass ein schlaues Marketing allein nicht ausreicht, um ein Produkt auf Dauer erfolgreich zu machen. Die Geschichte der Mutter aller Indie-Gins beginnt vor genau zehn Jahren. Alexander, damals noch Manager bei Nokia in den USA, wird von einem Freund über den obskuren Fund einer alten Gin-Rezeptur aus dem Schwarzwald informiert, im Wissen dass Stein selbst Nachfahre einer Weinbrennerei ist, die 1880 in der Region gegründet wurde, aber irgendwann die Familienhand verließ. Die Legende um besagtes Gin-Rezept erzählt von einem Offizier der Royal Air Force, der sich nach dem zweiten Weltkrieg im Schwarzwald niederließ und sich ein Stück Heimatgefühl aus den hier verfügbaren Wacholderbeeren (ursprünglich bekannt in ihrer Verwendung für den Schwarzwälder Schinken) und einigen weiteren Pflanzenextrakten destillierte.

Bekannt für eine Jahrhunderte alte Schnapstradition: Im Schwarzwald soll es bis heute etwa 28 000 Kleinbrennereien geben.

„Die Frage, warum eigentlich niemand im Schwarzwald Gin macht, lag auf der Hand.“

Der damals frischgebackene Vater ließ sich diese Geschichte nicht zwei mal erzählen und verließ sich auf sein Bauchgefühl, das ihn aus den USA zurück in seine Heimatregion führte. Eine Entscheidung, die viele in Alexanders Umfeld als eine Schnapsidee empfunden haben müssen. Schließlich gibt es kaum ein britischeres Getränk als Gin – wie erfolgversprechend würde also ein Schwarzwälder Gin sein? „Gin ist erst auf den zweiten Blick logisch im Schwarzwald beheimatet“, räumt der Quereinsteiger ein. Wer aber genau hinschaut, bemerkt, dass hier viele für die Produktion eines guten Gins unerlässliche Komponenten bereits vorhanden sind, wie beispielsweise extrem weiches Quellwasser und viele der pflanzlichen Zutaten; zumal die Region über eine beispiellose Brennerei-Tradition und eine vielfältige Kultur an Obstbränden und Kräutergeistern verfügt. Bis heute soll es in der Region 28.000 Kleinbrennereien geben. Nur an Gin hatte hier keiner zuvor gedacht. „Die Frage, warum eigentlich niemand im Schwarzwald Gin macht, lag also auf der Hand.“

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Bis dahin, wo Monkey 47 heute angelangt ist, war es aber noch ein weiter Weg. Und den hat Alexander nicht allein beschritten. Der ehemalige Nokia-Manager hält sich bis heute daran, die jeweiligen Aufgaben denen zu überlassen, die sie am besten erfüllen können und er selbst versucht wiederum möglichst viel Zeit mit Dingen zu verbringen, von denen er denkt, dass er sie gut kann. Zu den Dingen, die Alexander nicht konnte, zählt das Destillieren. Allerdings erfuhr er aus einem Zeitungsartikel von jemandem, der als Autodidakt begonnen hatte, in der Nähe des Bodensees hochwertige Obstbrände herzustellen. Christoph Keller, zuvor Kunstbuch-Verleger und mittlerweile als Brenner international bekannt, hatte dort 2004 die Stählemühle erworben und sich darauf spezialisiert, die Aromen regionaler Obstsorten ins Glas zu bringen. Aromen waren auch das Stichwort für Alexander, der nicht einfach nur ein hochprozentiges Getränk produzieren wollte, sondern einen extrem komplexes Geschmackserlebnis. „Damit kannte sich Christoph natürlich bestens aus.“

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Aus dem hofeigenen Garten

„Ich habe weder geerbt noch sonst ein wahnsinniges Kapital gehabt, der Gin musste also einfach gut werden.“

Eineinhalb Jahre und über 120 Testdestillate später, waren sich Alexander und Christoph über die Zusammensetzung des Gins einig. 47 verschiedene Zutaten haben Einzug in seine Rezeptur gefunden, von denen rund ein Drittel aus dem Schwarzwald stammen, darunter Akazienblüten, Fichtensprossen sowie Brombeerblätter. Natürlich wäre die Geschichte noch viel schöner, würden alle der Zutaten regional sein, jedoch steht bei den Black Forest Distillers, wie sich die Erfinder von Monkey 47 nennen, die Qualität im Vordergrund, nicht die Story. „Es wäre sicher dienlich, wenn ich sagen könnte ‚Jawohl, unser Wacholder kommt aus dem Schwarzwald‘ – es ist aber nicht so. Wacholder aus der Toscana oder Kroatien bekommt wesentlich mehr Sonne und ist darum viel aromatischer und somit geeigneter für die Produktion.“ Es ist leicht nachzuvollziehen, dass ein Quereinsteiger wie Alexander, nicht irgendeinen Gin produzieren wollte, sondern sich gerade mit dem Besten zufrieden geben würde: „Ich habe weder geerbt noch sonst ein wahnsinniges Kapital gehabt, der Gin musste also einfach gut werden.“

Und die Briten gaben ihnen Recht. 2011 wurde ihr Erzeugnis im Rahmen der International Wine & Spirit Competition als der beste Gin der Welt ausgezeichnet und die Gin Tonics in renommierten Bars rund um den Globus fortan mit Monkey 47 zubereitet. Ob diese Auszeichnung ausschlaggebend für die Erfolgsgeschichte des Schwarzwälder Gins war? Alexander möchte diesen Meilenstein nicht all zu sehr betonen, auch wenn er sich selbstverständlich über die Bestätigung aus Fachkreisen freut. Auch auf die Welle an Gin-Neuheiten, die nach dem Erfolg von Monkey 47 auf dem Markt strömten, wird er oft angesprochen. „2008, als wir angefangen haben, war noch nicht abzusehen, dass es irgendwann einmal so etwas wie einen Gin-Boom oder eine Renaissance des Gins geben würde.“ So schaut er auf die jüngste Craft-Bewegung mit gesunder Skepsis: „Es ist keine neue Idee, Gin, Bier oder Schokolade zu machen. Es geht vielmehr um die gute Ausführung solcher Ideen. Und darum, dass man sie fortan jeden Tag ausführt.“

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Der 1840 gegründete Schaberhof ist seit 2015 Heimat der Black Forest Distillers.
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„Schäldamen“ werden die Frauen aus der Nachbarschaft genannt, die jeden Morgen Zitrusfrüchte für die Produktion schälen.
Um möglichst viele Aromen zu erhalten, werden Zutaten wie Wacholder erst kurz vor der Mazeration gemahlen.

„Den Grund für den eigenen Erfolg darf man niemals aus den Augen verlieren.“

Es ist seine eigene Geschichte, die sich in den letzten Jahren mehrfach wiederholt hat. Manager, Werber oder Grafiker haben das Büro- und Dienstreisenleben satt und wollen aussteigen, etwas mit den Händen machen, am besten bei frischer Luft und viel Ruhe. Wie ein schönes Etikett aussieht und eine überzeugende Geschichte klingt, wissen sie ja bereits. Aber: „die Idee allein reicht manchmal nicht, zu oft bleibt die versprochene Qualität auf der Strecke.“ Alexander weiß, dass ein Produkt erst dann erfolgreich ist, wenn es sich auf Dauer bewährt – und dass man dafür manchmal Entscheidungen treffen muss, die nicht bei allen Anklang finden. „Wenn man derjenige ist, der für ein Produkt emotional und finanziell den Kopf hinhält, ist es wichtig, voll und ganz hinter dem zu stehen, was man macht und alles mögliche dafür zu tun, keine Fehlentscheidungen zu treffen.“

Als Anfang 2016 bekannt gegeben wurde, dass sich Monkey 47 den französischen Spirituosenkonzern Pernod Ricard an seine Seite holen würde, ging ein Aufschrei durch die Reihen der Gin-Liebhaber und Fürsprecher der Craft-Bewegung. Man befürchtete eine Verwässerung der Gin-Rezeptur, dabei ist für Alexander und sein Team gerade die Entscheidung zur Zusammenarbeit mit einem Vertriebspartner ein Bekenntnis zur Qualität: „Die Mär vom unendlichen Wachstum funktioniert hier sowieso nicht und soll sie auch nicht. Wir können jetzt zwar planbarer produzieren und auch ein bisschen wachsen, aber alles in einem gewissen Rahmen und wenn es die Natur erlaubt. Wenn es beispielsweise einen Engpass an Zitrusfrüchten gibt, können wir nicht produzieren und unsere Partner müssen das auch verstehen.“

Der Gedanke, etwas an der Rezeptur oder Auswahl der Zutaten zu ändern, erscheint ihm schlichtweg absurd. Schließlich liegt in der besonderen Qualität, was den Monkey erst ausmacht – und „den Grund für den eigenen Erfolg darf man niemals aus den Augen verlieren.“ Alexander beobachtet allerdings auch, dass in Zeiten eines zunehmend bewussteren Umgangs mit Lebensmitteln und einer Tendenz zu regionaler und saisonaler Küche auch aufwendig hergestellten und hochpreisigen Produkten, wie seinem Gin, immer mehr Verständnis entgegengebracht wird. Damit ist in letzter Konsequenz auch ein Verständnis für die Begrenztheit und Saisonalität der Produktionsmittel gemeint.

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Der größte Standortvorteil: die erfinderischen und handwerklich versierten Bewohner der Region. Die Destillationsanlage wurde von der Kupferschmiede Arnold Holstein am Bodensee gefertigt.
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Erst im letzten Jahr haben die Black Forest Distillers mit ihren rund 10 Angestellten eine neue Produktionsanlage bezogen, die verdeutlicht, wie eng der Bezug zur Region nach wie vor ist: „Ich glaube nicht, dass man den Monkey 47 woanders auf diese Weise produzieren könnte, wie wir es hier im Schwarzwald tun.“ Den Schaberhof in 24-Höfe bei Loßburg hat Alexander mithilfe von Designer Philipp Mainzer aufwendig in Stand gesetzt, man glaubt ihm sofort, dass er hier noch einige Lebensjahre verbringen möchte. Zwischen Streuobstwiesen und Wäldern gelegen, ist der Hof auch Sitz der Imkerei, die Heinz Schaber (Nachfahre der Hof-Gründer) bereits seit 1968 betreibt. Es ist also kein Zufall, dass der diesjährige Distiller’s Cut mit dem von ihm produzierten Tannenhonig hergestellt wurde. Die 48. Zutat kommt noch vor dem Mazerieren, also ganz zu Beginn des Herstellungsprozesses, zu den anderen Inhaltsstoffen und ist später im Destillat als feine Honigessenz wahrnehmbar. Einmal im Jahr erscheint die limitierte Edition mit der „Species Rara“ – der einen, auserwählten Zutat, die zum Grundrezept hinzugefügt wird.

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Philipp Mainzers Neuinterpretation der klassischen Schwarzwaldstube mit Tischen und Bänken, die David Chipperfield für E15 entworfen hat.

„Wenn jemand mir sagt, unser Gin würde ihm nicht schmecken, versuche ich es gar nicht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.“

Der Monkey hat im Schwarzwald die perfekte Heimat gefunden. Alexander erinnert sich, dass er sich während der Namensfindung immer wieder ein altes britisches Ehepaar vorstellte, das bei Harrods vor dem Gin-Regal steht und „Schwarzwald“ ausspricht. Diese Fantasie ist längst Wirklichkeit geworden, den Schwarzwald Dry Gin gibt es mittlerweile auch im Heimatland des Gins und rund 60 weiteren Ländern. Dem Gründer liegt allerdings viel darin, mit den Gummistiefeln auf dem Boden zu bleiben: „Unser Gin ist zwar inzwischen ein Produkt mit internationalen Renommee, das aber hier von Menschen gefertigt wird, die direkt im Ort nebenan wohnen.“ Und so soll es bleiben. Viele Dinge sieht Alexander nach wie vor ganz pragmatisch, er hält zum Beispiel gar nichts von den snobistischen Belehrungen mancher Gin-Kenner: „Wenn jemand mir sagt, unser Gin würde ihm nicht schmecken, versuche ich es gar nicht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Jemandem zu sagen ‚Doch, doch, der schmeckt dir sehr wohl‘ finde ich schwach.“ Über Gin lässt sich nicht anders urteilen, als geschmacklich und wenn man Alexander danach fragt, wie er Monkey 47 am liebsten trinkt, mag das alle jene enttäuschen, die auf ein extravagantes Geheimrezept hoffen. Denn seine Antwort darauf ist schlicht: Gin Tonic.

Danke Alexander, für einen unvergesslichen Tag im Schwarzwald und einen Einblick in den Produktionsprozess von Monkey 47. Weitere Informationen über den diesjährigen Distiller’s Cut und die hofeigene Imkerei gibt es auf der Monkey Website. Mehr über die Renovierung des Schaberhofes und das Einrichtungskonzept erfahrt ihr bei Philipp Mainzer. Wer über die Aktivitäten von Alexander und seinem Team auf dem Laufenden sein möchte, folgt ihnen am besten auf Instagram.

Text: Vanessa Oberin
Fotografie: Robert Rieger